Frei Lesen: Der Ochsenkrieg

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Ludwig Ganghofer

Der Ochsenkrieg

5

eingestellt: 2.7.2007





Schon zeitig am Morgen fingen die Herren wieder zu schießen an. Sigwart von Hundswieben, Gesicht und Hände wie von Ruß geschwärzt, glich einem Betrunkenen in seiner Freude an diesem Gedonner und Rauchgewoge, das über die Firste des Stiftes emporwirbelte, als wäre die klösterliche Stätte verwandelt in eine kriegerische Brandstatt. Der Übermut des jungen Hundswieben steckte die ändern Domizellaren, sogar die älteren Chorherren an. Nicht minder lustig waren die neugierigen Leute, die sich auf der Straße um die Mauer des Hirschgrabens drängten und das Zugucken nicht satt bekamen. Ein paar Furchtsame rannten freilich erschrocken davon, als der junge Hundswieben Belagerung spielen wollte und die mit einer kinderkopfgroßen Steinkugel geladene Kammerbüchse gegen die Straßenmauer richtete. Ein banger Schrei der vielen Menschen, ein Rückwärtsweichen und Auseinanderfluten. Dann läutete die Annasusanne – wie Hundswieben sein bedenkliches Spielzeug getauft hatte – ein Pulverblitz, ein Krach, eine kreisende Rauchwolke, ein Gekoller von Steinbrocken, und mitten in dem alten grauen Gemäuer konnte man plötzlich ein rundes Auge des blauen Himmels gewahren. Wie durch ein Wunder war der gefährliche Scherz ohne böse Folgen abgelaufen. Und als die Leute das merkten, fingen sie gleich wieder vergnügt zu schwatzen an. Ein Kreischen wie beim Schembartlaufen erhob sich, als Hundswieben und die andern Domizellaren die Bresche unter fröhlichem Kriegsgeschrei erstürmten, in den Schwarm des Volkes eindrangen und zwei junge hübsche Mädchen haschten, die sie als Siegesbeute mit sich herunterrissen in den Graben. Die eine, die immer lachen mußte und dennoch Zetermordio schrie, wurde rittlings auf das heiße Büchsenrohr gesetzt. Dabei lud man die Annasusanne wieder. Auf der Straße gabs ein johlendes Gebrüll, als die langgestielte Rohrbürste so hurtig aus und ein fuhr. Und ganz närrisch lachten die Leute, als die Herren den Pulverdampf eines blinden Schusses dem andern Mädel unter das aufgehobene Röcklein fahren ließen. Dem entsetzten Opfer dieses Scherzes pfurrten die dicken Rauchfäden aus Hemdärmeln und Kittelschlitz heraus.



Ein paar von den Leuten gingen freilich mit zornrotem Gesicht davon. Immer gibt es Dummköpfe, die keinen Spaß verstehen. Wenigstens war der junge Hundswieben dieser Meinung.



Neben dem Scherz und Übermut der Herren schien in dieser knallenden Pulverstunde auch eine ernste Sache zu spielen. Lampert Someiner tauchte mit verstörtem Gesicht aus dem Hof des Stiftes heraus. Er lief, daß ihm die Menschen auf der Straße verwundert nachsahen. In den Flur des elterlichen Hauses stürmend, schrie er den Namen des Stallknechtes. Und weil sich der Knecht nicht sehen ließ, sprang Lampert selbst in den Stall und sattelte in Hast den Moorle.



Für einen Ritt war Lampert nicht gekleidet. Er kam von einer Reverenzvisite bei seinem fürstlichen Herrn und trug ein kostbares Hofkleid, mit einem zierlichen Dolch am Gürtel. Von seiner Mardermütze hing rückwärts eine goldfarbene Seidenschärpe herunter und schwang sich unter dem linken Arme bis zur Brust.



Mit diesem feinen Kleide stapfte Lampert aufgeregt im Dünger des Stalles umher. Er fluchte, als der Pongauer beim Zäumen nicht gleich die Zähne auseinandertat. Schon im Hofe schwang sich Lampert auf den Gaul hinauf und ließ ihn über das Holzpflaster des Flures hinauspoltern auf die Straße.



Die Tür der Amtsstube wurde aufgerissen, und Herr Someiner erschien, mit dem Gänsefähnlein hinter dem Ohr. »Was soll denn das? Bub? Was willst du?«



Lampert war schon draußen im Licht, und nur der lange, buschige Schweif des Moorle wehte dem Amtmann noch eine unverständliche Antwort zu.



Jagende Schritte, ein stammelnder Laut. Und aus dem dunklen Treppenschachte fuhr die weiße Frau Marianne heraus.



»Ruppert! Das ist doch der Bub gewesen?«



»Mir scheint –«



Die beiden rannten auf die Straße hinaus. Dem Amtmann stieg das Blut zu Kopf, und ein deutliches Unbehagen redete aus seinen verdutzten Augen. Frau Marianne rief mit schriller Stimme: »Lampert! Lampert!« Aber der Reiter, der den Moorle trotz des löcherigen Pflasters zum Jagen zwang, verschwand schon um die Wende der Marktgasse. »Lampert!« klang noch ein drittes Mal der schrille, angstvolle Ruf.



Ein Gewirr von Stimmen quoll vom Hirschgraben her. Die fleißige Annasusanne brüllte wieder, und während das Echo des Schusses über die in Sonne flimmernden Berge hinrollte, grub sich in das Herz der Frau Marianne eine bange Muttersorge, von der sie durch fünfzehn Monate nimmer erlöst werden sollte.



Auf den Moorle, der an den letzten Häusern von Berchtesgaden schon vorbei war, hatte das Gebrüll der Kammerbüchse wie ein Peitschenschlag gewirkt. Der Rappe hämmerte mit den Hufen, daß eine wehende Staubwolke um ihn herum war. Roß und Reiter wurden grau. Nur die wehende Schärpe behielt noch ihre Farbe und war hinter dem Reiter vom Luftzug des jagenden Rittes zu einem Halbreif ausgebogen, wie der goldene Henkel hinter einem silbernen Krug.



Dann schlug auf der hochliegenden Straße der Wind um und wehte den aufgewirbelten Staub vor dem jagenden Rosse her. Lampert, ganz eingehüllt in dieses dampfende Grau, sah nimmer auf zehn Schritte weit. Ein Hornruf, den er plötzlich hörte, verriet ihm, wie weit er in der Stunde dieses hetzenden Rittes schon gekommen: bis zum Burgstall am Gwöhr, einem Innenwerke der Befestigungen, mit denen der Hallturm die Berchtesgadnische Grenze gegen Reichenhall und das Landshutische Bayern schützte.



Den Pongauer parierend, schüttelte Lampert den Staub vom Gesicht und streifte ihn von den Augenlidern. Und als die graue Wolke davondampfte, stieg aus ihrem Schleier ein wundervolles Bild heraus. Keine Burg. Nur eine Mauthalle, ein kleiner Turm und ein schlechtes Haus hinter grob geschichtetem Gemäuer. Aber die Sonne vergoldete das alles, und hinter dem leuchtenden Schlößlein glänzte der Sammet hundertjähriger Wälder und die träumende Ferne der ins Blau gehobenen Berge.



Ein paar Söldner, deren Waffen in der Sonne blitzten, guckten aus den Scharten des Turmes herunter und erkannten den jungen Someiner.



Er schrie hinauf: »Sind acht von den unseren da vorbeigekommen?«



»Wohl, Herr, die sind über den Saurüssel aufgestiegen, ein Stündl mags her sein.«



»Die muß ich einholen!«



Noch eine kleine Strecke ging der Ritt auf der Straße hin. Nun klomm der Rappe über das steile Gehäng einer Wiesenschlucht hinunter und drüben wieder hinauf, er keuchte, immer steiler ging es bergan, auf groben Wegen, durch Bachschluchten und dichten Hochwald. Auf einer ebenen Höhe mußte Lampert den Gaul rasten lassen. Und der Reiter, dessen Blicke immer suchten, sah hoch droben über dem Bergwald die acht Pfändleute auf steiler Windbruchfläche hinaufklettern gegen den Hängmooser Paß, zwei, die ihre Rosse führten, zwei unberittene Spießknechte und vier Troßbuben.



Lampert tat einen Schrei, der ihm die Stimme zerriß.



Die acht da droben hörten nicht, der Lärm ihres Marsches über das dürre Astwerk erstickte jeden Laut der Tiefe. Sie stiegen höher und höher. Jetzt kamen sie zu dem grasigen Paßweg. Die beiden Reiter konnten wieder aufsitzen, und so zogen die acht in den von Sonnenlichtern durchfunkelten Wald hinein.



Marimpfel, der die Wege seiner Heimat kannte, ritt voraus. Plötzlich verhielt er den Gaul, hob sich im Sattel und spähte in den Wald. Rannte da nicht ein Bauernbub?



»Halt!« brüllte Marimpfel.



Doch der Bub hetzte durch den Wald hinunter gegen die Hängmooser Schlucht und suchte Wege, wo kein Reiter ihm folgen konnte. Jetzt sah er einen grünen Fleck der Alm. Wie ein blinkender Erzwürfel lag die Hütte in der Mittagssonne. Taumelnd klammerte sich der Bub an einen Baum und schickte einen gellenden Schrei zur Hütte hinauf – und wieder einen – wieder einen. Dann rannte er in die Schlucht hinunter, dem Taubenseer Karrenweg entgegen. Von den Gratwänden kam ein vielfaches Echo der gellenden Schreie. Es klang, als säßen rings um die Alm herum die Hüterbuben dutzendweise, und als kreischte jeder von ihnen einen Jauchzer in die schöne, friedliche Sonne.

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