Frei Lesen: Der Ochsenkrieg

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Ludwig Ganghofer

Der Ochsenkrieg

9

eingestellt: 2.7.2007





In der gleichen Vollmondnacht, in welcher Lampert Someiner dem Salzburger Grenzwall am Hangenden Steine zujagte, erreichte Franzikopus Weiß mit seinem Gesandtschaftswagen das steile Ufer der Salzach. Die Räder knatterten sanft auf schöner Straße. In Herzog Heinrichs Landen gab es gut gepflegte Wege. Die hatte er nötig für seine vielen Truppenzüge. Auch sonst noch hatten diese guten Straßen einen Nutzen. Sie lenkten fast den ganzen italienischen Handel durch niederbayrisches Gebiet und zu Herrn Heinrichs ertragsreichen Mautschranken. Viel Geld verdiente er an diesen guten Straßen, die seine fronenden Bauern bauen und erhalten mußten. Und in keinem Reichsland gab es Wege, die so sicher waren. Machte sich ein Straßenräuber unliebsam bemerkbar, so hatte er flink die Harnischreiter Herzog Heinrichs auf den Fersen und wurde ohne juristische Umständlichkeiten an den nächsten Baum befördert. Der unversöhnliche Vetter Ludwig zu Ingolstadt, der kein Freund von Todesurteilen war, hatte über den Vetter Heinrich das bissige Wort geprägt: »Zu Landshut und Burghausen henkt man, wie man im Spittel hustet!« Aber die Handeltreibenden rühmten es dem Herzog Heinrich nach, daß man in seinem Lande reise wie in einem Rosengarten. Freilich, viele rote Blutrosen hatten im Straßenstaube blühen müssen, bis der niederbayrische Reisegarten so sicher wurde.



Auf solch einer sicheren Straße konnte auch Franzikopus reisen, ohne viel Geleit zu führen. Er hatte nur zwei gewaffnete Reiter und zwei dienende Brüder mit aufmerksamen Gesichtern bei sich. Seine beiden Läufer hatte er schon am Nachmittage vorausgeschickt, um dem Herzog seine Ankunft melden zu lassen. Das Geschäft, das Franzikopus brachte, war es wert, daß Herr Heinrich für eine halbe Nacht des Bettes vergaß.



Von der hohen Waldböschung, über die sich die Straße zum Tal der Salzach hinuntersenkte, konnte man im hellen Mondlicht die befestigte Stadt Burghausen, Herzog Heinrichs Sommerresidenz, gut überschauen.



Gleich einer langen steinernen Schlange zog sich da drüben die Doppelzeile der Bürgerhäuser am Ufer des rauschenden Flusses hin. Zwischen den Dächern stand die Pfarrkirche wie ein hochgewachsener Hirte zwischen kleinen Schafen. Von der Salzach bog sich ein breiter Wasserarm um den steilen Schloßberg herum, auf dem sich mit Wällen, Palisaden, Mauern, Türmen und vielen Dächern das herzogliche Schloß erhob gleich einer zweiten kleinen, langgestreckten Stadt, die von fünf Schluchten in sechs getrennte, durch Fallbrücken verbundene Festungen zerschnitten wurde. Die vielen Dächer waren überleuchtet vom friedlichen Glanz des Mondes. Kleine Fenster schimmerten wie blanke Silbermünzen; andre, hinter denen noch Licht war, blinkten rötlich wie Sterne bei dünnem Nebel.



Vor dem untersten Burgtor kletterte Franzikopus aus dem Wagen und ließ einen schön geschnitzten, mit blauem Stahl beschlagenen Schrein herausheben, der die Geschenke des heiligen Zeno von Reichenhall enthielt.



Seinen Troß mußte der Kaplan bei der Torwache zurücklassen. Zwei Soldknechte des Herzogs trugen den Schrein.



Auf langem Wege ging es durch fünf Burghöfe, die beim Geflacker der Pfannenfeuer von Wachen wimmelten. Es ging vorbei an hohen Kornkammern, Haferkästen und Arsenalen. Fünf Zugbrücken fielen vor Franzikopus und stiegen hinter ihm wieder auf.



Unter dem Tor des Schloßhofes empfing ihn der Kastellan, führte ihn zu einer trüb erleuchteten Halle und verschwand, um den Gast bei Herzog Heinrich zu melden.



Während Franzikopus in einem Lehnstuhl ruhte, überlegte er seine Anrede. Die ersten Worte verlangten Vorsicht. Sprach man den Herzog lateinisch an, so wurde er verdrießlich, weil er kein Latein verstand und das bekennen mußte. Und begrüßte man den Herzog in deutscher Sprache, so wurde er ärgerlich bei dem Gedanken: »Der redet Deutsch, weil er weiß, daß ich Lateinisch nicht verstehe.«



Franzikopus grübelte. Inzwischen stieg der Kastellan über zwei Wendeltreppen hinauf zu einem weißen, kahlen Korridor, dessen einziger Schmuck aus großen Hirschgeweihen bestand; Herzog Heinrich war ein leidenschaftlicher Jäger, der in seinen Wäldern das Hochwild überreichlich hegte und den Bauern nicht erlaubte, daß sie Hunde hielten oder ihre Felder durch Zäune schützten.



Eine schmale, niedere Türe führte zu einem großen, vielfenstrigen Raume. Rote Kerzen brannten mit starkem Harzgeruche auf vier Hirschgeweihen, die an eisernen Ketten unter der Balkendecke hingen. Um die Wände zog sich mannshoch eine braune, plumpe Täfelung mit Bänken und schweren Kästen. An der Mauer, die über diesem Holze frei blieb, war kein Bild, kein Schmuck, keine Kostbarkeit, nur eine Reihe handwerksmäßig gemalter Wappenschilder mit Spruchbändern. Auf jedem dieser Bänder wiederholten sich in großer Schrift die gleichen drei Worte: »Denk des Loys!«



Stühle wie in einer Bauernstube. Und in der Mitte des Raumes stand ein großer, schwerfälliger Tisch mit Papierrollen, Urkunden und Plänen, mit kleinen Modellen von Schanzen, Kammerbüchsen und hussitischen Heerwagen. An diesem Tische, schreibend, saß ein Kahlköpfiger in schwarzem Ordenskleid, Nikodemus, des Herzogs geheimer Rat und kluger Finanzmann. Und neben dem Tische – mit den Fäusten am Gürtel, in roten Strumpfhosen und grauem Kittel, der nach Art der Bauernröcke geschnitten und mit Marderpelz gesäumt war – ging Herzog Heinrich auf und nieder, ein kleiner, frischer, brauner Herr von fünfunddreißig Jahren, zart gewachsen und flink beweglich, mit steil herausstechender Nase, mit den Aderwülsten des Jähzornigen an Hals und Schläfen. Dickes, streng gescheiteltes Schwarzhaar, das in kräuseligen Wülsten nach beiden Seiten strebte, umschattete das schmale, olivenfarbene Gesicht, aus dem die Augen eines Menschen Verächters dunkel, stolz und lauernd herausbrannten. Er glich einem Südländer. Von seinem Urgroßvater Kaiser Ludwig wiederholte sich kein Zug an ihm. Alles an Heinrich kam aus dem Blute seiner zierlichen Mutter Maddalena, die ein Kind des Barnabas Visconti war.



Dieser kleine Herzog, ein großer Fürst und kühner Kriegsmann, schien so scharf zu hören wie ein Iltis. Bevor die Tür sich öffnete, hatte er schon den leisen Schritt des Kastellans vernommen. Und kaum schob der alte Mann den Kopf zur Türe herein, da fragte Herr Heinrich: »Kam er?«



»Ja, Herr!«



»Wie sieht er aus?«



Der Kastellan zögerte mit der Antwort. »Wie einer, vor dem man sich hüten muß.«



»Dann flink herauf mit ihm!« Der Herzog wurde heiter.



»Gott solls wollen!«



Bei der Türe fragte der Alte: »Soll man ihm Dach und Zehrung im Schloß bieten?«



»Nein! Der soll in der Herberg bleiben. Da verdient der Leutgeb, und ich spare mein Geld.«



Der Kastellan wollte gehen. Da klang durch die offene Tür, vom Korridor herein, ein tollendes Kinderlachen, das immer näher kam.



Der Herzog fuhr auf: »Was soll das? Warum ist der Junge zu so später Stunde nicht im Bett?«



Das feine, helle Lachen war schon nahe vor der Türe. Dazu klang eine leise, ängstliche Mädchenstimme: »Kind, Kind, Kind!« Lachend kam was Kleines über die Schwelle gewirbelt, in langem Hemdlein und mit nackten Füßen, ein vierjähriges Bübchen, gesund und kräftig, das glühende Gesichtl von wirren Locken umflogen.



In Zorn schrie der Herzog: »Man soll das pflichtvergessene Weibsbild stäupen und hinauswerfen!«



Erschrocken blieb das Bübchen stehen. Bei seinem Anblick schmolz der Zorn des Vaters. Er raffte einen schwarzen Mantel auf, der über der Lehne eines Sessels hing, umhüllte den Knaben, trug ihn zum Tisch und stellte ihn auf die Platte, so daß die Gesichter der beiden einander gegenüber waren.

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