Frei Lesen: Die Trutze von Trutzberg

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Ludwig Ganghofer

Die Trutze von Trutzberg

15. Kapitel

eingestellt: 25.7.2007





Lien, mit der Nase des Wulli hinter den Waden, kam über die Wendelstiege heruntergerasselt in die Söldnerhalle. Hier standen nur die Zinnkrüge und Becher auf dem langen Tisch. Die Trinker waren zur Mauer und zu den Türmen gelaufen. Und den einen, der sich unter den Treppenstufen in den Schatten drückte, konnte Lien, der es eilig hatte, nicht sehen. Wulli ließ wohl einen zornig aufheulenden Laut vernehmen, mußte aber springen, weil Lien schon hinausklirrte in die Sonne des Türbogens. So flink war das gegangen, daß der Harrende im Stiegenschatten umsonst nach seinem Gürtel gegriffen hatte.



Nun kam er langsam aus dem Schatten heraus, noch immer die Hand am Heft seines Eisens. Das gallig verzerrte Gesicht hatte ein Lächeln, wie es junge Menschen zeigen, wenn ihnen übel ist und sie wollen es nicht merken lassen. Ratlos stand er, sah zum sonnigen Türbogen hinüber und wieder hinauf in den dunklen Treppenschacht. Aus der Küche hörte er das Gejammer der alten Weibsleute und ein paarmal die schrille Stimme seiner Mutter.



Wieder krachte ein Schlangenschuß. Steine polterten beim Brückenturm, und ein wirres Gesumme von Stimmen war zu hören.



Immer den Hals nach dem Stiegenschacht hinüberdrehend, tappte Eberhard mit den Schritten eines Betrunkenen über die Stufen zur Küchentür hinunter.



In der Küche fand er seine Mutter. Mit dem Kopf zwischen den Händen saß sie auf einer Bank. Alte Weiber waren um sie her; die einen klagten, die anderen trösteten voll Gottvertrauen.



»Mutter!«



Bei diesem schrillen Laut, der sich anhörte wie eine kreischende Kinderstimme, hob Frau Engelein erschrocken das blasse Gesicht.



»Komm! Feine Botschaft!« Er faßte die Mutter am Arm und zog sie hinaus in die große, stille Burghalle, zog sie in einen Fensterwinkel und lachte grell: »Mein Beilager wirst du nit zu rüsten brauchen!«



In ihrer Betäubung sah sie ihn schweigend an. Die Antwort kam, ohne daß sie fragen mußte.



»Das Puechsteinische Weibsbild hat einen anderen lieb.«



Erst meinte Frau Engelein, er spräche von der roten Pernella. Der Anblick seines verzerrten Gesichtes erschütterte ihre Vermutung. In dunkel erwachender Sorge fragte sie: »Lieb? Einen anderen? Wen?«



»Den Schäfer Lien!«



Schon wieder beruhigt, konnte sie lachen. Das schien ihr zu gefallen: die rote Sündenföhl mit den verwerflichen Gottesgaben und dieser Schäfer, den das Mädel mit dem seltenen Namen ins Leben gesetzt hatte, wie Ungeziefer geboren wird!



In jagenden Worten fing Eberhard zu flüstern an. Und die Augen der Trutzbergerin erweiterten sich und wurden kreisrund. Doch als ihr Sohn vom Balsamtiegel der Frau Scholastika redete, war Frau Engeleins Verständnis erst, zur Hälfte ausgebrütet, so daß sie mit galligem Auflachen noch sagen konnte: »So? So? Deswegen hat sie droben mein Heilkästl plündern müssen! Alles für die Puechsteinischen! Alles! Wenn heut oder morgen, Gott behüt, meinem Melcher oder dir was Unliebsames begegnet, kann ich meine guten Salben vom brandigen Puechsteiner herunterschaben!« Nach diesen Worten blieb sie stumm, weil sie völlig zu verstehen begann.



»So ist das, Mutter! Ich rühr das treuvergessene Weibsbild nimmer an. Für eines Schäfers Nachkost bin ich mir zu gut.«



Eigentlich hätte Frau Engelein in Freude lächeln und aufatmen müssen. Nun hatte ihr der liebe Himmel doch das gegeben: daß Pergament und Siegel zerbrachen, und daß die Puechsteinischen Blutzecken ins Wandern kamen. Aber sie lachte nicht, sondern hatte ein gelbversteintes Gesicht, als Eberhard murrte: »Und wies der Vater mit dem Lauskerl von Schäfer treibt! Mutter, ich kanns nit sagen, wie! Als wär ihm der Schäfer ein Liebling. ›Den Besten von den Meinen‹ hat er ihn geheißen. Und gegen mich ist er grob gewesen, als wär ich der letzte im Haus!« Verstummend, weil ein Seeburgischer Donner krachte, griff Eberhard in Unbehagen an seinen Hals. Erziehung und Gewohnheit zogen ihn zur Mauer, Zorn und Galle hielten ihn fest, auch das Staunen über das aschig gewordene Steingesicht der Mutter.



Ins Unbestimmte blickend, sagte Frau Engelein mit erloschener Stimme: »Dein Vater macht Flecken auf alles. Da kann ich putzen, wie ich mag! Allweil schlagt die Unsauberkeit wieder durch!« Sie umklammerte den Arm des Sohnes. »Der Schäfer muß aus der Mauer!« In ihren Augen funkelte der aus der Asche vergangener Zeiten aufbrennende Haß. »Du! Bist du hilflos wie eine Flieg ohne Stachel? Hast du unter deines Vaters Knechten keinen, auf den du dich verlassen kannst?«



Eberhard verstand nicht gleich. Als ihm die Erleuchtung zu kommen begann, verbündet mit seinem verspäteten Einfall unter der Wendelstiege, machte Frau Angela ein Schweigezeichen. Ihr glasiger Blick lichtete sich auf das Tor der Halle. Eberhard drehte den Hals und bekam eine krebsrote Stirn.



Mit dem weißen Bündel stieg Hilde aus dem Burghof über die Stufen herauf, ruhig und froh, wie eine kleine, liebe Heilige, die beim Wunderwirken war.



Sohn und Mutter sprangen ihr entgegen. Während Eberhard nach einer hohnvollen Anrede suchte und dabei schon wieder ein lästiges Dürsten nach dem gefährdeten Himmelreich empfand, warf Frau Angela dem Fräulein von Puechstein das schrille Gelächter einer Wahnsinnigen ins Gesicht.



Hilde schien die lachende Trutzin nicht zu gewahren. Sie sah nur den Jungherrn an, mit einem Blick, als müßte sie sich besinnen, wer das wäre. Dann sagte sie ernst: »Du bist nit auf der Mauer, Eberhard? Die anderen sind alle, wo sie sein müssen.« Nun machte sie eine auflauschende Bewegung gegen die Treppe und vernahm ein zorniges Schelten ihres Vaters und verzweifelte Klagelaute der Mutter Schligg. Das kam nicht aus der Stube des Perlenschreins! Das war da droben im Mauergang, schon nah bei der Stiege! »Ach Gott, was ist denn mit Mutter und Vater?« In Sorge sprang sie der Treppe zu. Und als sie atemlos hinaufkam in den Mauergang und ihr Bündel auf eine Holzbank schob, sah sie die Mutter auf den Fliesen knien. Unter Gebettel und Schluchzen suchte Frau Scholastika mit ausgebreiteten Armen den Weg ihres Gatten zu sperren, der rot von Zorn und Fieber vor der Knienden stand, das eine Bein geschient, das andere klumpig umwickelt, sein Schwert wie eine Krücke führend, vom Gürtel aufwärts mit blauem Stahl gerüstet. Die Sonne, die durch alle Fenster fiel, machte den Puechsteiner leuchten und flimmern.



»Schligg!« drohte Herr Korbin. »Gib meinen Weg frei!« Er wollte schreiten.



Frau Scholastika warf sich ihm entgegen. »Ach, Mann! Das ist doch Unverstand, nit Tapferkeit! So krank, wie du bist –«



»Ich bin nit krank. Nur wollen muß man, hat der Wanderpfaff gesagt. Ich will gesund sein. Und ich bins.« Er stieß das Eisen auf den Boden. »Laß aus!«



»Ich laß dich nit! Und nit ums Leben!« schluchzte die Puechsteinerin. »Ich häng mich an deinen Schuh, ich laß mich treten und schleifen –«



Er beugte sich hinunter zu ihr. »Ich hab den Melcher in Not gestoßen. Soll ich ihn drin hocken lassen? Lieber das Bein verlieren, als tun wie ein Lumpenkerl!« Da gewahrte er sein Kind, verlor die Hälfte seines Zornes und lachte. »So, Mädel, kommst du vom Pflasterpicken? Also? Willst du mir auch das Eisen lind machen mit einer Milchsupp?«



»Vater!« stammelte Hilde. Und Frau Scholastika haschte ihr Kind am braunen Kittelchen und bettelte weinend: »Hilf mir! Dein Vater ist unsinnig! Hilf mir, Kindl!«



Keins von den Dreien sah, daß die Köpfe der Trutzin und des Jungherrn über die Treppe herauftauchten.



»Vater!« Während Hildes Augen zu ihm emporflehten, suchte sie den Griff des Eisens aus seiner Faust zu winden. »Dein kostbar Leben ist nit dein Gut allein! Ist meiner Mutter Himmelreich und ist mein Haus.«

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