Frei Lesen: Der Ochsenkrieg

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Ludwig Ganghofer

Der Ochsenkrieg

12

eingestellt: 2.7.2007





In der tobenden Gewitternacht, die über die Berge gekommen war, hatten die Menschen zu Berchtesgaden keinen Schlaf gefunden. Nicht, weil ruhelos der Regen prasselte und wütende Donnerschläge die Lüfte füllten.



Die Frauen und Mädchen hatten beklemmende Träume bei wachen Augen. Viele von ihnen flüchteten trotz Regen und Finsternis zu versteckten Tälern oder kletterten bei Laternenschein zu entlegenen Almhütten hinauf, um sich zitternd im Bergheu dunkler Dachböden zu verkriechen. Außer den Alten und Kranken blieben nur ein paar Lustige, die dem Schicksal trotzen wollten, und die von Sehnsucht erfüllten Häßlichen, die dem Feinde einen minder wählerischen Geschmack zutrauten, als ihn die Berchtesgadnischen Mannsleute bewiesen hatten. Es blieben auch die tapferen Mütter, die kein Schmachgedanke von ihren hilflosen Kindern trennen konnte, und die braven Frauen, in denen das Pflichtgefühl stärker war als die Angst vor dem unausbleiblichen Feinde.



Eine von diesen Frauen war die Amtmännin Someiner. Sie hatte in dieser Nacht sehr viel zu tun. Es blieb ihr keine Zeit, an den Feind zu denken. Und daß sie ihren Buben weit vom Schuß wußte – dieser Trost half ihr die Sorge tragen, die ihr die plötzliche Erkrankung ihres Mannes verursachte.



Herr Someiner war seit dem verwichenen Mittag ein schwer Leidender. Das stand außer Zweifel. Er lag zu Bett, mit häufigen Unterbrechungen, und litt entsetzliche Qualen. Sei es, daß der ehrenfeste Ruppert sich eine rapid wirkende Erkühlung zugezogen hatte – sei es, daß ihm der ruhelose Gedanke an seine Amtsentsetzung gleich einem giftigen Wurm das Leben benagte oder daß ihm sein schlechtes, von siebzehn lebendigen Ochsen und vielen erschlagenen Menschen bedrücktes Gewissen die Eingeweide belastete – so oder so, er fühlte sich seinem letzten Stündlein erschreckend nahegerückt. Kein Warmbier mit Muskatnuß, kein heißer Wein mit Zimtrinde wollte helfen. Immer wieder erneute sich das heimtückische Leiden. Den drohenden Tod vor Augen, wollte Herr Someiner mit dem Irdischen abschließen und sein Testament machen; aber sein Leiden gewährte ihm die freie Minute nicht, die er zum Schreiben nötig hatte. Er kam der völligen Auflösung immer näher.



Vom Abend bis zum Morgen, unter Blitz und Donner, lief Frau Marianne zwischen Krankenstube und Küche unermüdlich hin und her. Und in den kurzen Pausen, die ihr die Pflege des leidenden Gatten bewilligte, hatte sie notwendige Kriegsgeschäfte zu erledigen. Sie mußte, was an Geld, an Schmuck und Silber im Hause war, auf dem Dachboden verräumen oder an den undenkbarsten Plätzen vermauern. Die alte Magd, die der Amtmännin bei diesem Huschelwerke behilflich war, äußerte dunkle Ahnungen über das Findertalent der Kriegsleute, denen sie auch sonst noch himmelschreiende Dinge zutraute. Doch Frau Marianne fand die tapfere Antwort: »Soll nur einer kommen! Dem schlag ich meinen Schurz ums Maul, daß ihm Hören und Sehen vergeht.«



Die gleiche Arbeit, die von der Amtmännin auf dem Dachboden und sonstwo geleistet wurde, geschah während dieser Gewitternacht in allen Häusern von Berchtesgaden. Wer einen Knopf von Wert besaß, vergrub ihn.



Auch im Stift waren viele Hände damit beschäftigt, die Pergamente und Kostbarkeiten, das silberne Tafelgeschirr und das bescheidene Quantum des nach den Rüstungen der letzten Wochen noch übrigen Bargeldes in Sicherheit zu bringen.



Noch immer hofften die Chorherren, daß Fürst Pienzenauer in jeder nächsten Stunde mit der ersehnten Hilfe aus Salzburg heimkehren würde. Und als mit dem erwachenden Morgen das Gewitter sich ausgetobt hatte und ein schwerer Nebel das Tal bis zum Erdboden füllte, setzten die Herren neues Zutrauen auf dieses dicke Grau, bei dem auch eine feindliche Übermacht den Sturm nicht wagen konnte. Doch sie wollten sicher gehen für alle Fälle. Als es zu dämmern anfing, knatterten sieben mit Nahrungsmitteln, Zelttüchern, Decken, Kissen und Kochgeschirr beladene Wagen zum Königssee hinauf. Dort war eine versteckte Waldschlucht mit einer großen Flöhle, die man die >Klostergrube< nannte. Hier hatten sich auch bei früheren Kriegshändeln die flüchtenden Chorherren geborgen. Alle, die zum fürstpröpstlichen Hof des heiligen Peter gehörten, hatten Kenntnis von diesem Schlupf und wußten, wohin sie rennen mußten, wenn eine gefährliche Stunde schreien würde: »Menschenkind! Jetzt spring!«



Gegen die neunte Morgenstunde fing von Westen her ein fester Wind zu blasen an und brachte die grauen Schwaden der Lüfte in jagende Bewegung. Und da hörte man von der Reichenhaller Gegend herüber ein dumpfes Murren, das ferne Stimmengebrüll der >Hornaußin< und der >Landshuterin<, die beim Hallturm mit der >Anna< und >Susanne< musizierten. Die Berchtesgadner wußten, es stand eine erdrückende Übermacht vor den Grenzen des Ländleins. Je schneller die dumpfen Pulverstimmen in der Ferne bollerten, um so mehr begann sich das Gefühl der Unsicherheit zu einer ratlosen Verwirrung zu steigern. In den Höfen des Stiftes und in allen Gassen von Berchtesgaden gabs ein schreiendes Gerenne.



Inmitten dieses angstvollen Aufruhrs spielte ein paradiesisches Idyll, von den häßlichen Dingen der Welt durch dichtgeschlossene Fensterläden geschieden.



In der ebenerdigen Dampfkammer des Badhauses, dessen obere Stockwerke den >frummen< Fräulein und Pfennigfrauen zur Wohnstatt angewiesen waren, nahmen zwei blessierte Helden während des Bades ihr reichliches Frühstück ein, der Chorherr Jettenrösch, mit einem Verband um den rechten Oberarm, und der junge Sigwart zu Hundswieben, mit verbundenem Haardach und einem knopfähnlichen Pflaster auf der Nasenspitze. Jeder von den beiden saß in einer hohen, langen, zwiebädrigen Holzkufe. Dem Jettenrösch saß in der Wanne das Fräulein Rusaley gegenüber, dem Hundswieben das Fräulein Aglaja. Zwischen Männlein und Weiblein war über die Kufe ein Brett gelegt und mit gesticktem Linnen bedeckt. Neben den Zinntellern, auf denen Obst und hartgekochte Eier aufgetragen waren, standen die mit Rotwein gefüllten Becher. In einer dritten Kufe saß einsam das Fräulein Gerilind und spielte mit flinken Hämmerchen auf einer Stahlzitter. Die frummen Fräulein trugen hohe, mit allerlei Glitzerschmuck gezierte Hauben, die das Haar züchtig verhüllten. Während man so das Frühstück verzehrte, wurde mit höfischer Zierlichkeit ein heiteres, neckendes Gespräch geführt. Und manchmal lachte Fräulein Aglaja oder Fräulein Rusaley mit hellem Stimmchen belustigt auf. Nur das einsame Fräulein Gerilind blieb ernst und widmete sich mit musikalischem Pflichtgefühl dem klingenden Stahlkonzert, obwohl von diesen feinzirpenden Tönen nicht viel zu vernehmen war. Denn die zwei großen kupfernen Dampfretorten, unter denen das Feuer in gemauerten Herden prasselte, ließen mit sausendem Geräusch die heißen, köstlich nach Latschenöl duftenden Dunstwolken in die Kammer strömen.



So verging den Badenden der halbe Vormittag in modischer Ergötzlichkeit. Bei dem sonnigen Frohsinn, der ihre weltentrückten Seelen erfüllte, bemerkten sie lange nicht, daß das Wasser, in dem sie saßen, bedenklich an angenehmer Temperatur verlor. Aber schließlich fühlten sie doch den wachsenden Entgang an Sitzwärme und läuteten der Bademagd.



Diese Magd erschien nicht. Als jener angstvolle Aufruhr durch die Gassen von Berchtesgaden gesprungen war, hatte auch der erschrockene Bader mit seinen Leuten Reißaus genommen und völlig der in der Dunstkammer sitzenden Badgäste vergessen, die beim sausenden Gepfurr der Dampfretorten weder den versiegenden Büchsendonner in der Ferne vernommen hatten, noch das wachsende Menschengeschrei der nahen Gasse zu hören vermochten. Aber jetzt, weil unter den Retorten das Feuer auszugehen drohte und der Dampf immer schwächer zischte, wurden die Arkadier im verkühlenden Wasser aufmerksam auf die rohen Stimmen der Außenwelt. Und plötzlich hörten sie ein verzweifeltes Geschrei, dazu den Hufschlag jagender Rosse auf dem Pflaster. Herr Jettenrösch, von böser Ahnung befallen, hüpfte aus der Kufe heraus und zerrte an einem Fenster die Läden auf. Über seinen Kopf weg fuhr der dicke weiße Dunst des Baderaumes in den bleichen, kühlen Tag hinaus. Und da draußen gewahrte Herr Jettenrösch einen mit dem Pferde quirlenden Reiter, der sich auf der Flucht in den Gassenwinkel vor dem Badhaus verirrt hatte. »Gotts Tod! Was ist denn geschehen?«

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