Frei Lesen: Die Trutze von Trutzberg

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Ludwig Ganghofer

Die Trutze von Trutzberg

21. Kapitel

eingestellt: 25.7.2007





In der Stube des Puechsteinischen Perlenschreins brannte nur eine einzige Kerze. Ihr Lichtschein war abgeblendet durch den Blechschirm, ihr Flämmchen noch umhüllt von einem aus Pergament geformten Becher.



Wie ein schwerer, grauer Schleier hing das Zwielicht um alle Dinge des schwülen Raumes. In der Trutzischen Betthälfte klangen von Zeit zu Zeit die wunderlich wechselnden Schnarchlaute des Herrn Melcher, dessen fester Schlummer so mannigfache Register wie eine kunstvolle Orgel hatte. Über der Puechsteinischen Grenze war es still. Keine Bewegung im Bett, kein Laut, kein vernehmlicher Atemzug. Nur manchmal raschelte leis ein Kleid, wenn Frau Scholastika vom Sessel aufstand und sich in Sorge über den Regungslosen beugte, von dem sie nicht wußte, ob er schliefe oder bewußtlos wäre. So zart, wie ein Schmetterling die Blume berührt, die ihm Honig geben soll, befeuchtete sie wieder und wieder mit dem Essigtüchlein die klaffenden Lippen ihres Mannes. Dann stand sie lange über ihn hingeneigt, um seinen Atem zu erlauschen, der nicht zu hören, nicht zu fühlen war; daß Herr Korbin atmete, verriet nur seine Brust, die sich schwach bewegte; und zuweilen rieselte ein Schüttelfrost über seinen Körper hin. Befiel dieses Zittern den Puechsteiner, so zitterte auch Frau Schligg an allen Gliedern und stammelte ihr banges: »Ach, Gott! Ach, Gott!« Und jedesmal, sooft sich dieser erloschene Himmelsschrei aus ihrer bedrückten Seele rang, hörte sie den gleichen hauchenden Trost, das gleiche lispelnde Glaubenswort ihres Kindes: »Nit sorgen, Mutter! Wenn die Sonn kommt, ist der Lien mit dem Medikus da.«



Nie widersprach Fraw Schligg diesem Wort, obwohl sie den festen Glauben ihres Kindes für träumende Torheit, für Irrsinn einer glühenden Hoffnung hielt. Gibt es Menschen, die Wunder wirken und fliegen können? Gibt es Mauern, die versinken? Gibt es Feinde, die ohne Augen und barmherzig sind? Wäre der Kranke, der des Arztes bedurfte, ein anderer, und hätte Herr Korbin, dieser klügste und stärkste aller Männer, sich bei gesunden Kräften solch einer Tat unterfangen, dann hätte Frau Scholastika glauben können, daß mit der Sonne die Rettung käme. Aber ein Schäfer? Solch ein dummer und töriger Bub? »Ach, Gott! Ach, Gott!« Doch immer, wenn sie das Trostwort ihres Kindes hörte, beugte sie sich nieder zu Hilde, die neben dem Bett auf dem Boden kauerte, und klammerte den Arm um ihres Kindes Hals, in heißer Sehnsucht, daß durch die körperliche Berührung ein Schimmer von Hildes leuchtendem Glauben überstießen möchte in ihre verzweifelte Seele.



Aus dem Burghof drangen dumpfe, wirre Geräusche herauf. Die beiden Wachenden vernahmen sie nicht, obwohl es da drunten immer lauter und lauter wurde. Das klang nicht mehr wie ein Lärm in Sorge und Zorn, es klang wie Geschrei von Menschen, die froh berauscht sind. Noch immer hörte Frau Scholastika nicht. Nur Hilde machte eine lauschende Bewegung und stammelte: »Mutter? Da muß was geschehen sein! Was Gutes!«



Das durch die Nacht heraufschallende Stimmengewirre wuchs zu einer Lärmwoge unverkennbaren Jubels. Und plötzlich bewegte sich Herr Korbin. Er öffnete die Augen wie ein vom Leben aus tiefem Schlummer halb Erweckter, richtete sich mühsam auf, hörte nicht, was Frau Scholastika zu ihm redete, sah mit brennendem Fieberblick ins Leere, fing wunderlich zu lächeln an und sagte: »Der Herzog kommt!« Aufatmend fiel er zurück und schien erst jetzt das Bewußtsein zu finden und völlig zu erwachen. Er sah seine Frau und sein Mädel an, sah zu dem schnarchenden Bettgesellen hinüber und lauschte in die Nacht. »Was ist da? Lauf, kleine Maus!« Ganz versunken klang seine Stimme. »Bring mir Botschaft und ruf ein Mannsbild her!«



Während Hilde hinüberlief zur Türe, sagte der Puechsteiner matt: »Ich seh nit gut. Ist‹s Tag oder Nacht?«



Was Frau Schligg ihm antwortete, ging unter in Eisengerassel und lachendem Geschrei, das draußen von der Treppe herankam zum Mauergang. Es war ein Spektakel, daß sogar Herr Melcher davon erwachte, obwohl er auch im Wundfieber noch einen so gesegneten Schlaf hatte wie ein Dachs im Winter. Aus den Kissen auffahrend, keuchte er in Schreck: »Gotts Not! Was ist denn? Hat der Seeburger die Mauer geworfen?«



Hilde hatte die Tür geöffnet. Der Flackerschein von Kienlichtern fiel in die Stube. Vor einem drängenden Schwärm heiter lärmender Söldner und Knechte erschien Kassian Ziegenspöck mit dem blanken Eisen, ohne Leidenszug im Gesicht, nur das Maul noch ein bißchen geschwollen, viel aufrechter und helläugiger als in Zeiten, in denen er seinen Verstand mit vielen, vielen Gurken gepflegt hatte. Lachend stieß er einen vor sich her, der Zahnweh zu haben und aus dem Bett zu kommen schien; zwischen dem dicken, ein wenig verschobenen Gesichtsbund brannten zwei wutblitzende Augen heraus.



Herr Melcher, sich mit dem Stirnverband aus dem Bett beugend, hatte einen so verdutzten Blick. Schwer schnaufend, streckte er die acht Finger und brüllte: »Kassel? Bin ich besoffen? Oder bist du der Nüchterne?«



Die Söldner und Knechte kuderten vergnügt, während Kassian Ziegenspöck erklärte: »Herr, ich hab so viel Wasser verschluckt, daß ich einwendig hell bin wie ein Bergbrunnen. Die reinste Sonn hab ich unter dem Haardach. Nur die Händ dattern noch ein lützel. So weit ist die gesunde Sonn noch nit hinuntergetröpfelt.«



Auf die Bekenntnisse des Sergeanten schien Herr Melcher nicht zu hören. Immer sah er den Gefangenen an und beugte sich noch weiter vor. Er wußte, wer das war, und konnte das Undenkbare nicht glauben. »Wer – wer ist das?«



»Ja, Herr!« lachte Kassel. »Die Fehd ist aus. Ein Mutiger, an dem ich in der Nüchternheit irr geworden bin, hat dem Kriegsfrosch den Kopf heruntergebissen.«



»Gotts Teufel!« schrie Herr Melcher. »Wenn du in der Nüchternheit mühlradschen mußt wie ein altes Weib, so besauf dich wieder, daß du das kurze Reden lernst!«



Der Sergeant schüttelte den Kopf. »Mir graust!«



»Reiß ihm das Tuch herunter!«



»Es stimmt, Herr!« Mit derbem Griff entledigte Kassian Ziegenspöck den Gefangenen seiner Zahnwehbinde, wie man im Fastnachtsspiel dem verkappten Teufel die Larve des jungen Weibes herunterreißt. »Der Heini von Seeburg ists, den der Lien gefangen und auf dem Buckel über die Mauer getragen hat wie eine abgestochene Sau.«



Unter dem Jubel der Knechte und Söldner vernahm man einen leisen Mädchenschrei, ein von Tränen ersticktes Auflachen. Sich streckend, hob Hilde die Arme wie eine Heilige, die in den Flammen ihres Martyriums den Glanz des offenen Himmelreiches schaut. »Er hat geholfen!« Bei diesem jubelnden Schrei blieb es unklar, ob sie Gott oder einen anderen meinte.



Das Gesicht des Trutz von Trutzberg, schon glühend vom Fieber, bekam noch den Glanz einer staunenden Freude.



»Ja, Herr«, sagte Kassian Ziegenspöck, der vom vielen Reden ein bißchen merklicher wülstete, »ich hätt Euch die Nachtruh bis zum Morgen gern vergönnt. Aber wie der edel Herr von Seeburg den Lien, der um den Medikus geritten, nimmer gesehen hat, ist er ein lützel anmaßig geworden. Der edel Herr ist ein schlechter Menschenkenner. Hat gemeint, ich wär angesäuselt – vom Wasser –« Kassel lachte in Tönen, die so klar waren wie nach einem Dutzend ungepfefferter Eidotter, »und hätt mir gern das Eisen aus der Faust gerissen. Da ist mir die Serjantenstub nimmer sicher genug gewesen, und ich hab wider den edlen Herren ein lützel unehrerbietig werden müssen. Es tut mir leid.« Wieder fand Kassian Ziegenspöck diese feinen, hellen Lachtöne, die so komisch wirkten, daß die Knechte und Söldner sich unter Gelächter niederbuckelten bis zu den Knien.



Dann plötzlich war lautlose Stille. Hinter der Puechsteinischen Grenze war ein kurzes, wildes, hohnfreudiges Auflachen herausgefahren. Das war wie ein Lachen aus einer anderen Welt. Das verzweifelte Mahnen der Frau Schligg und die zärtliche Bitte seines Kindes mißachtend, hob und stemmte Herr Korbin sich auf. Obwohl er lachte, sah er mit den glühenden, weit geöffneten Hohnaugen aus, daß die anderen vor ihm erschraken. »Heini von Seeburg! Du Grimmiger, der die Trutzische Leinwand braucht? Wieviel verlangst du jetzt für deinen Bruder Peter?«

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