Frei Lesen: Die Trutze von Trutzberg

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Ludwig Ganghofer

Die Trutze von Trutzberg

8. Kapitel

eingestellt: 25.7.2007





Unter der schönen Morgensonne kam es im Trutzbergischen Wehrhof zu einer aufregungsvollen Szene. Alle Burgleute, an die vierzig Köpfe, umringten mit zornigem Lärm den zum Himmel stinkenden Wildkarren. Während der Jäger erzählte und Herr Melcher ununterbrochen fluchte und zehntausend Heilige des Himmelreiches zu unbarmherzigen Rächern des sündhaften Friedensbruches berief, gab sich Frau Engelein mit fahrigen Händen und unter erbittertem Schelten alle Mühe, ihren Ehegemahl sittsam in seine Werkeltagswad hineinzubringen. Sobald ihr diese schwere Arbeit gelungen war, sorgte sie gleich dafür, daß das Wildbret aus der Sonne und in den Keller kam.



Jungherr Eberhard entwickelte sich zum stimmkräftigen Helden, wetzte mit der blanken Klinge über die Pflastersteine und sakramentierte und berserkerte, obwohl er in der Tiefe seiner Seele das Geschehene als ein glückhaftes Ereignis pries, das zwischen sein Schuldbewußtsein und den moralischen Mutterzorn der Frau Engelein ein erlösendes Vergessen senkte. Schlimme Dinge des Lebens werden zu unwichtigen Kleinigkeiten, sobald eine größere Gefahr an das Haustor pocht.



Herr Melcher kam nach grimmigen Flüchen zu ruhiger Besinnung und sagte ernst: »Ich muß hinüber zum Puechstein und muß mich mit meinem Korbi beraten.« Er befahl, den Sattel auf sein schweres Roß zu legen, bestimmte vier Knechte zu seinem Geleit und traf, nun völlig nüchtern geworden und wie durch ein Wunder von allem Haarweh kuriert, mit Umsicht alle nötigen Anordnungen. Obwohl er der Meinung war, daß man die heiße Suppe des verwichenen Abends in kühlerem Zustand auslöffeln würde, dachte er doch auch an die übelste Möglichkeit: an einen heimtückischen Überfall des Heini von Seeburg, der an Leuten, Rossen und Büchsen unzweifelhaft stärker war als Herr Melcher und der Puechsteiner zusammen.



Dem Sohn wurde das Amt übertragen, die Burg in wehrhaften Zustand zu versetzen, die Waffen und Vorräte zu beschauen, kriegsmäßig die Wachen auszustellen und aus den Dörfern der Hörigen die Männer und Buben herauszurufen, die zum Wehrdienst bei der Mauer verpflichtet waren.



Eberhard, der nach der Katastrophe im Pfaffenstübchen des Burgfrieds vorerst noch keine Sehnsucht fühlte, seiner Braut und Himmelsgemahlin auf dem Puechstein das Garn zu halten, oder den Haspel zu drehen, machte sich mit Feuereifer an sein verantwortungsvolles Werk. Bei den Dingen, die jetzt nötig wurden, mußten die Weibsleute zurücktreten und schweigen. Wenigstens war das ihre Pflicht. Drum fühlte sich Eberhard dem sittlichen Zorn der Mutter gegenüber als der wesentlich Stärkere und geriet in eine fröhlich aufatmende Laune.



Herr Melcher kehrte nicht mehr ins Haus zurück. Die Knechte schleppten ihm alles herbei, was er für einen verläßlichen Ausritt nötig hatte. In der schönen Sonne zog man ihm die bockledernen Reithosen über die Knie hinauf, schnallte ihm die Sporen an, die Beinschienen, den Plattenküraß und das Wehrgehenk. Auf das edle Haupt bekam er den mit einer silbernen Katze gezierten Helm – die durchaus kein Sinnbild der sprungbereit auf Herrn Melchers Nacken sitzenden Frau Engelein sein sollte, sondern seit Jahrhunderten das Wappentier der Trutze von Trutzberg war – und seine rechte Faust umhüllte man mit dem Eisenhandschuh, der zwei bewegliche Stahlhaken als künstliche Finger besaß. So war Herr Melcher aus einem überfütterten Amor in einen glanzvollen Kriegsgott verwandelt, der sich freilich an diesem Morgen noch nicht gewaschen hatte. Dies unterließ der edle Trutz auch in friedlichen Zeiten sehr häufig.



Gerade wollte Herr Melcher sich unter Beistand von vier lupfenden Knechten in den Sattel heben, als Frau Angela aus dem Wildbretkeller in den Wehrhof zurückkehrte. Erschrocken und mißtrauisch eilte sie auf ihren Gatten zu, faßte ihn an der grünroten Schärpe derer von Trutzberg und kreischte: »Mann, Mann! Tu keine Dummheit machen! Wo willst du hin?«



»Zum Puechstein hinüber!« Herr Melcher plumpste in die geräumige Sattelkufe. »Das wird wohl sein müssen!«



»Wohl! Das muß geschehen!« Frau Engeleins Stimme klang wie eine harte Stahlsaite. »Dem Puechsteiner sagst du auf! Sein unsinniger Gächzorn soll nit Ursach werden, daß wir auf dem Trutzberg leiden müssen. Wie man den Peter von Seeburg erschlagen hat, ist keiner von den Unsrigen dabeigewesen. Da geht uns der ganze Handel keinen Pfifferling an. Was sich der Puechsteiner eingekocht hat, soll er selber hinunterwürgen. Du bietest ihm keinen Mann, kein Roß, kein Pulverkörnlein und keinen schwarzen Heller. Wegen des Jagdbanns vertragen wir uns mit dem Heini von Seeburg. Wildbret haben wir mehr als genug. Und machst du es anders, so hast dus mit mir zu tun!«



»Das tät mir nichts Neues sein!« erwiderte Herr Melcher in übler Laune. »Seit dreißig Jahren hab ichs allweil mit dir zu tun. Aber sei zufrieden, Weibl! Ich tu geloben, daß ich auf dem Puechstein nit essen und nit trinken will. Da ists ein unmögliches Ding, daß ich an meiner sauberen Wad einen Fleck mit heimbring.« Um jede Antwort seiner Hausehre abzuschneiden, gab er dem schweren Roß die Sporen und ritt zur Torhalle, in der die vier Knechte schon ihres Herrn warteten.



Die Grabenbrücke rasselte herunter und hob sich wieder hinter den fünf ausreitenden Gäulen.



Während der klobige Scheck, auf dem der Burgherr saß, mit vorsichtigen Hufen über den steilen, grobsteinigen Bergpfad hinunterkletterte, guckte Herr Melcher freundlich in den schönen Vormittag. Wohl war in ihm der Zorn über die Seeburgische Missetat noch nicht völlig beschwichtigt; auch hatte er Ursach, mit Sorge an die kommenden Tage zu denken. Aber es freute ihn, daß sein Freund und Herzbruder, sein treuer, verläßlicher Korbi, das Seeburgische Diebsnetz so flink über den Haufen geschmissen hatte, als es herging um die Trutzbergischen Hasen und Reechlein. Den schweren Mann wandelte eine Art von glücklicher Rührung an, wenn er des Blutes gedachte, das Herr Korbin für das Trutzbergische Haarwild vergossen hatte. Dazu war in Herrn Melcher noch das unbewußte Gefühl, daß er sich bei jedem Huftritt seines Gaules um einen festen Ruck aus der Nähe der Frau Angela entfernte. Seit vielen Jahren war das immer so gewesen, daß ihm bei jedem Ausritt aus der Trutzburg die Seele leichter wurde, auch wenn es hinausging zu Fehde und Männermord. Drum kam es auch heute so: Herr Melcher war frohen Herzens.



Als er mit seinem Geleit durch den Burgwald des Freundes hinaufritt, fing der Puechsteinische Torwärtl zu tuten an, und die Knechte des Herrn Korbin zeigten sich mit ihren Faustbüchsen in den Schießscharten des Tores. Die paar Leute, die den Puechstein betreuten atmeten wohlig auf, als sie den in Waffen dritthalb Zentner schweren, friedsamen Kriegsgott auf dem schwitzenden Schecken einherzotteln sahen. Die morsche, geflickte Brücke fiel herunter. Bevor Herr Melcher ihr sein Leben anvertraute, ließ er seine Geleitsknechte drüberreiten.



Die Besatzung des kleinen Hofes bestand aus Tauben, Federvieh und Schweinchen, die nicht ahnten, daß die Tage ihres Lebens bereits gezählt waren.



Beim Herrenhaus wurde Herr Melcher von einer alten Magd empfangen, die ihm klagte, daß es dem Herrn gar nicht gut ginge.



Der freundliche Kriegsgott tröstete: »No, no, no, es wird nit so gefährlich sein!«



Bei dem keuchenden Aufstieg über die drei steilen Holztreppen, die zum Ehegemach des Puechsteiners führten, schnallte Melcher ein Waffenstück ums andere von sich herunter. Ohne Eisen wurde ihm das Steigen leichter.



Auf einem Bänklein vor der Stube saß der alte Veit, für eine Reise gerüstet, mit der ledernen Botentasche.



»Veitl, wo mußt du hin?«



»Nach München hinein, zum Herzog Albrecht.«



Herr Melcher lachte. »Der Korbi hat doch allweil gleich den besten Einfall!« Er legte seinen Helm auf das Bänklein und trat in die Stube. Mutter und Tochter eilten dem Gast entgegen, Frau Scholastika verstört und mit sorgenvollen Augen, Hilde in einer wunderlichen Mischung von Kummer und Geistesabwesenheit. Ehe die beiden noch zum Reden kamen, befahl Herr Korbin aus dem Bett heraus: »Die Weibsbilder aus der Stub! Jetzt müssen wir Mannsleut vernünftigen Rat halten.« Ohne einen Widerspruch zu wagen, verließen Mutter und Tochter das Zimmer und stiegen in Hildes Kämmerchen hinunter.

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