Frei Lesen: Die Trutze von Trutzberg

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Ludwig Ganghofer

Die Trutze von Trutzberg

9. Kapitel

eingestellt: 25.7.2007





Den gleichen Fluchttrieb, von dem die Schafherde befallen war, hatte der Puechsteinische Reiter auch in die Gehöfte der hörigen Bauern geworfen. Da begann in jedem Hag ein Rennen und Hasten, ein zorniges Schelten der Männer und ein grillendes Geschrei der Weibsleute. Jetzt kam das »Himmelreich«, von dem ihre sehnsüchtigen Christenseelen bei der Predigt des Wanderpfaffen geträumt hatten. In Wirklichkeit sah es wesentlich anders aus, als es in ihren Träumen sich angesehen hatte. Da wars gewesen wie ein hoher Feiertag im Schlaraufenland, mit Tanz und lustigem Frieden, mit vollen Geldsäckeln und wunschlosem Magen, mit dem Duft gebratener Ochsen und mit dem lieblichen Geplätscher des aus unerschöpflichen Brunnen strömenden Weines. Das Himmelreich, das nun zu kommen drohte, hatte den Vorgeschmack von rinnendem Blut, den Geruch von brennenden Häusern und das grinsende Gesicht aller Lebensnot.



Mit dem wirren Stimmengekreisch der Männer und Weiber mischte sich das Geplärr der Kinder, das Brüllen der Kühe, das Gackern, Geschnatter und Flügelschlagen des Federviehs. Man fing die Hennen, Enten und Gänse von den Misthaufen weg und sperrte sie in hohe Körbe, die aus Stroh oder Weidenruten geflochten waren. Mit Stricken knüpfte man die Rinder an den Hörnern zusammen, die Ziegen an den Hälsen, die Schweine und Ferkel an den Füßen. Den armseligen Hausrat lud man auf die Karren; Gewand, Geschirr und Nahrungsmittel wurden in die Waldsäcke gestopft.



Nur an dieser Habe, die man schleppen und treiben konnte, hing die Sorge der Flüchtenden. Ein heimatliches Hängen an den bedrohten Dächern, die sie jetzt verlassen mußten, kannten sie nicht. Diese Häuser und Hütten waren für die Armen, die da wohnten, ein unsicheres und häufig wechselndes Lehen und waren, wie die Ställe und Scheunen, Besitz des Burgherrn, der diese Dächer, wenn ein Feind sie niederbrannte, neu wieder aufbauen mußte. Statt sein Haus zu lieben, dachte der hörige Bauer: ein frisches Dach hält den Regen besser aus als ein morsch gewordenes, und für das Vieh ist ein neuer Stall gesünder als ein alter. Doch die fahrende Habe, die sein Eigentum war, konnte Raubgut der feindlichen Söldner werden. Und übel mußten die Mannsleute sich sorgen um ihre Mütter und Bräute, um ihre Weiber und Töchter. Man kriegt nicht gern ein Kind, von dem es schwer zu erraten ift, wem es gleichschaut. Die Greise, die halbwüchsigen Buben, die Weibsleute und Mädchen hoben die Säcke und Körbe auf den Rücken, nahmen die schreienden Kinder an die Hand, begannen die zusammengekoppelten Viehhaufen zu treiben und die Karren zu schleppen, flüchteten gegen die verläßlichen Schlupfwinkel der Berge und beteten dabei mit Inbrunst, daß der liebe, barmherzige Gott keinem anderen den Sieg verleihen möchte als Herrn Melcher Trutz und dem Ritter Korbin von Puechstein.



Die rüstigen Mannsleute und die wehrfähigen Burschen gaben den Flüchtigen unter klugen und törichten Ratschlägen das Geleit, bis die bergenden Wälder begannen. Dann kehrten sie um und zogen mit ihren Hauswaffen und Schanzwerkzeugen zur Burg ihres Herrn hinauf. Hier langten sie gerade rechtzeitig an, um die Heimkehr des Trutzbergischen Kriegsgottes und die Ankunft der Puechsteinischen Auswanderer mitzuerleben. Es war ein langer Zug, der sich über die vielen Schlangenwindungen des steilen Burgpfades heraufbewegte. An der Spitze dieses halb kriegerisch und halb friedsam ausschauenden Heerwurmes ritt Herr Melcher, wieder umfunkelt von seinen Waffen, auf dem Haupt die springende Katze, mit dem ernsten Blick eines sorgenvollen, seiner Verantwortung tief bewußten Feldherrn. Diesen Führerposten hatte er gewählt, damit er als erster in die Burg käme und vor dem Eintritt der Puechsteinischen Gäste noch Zeit hätte, den voraussichtlich sehr heftigen Zorn der Frau Angela zu beschwichtigen.



Neben der Tatsache, daß er ihren ausdrücklichen Wünschen zuwidergehandelt hatte, mußte er ein bedrohliches Aufbrennen ihrer Reizbarkeit noch aus einem zweiten Grunde befürchten. Seinen Schwur, auf dem Puechstein weder zu essen, noch zu trinken, hatte er treulich gehalten. Solche Gewissenhaftigkeit war ihm dadurch erleichtert worden, daß es Frau Scholastika in ihrem Kummer und bei der Plage des flinken Packens völlig übersehen hatte, dem Gast einen Trunk oder Bissen anzubieten. Und dennoch hatte Herr Melcher sich ganz entsetzlich bekleckert. Beim Ausritt aus dem Puechstein hatte in der Torhalle die springende Katze seines Helmes einen mit Kalk gefüllten Kübel vom Mauergesims heruntergestoßen, und von der Schulter war ihm der weiße Farbstrom über Küraß, Waffenrock und Beinschienen bis auf den Sporn geronnen. Eigentlich sah das gar nicht unsauber aus. Es hatte nur den Anschein, als wäre der grimme Kriegsgott zur linken Hälfte in einen weißen Friedensengel verwandelt. Daß auch der Scheck, auf dem er geritten kam, von dem Kalkregen was Erkleckliches abbekommen halte, das merkte man gar nicht, weil der Gaul ohnehin schon mit weißen Sprenkeln versehen war.



Hinter Herrn Melcher kamen die von des Puechsteiners hörigen Bauern geführten, von Ochsen und Kühen gezogenen Karren, jeder hoch beladen mit Truhen, Hausrat, Geschirr, Weinfässern, Mehlsäcken, Waffen, Kugelbeuteln, Gewand, Schmalztöpfen, Pulverkisten und Käsekorben. Das Wertlose war in der verlassenen Burg zurückgeblieben, nur das Beste hatte man mitgenommen, und dennoch sah diese Karrenreihe aus wie der Umzug eines Trödelmarktes. Einen grotesken Anblick bot der letzte der Karren, den man auf Frau Schliggas inständige Bitten mit ihrem mächtigen Ehebett beladen hatte. Weil es der Länge nach auf dem Karren keinen Halt gefunden, hatte man es senkrecht auf die Fußwand stellen müssen. Aus Bettzeug, Kissen und Linnlaken aufragend, umweht von den grünen und gelben Fähnchen seines Himmels, kam es angewackelt wie eine jener lustigen Faschingskanzeln, die in den Städten am närrischen Dienstag umhergefahren werden. Es fehlte nur der Narr mit seinen zynischen Knittelversen. Freilich, beim Aufladen im Hof des Puechsteins hatte Frau Scholastika mancherlei Späße vernehmen müssen. Unter Tränen hatte sie den Spott der üblen Stunde geschluckt. Was den Scherz der anderen weckte, war für sie eine Schatzkammer der verzettelten Seligkeiten ihrer entschwundenen Jugend, ein Perlenschrein der ungezählten Tränen, die sie aus sorgenvoller Sehnsucht nach dem immer fernen Gatten vergossen hatte in tausend einsamen Nächten, und das zärtlich behütete Heiligtum ihres neu erblühten Spätglückes, für dessen Erhaltung sie in jeder Stunde einen verschwiegenen Schrei zum Himmel schickte.



Im Gefolge dieses letzten Karrens, der für Frau Scholastika der einzig zählende war, meckerten die Ziegen und grunzten die Schweinchen einher, die von der alten Schloßhauserin Barbara und der jungen, hübschen, rothaarigen Magd Pernella getrieben wurden. Auf dem Rücken der beiden Weibsleute flatterten die Hennen und Enten in den hohen Weidenkäfigen.



Nun kam Herr Korbin geritten, auf einem zahmen Gaul seines Söldnerstalles, mit einem schmerzhaften Ausdruck im heißen Gesicht und doch belustigt durch das komische Bild der eigenen Armut, die da auf Reisen ging. Er trug seine schwersten Waffen; nur das verwundete Bein war ohne Stahlplatten und umwickelt mit linden Tüchern.



Zu beiden Seiten des Puechsteiners ritten Frau Scholastika und Hilde mit blassen Gesichtern und feuchten Augen, in den gleichen Kleidern, die sie an dem schönen Sonntagsmorgen bei der Predigt des Wanderpfaffen getragen hatten. Statt des Kränzleins aus roten Nelken saß der Hut mit den zwei Schwanenfedern auf dem Braunhaar des Fräuleins. Immer hingen die Blicke der beiden in tiefer Sorge an dem lachenden Reiter. Und sooft das ungetüme Ehebett auf dem letzten Karren einen bedrohlichen Wackler machte, erschrak Frau Scholastika bis tief ins Herz und streckte die Hand, als müßte sie stützen und helfen.



Die drei, die erst auf halber Höhe des Burgwaldes ritten, konnten das Tor und die Mauer noch nicht sehen. Aber sie hörten das Geknatter und Gerassel, mit dem die Zugbrücke herunterfiel. Heiter sagte der Puechsteiner: »Jetzt wird Frau Engelein vor Schreck einen Purzelbaum schlagen und aus der Haut fahren. Hoffentlich hat sie eine andere zur Hand, die ihr paßt. Sonst muß sie als geschundene Heilige durchs Leben wandern.« Er sah die gequälten Gesichter seiner Frau und Tochter an und lachte wieder. »Meine zwei lieben Weiblein, nehmt das Ding nit so hart! Wir reiten einer flinken und lustigen Hochzeit entgegen. Wird Frau Engelein zum Vorspiel ein lützel grob, so muß mans schlucken mit Heiterkeit. Sie kann nit anders. Alles ist und bleibt, wies Gotts Weisheit erschaffen hat.« Den Schritt des Pferdes verhaltend, drehte er den Kopf. Hinter ihm kamen die Geleitsknechte des Herrn Melcher, die paar Söldner und der alte Torwärtl des Puechsteiners; sie waren neben der eigenen Wehr, die sie trugen, noch mit allem Waffenzeug beladen, das man auf den Karren nimmer untergebracht hatte. Freundlich nickte Herr Korbin den Leuten zu und rief: »Ein lützel langsamer! Herr Melcher wird Zeit brauchen zum Turnei mit seinem Hausvergnügen.«

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