Frei Lesen: Der Ochsenkrieg

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Ludwig Ganghofer

Der Ochsenkrieg

Zweiter Band 1

eingestellt: 2.7.2007





Die erste Stimme des jungen Morgens, der zu Berchtesgaden erwachen wollte, war ein dünnes Pochen und Klingen, das sich flink und ruhelos wiederholte.



Im Flur des Someinerschen Hauses saß Malimmes rittlings auf einer Holzbank und klopfte mit dem Hammer an des Buben Küraß die Dullen aus.



Auch von den Nachbarhäusern war das gleiche Hämmern und Pochen zu hören. Gepanzerte Wachen klirrten auf der Straße vorüber; Gäule wurden hin und her geführt; verstörte Weibsbilder huschten vorbei; und von irgendwo hörte man den johlenden Gesang bezechter Kriegsleute.



Malimmes hob das Eisenzeug auf den Arm und ging zur Amtsstube. Die zwei Knechte waren schon im Stall; Runotter schlief noch und lag auf dem Heu wie ein regungsloser Klotz. Um Ruhe zu finden, hatte dieser sonst so Mäßige am verwichenen Abend schwer gebechert, bis spät in die Nacht hinein. Der Soldknecht beugte sich nieder und rüttelte den Schlafenden am Arm. Runotter hob den Kopf; sein stumpfer Blick ging langsam über die hellen Fenster hin. »Herr«, sagte Malimmes, »der Morgen ist da.« Dann stieg er die zwei Treppen hinauf, stellte die blanken Wehrstücke des Buben auf den Boden hin und ließ das Eisen ein bißchen klirren. Er lauschte.



In dem weißen Stübchen da drinnen blieb es still.



Als Malimmes wieder hinunterstieg, begegnete ihm die Amtmännin, die verschüchtert die böse Narbe des Söldners anstarrte. Sie schien diesen schreckhaft aussehenden Kerl, obwohl er lachte, nicht unter die guten Seelen zu rechnen. Er sagte: »Frau! Für den Buben da droben müsset Ihr was tun!«



Frau Marianne nickte gleich.



»Er hat bei der Hallturmer Mauer das Helmdach verloren. Jetzt braucht er ein neues Eisenhütl.«



Die Amtmännin stammelte: »Ach, Mensch, da weiß ich aber nicht –«



»Geh, Frau! Ihr habt doch einen ausgewachsenen Sohn.«



Schweigend ging Frau Marianne davon. Und sie hatte nasse Augen, als sie einen zierlichen Stahlhelm mit grauem Reiherbusch aus der Stube brachte.



Malimmes lachte. »Gelt? «Wenn man will, geht alles. Jetzt tragt ihm das Hütl aber auch selber hinauf! Mit einem rechtschaffenen Frühmahl!« Er nickte der Amtmännin lustig zu. Drunten im Hofe fand er den Runotter, der sich am Brunnen wusch. »Recht so, Herr! Kalt Wasser ist gut. Des Weins, mein ich, ist dir gestern ein lützel zu viel worden? Nit?«



»Ich hab schlafen können.« Runotter richtete sich auf. Seine nassen, völlig ergrauten Haare tropften, und dünne Glitzerfäden liefen ihm über das müde Gesicht. »Jetzt bin ich wieder nüchtern. Und da ist mir allweil eine Frag im Hirn.«



»Was für eine?«



Mit schwerer Trauer in den Augen sah Runotter den Söldner an. »Was besser ist: Unrecht leiden oder Unrecht tun?«



»Herr! Da ist eins so dumm wie das ander. Der richtige Weg geht zwischendurch.«



»Den finden bloß die Glückhaften.«



»Nit wahr ists. Man muß halt suchen. Aber komm! Eins nach dem ändern. Jetzt essen wir zuerst die Supp.«



Als sie bei der Schüssel saßen, kamen zwei von den Plaienschen Soldknechten und holten den Malimmes zum Hauptmann Grans. Er schien diesen Weg nicht gerne zu machen. Und flüsterte dem Runotter zu: »Laß den Buben nit aus dem Haus! Und die Gaul müssen unter Zaum und Sattel sein. Den ganzen Tag.«



»Was fürchtest?«



»Geforchten hab ich noch nie was. Aber gestern hab ich allerlei gemerkt, was mir nit gefallen hat. Wir reden noch drüber. Jetzt muß ich zum Hauptmann. Hauptleut warten nit gern.«



Als Malimmes das Haus verlassen hatte, legte Runotter seine Platten an und ging zum Stall. In den kleinen Hof, wo der Brunnen war, fiel schon die Morgensonne herein. Runotter guckte am Haus hinauf und sah auf der Altane des zweiten Stockes den Buben stehen, in Küraß und Schienen. Jul, ganz in Sonne, das schmale Gesicht umschattet von den dichten Strähnen des schwarzen Haares, beugte sich über das Geländer, nickte dem Gepanzerten im Hof da drunten zu und wollte in die weiße Stube treten. Doch heiß erschrocken blieb der Bub auf der Altanenschwelle stehen, ein schlanker Schatten vor dem Glanz der Sonne.



Frau Marianne, den zierlichen Stahlhut mit den grauen Reiherfedern auf dem Arm, und die alte Magd, mit Wein und Mahl für den Durst und Hunger eines Riesen, kamen zur Tür herein. In ängstlicher Hast bestellte die Magd den kleinen Tisch und surrte davon. Die Amtmännin machte erstaunte Augen, als sie das säuberlich bedeckte Bett und das sorgfältig aufgeräumte Stübchen sah. Zum erstenmal, seit die Kriegsleute in ihr Haus gefallen, bekam ihr Gesicht einen ruhigen, fast frohen Ausdruck. Der rätselhafte Schutz, der ihrem Haus zu Hilfe gekommen war, hatte ihr Herz nicht so zutraulich berührt wie die Ordnungsliebe dieses gepanzerten Knaben. »Junger Mensch«, sagte sie, »dich hat deine Mutter gut erzogen.« Weil der Bub gegen die Sonne stand, konnte sie die Erschütterung nicht gewahren, die den Wortlosen befiel. Sie reichte ihm den schmucken Helm mit den Reiherfedern hin. »Der Soldknecht mit der bösen Narb hat mir gesagt, du tätst ein Eisenhütl brauchen. Da ist eines. Ich hätts keinem anderen gegeben. Dir geb ichs gern.« Sie sagte herzlich: »Komm, tu dein junges Köpfl her! Ob das Hütl paßt?«



Jul beugte den Kopf. Und von den Schultern fiel ihm das schwarze Haar um die heißen Wangen.



Frau Marianne hob den Stahlhelm über die Stirn des Buben. »So ein junges Köpfl muß guten Schutz haben!« Sie seufzte schwer. »Ach, der Krieg!« Da wurde sie wieder heiter. »Guck nur, wie das Hütl sitzt!« Sie trat zurück und betrachtete den Buben mit Wohlgefallen. »Meinem Sohn hats auch so gut zu Gesicht gestanden. Der hats gekriegt, wie er wehrhaft worden ist.«



Erschrocken nahm Jul den Helm herunter. »Das Hütl nimm ich nit. Ich bin kein Sackmacher.«



»Du? Ein Sackmacher? Und hast meinem Haus den Fried geschenkt. In einer schiechen Zeit.«



Hastig sagte der Bub: »Bloß weil ich den flinkeren Gaul hab, bin ich der erste beim Tor gewesen. Daß Eurem Haus nichts Ungutes widerfahren soll, das hat mein – – Wahr ists Frau! Das hat der Runotter so haben wollen, mein Vetter.«



Frau Marianne beugte den Kopf, wie um hinunterzulauschen nach der üblen Leidenskammer ihres Mannes. Dann sagte sie ernst: »Was man deinem Vetter getan hat, ist ohne Verstand gewesen. Und da vergilt ers an unserem Haus mit gütigem Fried! Dein Vetter ist ein redlicher Mann. Soll ihn der schieche Krieg nicht anders machen. Der Krieg ist ein Leutverderber.« Während Frau Marianne diese Goldmünze ihrer Weisheit prägte, hatte Jul mit zitternden Händen den Helm auf die Bettkissen hingelegt, in die das blinkende Eisen lautlos versank. »Aber komm, Bub, jetzt tu dich hersetzen! Ganz wohl ist mir, daß ich ein lützel plauschen kann. Dein Mahl hab ich selber gekocht. Da möcht ich auch zuschauen, wies dir schmeckt. Greif zu! Es ist dir vergönnt.« Sie legte ihm vor, füllte das Weinglas und redete dem Zögernden herzlich zu. Und immer betrachtete sie den Buben, während er aß. »Vor sieben Jahr, bei einem Richtmannsfest in der Ramsau, hab ich deines Vetters Mädel gesehen. Ist selbigsmal noch ein halbes Kind gewesen. Und so viel trutzig gegen meinen Buben. Ich muß dran denken, weil ich mein, du ähnelst ihr ein lützel.«



Jul beugte das Gesicht über den Zinnteller. »Oft sagens die Leut.«



»Wo ist das Mädel jetzt?«



Mühsam antwortete der Bub: »Es heißt, die hat der Vetter hinübergeschickt ins Pondau – zu seiner Schwägerin –«



»Ist das deine Mutter?«

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