Frei Lesen: Der Jäger von Fall

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Ludwig Ganghofer

Der Jäger von Fall

9

eingestellt: 17.6.2007





Als Friedl die Hütte umschritten hatte, fand er eine kleine Gesellschaft, die im Schatten des vorspringenden Daches beisammenhockte.



Auf einer Holzbank, die man aus der Almstube herbeigetragen hatte, saßen Punkl, Monika und ihre Freundin von der Scharfreiteralm, die Philomena. Die war so breit, wie ihr Name lang war. Vor den dreien stand der Tisch, dessen Alter erst eine Stunde zählte, zwei in den Boden gerammte Pfähle und ein darübergenageltes Brett. Auf dem Tisch, in dessen Mitte die mächtige Schüssel mit den frisch gebackenen, appetitlich aussehenden ›Schucksen‹ prangte, standen vier Kaffeetassen von verschiedener Qualität, die eine wollte nicht mehr gerade stehen, an zweien fehlte der Henkel, und bei der vierten ließen nur noch kleine Flimmerchen am Rande erkennen, daß sie vorzeiten einen schmalen Goldreif besessen hatte. Die vier Blechlöffel, die zwischen den Tassen lagen, zeigten eine schaufelartige Größe.



Der alten Punkl gegenüber, auf einer zweiten Bank, saß die andere Sennerin vom Scharfreiter, ein schlankgewachsenes, pfiffiges Mädel, die Binl, zwischen zwei Bauernburschen, dem Schnaderer-Hans von Winkel und dem Gauveitl-Gori von Achental. Während Lenzl auf dem Rasen ein bequemes Plätzchen gewählt hatte, deutete eine umgestürzte Wasserbutte an der Schmalseite des Tisches den Platz an, der für Modei bestimmt war.



In kummervollen Klagetönen, unter dem Schmunzeln der lauschenden Gesellschaft, erörterte Punkl die medizinischen Schwierigkeiten ihres leidvollen Daseins. »Ich sags enk, Madln, laßts enk verwarnigen von mir, solangs noch Zeit is, und tut s an enker kostbare Gsundheit denken! Wann a Mensch da ebbes versäumt, da kommen zwidere Folgen. Die ganze Nerviatur verschlagt sich aufs Konstiduziament. Dös is a Naturgsetz, hat der Doktermartl gsagt. Und da hab ich an argen Gsundheilsversaumnisfehler verübt. Soviel reuen tut mich dös. Und spaternaus wirds allweil rarer mit die Kurglegenheiten.« Sie seufzte tief. »Aufn gestrigen Abend hätt ich soviel Zutrauen ghabt. Aber es hat halt net mögen, es hat net mögen.«



»Was mich anbelangt, ich sorg allweil fleißig für mei Gsundheit!« erklärte Philomen mit ernster Breite. »Eh daß ich da ebbes versäum, bleib ich lieber amal von der Kirch daheim.«



»Ah, was, geh«, stichelte die Binl, »wer wird denn so unchristlich sein! Fürn Herr Pfarr muß man allweil ebbes übrig haben.«



Da gewahrte Lenzl den Jäger und sprang mit einem Jauchzer vom Rasen auf. »Ah, schau, der Friedl! Gar net träumen hätt ich mirs lassen, daß du heut noch da auffi kommst.« Er kicherte und wurde leise: »Ich wart schon allweil seit in der Fruh!«



Auch von den anderen wurde Friedl munter begrüßt. Nur Punkl schien in schlechte Laune zu geraten, weil sie durch den Anblick des Jägers an den unbarmherzigen Hies und an die Enttäuschung des verwichenen Abends erinnert wurde. »Du, dein Kamerad, dös is a schiechs Luder!« schimpfte sie erbost. »Äpfelschmarren kann er fressen. Aber sonst kann er nix.«



»Da tust d Mannsbilder unterschatzen«, sagte Philomen, »wann s mögen, können s alles.«



Noch hatte Friedl mit Gruß und Handschlag die Runde nicht gemacht, als Modei den Kaffee brachte. »Sooo!« Sie stellte das Geschirr auf den Tisch. Die Punkl fuhr gleich mit der Nase schnuppernd in den Duft. Als sie zugriff, um die Tassen zu füllen, sah man es ihrem Eifer an, daß sie flinker den eigenen Genuß als den ihrer Freundinnen beschleunigen wollte. »Zucker! Zucker! Wo is denn der Zucker?«



»Geh, Lenzl«, sagte Modei, »drin am Herd steht er.« Lachend sprang sie dem Bruder nach und flüsterte: »Schau a bißl ins Kammerl eini! Aber stad!«



Als Lenzl zurückkam, schmunzelte sein ganzes Gesicht. »Jesses, Modei –«



Die Schwester tuschelte: »Sei stad und sag nix! Sonst rennt mir die ganze Gesellschaft eini und weckt mir s Kindl wieder auf.« Sie wandte sich zum Tisch. »Also, greifts zu! Jeder muß selber schauen, daß er ebbes kriegt. Zureden, dös gibts net bei mir.«



Punkl griff mit beiden Händen in den Schucksenberg. »Wer trutzt bei der Schüssel, der schadt sich am Rüssel. Essen muß der Mensch. Dös is a Grundbedingnus für alles, was Gsundheit heißt.«



Während die Gäste sich mit ihrem Kaffee und den frisch gebackenen Nudeln beschäftigten, über deren Vorzüglichkeit sie sich in langen Lobsprüchen ergingen, ließ sich vom Steig ein lautes Putzen und Schnaufen hören. Veri bog um die Hüttenecke, die leere Kraxe auf dem Rücken. Bedenklich schwankte der Alte hin und her. Gori sagte: »Mir scheint, der möcht seiltanzen und kanns noch net recht. Kerl, du hast, ja an Rausch!«



»Ah!« verneinte der Alte energisch.«



»A schöns Quantl mußt aufgladen haben«, meinte Monika, »wann dus net amal bis da auffi wieder ausgschwitzt hast!«



»Laß mir mei Ruh!« brummte Veri, während er die Kraxe ablud und sich neben Lenzl in das Gras plumpsen ließ.



Friedl trat vor ihn hin. »Wann ich von dir nur amal an anders Wörtl hören möcht als dein ewigs ›Ah‹ und dein ›Laß mir mei Ruh‹. Was denkst denn eigentlich du den ganzen Tag?«



»Nix!«



»A bißl ebbes mußt doch denken!«



»Wann du so dumm bist, ich net!«



Ein schallendes Gelächter. Und an Veris Worte knüpfte sich eine lange Debatte, ob der Alte mehr Ursache hätte, von sich zu sagen: Ich bin net so dumm, als ich ausschau! oder: Ich schau viel dümmer aus, als ich bin!



Veri kümmerte sich wenig um die Unterhaltung, die auf seine Kosten geführt wurde. Lang ausgestreckt lag er auf dem Rasen, hielt die Hände unter dem Nacken verschlungen, guckte mit steifen Augen in den blauen Himmel und machte einen Versuch, zu pfeifen, sooft der Gauveitl-Gori an den Saiten der Zither zupfte, die er neben sich auf der Bank hatte.



»Was is denn, Gori?« sagte Monika. »Zupf net allweil unterm Tisch! Leg s auffi, die Klampfern, und spiel a bißl ebbes! Und gsungen muß werden! Nacher wirds erst fidel!«



»Was hast gsagt?« fragte Pinkl.



»Daß man ebbes singen soll!«



»Ja, ja, wer fangt denn an?«



»Du, weil du die Schönste bist!«



Ein kokettes Lächeln grinste über das Gesicht der Alten. »Na, schön bin ich net, aber –«



»Tugendhaft, mager und wüst!« rief Monika lachend.



Gori hatte die Zither auf den Tisch gestellt und seinem Kameraden zugenickt. Nun begannen die beiden jenes alte, im ganzen Hochland gern gesungene Lied vom Hütterl beim Baum am Bacherl.

»Bei eim Bacherl steht a Hütterl,
Bei dem Hütterl steht a Bam,
Und sooft ich da vorbeigeh,
Find und find ich halt net ham.

In dem Hütterl haust a Maderl,
Is so frisch als wie a Reh.
Und sooft ich s Maderl anschau,
Tut mir s Herzerl halt so weh!

Und dös Maderl, dös hat Äugerln,
Wie am Himmel drobn die Stern,
Und sooft ich d Äugerln anschau,
Möcht ich halber narrisch wern!

Und ich kanns halt net vergessen,
Ob ich wach bin, ob ich tram,
Allweil denk ich an dös Hütterl
Bei dem Bacherl, bei dem Bam.«



In Friedls heitere Stimmung schien das Lied mit seiner fast schwermütigen Melodie nicht recht zu passen. Immer klopfte er mit den Fäusten auf die Knie, um den Takt des Liedes zu beschleunigen. »Ich glaub gar, ös zwei seids eingschlafen!« rief er den beiden Burschen zu, als sie das Lied beendet hatten. »Auf d Alm ghört ebbes Lustigs!« Er griff nach der Zither. Da fuhr ihm was Flinkes und Schnaubendes auf den Schoß herauf. »Jesses, mein Bürschl!« Lang und rot ließ der Hund die Zunge zwischen den Zähnen heraushängen und keuchte, daß ihm die Flanken zitterten; dazu schnappte er freudig winselnd an der Brust seines Herrn hinauf, der den Kopf wenden und den Hals recken mußte, damit ihm Bürschl mit der zärtlichen Schnauze nicht ins Gesicht käme. »Du Tropf, du! Bist am End gar daheim durch d Fensterscheiben aussi? Ich glaub, du hast es schon heraus, daß von mir keine Schläg net fürchten mußt? Aber jetzt mach weiter!« Lachend streckte der Jäger die Knie, so daß der Hund auf die Erde rutschte. Dann rückte Friedl die Zither zurecht und sang in flottem Tempo:

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