Frei Lesen: Der Jäger von Fall

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Ludwig Ganghofer

Der Jäger von Fall

13

eingestellt: 17.6.2007





Bei Modeis Hütte gellte wieder und immer wieder ein Schrei in die Sonne: »Lenzl! Lenzl!«



Nur das Echo an den nahen Felsen, nie eine Antwort.



Verzweifelt, wie in sinnloser Verstörtheit rannte und suchte das Mädel. »Is auf der Weid net! Is net im Stall! Is bei die Schaf net! Wo is er denn? Lenzl, Lenzl!« Zitternd an allen Gliedern, kam sie zur Hüttentür, taumelte gegen die Balken und preßte den Arm über die Augen. »Ich bin schuld! An allem bin ich schuld! Und wann er jetzt leiden muß –«



Denken konnte sie nimmer. Ohne zu wissen, was sie tat, dem Trieb des quälenden Augenblicks gehorchend, sprang sie in die Stube, riß das Arbeitsgewand herunter und kleidete sich, als wars für den Kirchgang. Ihr Hütl über die Zöpfe hebend, trat sie aus der Hüttentür, hetzte die Stufen hinunter und hatte einen Schreck, der sie völlig lähmte.



In verwittertem Anzug und dennoch schmuck, umschimmert von der Nachmittagssonne, stand der Huisenblasi zwischen den Stauden. Lächelnd sagte er: »Grüß dich Gott, Sennerin!«



Ein klangloser Laut in der Stille. »Du?« Das Hütl fiel dem Mädel aus der Hand und kollerte über den Rasen. Blasi lachte. »Hast dir an andern verhofft?« Langsam trat er auf Modei zu. »Oder haltst ebba dös für a Wunder, daß a Mannsbild, a gsunds, zu der guttätigen Sennerin kommt – bei ders kei Gfahr net hat – und die sein Schatz is?«



Da wurde sie ruhig, streckte sich und sah ihn mit zornfunkelnden Augen an. »Du mußt dich verschaut haben in der Gegend. Die Monika hat ihren Burschen. Und bei der Punkl wirst ebba doch net ans Fenster mögen?« Sie wollte gehen.



»Du, wart a bißl!« Er sprang ihr in den Weg und musterte sie schmunzelnd. »Zu dir komm ich. Die alten Zeiten a bißl auffrischen.«



»Alte Zeiten?« Das war ein Ton, aus dem der Widerwille klang. »Fahrt dir net s Blut ins Gsicht? – Mach, daß d weiterkommst! Ich hab an Gang.« Sie wandte sich gegen den Steig.



»Öha! Langsam!« rief er und verstellte ihr wieder den Weg.



Hart fragte sie: »Was willst?«



»Ich muß dir doch a guts Wörtl sagen dafür, weil mir am ungfahrlichen Sonntag so an freundschäftlichen Schutzengel gmacht hast! A rassigs Weiberleut bist! Kreiz Teifi noch amal!« Er lachte. »Wie du den Jager von Fall am Schnürl hast!«



Dunkel schoß ihr die Zornröte in die Stirn. »Mein Weg gib frei! Ich sag dirs zum letztenmal! Mit dir hab ich nix mehr z reden.«



»Aber ich noch a bißl ebbes mit dir!« Er drängte sie Schritt um Schritt gegen die Hüttenstufen hin. Und immer behielt er den heiteren Ton. »Vergelts Gott, Schatz! Soviel haushälterisch bist! Grad wie mein Vater! Der schnürt mir den Geldbeutel zu, und du hilfst mir Patronen sparen. Aber allweil kunnts dir net nausgehn mit der Knauserei. Und willst den Jager von Fall schön sicher durchfretten bis zur Hochzeit, so laß ihm an eiserns Gwandl machen, gelt! Ich bin net allweil so kugelarm. Und meiner Kugel springt er so gschwind net ausm Weg als wie so eim Brocken Stein.«



»Jesus!« Modeis Gesicht verzerrte sich. »Den Stein hast du – –« Sie schlug die Hände vor die Augen. »Und so an Menschen gibts auf der Welt?«



»D Jager sind wie Schwaben und Russen. So an Unziefer dertrappt man, wo mans derwischen kann. Schad, daß man diemal daneben trappt.«



Sie sah ihn an, mit irrendem Blick. »Blasi! Dein Kind hat er tragen.«



»Mein Kind?« Er zuckte die Achseln. »Protokolliert hab ichs noch allweil net, daß ich der Vater bin.«



Aus verstörten Augen rannen ihr langsam Tränen über die blassen Wangen. Sie wandte sich ab gegen die Hütte hin und drehte das entfärbte Gesicht über die Schulter. »Gstorben bist mir gwesen. Und begraben. Mir! Schon lang. Von heut an is meim Kind der Vater verfault. Und wanns mich fragt amal, nacher weiß ich nimmer, wie er gheißen hat.« Modei machte einen müden Schritt. »Schlecht wird mir, wann ich dich anschau. Geh, sag ich dir!«



Ein wunderliches Staunen in den Augen, spottete Blasi nach kurzem Schweigen: »Ah na! Jetzt bleib ich erst recht. So gut wie heut hast mir noch nie net gfallen. D Weibsbilder sind allweil am feinsten, wann ihnen s Blut a bißl aufwurlt. Ja, jetzt hab ich wieder an Gusto auf dich.« Er faßte mit eisernem Griff ihren Arm. »Und hälts auch kein andern Verstand, als daß ich dem Jager die süße Schüssel versalz.« Lachend riß er das Mädel an sich.



Ekel und Entsetzen lähmten ihre Zunge. Mit verzweifeltem Widerstand suchte sie sich loszureißen. Ihre Kraft erlahmte unter dem Druck dieser stählernen Arme. Kaum, daß sie noch ihr Gesicht vor Blasis Lippen zu schützen vermochte. Sie wollte schreien. Seine Hand erstickte ihren ersten Laut. Und lachend zerrte er sie gegen die Stufen hin, während sie den Haarpfeil aus den Zöpfen riß, die ihr über die Schultern fielen.



Da keuchte Lenzl über den Steig herauf, ohne Hut, mit dem klirrenden Bergstock, das kleine Hirtenfernrohr am Gürtel. »Was is denn da?«



Den Kopf drehend, ließ Blasi das Mädel fahren.



Wie ein Besessener hetzte Lenzl auf den Burschen zu. »Du Herrgottsakermenter! Rühr mir d Schwester noch amal an mit deine drecketen Pratzen – und ich renn dir den Bergstecken durch und durch.«



Atemlos, das Haar ordnend, sagte Modei: »Da brauchst dich net plagen! In d Hütten hätt er mich net einibracht. Da hätt er schon ehnder mein Haarpfeil im Hals drin ghabt.«



Erheitert war Blasi ein paar Schritte zurückgetreten. »Ui jegerl! Da kunnts ja gar gfahrlich werden, da heroben. Und da schau an! Der Lenzl als Hulaner mitm Spieß! Oder bist ebba gar der dümmste von die sieben Schwaben?« Er lüftete auf nette Art das Hütl. »No also, pfüe Gott für heut! An andersmal wieder.« Und gemütlich sagte er zu dem Alten: »Wie, du, hol mir mei Büchsl aussi, dös ich beim letzten Bsuch vergessen hab!«



»So?« knirschte Lenzl in bebender Wut. »Und sonst willst nix? Da kannst abschieben! Dö Büchs, dö kriegt bloß a Jagdghilf oder der Förster.«



Blasi schoß einen funkelnden Blick auf den Alten. Dann verzog er den Mund zu einem spöttischen Lächeln. »Is a teuflisch guts Gwehrl! Da kann der Jager sei Freud dran haben. Muß ich halt nachschauen, ob mei alte Büchs da drüben im Lahnwald unter die Steiner net rostig worden is seitm Hahnfalz. Ohne Gamsbock geh ich heut net heim.« Schmunzelnd sah er die Sennerin an. »Wann einer fallt, so bring ich dir d Nieren. Dö kannst dir bachen im Schmalz.« Leise lachend sprang er in die Stauden.



»So ein mußt anschaun!« Lenzl fieberte vor Zorn.



»Und da sagt man, unser Herrgott hat d Leut derschaffen! So a Gottslästerung! Unser Herrgott muß sich schön geärgert haben, wie der erste Haderlump aussigwachsen is aus der Mistgruhen.« Ruhiger werdend, stellte er den Bergstock fort und legte den Arm um die Schwester. »Geh, komm! Tu dich a bißl niederlassen! Zitterst ja an Händ und Füß.«



Sie ließ sich zu den Stufen führen. »Wegen dem da, meinst? Ah na! Heut plagt mich ebbes anders –« Da sah sie die müde Erschöpfung im erhitzten Gesicht des Bruders. »Was hast denn? Wo bist denn gwesen den ganzen Tag?«



Er kicherte. »So umanandsteigen hab ich halt müssen – bei der Hüterei.«



»Gott sei Dank, daß daheim bist!« Sie erhob sich. »Heut aufn Abend mußt mei Arbet machen. Ich hab an Weg.«

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