Frei Lesen: Die Trutze von Trutzberg

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Ludwig Ganghofer

Die Trutze von Trutzberg

18. Kapitel

eingestellt: 25.7.2007





Söldner und Knechte liefen zusammen, als Lien wie ein Irrsinniger zur Brückenhalle gesprungen kam, einer Magd die weiße Schürze vom Gürtel riß und die Leinwand an einen Langspeer knüpfte. Was die Leute durcheinanderkreischten, hörte er nicht. Immer sah er dieses blasse, von Gram entstellte Gesichtchen, immer diese flehenden Augen. Er brauchte nicht viel zu denken. Wieder war es so, daß alles in seinem Gehirn als fertige Sache stand, die geschehen mußte. Reiten? Durch das ausgesparte Gänglein der Sperrmauer war ein Gaul wohl durchzubringen. Doch über den Torgraben – der auch zu breit war für Sprünge, wie Lien sie machen konnte – mußte man für das Roß eine Brücke aus Balken legen. Bevor das geschehen konnte, getraute sich Lien die vierhundert Gänge bis zur feindlichen Schanze zweimal hin und her zu rennen. Und ist der Heini von Seeburg barmherzig, so gibt er dem Lien auch einen Gaul, um zum Kloster am See zu reiten. Auch kann ein Medikus viel näher sein. Im Geläger der Seeburgischen. Und Soldleut mitnehmen als Geleit? Wozu? Ehrt der Seeburger das weiße Fähnlein der kranken Not, so tuts auch ein einziger, der flinker ist als vier oder fünfe mitsammen. Und sündigt der Seeburger wider den friedsamen Kriegsbrauch? Warum dann den guten Herrn Melcher um brauchbare Leute betrügen? Da ists genug an einem einzigen. Kommt er nimmer, so spürt mans nicht.



Das alles stand fertig im Lien, noch ehe der weiße Magdschurz an den Langspeer gebunden war, noch ehe das Fräulein von Puechstein, das aus dem Burgfried heraustauchte, die Brückenhalle erreichen konnte.



Vom Tor des Herrenhauses klang eine heiser schreiende Stimme: »Was geschieht da?« Ausgeschlafen, frisch gekleidet und neu gerüstet, war Eberhard in den Hof getreten, um als Regent bei der Mauer zu walten. Über den Köpfen der Söldner sah er das weiße Fähnlein gaukeln, sah zwei Knechte ein langes Brett herbeischleppen und geriet in Sorge, daß da geschehen könnte, was seinen Vergleichsplänen zuwiderlief. Sein verdutztes Mißtrauen wuchs noch, als er bei dem weißen Fähnlein den Helm seiner Augsburger Rüstung gewahrte. »Ui, guck! Der Schäfer! Schon wieder!« Er wurde flink und schrie: »Bei Tod und Ruten! Ohne mein Geheiß geht niemand aus der Mauer.«



Irrende Angst in den Augen, sprang Hilde ihm entgegen und breitete die Arme auseinander, um seinen Weg zu sperren.



Eberhard lachte und rief zu den Knechten hinüber: »Wer ein Brett über den Graben tut, steht unter Gericht.« Dann machte er eine höfische Reverenz und sagte mit zierlicher Geste gegen Hildes ausgebreitete Arme: »Das sieht so aus, als tät mein Bräutlein mich halsen mögen? Vor niederen Augen? Das wär nit fürnehm. Tu dich gedulden auf meine Kammer, du Süße!«



Ihr Gesicht versteinte, während sie mit erloschenen Lauten bettelte: »Tu nit hindern, was nötig ist! Ein Medikus muß kommen ...«



»Ich bin gesund.«



Hildes Augen erstarrten, während ihre Stimme weiterredete mit dem gleichen versunkenen Laut: »Dein Vater fiebert. Der meine ist nah dem Sterben.«



Er fragte zögernd: »Was der Schäfer tun soll? Hat mein Vater das geboten?«



Lügen konnte sie nicht. Stumm schüttelte sie den Kopf.



Da lächelte Eberhard. »Wills der deinige so haben?«



»Mein Vater ist dawider gewesen und ist zornig worden. Mich hat die Mutter geschickt. Ich habs geboten.«



»Mein Herz und Leben will ich dir unter die kleinen Füßlein legen!« sagte der Jungherr zärtlich. »Doch der Himmel soll mich behüten, daß ich geschehen ließ, was gegen den Willen deines edlen Vaters wär. Das wirst du rühmen müssen als gutes Kind.«



Von der Brückenhalle, aus dem Lärm der Söldner, klang die zornig schrillende Stimme des Lien: »Her mit dem Brett! Mein Weg hat Eil.«



Der Jungherr kreischte dem erregten Häuf der Leute zu: »In meiner Mauer gilt mein Befehl!«



Hildes Arme fielen schlaff hinunter. Ihre feine, zarte Gestalt schien zu wachsen. Immer sah sie die Augen ihres Verlobten an. »Tu, was du mußt! Ich kanns nit raten. Dich kenn ich nit. Wer der Lien ist, weiß ich.« Sie wandte das blasse Steingesicht über die Schulter und wollte gehen.



Dem Jungherrn fuhr eine Blutwelle über die Stirne. Zorn und Unsicherheit kämpften in seinem suchenden Blick. Hastig faßte er die Hand des Fräuleins und sagte wie ein Zerstreuter, welcher redet und dabei an andere Dinge denkt: »Das Leid in deinen Augen hat größere Macht, als der pflichtsame Verstand in mir. Aus Lieb will ich tun, was ich versagen müßt aus Bedächtigkeit des Kriegsmannes. Der Schäfer soll gehen dürfen. Ich will helfen dazu, will ihm geschriebene Botschaft mitgeben. Auf das Wort eines niederen Knechtes tät der Heini von Seeburg nit hören.«



Sie nickte schweigend, entzog ihm ihre Hand und ging durch den Schwarm der schreienden Leute auf den Lien zu, der in der Linken den Langspeer hielt und den rechten Arm um das Brett klammerte, das er den Knechten entrissen hatte.



»Nit, Lien! Mein Gebot ist unwahr gewesen. Tu dem Sohn deines Herrn gehorchen. Wir haben nit anderen Weg.«



Stumm und ratlos sah er in ihre Augen und ließ das Brett fahren, das die Knechte wieder packten.



Während die beiden so voreinander standen, wurde der Lärm der Männer still, und verdutzte Augen guckten die zwei jungen Menschen an.



Hilde erhob die Hand und berührte scheu die blaufleckige Wange des Lien. »Tu dich nit sorgen! Tu das Zornfeuer auslöschen in deinen Augen! Du kannst, was du willst. Gut ist auch das Plätzlein, auf dem du stehen und harren mußt. Darf ein Redlicher nit laufen, so lauft sein Weg. Gott soll dich behüten, Lien! Ich geh zu meinem Vater.« Ein halbes Lächeln war um ihren entfärbten Mund. So nickte sie zum Lien hinauf. Dann ging sie.



Schauen und Ellbogenstupfen, Geflüster und halblaute Worte, auch Kichern und leises Lachen.



Unbeweglich, mit gespreizten Beinen, den weißgefähnelten Langspeer zwischen den Fäusten, stand Lien in der Torhalle. Immer sah er zum Herrenhaus hinüber, in dem das Fräulein von Puechstein verschwunden war.



Der Abend fing schon zu glühen an, als Eberhards Reitknecht ein verschnürtes und gesiegeltes Pergament brachte. »Befehl des Herren: das sollst du zum Heini von Seeburg tragen. Dir ist geboten unter Kriegsrecht, daß du nit reden sollst aus eigenem, nit Antwort geben auf eine Frag des Feindes. Den Ruckbrief sollst du dem Herren bringen ohne Verzug. Das ist dir geboten bei deinem Kopf.« Der Knecht sagte zu den anderen: »Man soll ihm das Brett legen!«



Den Langspeer senkend, klirrte Lien durch den schrägen, finsteren Steinschacht, den man in der Sperrmauer ausgespart hatte. Hinter ihm brachten zwei Leute das Brett getragen, das sie über den Wassergraben hinüberfallen ließen zum Brückenpfeiler. Als Lien darüberschritt, bog sich unter dem Gewicht seines Körpers und Eisens das schwache Brett hinunter bis in das schmutzige Grabenwasser, auf dem ein wüstes Gemenge übler Dinge schwamm. Zur anderen Hälfte seines Notsteges mußte Lien das Brett vom Brückenpfeiler hinüberschwingen zum Bord des Sträßleins. Beim Weiterschreiten sanken seine Beine bis zu den stählernen Kniemuscheln in die noch heiße Asche des Sturmwagens. Von den Schützengängen und aus den Schießscharten des Brückenturmes sahen ihm hundert Augen nach; da droben war ein undeutliches Stimmengewirre. Als seine Füße freien Grund fanden, fing er zu laufen an, daß ihm unter dem rasselnden Eisen der Atem fast verging. Die rote Sonne war um ihn her, und obwohl sein Küraß, seine Schienen und sein Helm von Schmutz, Asche und Blutrost halb erblindet waren, hüpften Hunderte von rotglühenden Lichtfunken auf dem Stahlkleid des Springenden umher. Immer schwang er den Langspeer mit der weißen Magdschürze.

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