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Ludwig Ganghofer

Hochwürden Herr Pfarrer

eingestellt: 8.6.2007





Auf seinem Grabe wuchert schon lange grünes Gras, wenn es nicht der Schnee deckt im Winter oder eine pietätvolle Hand am Allerseelentage den niederen Hügel mit schwarzer Erde bestreut. Will ich von dem, der darunter liegt, erzählen, so habe ich keine Mahnung des alten Spruches zu befürchten: De mortuis nil nisi bene. Denn selbst seine Feinde -- die Finger reichten aus, um sie zu zählen -- konnten ihm nichts Schlimmes, nur Absonderliches nachsagen.

Daß er, wie es in Nekrologen so gerne heißt, »durch dieses Leben geschwebt« wäre, läßt sich von ihm nicht gut behaupten, denn die Spur, die seinen Weg kennzeichnete, war tief und breit wie die Spur eines Bierwagens. Ich weiß, dieser Vergleich ist nicht poetisch, aber er hat Wirklichkeit -- und man opfert ja heutzutage dem Wirklichen die Poesie so gerne.

Weder er selbst noch sein Leben, noch sein Wirken war bedeutend, und doch sind sie der Betrachtung wert.

Daß sein Vater ein reicher Bauer war, so einer vom richtigen Schlag der Berge, daran ist an und für sich nichts Besonderes. Merkwürdig in hohem Grade sind aber schon die seltsamen Umstände zu nennen, unter denen Franzerl das Licht der Welt erblickte. Franzerl -- so hieß nämlich unser Held. Schon bei den Anzeichen seines Werdens hatte man sich im Familienrate -- je nachdem -- über den Namen Franziskus oder Franziska geeinigt. Und wenn da wirklich, wie erhofft, ein Franziskus käme, so wußte lang schon im voraus das ganze Dorf, daß der als zweiter Sohn eines reichen Hofbauern »zur Studi aufn Pfarr« bestimmt wäre.

War nun Franzerl schon vor seinem Eintritt in die Welt der Stoff so mancher Unterhaltung, so wurde er, da er diesen Eintritt ins Leben endlich vollzog, für mehrere Wochen geradezu zum ausschließlichen Tagesgespräch.

Eigentlich hatte man den oder das Franzerl erst zwei Monate später erwartet -- und ohne Ahnung dessen, was die nächste Stunde bringen sollte, ging seine Mutter eines Palmsonntags in das Hochamt. Freilich war es der guten Frau schon ein paar Tage her »net recht so so« gewesen, was sie aber nicht hindern konnte, ihrer Christenpflicht zu genügen.

Wohl erschien ihr die Predigt ein wenig zu lang, und als sie endlich doch überstanden war, hätte die Bäuerin ihrem körperlichen Unbehagen, das dringend zur Heimkehr mahnte, gerne nachgegeben. Da sie aber, ihrem dörflichen Range angemessen, in einer der vordersten Bänke ihren Platz hatte, so hätte sie, um zur Tür zu gelangen, an all den Leuten vorüber den ganzen langen Kirchengang dahinpilgern müssen --und in ihrem jetzigen Zustand wollte sie das um alle Welt nicht tun. So drückte sie tapfer die Augen zu und betete hurtig weiter, Vaterunser, Ave Maria, Glauben an Gott, die Heiligenlitanei -- alles kunterbunt durcheinander, was ihr eben auf die Lippen kam.

Auf einmal aber, gerade als die Frau Lehrerin, begleitet von Orgelklängen, Geigen und Posaunen, droben auf dem Chor das schöne Solo zu singen anhub: Benedictus qui venti -- da war der Bäuerin »ganz anderst« geworden.

»Verblaßt und daglegen war eins!« erzählte nach der Katastrophe ihre Kirchenstuhlnachbarin.

Von der »Mannerseiten« sprangen ein paar Burschen zu Hilfe, um die Ohnmächtige ins Freie zu tragen. Die gewisse »Frau Gvatterin« aber, die geschäftig, mit beredten Händen die wispernden Leute beruhigend, herbeigeeilt war, erkannte gar bald, »wo Matthäi im längsten«, und ließ die Kranke schleunigst in das Glockenhaus tragen und sorgsam auf einen Haufen schwarzer Bahrtücher niederlegen.

Mit der Andacht der Kirchleute war es jetzt freilich vorbei. Wohl wandte sich der Hochwürdige öfter als vorgeschrieben mit einem unwilligen, von zornigen Blicken begleiteten Dominus vobiscum zu seinen Schäflein. Da er aber bemerkte, daß nicht der Altar, sondern die Tür der Glockenstube, aus der man ab und zu recht verdächtige Laute vernehmen konnte, die Aufmerksamkeit unwiderstehlich in Anspruch nahm, da betete auch er das Sanktus, Paternoster und Evangelium rascher denn sonst, verzichtete sogar beim Ite missa est auf den üblichen Koloraturenprunk und wäre zu allem Ende fast noch über eine Falte des Altarteppichs gestolpert.

Nach Schluß des Gottesdienstes holte man in Ermangelung eines anderen Transportmittels aus dem Schulhaus eine vollständige Bettlade herbei und schaffte damit die Bäuerin mit samt dem dreißig Minuten alten Franzerl nach Hause.

Als tags darauf der geistliche Herr die Wehmutter besuchte, machte er unter Hinweis auf die unerforschlichen Fügungen des Herrn sehr nachdrücklich auf das seltsame Zusammentreffen des Geburtsortes und der Lebensbestimmung des Kindes aufmerksam und versuchte aus diesem Anlaß gegen den Namen »Franzerl« zu opponieren. Donatus sollte der Junge getauft werden, meinte er, indem er ohne Furcht vor einer gegnerischen Meinung die Behauptung aufstellte, Donatus bedeute soviel als »der von Gott Geschenkte und für Gott Geborene«.

Dem aber trat der Bauer kurz und bündig entgegen: »Das geht über mein Verstand! Franz Josef soll der Bub heißen und net anders.«

Es war merkwürdig, wie alle Meinungen, die über den Jungen laut wurden, mehr oder weniger mit seinem künftigen Beruf in Verbindung standen. So hatte sich die »Frau Gvatterin« noch im Glockenhause zu der Äußerung veranlaßt gesehen: »Am Kopf fehlt sich nix! Der ist groß gnug für ein Bischof oder ein Kapuziner.«

Welchem Ideengange sie folgte, um zu diesem seltsamen Doppelschluß zu gelangen, ist allen, die ihn vernahmen, ein Rätsel geblieben. Gemeinverständlich war schon die Anmerkung, die sie zu den großen, weitabstehenden Ohren des Kindes machte: »Schimpfts mir net über die Wascheln! Die sind schon recht, da überhört er grad nix, wann er im Beichtstuhl sitzt.«

Und wenn der Junge unter ihren Händen schrie, tätschelte sie ihm lächelnd die dicken, runden Schenkelchen: »Schrei nur zu, kleiner Herr! Da kriegst grad das richtige Lüngerl zum Predigen!«

Sie war eine perfekte, weitsichtige Prophetin, die Frau Gevatterin. --

Die Jahre vergingen. Franzerl wuchs aus dem Kinderröcklein in die Höschen, kam in die Schule und mit acht Jahren zum Herrn Pfarrer in die lateinische Stunde. Schon jetzt erwachte in ihm das Bewußtsein der einstigen Würde -- er fühlte sich, wie man so sagt. Stolz warf er den Kopf zurück, drückte die Brust heraus und zog den Ellbogen auf, so daß er an jeder Seite den Arm trug wie der Krug seinen Henkel. Dabei fing er an, auf seine Altersgenossen von oben herabzusehen, ohne aber deshalb in einen dummen Knabenhochmut auszuarten; und als er erst mensa deklinieren und das Vaterunser lateinisch beten konnte, tyrannisierte er mit Blick und Wort die ganze Schule. Die Spiele wurden nach seinem Willen gespielt, er war Schiedsrichter in allen Zwistigkeiten, Feldherr in allen Kriegen und Hauptmann in allen Räuberkämpfen. Freilich waren unter seinen Schulkameraden auch manche, die seine Autorität nicht so geradeweg anerkennen wollten; mit denen machte Franzl jedoch kurzen Prozeß; er schlug ihnen, wenn sie nur ein Wort des Widerspruches fallenließen, einfach die mit einem Riemen zusammengeschnürten Schulbücher um die Köpfe -- und wer gegen diese letzte Instanz noch zu appellieren versuchte, lag im Straßengraben, eh er sichs versah. Hatte Franzl doch mit zehn Jahren schon das ganze Aussehen eines jungen Bräuknechts! Was er anrührte, spürte seinen Griff. Das konnte man allererstens schon an seinen Büchern ersehen -- vierzehn Tage genügten, um vom neuesten Exemplar jegliche Spur eines Einbandes verschwinden zu machen, wobei freilich der oben angeführte Gebrauch ein Wesentliches beitrug; hinter dem Titel aber sahen sie nicht besser aus, da bei seinem gewohnten, raschen »Umblattln« alle Ecken und Kanten in Franzls dicken Fingern blieben.

Mit einem Worte -- schon in jungen Tagen versprach unser Held ein sieghaftes Mitglied der ecclesia militans zu werden.

So war Franzl zwölf Jahre alt geworden und hatte freilich mehr an Länge und Körperstärke denn an Weisheit zugenommen. Daß er trotz alledem zu Neuburg an der Donau gleich in die zweite Lateinklasse und mit einem halben Freiplatz in das Seminar aufgenommen wurde, durfte er weniger seinen Kenntnissen als der Fürsorge seines Pfarrers danken, der zu Anfang seiner Priesterlaufbahn im Neuburger Studienseminar Präfekt gewesen war.

Nun kam für Franzl eine harte Zeit. Erstlich fiel ihm schon das lange Sitzen schwer; und das viele Studieren, zu deutsch Ochsen, war ihm weidlich sauer. Doch betrübte ihn das lange nicht so sehr wie der Umstand, daß er unter all diesen Söhnen von Regierungsräten, Landrichtern und Revierförstern sich weder Einfluß noch Ansehen zu erkämpfen vermochte; und als er es in einer bösen Stunde mit dem früher so wohl erprobten Gewaltmittel versuchte, da setzte es Tatzen und langstündigen Karzer. Seine Kameraden machten ihn aber von nun an erst recht zur Zielscheibe ihres Spottes -- der aus Franzls grobkörniger Redeweise, aus dem dumpf gedehnten »oa« und »au« seiner unverfälschten Heimatsprache eine nie versiegende Nahrung schöpfte --, und als diese jungen Herren von der Schulbank erst herausgebracht hatten, daß Franzls Mutter ihre Briefe stets adressierte an »Wohlgeboren Herrn Franzerl ... «, da hieß es »Franzerl« hin und »Franzerl« her im ganzen Seminar, so daß dem langen, kräftigen Burschen der mütterliche Schmeichelname bald ein Ekel und Abscheu wurde. Als er dann in die Ferien nach Hause kam, war es sein erstes, daß er diesen Namen abtat und kategorisch den Gebrauch der zweiten Hälfte seines Taufnamens begehrte. Wenn er sich nun auch im Dorfe zu einem »Sepp« verwandelt hatte, im Seminar, wohin ihn der Herbst zurückführte, mußte er sich wohl das »Franzerl« noch lange Zeit gefallen lassen. Auch der übrigen Stellung gegenüber seinen Kameraden wußte er erst von der Zeit an, da er in die Gymnasialklassen übertrat, eine lichte Seite abzugewinnen.

Und das kam so: In dem umfangreichen, von einer hohen Mauer umzogenen Garten des Seminars hatten Lateinschüler und Gymnasiasten getrennte Spielplätze. Da erlustigten sich die ersteren auf ihrem Gebiete während der »Freizeit« an den mannigfachen Turngeräten, Springböcken, Schwungbäumen und Klettergerüsten; wenn sie aber dann nach stundenlangem Umhertollen müd und erhitzt im Grase lagen, lauschten die jungen Burschen neidisch dem Rumpeln der Kugel und dem Gepolter der fallenden Kegel, das vom Spielplatz der Gymnasiasten herüberklang. Und auf dieser Kegelbahn war Sepp von dem Augenblicke an, da er sie zum erstenmal betreten hatte, unbesiegter Meister geblieben. Wie angeschraubt saß die Kugel in seiner breiten, dickfingerigen Hand, und wenn er sie warf -- es war das immer ein Schuß wie aus der Büchse -- dann mähte sie die Kegel wie des Schnitters Sense die Weizenhalme. Und nicht nur, daß es für unsern Sepp eine Kleinigkeit war, einen Kranz oder alle Neune zu »schieben« -- er brachte es nach und nach zu einer solchen Kraftentwicklung und Geschicklichkeit, daß er mit einer kleinen Kugel jeden einzelnen Kegel aus dem vollen Spiel herauswarf. Diese unbestrittene und gerechterweise bewunderte Meisterschaft festigte wieder sein Selbstbewußtsein, das unter seiner früheren gedrückten Stellung bedenklich gelitten hatte.

Doch wie im Leben gemeinhin, so schreitet auch manchmal auf der Kegelbahn das Schicksal schnell. Es war im letzten Sommer seiner Studienzeit, just drei Monate vor dem Examen, da nahm Sepps kegelmörderische Meisterherrlichkeit mit einemmal ein jähes Ende. Er hatte da, wie früher so häufig schon, eines Nachmittags wieder gewettet, dreimal nacheinander den hintersten Kegel aus dem Spiel zu werfen. Zweimal war ihm das Kunststück bereits gelungen -- nun stand er wieder vor dem Brett und schwang, in den Knien sich wiegend, mit weitausholendem Bogen die kleine Lignum sanctum--Kugel. Aber sei es, daß er diesmal die Kurve zu hochnahm oder in der Erregung des Spiels und der Wette ein Übermaß von Kraft verschwendete -- statt auf den bedrohten Kegel flog die Kugel krachend in die Latten des Daches, so daß an die zwanzig Ziegelplatten zerschmettert niederprasselten auf die Dielen der Kegelbahn.

Der Spektakel dieser Katastrophe hatte den aufsichtsführenden Präfekten herbeigelockt -- und die Folge war, daß dem überkräftigen Kegelkönig neben der Verurteilung zu den Kosten für den Rest des Semesters das Betreten der Kegelbahn untersagt wurde.

Das war nun freilich für Sepp ein schmerzlicher Schlag; doch machte er aus der Not eine Tugend, und so kam die ersparte Zeit den Vorbereitungen für das Examen zugut, das er schließlich, wenn auch nicht glänzend, so doch ehrenvoll bestand.

Über die Zeit seines Aufenthaltes im Priesterseminar sowie über das vorangehende Universitätsjahr zu München fließen meine Quellen spärlich. Nur das eine hab ich mir sagen lassen, daß er während seiner zwei philosophischen Semester gleich fleißig wie die Kollegien auch das Hofbräuhaus frequentierte. Ist doch schon in diese Zeit die erste Entwicklungsperiode jenes ausdauernden Purpurs zurückzuleiten, der späterhin durch seine Konsequenzen für Sepps Nase so verhängnisvoll werden sollte.

Daß ihm der Aufenthalt innerhalb der stillen Mauern des Alumnenhauses große Seelenkämpfe und innere Stürme brachte, ist wohl nicht anzunehmen. Sein Geist erfreute sich niemals einer besonderen Beweglichkeit. Gedankenskrupel waren ihm zuwider wie schales Bier. Er ließ andere denken und nahm Worte und Dinge, die man ihn lehrte, willig und kritiklos entgegen. Dann war ihm ja auch seine Berufsbestimmung von Kindheit an so in Fleisch und Blut übergegangen, daß ihm niemals der leiseste Gedanke kam, als hätte er auch zu etwas anderem geboren sein können. Kurz, er verließ als geweihter Priester die Schwelle des Seminars mit derselben gleichmütigen Ruhe, mit der er sie betreten hatte -- und als er vier Wochen später in dem weiten Grasgarten seines Elternhauses unter blauem Himmel seine Primiz feierte, da hielt er den ungeheuren Zulauf der Landbevölkerung für etwas ganz Selbstverständliches und Natürliches. Der Pfarrer und ein paar Betschwestern nahmen es ihm freilich übel, daß er beim Festmahle dem Bierkrug und der Weinflasche allzu wacker zusprach, um ungefähr seine Kammer finden zu können. Sepp aber soll auch das für natürlich und selbstverständlich gehalten haben.

Bald darauf verließ er seine Heimat, um die erlangte Kaplanstelle in einem weit entfernten Pfarrdorfe anzutreten. Da nahm er als Köchin die alte Hausmagd seiner Eltern mit sich, die ihn als Kind schon auf den Armen getragen hatte.

Über Sepps siebenjährige Kaplanzeit und über die fünf Jahre, die er als Pfarrer in einem hochgelegenen Gebirgsort verbrachte, breitet sich wieder ein Schleier, den keine Nachfrage zu lüften vermochte.

Da segnete eines Tages der alte hochwürdige Herr in seinem Heimatdorfe das Zeitliche, und wenige Wochen später vernahmen die Bauern von -- sagen wir Wackersdorf -- mit sehr geteilten Empfindungen die Kunde, daß Sepp zum Nachfolger des Hingeschiedenen ernannt wäre. Seine Verwandten sahen dem Eintreffen des neuen Pfarrers mit Stolz und großen Erwartungen entgegen, da sie sich mit der gerechten Hoffnung trugen, daß ihr zu geistlichen Ehren und Würden gekommenes Blut ihrer Stellung im Dorfe einen erhöhten Nimbus verleihen würde. Andere jedoch, die mit Sepp auf der gleichen Schulbank gesessen, von ihm gedrillt und geknechtet worden waren und sich inzwischen zu hausgesessenen Bauern und wahlfähigen Handwerkern ausgewachsen hatten, ergingen sich in recht pessimistischen Befürchtungen, und das um so mehr, als sie, wenn auch etwas dunkel und unbestimmt, von der energischen, weder Einmischung noch Widerspruch duldenden Amtsführung vernommen hatten, die Sepp dort oben in jenem Gebirgsneste zu handhaben pflegte. Beide Parteien vereinigten sich jedoch in der Spannung und Neugierde nach dem Aussehen des neuen Pfarrers, den sie seit seiner Primiz nicht mehr zu Gesicht bekommen hatten. All die zwölf Jahre her war Sepp nicht mehr als Gast in seinem Elternhaus eingekehrt -- hatte ihm doch sein Beruf nicht einmal gestattet, dem Begräbnis seines Vaters beizuwohnen.

Nun sollte er als wohlbestallter Seelsorger in seinem Heimatdorfe Einzug halten -- und am Tage seiner Ankunft waren Pfarrhof und Kirche von innen und außen mit Blumen, Tannenbäumchen und Laubgewinden geziert, während draußen vor dem ersten Hause des Ortes ein riesiger Triumphbogen sich über die Straße baute. Im grauenden Morgen schon war des Pfarrers Bruder, der Hofbauer, begleitet von der bejahrten Mutter, in blumengeschmückter Kutsche nach der Bahnstation gefahren -- und lange vor der Stunde, zu der sie zurück sein konnten, standen die Leute in dichten Gruppen vor dem Dorfe und spähten die weit sichtbare Straße entlang.

Endlich rollte, von Staub umwirbelt, der Wagen mit dem Erwarteten einher, die Rosse standen, die Böller krachten, die vom Lehrer angeführten Schulkinder intonierten einen Jubelchor -- die Leute aber reckten die Hälse und stießen unter mühsam verbissenem Kichern die Ellbogen aneinander, denn aus der wankenden, ächzenden Kutsche stieg eine schwarze Gestalt, die den Größten im Dorfe noch um Haupteslänge überragte, mit Armen, Schultern und einem Leibe, daß der verhüllende Talar an Stoff wohl ausgereicht hätte für die Flügelröcke zweier richtiger Männer -- mit einem Kopfe darüber, haarborstig, eckig und massiv, mit einem breiten Gesichte, daraus eine Nase sich ballte -- eine Nase! Wo find ich für die Schilderung dieser Nase Worte und Bilder? Diese Nase war gar keine Nase -- sie war eine Volksversammlung von Nasen und Näschen, von deren Gipfel eine flammende Röte über Wangen, Stirn und Lippen floß, wie -- wie -- wie glühende Lava über die Felshänge und Schroffen eines feuerspeienden, bizarr gebuckelten Berges.

Und das war Sepp, der neue Pfarrer von Wackersdorf!

In der einen Hand den Hut, in der andern das dicke silberbeschlagene Rohr, so stand er, regungslos zur Erde niederblickend, vor den singenden Schulkindern, die mit scheuen Augen zu jenem monströsen Gesichtsberge hinaufschielten. Als dann das Lied zu Ende war, trat ein weißgekleidetes Mädchen aus der Reihe, reichte dem Pfarrer einen Blumenstrauß, knickste und begann:

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