Frei Lesen: Das Kasermanndl

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Ludwig Ganghofer

Das Kasermanndl

Abschnitt 2

eingestellt: 11.6.2007






»Hui huuup!« klang der langgezogene Ruf des Sennen durch die Nacht zurück.



»Gottlob! Gottlob!« stotterte der Bauer und rannte in die Stube. »Leut! Leut!« Die Knechte und Mägde brachen mitten im Vaterunser ab und sprangen auf. »Er kommt! Und s Dirndl muß er gfunden haben, weil er hupen tut.«



Nun lief der ganze Schwarm in den Hof hinaus und dem Zaun entgegen, der Bauer allen andern voran. Draußen im Schneefeld tauchte der Senn mit Mali in der Helle auf, die aus den Fenstern fiel. Mit wirrem Geschrei wurde das Paar empfangen und umringt. Mali hing am Arm des Sennen, erschöpft, mit zerrauftem Haar, das starre, schwarzfleckige Gesicht von Zähren überronnen.



»O mein Gott!« stammelte der Roßmooser und schlug vor Schreck die Hände ineinander.



»Sie hat den Muser!« schrie einer der Knechte. »Da schau her, Bauer, am Miederbandl hängt er!« Ein Dutzend Hände griffen nach dem eisernen Löffel.



»Mar und Josef!« kreischte eine Magd und deutete entsetzt in Malis Gesicht. »Wie das Dirndl ausschaut!«



»Gelt? Gelt? Hab ichs nit gsagt!« gröhlte der Hüterbub. »Ins Gsicht is er ihr gsprungen, der Höllische! Jessas! Jessas!« Immer wieder stieß er die Arme über den Kopf. »Jessas! Jessas!«



»Aber Dirndl!« stotterte der Bauer. »So red doch! Red!«



Mali brachte kein Wort heraus. Mit bangen Augen blickte sie auf die brennenden Gesichter, und große Tränen rollten ihr von den schwarz gefleckten Wangen auf den zuckenden Mund.



»Ich bitt nur grad, laßts mir das Dirndl in Ruh!« mahnte der Senn und trieb die Neugierigen, die nicht weichen wollten, mit zornigen Worten zurück. Er führte Mali zur Haustür und rief eine Magd. »Komm her, Zenz, und schau nur, daß das Dirndl auffi kommt ins Kammerl. Und laß keine Seel nit eini zu ihr! Das arme Hascherl muß Ruh haben, wenns nit gfahrlich verkranken soll!«



Geschäftig schlang die Magd ihren Arm um Mali und führte sie ins Haus; das Gesicht des Weibsbildes leuchtete vor Neugier: nun war sie die erste, die von Malis Abenteuer was erfahren sollte; ihr gruselte schon im Vorgefühl der schauerlichen Dinge, die sie zu hören hoffte.



Die Knechte und Mägde wurden ins Gesindehaus geschickt, eine Anordnung, der sie sich nur widerwillig fügten. Der Senn trat mit dem Roßmooser in die Stube; hier legte er den eisernen Muslöffel mit Nachdruck auf den Tisch und sagte: »Das Dirndl hat die Kuh verdient, Bauer.«



»Wohl wohl!« meinte der Bauer und kratzte sich seufzend hinter den Ohren.



Der Senn machte ernste Augen. »Und die braune Liesl wirst ihr geben müssen!«



»Was? Die braune Liesl? Unser beste Kuh!« fuhr der Roßmooser auf. »Was dir nit einfallt!«



»Wird aber doch so sein müssen.« Der Senn trat auf den Bauer zu und flüsterte: »Der selbige da droben hat ihr graten, sie soll die braune Liesl verlangen. Und wenn dirs nit recht wär, so hättst es mit ihm ztun, hat er gsagt!«



Der Roßmooser rührte unbehaglich die Schultern unter der Joppe. »No, no, no,« sagte er beschwichtigend, »man wird doch um sein Sach noch reden dürfen!« Mit langen Schritten ging er in der Stube auf und ab und blieb wieder stehen. »Der kennt sich aber aus in meim Stall, das muß ich sagen.« Er ver- suchte ein gezwungenes Lachen. »Die braune Liesl! Mein ganzer Stolz und Staat! Die schönste Kuh! Und mit dem Kalb geht s auch! Zwei fette Fliegen auf ein Schlag!«



»Der selbige da droben wird wohl wissen, warum er dir das antut! Und ein schönen Gruß laßt er dir sagen, du sollst keine so übermütige Red nimmer tun. Ein anders Mal könnts schiecher ausfallen.«



»Jetzt laß mich aber aus, du!« brummte der Bauer, warf sich in den Lehnstuhl und machte wütende Augen. Plötzlich hatte er einen rettenden Gedanken. »Meinst am End nit, das Dirndl laßt uns blau anlaufen?«



Der Senn nahm den Muslöffel vom Tisch und hielt ihn dem Roßmooser unter die Nase. »Da hast den verlangten Zeugen! Im übrigen, was die Mali sagt, da kannst drauf wetten, wenn dir s Schwören zwenig is!«



»So meinst, sie hat ihn richtig gsehen, den selbigen?«



Der Senn machte große Augen zu diesem Zweifel. »Wie soll ihn s Dirndl denn nit gsehen haben? Sie is doch auffi. Und er is doch droben. Die zwei m ü s s e n zammtroffen sein!«



»Aber so red doch, erzähl, wie war denn nachher alles?«



Der Senn zuckte die Schultern. »Was ich weiß, das hab ich gsagt. Mehr hab ich vom Dirndl nit erfahren. Und fragen hab ich nit mögen. Denn weißt, bei so was is s Reden allweil eine heikle Sach. Ein Wörtl zviel, und es kann verspielt sein um Leib und Seel!«



Der Bauer fragte nicht weiter.



Nach einer Weile sagte der Senn: »Wenn nur das arme Dirndl nit vom Schrecken was davontragt und dran leiden muß ihr ganz Leben lang!« »Um Gottswillen!« stotterte der Bauer und schlug die Faust auf den Tisch. »Wann ich mir nur gleich die Zung abbissen hätt, vor ich so eine dalkete Red hab tun müssen!«



»Wohl wohl!« nickte der Senn.



Es war still in der Stube; nur die Schwarzwälderuhr tickte leis und eintönig.



Um so lauter ging es drüben in der Gesindekammer zu; in einem Winkel hockten sie alle beisammen, keins dachte ans Schlafengehen; und je weniger sie wußten, desto mehr hatten sie zu reden. Es währte nicht lange, so war eine schauder- hafte Geschichte ausgekocht, in welcher haargenau berichtet wurde, wie Mali mit dem höllischen Almgeist um den Muslöffel gerauft hatte.



Diese Geschichte wurde von jenen, die vor Tag zur Frühmesse ins Dorf hinunterstiegen, von Haus zu Haus getragen.



Gegen sieben Uhr morgens machte sich auch der Roßmooser auf den Weg, um das Hochamt zu besuchen. Er ging allein, in Sinnen und Brüten versunken. Als er sich dem Dorf näherte, kamen ihm Schritte entgegen; er blickte auf und sah einen jungen Jäger bergansteigen.



»Was is denn mit dir?« rief er ihn an. »Du wirst doch nit am heiligen Weihnachtstag auf die Gamspirsch ausgehn?«



Unwillig schüttelte der Jäger den Kopf. »Nit einmal am Feiertag hat unsereiner seine Ruh! In aller Gottesfruh hab ich ein Schuß droben fallen hören! Aber wann ich den erwisch, den Lumpen, dem soll unser Herrgott gnaden!« Der Jäger stieg weiter, aber schon nach wenigen Schritten wandte er sich wieder um. »Was ich fragen will: warum bist denn allein? Wo is denn der Toni?«






»Mein Bub? Der is seit drei Tag in der Stadt drin.«



»So?« brummte der Jäger und stieg seines Weges weiter. Lachend blickte ihm der Roßmooser nach. »Jetzt bin ich aber auf den Tod froh, daß ich den Buben fortspediert hab über die Feiertag! Sonst hätt ich keine ruhige Sekund nimmer!« Kopfschüttelnd wanderte er dem Dorf entgegen. »Der Bub wird lachen, wann er heimkommt! Is der Jung nit daheim, so macht der Alte die Streich!«



Noch knapp zur rechten Zeit erreichte der Bauer die Kirche. Als er auf seinen Betstuhl zuging, merkte er, daß ihn alle Leut mit scheuen Augen betrachteten. Die Geschichte vom Kasermanndl war wohl schon ins Laufen gekommen? Und nach dem Hochamt, zuerst in der Gemeindesitzung und dann im Wirtshaus, fielen die Fragen über ihn her wie die Wespen über eine Birne. Er ließ das Essen stehen und rannte fuchsteufelswild davon.



Gegen zwei Uhr nachmittags erreichte er das Roßmoos. Beim Zaun begegnete er dem Hüterbuben. »Wie stehts denn mit der Mali?« fragte er.



»Jessas, jessas!« jammerte der Bub. »Das Dirndl liegt noch allweil und kann sich schier nit erholen vom Schrecken. Und kein Wörtl bringt man nit raus aus ihr, sagt die Zenz! Und allweil tuts röhren ((weinen)), nix als röhren! Wirst sehen, Bauer, das Dirndl geht drauf!«



Eine schallende Ohrfeige war der Dank für diese freie Meinung. Mit brennrotem Gesicht schlich der Bub davon, und der Bauer trat ins Haus. Da kam gerade die Zenz über die Treppe heruntergestolpert; sie schien es eilig zu haben; als sie den Bauer in der Stube verschwinden sah, rannte sie ihm kreischend nach. »Da schau, Bauer, da schau, was er ihr gschenkt hat!«

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