Frei Lesen: Der Ochsenkrieg

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Ludwig Ganghofer

Der Ochsenkrieg

10

eingestellt: 2.7.2007





Sechs Spießknechte, die der Hauptmann zu Plaien am späten Abend in seine Schlafstube gerufen hatte, verließen nach Einbruch der Nacht die Burg durch eine Schlupftür. Es hieß, sie sollten der nahenden Ablösung entgegenziehen und die Straße sichern.



Um die zehnte Stunde wars ruhig in den Burghöfen. Droben in der Schlafstube des Hauptmanns brannte noch Licht, und von Zeit zu Zeit deckte der schwarze Schatten eines Mannes die rötliche Fensterhelle. Das war, als träte ein Ungeduldiger immer wieder an das Fenster, um in die Nacht hinauszuspähen.



Im inneren Hofe saß ein Schlafloser vor der Türe des kleinen Gästehauses auf der Steinbank, regungslos, mit der Stirne zwischen den Fäusten.



Jul, in einen Mantel gewickelt, trat aus der Tür und legte dem Gebeugten die Hand auf die Schulter: »Geh, tu rasten ein lützel!«



Runotter nickte. »Ich komm schon. Bald.«



Jul ging in das Haus zurück. Und Runotter saß aufrecht gegen die Mauer gelehnt, mit den Fäusten auf den Knien. Seine Augen suchten in der stahlblauen Höhe, in der die ruhigen Sterne funkelten.



Matter Lichtschein fiel aus den kleinen Fensterluken der Ställe. Manchmal hörte man das Schnauben und Wiehern eines Pferdes, das Klirren einer Kette, die müde Stimme einer Stallwache. Und wie ein Chorgesang von tausend sanften Murmelklängen war das Rauschen der Saalach in der stillen Nacht.



Die Felswände der Staufen und die Steinzinnen der Lattenberge wurden weiß vom Lichte des steigenden Vollmonds. Doch über Turm und Dächer von Plaien warf der schwarze Untersberg noch seinen finsteren Schatten.



Oder kam auch da droben auf diesen dunklen Gehängen schon der Mond? Eine wunderliche Helle zitterte über die steilen Wälder hinauf, und schwarze Waldmassen begannen sich mit rötlichem Schimmer zu säumen.



Runotter erhob sich, höhlte die Hände um den Mund und rief gegen den Söller des Turmes hinauf: »Höi! Wächter! Siehst du da droben das Feuer nit?«



Aus der schwarzen Höhe klang eine Stimme: »Wohl, ich schau schon allweil und weiß nit, was ich denken soll.«



Da wurde droben am Haus der Burg das erleuchtete Schlafstubenfenster aufgerissen, und der Hauptmann rief zum Turm hinüber: »Was ist denn?«



Während zwischen Haus und Turm die Stimmen hin und her klangen, wurde es in den Höfen lebendig. Die Söldner sprangen aus der Wachtstube und aus ihren Schlafkammern, die Roßbuben aus den Ställen, die Gesindleute aus dem Haus.



Dann kam der Hauptmann scheltend herunter und bestieg den Turm.



Auf dem Gehäng des Untersberges wuchs die Feuerhelle. Da droben lag der Hirschanger mit sieben bayrischen Bauernhöfen. Und man konnte nimmer zweifeln: Dort oben waren wieder ein paar leuchtende Sterne auf die schöne Erde gefallen. Man sah die Züngelflammen von Heustädeln und Hausdächern. Waren Spießknechte des heiligen Peter von Berchtesgaden brandschatzend auf bayrisches Gebiet geraten? Anders konnte man sich die brennenden Feuer da droben nicht erklären. Aber noch immer schüttelte Hauptmann Grans den struwelhaarigen Kopf: »Die Gadnischen müßt ja doch der Teufel reiten bei so einer Frechheit!«



Da hörte man in der Nacht das Geschrei von Menschen, die durch den Wald herunterflüchteten, hörte das Gebrüll von Rindern, das Gerassel ihrer Schellen, und zwischen den schwarzen Bäumen zitterte ein Schein von Fackeln, die der Plaienburg immer näher kamen.



Während der Vollmond über die Höhe des Gadnischen Hallturmes heraufstieg, das Tal der Saalach mit weißer Milch überflutete und neugierig aus dem ewigen Blau herunterguckte auf das sonderbare Treiben der Menschen, erreichte der Schwarm der Flüchtenden vom Hirschanger, an die dreißig Menschen – Männer, Weiber und Kinder, mit sechzig Rindern – das Tor der Plaienburg. Weil die kleine, enge Feste solchen Zulauf nicht fassen konnte, wurde das Vieh der Flüchtigen in den Baracken untergebracht, die man am Abend für die aus Burghausen angesagte >Ablösungstruppe< aufgeschlagen hatte.



Die Bauern berichteten: Von der Gadnischen Seite wären Spießknechte brandschatzend eingefallen; weil sie zuerst die auf den höheren Wiesen stehenden Heustadel niederbrannten, hätte sich alles Lebendige aus den Bauernhöfen noch rechtzeitig flüchten können, bevor das Feuer in die Häuser geworfen wurde.



Hauptmann Grans brüllte vor Zorn über diesen gottsträflichen Friedensbruch. Und dennoch schien seine tobende Wut eine kühle Sache zu sein, die ihm den Herzfleck nicht heiß machte. Nur die obdachlos gewordenen Bauern hatten das richtige Zornfeuer in ihren Seelen, die Weiber weinten oder schimpften, die Kinder zitterten stumm oder heulten. Und die Söldner, weil sie Arbeit und Beute witterten, schlugen einen Spektakel auf, daß alles Gemäuer der Burg widerhallte von ihrem Geschrei.



Es blieb dem Hauptmann Grans nach Brauch und Gesetz nichts andres übrig, als vier Reiter mit einem scharfzüngigen Sergeanten zum Berchtesgadnischen Hallturm hinaufzuschicken und in Herzog Heinrichs Namen strenge Sühne wegen dieser friedensbrecherischen Brandschatzung zu fordern.



Nach blassen Mondscheinstunden begann der Morgen eines schönen Tages sich rosig zu erhellen.



Die fünf Abgesandten brachten die Meldung: Der Hallturner schwöre die heiligsten Eide, daß er von der Brandschatzung nichts wüßte und wider Herzog Heinrich schuldlos wäre; keine Seele der Gadnischen Besatzung hätte während der Nacht den Burgfried und die Schanzen verlassen; er müsse nach üblichen Rechten jede Sühne verweigern; diesen brennenden Unfried hätte wohl der heilige Zeno in Falschheit angezunden, um den heiligen Peter von Berchtesgaden bei Herzog Heinrich schlecht zu machen.



Die Antwort wurde von der Plaienschen Besatzung mit Hohn und schreiendem Lärm empfangen. Und während die Söldner und Bauern einen wilden Rumor erhoben und den Hauptmann hetzten, der unentschlossen und schweigsam war, schmetterte plötzlich auf der Turmhöhe der Ruf eines Hornes.



Herr Martin Grans tat einen Atemzug der Erleichterung, sprang zum Turm hinüber und eilte hinauf zum Söller.



Der Hornbläser empfing den Hauptmann mit den drei vergnügten Worten: »Sie kommen, Herr!«



Es ging schon auf die sechste Morgenstunde. Die Höhen der Berge glühten im jungen Sonnenschein, und die Farben der Täler waren hell und leuchtend, obwohl sie noch vom zarten Blauschatten des Morgens umschleiert lagen. In der nördlichen Ferne draußen war das hügelige Land der Tiefe schon eine goldig schimmernde Schönheit. Inmitten dieses friedsamen Erdenleuchtens sah man etwas wunderlich Dunkles. Auf der Pidinger Straße kams heran. Und war wie eine lange, lange, bräunliche Schlange, die sich träg bewegte – war wie ein riesenhafter Tausendfüßler, stachlig und borstig – war wie ein rätselhaftes Untier, das sich in Windungen vorwärtsschob, einen dicken, staubgrauen Dampf aus seinen Ringen und Gliedern ausstieß und unter diesem wehenden Qualm ein Blitzen sehen ließ wie von metallenen Schuppen.



Lachend rief der Hauptmann: »Jetzt bin ich erlöst! Jetzt sollen die Berchtesgadner einen Dampf unter der Nase merken.« Er eilte hinunter in den Hof und schrie den Sergeanten an: »Was sagt der heilige Peter?«



»Daß er schuldlos war und daß er –«



Weiter ließ Herr Grans den Sergeanten nicht reden. »Reit hinauf! Und sag, daß mein gnädigster Herr sich nit abspeisen laßt mit Lügen und Ausflüchten. Meine geschädigten Bauren schwören: Das sind Gadnische Brandschatzer gewesen, zehn oder zwölf oder mehr. Ich will sagen, es sind bloß acht gewesen. Die hat der heilige Peter bis zur neunten Morgenstund gebunden, barhäuptig und barfüßig vor mein Gericht zu schicken. Und bis zur gleichen Stund hat der heilige Peter für den angestifteten Schaden gerechte Büß zu geben: zehn Pfund Pfennig für jeden niedergebronnenen Heustadel, vierzig Pfund Pfennig für jedes gebrandschatzte Baurenhaus. Ist binnen drei Stunden nit glatte Rechnung gemacht, so steht Glock zehne mein gnädigster Fürst, Herr Herzog Heinrich, in gerechter Fehd wider Land und Volk und Hab und Gut des heiligen Peter!«

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