Frei Lesen: Der Jäger von Fall

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Ludwig Ganghofer

Der Jäger von Fall

12

eingestellt: 17.6.2007





Das waren stille, schwermütige Tage in der Hütte auf der Grottenalm.



Modei ging bleich und vergrämt herum; wortkarg tat sie ihre Arbeit, und wenn Punkl oder Monika in der Hütte zusprachen, bekamen sie nicht viel anderes zu hören als ein ›Grüß Gott!‹ und ›Pfüet dich!‹ Auch mit dem Bruder redete Modei nur, was die gemeinsame Arbeit verlangte. Und bei der Verstörtheit, die ihr Gemüt umklammert hielt, hatte sie keinen Blick für die seltsame Wandlung, die sich von Tag zu Tag immer deutlicher im Wesen des Bruders vollzog. Die Wahnbilder seines irren Erinnerns schienen in ihm erloschen zu sein. Immer befand er sich in einem Zustand verträumten Suchens, redete wunderliche, unzusammenhängende Dinge und wurde schließlich von einer verdrossenen Gereiztheit befallen, weil ihm dieses trübselige Zusammenleben mit der wortkargen Schwester täglich unleidlicher wurde. Und wenn er einen Versuch machte, von jenem Sonntag und seinen Folgen zu reden, wurde Modei noch stiller und verschlossener.



Oft, wenn er untertags auf die Schwester zutrat, mußte er sehen, wie sie hastig das Gesicht auf die Seite drehte, um ihre Tränen zu verbergen. Wenn er in der Nacht erwachte, hörte er sie leise weinen und beten. Nach schlaflosen Nächten hatte sie zerbrochene Tage, und die sonst so Fleißige wurde bei der Arbeit müd. Und kam jemand zur Hütte, hörte sie einen Schritt, so fuhr sie erblassend zusammen und stammelte: »Der Förster wieder? Oder der Hies?«



Als Lenzl eines Abends vom Weideplatz heimkehrte, fand er die Schwester am Herd, mit nassen Augen, ganz in sich versunken. Da fing er zu schelten an. »Is dös an Art und Weis? Statt daß dich a bißl zammklaubst, an vernunftbaren Schritt machst und dö ganze Sach wieder auf gleich bringst, derweil hockst den ganzen Tag umanand und flennst und reibst dir d Augen! Mitm Wasserpritscheln is freilich nix profitiert!«



»Du hast gut reden!« sagte Modei mit erloschener Stimme. »Du spürst es net, wies ich spür. Drum red mir nix drein! Dös hat mir halt unser Herrgott aufgladen als Buß. Und so muß ichs tragen!«



»Freilich! Weil unser Herrgott nix anders z tun hat, als daß er d Menschen plagt?«



Lenzl sah ein, daß hier nur ein einziger zu helfen vermöchte. Und der muß her, dachte er, solls gehn, wies mag! Ein paar Tage später, als er abkommen konnte, ohne daß die Arbeit Schaden litt, schlich er sich im Morgengrauen, während Modei noch schlief, aus der Hütte. Er erinnerte sich, von Friedl gehört zu haben, daß der Jäger in diesen vierzehn Tagen die Aufsicht auf dem Rauchenberg zu führen hätte. Es war das ein weiter Weg, den Berg hinunter bis ins Tal und drüben wieder hinauf bis zur Jagdhütte, die hoch da droben auf der Bergschneide lag. Der Schwester zulieb wäre Lenzl auch bis ans Ende der Welt gelaufen.



Er brauchte fünf Stunden, um das Ziel seiner Wanderung zu erreichen. An der Jagdhütte fand er die Läden geschlossen und die Tür versperrt. Da nahm er von einer alten Feuerstatt ein Stücklein Kohle und schrieb mit großen, steifen Buchstaben an die Hüttentür: ›Bin dagwest, i, da Lenzl. Komscht ummi,gell!‹ Damit Friedl auch sicher käme, schrieb er noch darunter: ›Weils grank is!‹



Dann schritt er die Bergschneide entlang zu der eine halbe Stunde entfernten Hochalm. Auch hier fragte er vergebens nach Friedl. Die Sennerin konnte ihm nur den guten Rat geben, sich bei den Holzknechten, die auf dem tieferen Gehäng des Berges arbeiteten, nach dem Jäger zu erkundigen. Als er auch bei den Holzleuten von Friedl keine Nachricht hörte, lief er kurz entschlossen durch den steilen Bergwald hinunter nach Fall. Am Waldsaum mußte er sich verstecken, weil der schwerbäuchige Grenzaufseher Niedergstöttner schnaufend und schwitzend auf dem Waldweg gegen die Schlucht der Dürrach hintappte unter kummervollen Selbstgesprächen, die jede Mühsal des buckligen Weges dreimal verfluchten.



Das Kapellenglöckl läutete die Mittagsstunde, als Lenzl hinter den Weidenstauden der Dürrach hinunterschlich zur Isar. Wie ein Fuchs, der einer Henne an den Hals will, pirschte er gegen den kleinen Garten, den Friedls Mutter mit ihren rastlosen Händen dem steinigen Hügel abgerungen hatte. Lautlos an den Heckenstauden entlang huschend, spähte er durch das dichte Gezweig und kicherte vor sich hin: »Jetzt hab ichs troffen.«



An der Mauer saß der marode Jäger auf einem Bänkl und sonnte den heilenden Fuß, während seine dürstenden Augen immer in der blauen Höhe suchten. Auf dem Schoß hatte er das Fernrohr liegen. Das hob er immer wieder und richtete es nach den Rasenwellen der Grottenalm wie ein Jäger, der Gemsen sucht.



Da richtete Friedl sich plötzlich auf. Er hörte klappernde Schritte und eine keuchende Stimme, die immer, wie in atemloser Angst, die zwei gleichen Worte wiederholte : »Jesus, Maria – Jesus, Maria – Jesus, Maria –«



Erschrocken zuckte der Jäger vom Bänkl auf, ohne seines kranken Fußes zu denken. »Mär und Joseph!« stammelte er, weil er die Stimme zu erkennen glaubte. »Is denn dös net der Lenzl?« Richtig! Der wars! Wie ein Besessener kam der Alte mit flatterndem Weißhaar von der Dürrach über die Straße hergelaufen und wollte am Gärt! des Jägers vorübersausen.



»Jesus, Maria – Jesus, Maria – Jesus, Maria -«



»Lenzl!« Mit hinkendem Fuß machte Friedl ein paar wilde Sprünge gegen die Heckenstauden. »Um Christi willen! Lenzl? Was is denn? So komm doch her zu mir! So laß doch reden a bißl!«



»Ich kann net – Jesus, Maria!« keuchte der Alte und sprang. »Ich hab kei Zeit net, ich muß zum Dokter aussi nach Lenggries. Mei Schwester is soviel krank! Dö braucht a Trankl, a heilsams! Ich muß zum Dokter aussi – Jesus, Maria –« Und weg war der Alte, verschwand an der Straßenbiegung, sprang aber nicht ›aussi nach Lenggries‹, sondern huschte kichernd in die Stauden der Dürrach und lief geduckt hinüber gegen den Waldsaum.



Als Friedl allein war, fingen ihm die Hände so heftig zu zittern an, daß er sie hinter den Hosengurt stecken mußte. Wie ein Verrückter humpelte er zur Haustür hinüber, trat langsam in die Stube, warf einen Sorgenblick auf das schlafende Büberl und sagte ruhig: »Mutter, jetzt mußt mir a Krügl Bier ummiholen. So viel dürsten tut mich!«



Das alte Weibl zappelte flink davon. Als sie mit dem Krügl vom Wirtshaus kam, war keiner mehr da, der Durst hatte und trinken wollte. Auch Friedls linker Nagelschuh war verschwunden; nur der rechte stand noch unter dem Ofen. Und verschwunden waren des Jägers Hut, sein Rucksack, seine Büchse und sein Bergstock. »O, du heilige Mutter!« stammelte die alte Frau erschrocken, rannte vors Haus und fing zu schreien an.



Das konnte Friedl noch hören, obwohl er den Triftsteg an der Dürrach schon erreicht hatte. Ohne das Gesicht zu drehen, sprang er wie einer mit gesunden Beinen. Drüben über dem Wasser, auf dem steigenden Waldweg ging es langsamer. Alle paar hundert Schritte mußte er stehenbleiben, um den schmerzenden Fuß rasten zu lassen. Und weil der plumpe Filzschuh, den er am kranken, dick verbundenen Fuß hatte, beim Steigen immer rutschte, mußte Friedl sich hinsetzen, eine Schnur aus dem Rucksack nehmen und den lockeren Filzkübel verläßlich an den Knöchel binden. Ein paar Schlingen der Schnur legte er auch um die Sohle, damit er einen festeren Tritt bekäme. Als er, zitternd vor Ungeduld, sich erhob, blickte er über den steilen Bergweg hinauf, den er zu überwinden hatte. Und da gewahrte er in der Höhe, nicht weit von der Grottenalm, eine sonderbare Sache. Da droben war ein feines Blitzen und Gefunkel, als spiegele sich die Sonne in vielen beweglichen Glassplittern.



Dieses Funkeln und Strahlenschießen kam von den Uniformknöpfen und vom Bajonett des schwerbäuchigen Grenzaufsehers Niedergstöttner, der sich mit Schwitzen und Fluchen über den ganzen Waldsteig hinaufgezappelt hatte und der Alm schon nahe war.

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