Frei Lesen: Der Ochsenkrieg

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Ludwig Ganghofer

Der Ochsenkrieg

Erster Band 1

eingestellt: 2.7.2007





Er nahm den Zügel straffer und versetzte dem schnaubenden Gaul einen Hieb mit der Reitpeitsche. Das Tier zuckte zusammen, bewegte aber keinen Huf, stierte mit vorgequollenen Augen auf die grauen Tümpel des Sumpfbodens und fing zu zittern an.



Dem jungen Reiter brannte der Zorn im Gesicht. Wieder hob er die Peitsche. Doch er schlug nicht, ließ die Gerte sinken und schob sie hinter den Ledergürtel. Während er unter beruhigendem Zureden dem Pferde den Hals tätschelte, sah er prüfend an dem Tier hinunter.



Der schlanke Pongauer Rappe hatte ein reichlich Teil seiner glänzenden Schwärze eingebüßt. Die Beine waren bis an den Bauch herauf in das Grau des zähen Schlammes gewickelt, durch den der Weg des Tieres gegangen war.



Die Hand auf die Kuppe des Pferdes stützend, sah der Reiter hinter sich. Zwischen Moosbüscheln konnte er auf eine weite Strecke, bis hinüber zum Waldsaum, die Spuren seines Rittes gewahren, diese tiefen, schon mit Wasser vollgelaufenen Stapfen des Pferdes. Die fernsten dieser kreisrunden Wasserlöcher glänzten in der späten Sonne des Sommertages wie blanke Goldstücke.



Umkehren? Der Reiter schüttelte den Kopf. Er guckte über die unruhig bewegten Ohren des Pferdes hinüber. Da vorne war der Boden nicht besser als da hinten. Aber nur vierzig, fünfzig feste Sprünge müßte der Pongauer machen, dann wäre der gute, grüne Almboden da! Und wie zum Hohn für den ratlosen Reiter schritt da drüben das Weidevieh gemütlich umher: junge, blökende Kalben, Kühe mit schwer schlenkernden Eutern, mächtige Ochsen mit blechig rasselnden Glocken. Der diese heiseren Schellen gehämmert hatte, das war kein guter Glockenschmied.



Der Reiter machte einen gütlichen Versuch, das Pferd in Gang zu bringen. Doch der Pongauer zitterte und wollte die tragende Insel, die er nach seinem grauenvollen Einsinken gefunden hatte, nicht verlassen. Sie war so klein, daß der Gaul keinen Schritt nach vorne oder rückwärts machen konnte, ohne in dieses linde Grau zu treten, das keinen Boden hatte.



»Moorle«, sagte der Reiter, während er das Pferd an der dicken Mähne zauste, »da wird nichts helfen! Hinüber müssen wir! Oder im Dreck das Jüngste Gericht erwarten!«



Langsam gab er dem Pferd die Eisen, immer schärfer. Der Pongauer keuchte. Doch er stand, als wären seine Beine in Stahl verwandelt.



»In Herrgotts Namen, so tu noch rasten, ich will geduldig sein!«



Der junge Reiter besah sich die Gegend. Hinter ihm lag der stille Waldberg, über den er von der Berchtesgadener Grenzwach am Hallturm herübergeritten war – ein Ritt, so herrlich wie töricht. Aber das ist so: Alles Schönste des Lebens braucht immer als Vater den Leichtsinn, den man schelten möchte.



Und vor ihm, in der Ferne da drüben, stiegen die blauen Bergriesen auf, die Mühlsturzhörner, der Hochkalter und der Steinberg. Da mußte in dem sonnendunstigen Tal dort draußen der Hintersee liegen.



Und gleich da drunten, wo sich die lange Waldschlucht gegen halbversteckte Felder weitete, blitzte eine große, weiße Wassersichel, von Röhricht umstanden. Der Taubensee? Dann mußte der böse Boden, auf den er da geraten war, das verrufene Hängmoos sein, auf das sich die Berchtesgadener Herren bei ihren Pirschgängen nicht gerne verirrten.



Verrufen? Und da drüben lag die schönste Weide, die eine Herde von Kühen und Ochsen nährte! Und aus einer Grasmulde des tieferen Almgehänges stieg wie ein feiner, blauer Strich der Rauch eines Herdfeuers zum Himmel auf.



Mit klingender Stimme schrie der Reiter nach dem Hirten. So ein Viehhirt kennt doch die Wege im Sumpf, wie Gott das Gute kennt im Herzen eines schlechten Menschen.



Doch niemand antwortete. Und hinter den westlichen Bergen ging schon die Sonne hinunter.



»Moorle! Jetzt müssen wir vorwärts.«



Der Pongauer war anderer Meinung. Kein Zureden, kein Zorn, kein Eisen, keine Peitsche half. Da gab es keinen andern Rat mehr als absteigen und das Moorle führen.



Der Reiter tappte gleich beim ersten Schritt hinunter bis übers Knie; mit Widerstreben gehorchte das Pferd der ungeduldigen Kraft, die den Zügel straffte; unsicher trat es über den Moosbuckel hinaus, versank bis an die Gurten, schlug verzweifelt mit den Hufen, machte kehrt und kletterte, den am Zügel hängenden Menschen hinter sich herreißend, wieder empor auf die tragende Insel. Und der Reiter, bis an die Hüften mit Schlamm behangen, schwang sich in den Sattel, um von der Unruhe des Pferdes nicht in den Sumpf gestoßen zu werden. Während der Pongauer heftig zitterte, drehte er den Kopf mit einem Blick, der zu fragen schien: »Wer war jetzt der Klügere von uns beiden?« Dann schüttelte sich der Gaul, daß die abgeschleuderten Schlammflocken weit hinausflogen über das sumpfige Gehäng.



Irgendwo ein Lachen.



Der junge Reiter drehte flink das Gesicht. Oberhalb des Bruchbodens sah er zwischen dicken Wacholderbüschen einen roten Fleck – zu groß für eine Blume. Da drüben hockte wohl die Hirtin? Und die saß wohl schon lange da und guckte zu? Und lachte?



In Zorn wollte der junge Reiter da hinüberschreien. Aber da klang bei den Wacholderbüschen eine Stimme: »Tu warten, Mensch! Ich komm.« Eine kräftige Stimme wars – gleich dem Laut eines halbwüchsigen Buben, der noch immer auf dem Kirchenchor den Engel singt, aber schon mannen will.



Leichtfüßig kam die Hirtin über den Sumpf herüber, von einem Moosbuckel zum andern springend. Die mußte fest und gesund sein! Sie bewegte sich, wie frohe Menschen tun. Die Füße waren nackt. Ein grauer Zwilchkittel hing bis zu den halben Waden hin. Sie trug kein Wams, kein Mieder; über dem groben Hemde war nur mit Lederriemen und kleinen Hirschhornknebeln ein roter Tuchstreifen um die Brüste geschnürt, die leise zitterten, so oft das Mädchen von einem Moosbuckel zum nächsten hinübersprang. Das straff gezopfte Schwarzhaar lag wie eine dicke, schwere Haube um das strenge, sonnverbrannte Gesicht, in dem die blauen, wunderlich ruhigen Augen sich ansahen wie verläßliche Sterne.



»Beim Wald da drüben«, sagte sie mit ihrer herben Knabenstimme, »wo der Weg ausgeht, da hättest umwegs gegen den Berg hin müssen. Der grade Weg ist nit allweil der beste.« Sie sprach so bedächtig, wie kluge Menschen reden, die schon in Jahren sind.



Er sah sie schweigend an und dachte: ›Tut wie ein Altes und ist ein paar Jährlein über die Zwanzig!‹



Sie hatte den letzten Moosbuckel erreicht, blieb mit dem einen Fuße drüben und stellte den andern auf des Pongauers Insel neben den Huf des Pferdes hin.



Da fragte der Reiter: »Bist du die Hirtin auf dem Hängmoos?«



Sie gab keine Antwort. Ihre geschickten Hände lösten flink eine Schnalle des Riemenwerkes und streiften das Zaumzeug über den Kopf des Pferdes herunter. Mit Tieren verstand sie umzugehen. Moorle wurde ruhig, sobald er diese Hände spürte, und drehte schnuppernd die Schnauze gegen die Hirtin hin. Sie zog dem Reiter den Zügel fort, den er noch immer festhielt, hängte das Zaum werk über die Schulter und sagte: »Absteigen mußt! Lang hab ich nit Zeit. Vor Nacht muß ich meine siebzehn Küh noch melken.«



Der kühle Bergschatten wanderte schon über das Sumpfland hinaus, und im Tale draußen bohrten sich die schwarzblauen Schattenkegel immer tiefer in den gelben Sonnenduft.



»Absteigen? Und der Gaul?«



»Ohne Bürd hat ers leichter, als wenn er tragen muß.«



Während der Reiter auf der ändern Seite des Pferdes aus dem Sattel glitt – ein bißchen vorsichtig – zerrte die Hirtin rasch die Schnallen des Gurtes los und nahm den Sattel auf ihren Nacken.



»Nein, du! Den laß mich tragen!«

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