Frei Lesen: Der Ochsenkrieg

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Ludwig Ganghofer

Der Ochsenkrieg

10

eingestellt: 2.7.2007





In den großen Zelten, die auf der Wiesenhöhe der Nürnberger Straße für das Königspaar und sein Gefolge errichtet standen, hatten Herr Sigismund und Frau Barbara die verstaubten Reisekleider abgelegt und für den Einzug in Regensburg sich angetan mit dem Schmuck der Herrscherwürde.



Während die Königin, die immer geraumer Zeit bedurfte, um sich schön zu machen, noch vor dem silbernen Reisespiegel saß, hatte der König schon das Zelt verlassen und stand in der milden Sonne. Noch trug er die Krone nicht. Doch seine hohe Gestalt, in der sich Majestät und Anmut paarten, war schon umflossen von den starren Falten des schwer mit Gold bestickten und mit Hermelin verbrämten Purpurmantels. Darunter schimmerte der lange, bis zum Gürtel geschlitzte Reitrock von mattgrüner, mit Perlenblumen benähter Seide. An den Füßen glitzerten die goldgespornten Schnabelschuhe; und die großen, bunten Emailglieder des Gürtels trugen das breite Schwert, an dessen Knauf ein grüner Smaragd von der Größe einer Welschnuß funkelte – ein Stück geschliffenen Glases – den echten kostbaren Schwertstein hatte Herr Sigismund zu Nürnberg verpfänden müssen, um Geld für die Regensburger Reise zu beschaffen. Dieses Geld war auch schon wieder ausgegeben, war auf der langen Reisestrecke in die flehenden Hände des verarmten Volkes geflossen, das überall in hoffendem Glauben die Straße des schönen, hilfreichen Königs belagert hatte. Er kam zu seiner treuen Reichsstadt Regensburg mit einer Tasche, die so leer war wie ein junges Grab, aus dem der Schaufelmann soeben herausgestiegen.



Von den widerlichen Sorgen, die seine häusliche Wirtschaft bedrückten, war in seinen hellen, heiteren Augen kein Schatten zu gewahren. Er schwatzte munter und stand unter dem reinen Himmel wie ein menschgewordener Sonnenstrahl. Das kurzgelockte Braunhaar des Vierundfünfzigjährigen war noch ohne grauen Faden. Ein sorgsam gepflegter, in zwei Spitzen geteilter Vollbart mit lichterem, hübsch geschwungenem Schnauzer umrahmte das längliche, edelgeformte Gesicht, das frische, gesunde Farben hatte. Doch rings um die frohen Augen waren viele feingerissene Faltenzüge; sie erzählten von Blutstürmen und von Dingen, die nach Meinung der Frommen vor Gott kein Wohlgefallen finden. Wer nicht dicht vor dem König stand, sah diese Runenschrift eines wild durchrüttelten Lebens nimmer, sah nur den fürstlichen Kopf, diese herrliche, anmutsvoll bewegte Mannsgestalt, diesen König von unverwüstlicher Jugend und Schönheit, dem die Herzen des Volkes entgegenjubelten, wenn er lächelte und freundlich grüßte.



Neben ihm stand der päpstliche Legat Branda in scharlachfarbener Kardinalstracht mit einem wie aus Marmor geschnittenen Greisenkopf. Den beiden las der junge Kanzler Schlick eine Botschaft vor, die aus München gekommen war. Der Bote, der sie gebracht hatte – Lampert Someiner – stand bei den Herren des Hofes, grau verstaubt nach einem jagenden Ritt, in den Augen ein ruhiges Leuchten.



Während der Kanzler mit halblauter Stimme las, wurde ein Imbiß eingenommen. Wie beim Mahl auf einer Falkenbeize stand man zwischen angepflöckten Rossen oder saß auf Wiesenbuckeln und aß aus kleinen, billigen Zinnschüsseln. Das goldene Reisegeschirr der Majestät war zu Nürnberg bei dem großen Schwertsmaragd zurückgeblieben.



Der König hörte die Botschaft, die da gelesen wurde, mit Lächeln an. Eine leichte Röte auf seiner Stirn verriet den Zorn, den er stumm bezwang. Der Kardinal erregte sich: »Die Fürsten zu München sind begabt mit versöhnlichen Seelen. Sie verzeihen dem Ingolstädter flink. Rom wird zögern müssen mit seiner Güte.«



»Wie immer!« Herr Sigismund sah zu einer Herrengruppe hinüber, die den zwerghaften, großköpfigen Narren des Königs umstand und in schallendes Gelächter ausgebrochen war. »Was ist da drüben? Laßt euren sorgenvollen Herrscher mitlachen!«



Einer kam: »Wir sprachen von heißblütigen Frauen. Da sagte der Narr: In den Leib jener Frauen, die als Liebende unersättlich sind, müßte von ungefähr ein Pantherhaar geraten sein, das sich nimmer entfernt und ruhelos kitzelt.«



Die Majestät wurde verdrießlich. »Unser Narr kennt die Frauen, wie der Neid die Freude.« Und in böhmischer Sprache, die der Kardinal nicht verstand, sagte Sigismund seufzend zum Kanzler: »Wenn der Wirrsinn des Narren Wahrheit wäre, müßte unsere Königin einen ganzen Panther verschluckt haben.«



Da griffen plötzlich viele Herren nach ihren Waffen. Hinter dem Lagerplatz jagte auf der Nürnberger Straße eine dicke Staubwolke heran. Als man die Reiter und zwei braun und weiß gefleckte Hunde erkennen konnte, flüsterte Schlick: »Der Ingolstädter, mit dem Pienzenauer und Törring.«



Stumm, in aufbrennendem Zorne, wandte sich der König und trat so hastig ins Zelt, daß sich der Purpurmantel wie eine schwere Fahne hinter ihm herbauschte. Der Kanzler ihm nach. Im Zelt schrie Herr Sigismund: »Ich will ihn nicht sehen. Er hat wider Uns und das Reich gesündigt. Ich muß ihn von der Herrschaft stoßen.«



Da stand der zwerghafte, großköpfige Narr bei ihm, zupfte am Mantel des Königs und pisperte mit seinem Kastratenstimmchen: »Vetter, überschrei dir die Lunge nicht! Sonst wirst du zu Regensburg vor den schönen Frauen husten müssen, statt daß du gewinnend redest.«



Diese Stimme floß wie öl auf den Zorn des Herrschers. Ratlos sagte er zu Schlick: »Was soll ich tun?«



Lächelnd flüsterte der junge Rat: »Eine gütige Strenge wählen, die für heute zu nichts verpflichtet. Und warten, bis Vetter Heinrich sprach. Der Schatzturm von Burghausen hat eine Stimme, auf die man in knappen Zeitläuften hören muß.«



Alles Redliche in Sigismund wallte auf. »Schlick! Das ist ein Grauenvolles an meinem Leben. Immer will ich das Gute und Gerechte und muß es biegen und beschmutzen –«



»Warum?« piepste der Zwerg. »Weil wir sonst den Schneider, Schuster und Bäcker nicht bezahlen können.«



»Schweige, Narr! Deine Späße lügen. Den König belügen alle. Vor dreißig Jahren hat mir einer, den ich vom Schwert zum Leben begnaden wollte, ins Gesicht gerufen: »Ich nehme nichts geschenkt von dir, du böhmisches Schwein!« Und hat seinen Kopf auf den Block gelegt. Seit damals hat mir keiner mehr die Wahrheit gesagt! – Nur einer. Wo ist er? Narr! Hole mir den Fritz!«



Das großköpfige Männlein zappelte davon. Dann trat mit ihm ein kraftvoller Mann von fünfzig Jahren in das Zelt, schwer und schmucklos gepanzert, ohne Helm, mit dem roten Adler zwischen den schwarzweißen Gevierten des Waffenrockes. Der Kopf hatte in der Art des Braunhaares und des geteilten Vollbarts eine leichte Ähnlichkeit mit der Majestät, doch das sonnverbrannte Gesicht war gröber, fester und ruhiger; dazu ein Mund, der gerne und kräftig lachte, und kluge, graublaue Augen wie blanker Stahl – Friedrich von Zollern, der Burggraf von Nürnberg, der neue Herr der Brandenburger Mark.



In Erregung fragte der König: »Weißt du, wer kommt?«



»Er ist schon da.« Der Markgraf lachte. Er redete laut und rasch. »Rom setzt ihn bereits auf glühende Kohlen und röstet ihm das christliche Fundament. Ich besorge, man wird ihn um mancher Sünde willen brennen, die er nicht beging.«



»Hinter deinen Worten ist Erbarmen. Bist du nicht sein Feind?«



»Ich? Nein! Ich bin keines Mannes Feind. Schlägt einer her, so schlag ich hin, um ein gut Teil gröber als der andere. Kann er sich vertragen, so bin ich friedsam. Oheim Ludwig ist ein Baum mit Ästen, die gut sind. Die maßlos aufgeschossenen sind ihm gestutzt worden. Jetzt mögen die gesunden treiben. Das sollte die Majestät in Güte fördern.«

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