Frei Lesen: Der Ochsenkrieg

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

Erster Band 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | Zweiter Band 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 11 |

Weitere Werke von Ludwig Ganghofer

Die Trutze von Trutzberg | Das Kasermanndl | Gewitter im Mai | Der Jäger von Fall | Hochwürden Herr Pfarrer |

Alle Werke von Ludwig Ganghofer
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Der Ochsenkrieg) ausdrucken 'Der Ochsenkrieg' als PDF herunterladen

Ludwig Ganghofer

Der Ochsenkrieg

8

eingestellt: 2.7.2007





Die vierzig Reiter, die den andächtigen Bittgang der Ramsauer hindern sollten, kamen zu spät, um den heiligen Zeno vor Zulauf zu behüten. Bei der Haller Grenzverschanzung im Schwarzenbachtal war die Mautschranke hinter dem letzten Karren der Ramsauer schon gefallen. Drei Gadnische Hofleute setzten im Schuß des Rittes über den Grenzbaum hinüber. Dann rasselten die Torbalken herunter. Und während die ausgesperrten siebenunddreißig Reiter ein zorniges Geschrei erhoben, kam es innerhalb des Tores zwischen der Besatzung des Grenzwalles und den drei Abgeschnittenen zu einem Scharmützel, in dem der heilige Zeno Sieger blieb; aber zwei von seinen Soldknechten mußten ins Gras beißen, das bei dieser mitternächtigen Finsternis kaum zu sehen war.



Die siebenunddreißig hatten sich bis zum Berchtesgadnischen Grenzwall zurückgezogen, der ein paar hundert Schritte von der feindlichen Mauer entfernt lag. Sie waren in großer Sorge um die abgeschnittenen Genossen und hielten Kriegsrat. Der junge Hundswieben, der noch den Pulverdampf der Annasusanne in den Nasenlöchern hatte, wollte stürmen und gebärdete sich so berserkerisch, daß ihn seine besonnenen Stiftsbrüder nur mit Mühe von diesem sinnlosen Beginnen abhalten konnten. Jeder Angriff war aussichtslos. Wohl zählte die Besatzung des feindlichen Werkes kaum mehr als ein Dutzend Helme. Doch bei der Enge des Tales konnte dieses Dutzend den Wall so lange halten, bis Verstärkung vom heiligen Zeno kam. Und die Gadnischen sahen auf dem Bord der Zenonischen Mauer das kochende Wasser in den Kesseln dampfen und die Pechkränze brennen.



Wie der erfahrene Malimmes im Runotterhofe, so hatte der staatskluge Franzikopus Weiß bei der Schwarzbachwacht des heiligen Zeno ein bißchen vorgesorgt für alle Fälle und hatte aus Herrn Otmar Scherchofers hilfreichem Reisewagen zwei Faustbüchsen mit Pulver und Blei zurückgelassen. Auf jeder Seite des Tores drohte solch eine mit roter Mennige angestrichene Blitzröhre.



Die Besatzung des Gadnischen Grenzwalles war ohne Feuerwerk. Wohl besaß der heilige Peter zu Berchtesgaden schon seit einigen Jahren acht Faustbüchsen. Die hatte man aber bei diesem Nachtritt nicht mitgenommen, weil der junge Hundswieben im Hirschgraben auch das letzte Körnlein Pulver verschossen hatte, das im Arsenal des Stiftes aufzufinden war.



Aber die abgeschnittenen Kameraden im Stiche lassen? Das ging nicht an. Man mußte parlamentieren. Herr Jettenrösch, der die hübscheste Pfennigfrau zu Berchtesgaden und vielleicht aus diesem Grund ein ruhiges Blut besaß, ritt mit dem weißen Fähnlein, begleitet von zwei Fackelträgern, vor die feindliche Mauer. Hier sah er beim Schein der Pechflammen drei Männerköpfe zur Strafe des Friedensbruches auf der Mauer stecken.



Ohne seinen Antrag auszurichten, wandte er das Roß und ritt mit blassem Gesichte zurück.



In der Berchtesgadnischen Schanze entlud sich die Wut der Herren gegen den unglücklichen Wallmeister, der die andächtigen Bittgänger durch Tor und Schranke gelassen hatte. Der Mann verteidigte sich, es wären voraus die vielen Weiber und Kinder gekommen mit einer so lauten und inbrünstigen Litanei, daß man den Lärm der nachfolgenden Viehherden und Karren nicht hätte vernehmen können; solch eine fromme Wallfahrt durfte man doch nicht stören; und ehe man Verdacht schöpfen konnte, waren an die zweihundert Mannsleut und Buben in Wehr und Eisen da, trieben Holzkeile in die Nuten des Falltores und sicherten den Durchzug des letzten Ochsen. Vierzehn Spießknechte – gegen zweihundert Männer? Und gegen die eignen Landsleute? Diese unanfechtbare Logik reichte nicht aus, um den Wallmeister der Berchtesgadnischen Schwarzbachwacht vor einem üblen Schicksal zu bewahren; er wurde seines Amtes entsetzt, an Händen und Füßen gebunden und auf einen Gaul geladen. Sechs Reiter blieben zurück, um bis auf weiteren Befehl die Besatzung der Schanze zu verstärken, zwölf Reiter wurden am Taubensee und in der Ramsau den Exekutierern beigegeben, die Herren mit dem übrigen Gefolge und mit dem gefesselten Wallmeister ritten nach Berchtesgaden.



Noch ehe sie heimkamen und Herrn Peter Pienzenauer den mißlichen Ausfall ihres Unternehmens berichten konnten, war aus der fürstlichen Kanzlei des heiligen Peter an die Adresse des heiligen Zeno ein höfliches Dankschreiben für die nachbarliche und barmherzige Hilfe abgegangen, die Herr Konrad Otmar Scherchofer dem Marimpfel und seinen Leidensgenossen geleistet hatte.



Als Herr Jettenrösch seine Meldung von den Ereignissen bei der Schwarzbachwacht erstattete, sprach der Propst einige Worte, die bitter ernst gemeint waren und doch einen heiteren Anklang an einen berühmten Spruch des römischen Kaisers Augustus hatten: »Ruppert, Ruppert, gib mir meine Ochsen wieder!«



Um die Mittagsstunde traf ein Pergament des heiligen Zeno ein, der den heiligen Peter von Berchtesgaden zu versöhnlicher Güte mahnte, sich kräftig der zu Reichenhall erschienenen Bittgänger annahm und den Strafvollzug wider drei Friedensbrecher unter Hinweis auf die einschlägigen Gesetze meldete. In diesem Pergamente war mit keinem Wort das unanzweifelhafte Recht des seligen Seppi Ruechsam erwähnt. Solches Schweigen entsprach der Staatskunst des Franzikopus Weiß; er hatte, zur Beruhigung der Ramsauer, den grau und rot gefleckten Hängmooser Weidebrief in Verwahrung des heiligen Zeno nehmen wollen; doch die eiserne Truhe, welche die Rechtsschätze der Gnotschaft enthielt, war im Verlaufe des andächtigen Bittganges verschwunden. Der Hinterseer Fischbauer, obwohl er sich als schlechter Seiler erwiesen hatte, war ein Albmeister von geriebener Schläue. Kaplan Franzikopus war nicht gut auf ihn zu sprechen. Herr Otmar lachte. –



Am Abend, als sich der Himmel über allen Bergen dunkel zu überziehen begann, kehrten die Gadnischen Exekutierer aus der Ramsau in das Stift des heiligen Peter zurück. Mit ihnen kamen auch der Vogt und sein berittener Geselle, völlig trocken; die beiden meldeten getreulich den Überfall und die Entführung des Bösewichtes, der den roten Hahn auf das nach dem Ableben seines einzigen Sohnes wieder an das Stift zurückgefallene Lehensdach gesetzt hatte; doch sie verschwiegen – als unwichtig – ihren Purzelbaum in den Bach und sprachen auch nicht von dem reichlichen Wasser, das in ihren Hosen gewesen. Nach dieser Meldung litt sogar das Bild, das sich Herr Peter Pienzenauer von den Geschehnissen in der Ramsau machte, an einer unheilbaren Verzerrung, und er traute von Stund an dem Amtmann Ruppert Someiner wenigstens die Fähigkeit zu, gefährliche und heuchlerische Menschen richtig einzuschätzen. Die Exekutierer brachten – wie der Amtsschreiber Pießböcker notieren mußte – das Vieh aus den Ställen des Runotterhofes und des Schupflehens am Taubensee; item einige Kühe, Kalben und Öchslein, die man am Abend noch abstechen mußte, weil sie die Nacht nicht überlebt hätten; item ein paar Dutzend Schweine, die gesund und vergnügt waren; item sehr viele, starr am Gürtel hängende Gänse, Enten, Hühner und Tauben. Die milchenden Geißen hatten die Exekutierer nach altem Rechtsbrauch und aus Barmherzigkeit den Kranken und Greisen gelassen, auch das zur Notdurft des Lebens nötige Brot und Mehl, samt Schmalz und Salz. Doch alle versteckten Spargelder hatten sie aufgestöbert. Acht Reiter konnten sich sogar in vier rheinische Goldpfennige teilen, die sie in den Strümpfen einer alten Frau gefunden hatten. Diese acht Reiter richteten dem mit verbundener Faust umherwandelnden Marimpfel wunderliche Grüße von seiner Schwägerin aus, vom Weibe des Mareiner.



In der Nacht begann es grob zu schütten. Viele Tage währten diese ruhelos wechselnden Gewitter. Die Bäche traten über die Ufer, die Straßen wurden zu dickem Morast, um alle Berge und Wälder hingen die schweren Nebel. Während dieser nassen Tage wanderten zwischen Berchtesgaden und den armen Chorherren von Hall die protestierenden Pergamente hin und her. Mit jeder Antwort verschärfte sich die Tonart. In der nächtlichen Kapitelsitzung, bei der man zu Berchtesgaden die Entgegnung auf ein drohendes Schreiben des heiligen Zeno beriet, kam es trotz allem Ernste der Zeit zu einer großen Lustigkeit. Sie wurde verursacht durch ein Papier, das am dunklen Abend dem Propste mit einem stumpfen Bolzen in die Stube geflogen war. Hellsehende Augen hätten den Gram und Zorn eines zerbrochenen Menschenherzens aus diesem Brief herausgelesen; doch auf die Gadnischen Chorherren, die ihn durch die Brille dieser üblen Tage lasen, wirkte er belustigend in seinem weitschweifigen Stil, der mit dem Schwulste hochtrabender Herrenworte überladen war. Ein Bauer – für den Gadnischen Hof ein dem Strang verfallener Meutrer und landflüchtiger Brandstifter – kündete in diesem Brief seinem einstigen Lehensfürsten die Treu und sagte ihm Fehde an, wider Blut und Leben, wider Gut und Land. Der Brief war unterschrieben: »Runotter der Ramsauer, ehmals Richtmann der Gnotschaft in Treu und Redlichkeit, itzt nach Gotteswillen Feind und Widerpart der Herren, so da Mißtreu und Unrecht heißen und so man vertilgen muß von der Welt.«

  • Seite:
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
< 7
9 >



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.