Frei Lesen: Abu Telfan

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Wilhelm Raabe

Abu Telfan

Zehntes Kapitel

eingestellt: 2.7.2007



»Gute Nacht, Madam Klaudine«, hatte auch Leonhard Hagebucher gesagt und war seines Weges, oder was man so nennen mag, gegangen; denn er wußte wenig von seinem Wege, er spürte ihn jedenfalls kaum unter den Füßen. Von den ersten Bäumen des Waldes aus hatte er noch einmal zurückgeblickt nach der kleinen Hütte unter der Felsenwand. Der Fels war dunkel, das Gärtchen lag in tiefer Dämmerung, und es war wie Magie, als jetzt Christine die Lampe der Frau Klaudine anzündete und der Lichtschein aus dem Fenster der Mühle dem zögernden Lauscher nachfolgte in den Wald. Leonhard grüßte diesen Schein noch einmal tiefer zwischen den Bäumen und schritt erst dann schneller vorwärts, als der Stamm einer alten Eiche ihn seinem Blick entrückte; die letzten Worte der Greisin erhielten jetzt erst ihr volles Gewicht: kein arglistiger Dämon durfte seine heutigen Schritte auslöschen oder verwirren, eine Ruhe und Sicherheit, die er lange nicht mehr gekannt hatte, erfüllten sein Herz und machten seine Seele still wie die schöne Nacht rings um ihn her. Nicht alles, was er heute sah, hörte und erlebte, war geeignet, ihm die so wünschenswerte Klarheit des Daseins zu geben; aber ein erster Hauch eines neuen Tages hatte ihn getroffen und kühlte ihm die heiße Stirn: so schüttelte er sich und schritt rüstig weiter, erst auf dem kaum sichtbaren Pfade durch den düstern Tal- und Waldgrund, dann auf der Landstraße durch das Dorf Fliegenhausen und zuletzt auf einem andern engen Pfade seitwärts der Landstraße, durch das hohe Korn, dessen nächste Halme er fortwährend durch die Hände gleiten ließ.

Er hatte sich in eine große Aufregung, ein halbes Fieber hineingeredet, als er der Frau Klaudine die letzten Augenblicke seines Aufenthalts in Abu Telfan schilderte; aber die leisen Tropfen an dem zerbrochenen Mühlrad und die Bewohnerin der Mühle selber hatten doch den Sieg davongetragen über die Aufregung und das Fieber. Immerfort klangen die Tropfen und die gute sanfte Stimme der alten Frau in seinem Ohre. Er sah Nikola von Einstein in der Fensterbrüstung sitzen, wie sie mit den Blüten und grünen Zweigen, welche in das Fenster lugten, spielte; er sah sie auf dem weißen Pferde gleich einer Jägerin aus Tristan und Isolde, wie sie über die Hecke winkte, ehe sie im Walde verschwand. Auch ihre Stimme und ihr Lachen erfüllten die Nacht und sein Herz; – sein Weg führte ihn sanft ansteigend aus der Tiefe in die Höhe, und nun stand er, immer noch zwischen den Ährenfeldern, neben einem alten, morschen, sehr überflüssigen Wegweiser und blickte zurück und rief, was er schon einmal am Zaun des Bumsdorfer Gutsgartens ausgesprochen hatte:

»Bei Gott, es ist doch schön im Vaterlande. Kurru, kurru, kurru, masch biqwa Schilla qwa Baggara!«

Letzteres Gegurgel bedeutete die Nationalhymne des Mondgebirges, deren Anfang in wortgetreuer Übersetzung lautet:

Was ist des Negers Vaterland?
Ists Schillukland? Baggaraland?
Ists, wo der Niger brausend geht?
Ists, wo der Sand der Wüste weht?
O nein, nein, nein usw.

und welche deshalb für den Deutschen von Interesse und literarisch- wie politisch-historischer Bedeutung sein muß, weil sie mit einem Liede, welches er selbst bis in die jüngste Zeit gern und häufig sang, eine unverkennbare Ähnlichkeit besitzt.

Ja, das Vaterland war sehr groß und sehr schön, und sehr hübsches, angenehmes, verständiges, aber auch sehr kurioses Volk lief darin herum. Mit einer ausgezupften Ähre in der Hand ging der Afrikaner weiter, und die Vorstellung, die Landenge von Suez durchgraben zu helfen, würde ihn heute nicht bewogen haben, von der Universität Leipzig durchzubrennen. Dagegen erschien ihm die Idee, der deutschen Nation öffentliche, gut honorierte Vorlesungen über das Tumurkieland zu halten, in der Tat recht einleuchtend und leicht ins Werk zu setzen.

»Warum nicht?« fragte er den dunkeln Horizont, den warmen Nachtwind und die funkelnden Sterne und fügte hinzu:

»Nur Mut – und Selbstvertrauen bis zur Unverschämtheit, Hagebucher! Zeige ihnen, mein Sohn, daß du doch nicht so ganz umsonst so lange in die Schule der Troglodyten gingst und mit einigem Nutzen am Mondgebirge den Eselskopf trugst, auf Erbsen knietest und die Rute bekamst. Weshalb solltest du es nicht wagen, Alter, den Kampf mit dieser närrischen Zivilisation von neuem aufzunehmen – wer weiß, wieviel Honig die Biene in sich hat? Jedenfalls, mein Kind, hast du weder Ruf noch Ruhm zu verlieren; und zu gewinnen –«

Er brach ab und seufzte tief; doch es war ein Zauber in dieser Nacht, und er konnte auch schon den Gedanken an Gewinn tapfer von sich abschütteln. Seine Schritte wurden immer länger, er ging körperlich und geistig durch, und es war ein großes Wunder, daß er mit heilen Gliedern auf der Bumsdorfer Landstraße wiederanlangte.

Nochmals hielt er an und horchte auf ein Rauschen seitwärts von des Vetters Wassertreter tadellos gehaltenem Pfade. Da war ein laufender Brunnen und eine Steinbank daneben inmitten einer Baumgruppe, ihm wohlbekannt aus seinen Knabenjahren. Obgleich er den Platz schon am hellen Tage einige Male aufgesucht hatte, so behagte es ihm doch auch jetzt in dieser Nacht wieder, daß der Strahl noch immer so frisch und kräftig in das Becken schoß, daß das lustige Gesprudel und Geplätscher während seiner Abwesenheit nicht versiegt war. Er beugte sich nieder, um gleich dem alten Zyniker mit der hohlen Hand zu schöpfen, besann sich jedoch eines Bessern und hielt den Mund an die Rinne wie vorzeiten und trank in vollen Zügen. Oft hatte er an diesen Quell denken müssen in dem heißen, glühenden Felsental von Abu Telfan und hätte oft mit Freuden ein Jahr seines Lebens für eine Minute an dieser Stelle hingegeben. Nun dachte er daran zurück und richtete sich wiederum dankbar und klüger in die Höhe. Er saß noch einen Augenblick ausruhend auf der Bank und benutzte die gute, klare Stimmung, um sich und der alten Dame in der Katzenmühle zu versprechen, fürderhin auch mit wenigem zufrieden zu sein und nötigenfalls das Leben fortzuführen in Europa wie in der Lehmhütte des Tumurkielandes, auch sich nicht allzusehr an den Worten und Werken seiner lieben Nachbarn zu ärgern, sondern in Geduld die Tage und die Dinge an sich kommen zu lassen, ferner mit Hülfe der Götter seine Meinung deutlich zu sagen, dieselbe aber auch, und zwar ebenfalls mit Hülfe der Götter, ruhig für sich zu behalten, dann für seine Gesundheit zu sorgen und zuletzt sich ein gutes Konversationslexikon zu eifrigstem Studium anzuschaffen. Lauter verständige, ehrenwerte und nützliche Vorsätze, Gelöbnisse und Pläne, aber alle kaum originell genug, um näher darauf eingehen zu müssen, weshalb wir sie ihm zu eigener reiflicher Überlegung anheimgeben und uns, da er überdies recht bequem neben diesem rauschenden Born sitzt, zu einem andern Wanderer kehren, der sich ebenfalls um diese Zeit auf dem Wege gen Bumsdorf befindet.

Am Marktplatz der Stadt Nippenburg liegt ein stattliches Haus mit glänzenden Spiegelscheiben und graugrünen Fensterläden, einem weiten Torweg und einem kurzstämmigen, haarigen Hausknecht: der Goldene Pfau, der erste Gasthof der Stadt. Seit undenklichen Zeiten steht sein Ruf fest, nicht nur in Nippenburg, sondern weit in die Lande. Generationen von Honoratioren haben ihre Bälle in seinen Räumen gehalten, Generationen von fetten Amtmännern und fetten und hagern Pastoren sind vor seiner gastlichen Pforte abgestiegen, hundert Generationen von Handlungsreisenden haben seinen Preis gesungen weithinaus einst über die Grenzen des Hansabundes und jetzt über die des Zollvereins, und der Goldene Pfau verdient das alles; er ist auch heute noch ein Ort, an welchem man es sich wohl sein lassen kann und wo man unter allen Umständen seine Rechnung findet.

Im Goldenen Pfau befand sich natürlich auch der »Herrenklub« von Nippenburg, und der Steuerinspektor Hagebucher war ebenso natürlich ein ausgezeichnetes, wohlangesehenes Mitglied dieser trefflichen Gesellschaft. Seine Pfeife mit einer Fliege auf dem Kopfe wurde vom Kellner mit kaum geringerm Respekt in Verwahrung gehalten als die des Kreisgerichtsdirektors und des Generalsuperintendenten; er – der Herr Steuerinspektor – war sehr eigen in betreff seiner Pfeife. Sein Platz wurde selten von einem frechen oder unwissenden Usurpator eingenommen. Er – der Inspektor – machte keinen Anspruch darauf, die Zeitungen zuerst zu bekommen, aber er bekam sie zu seiner Zeit und erinnerte sich nicht, daß ein anderer als ein hospitierender Vorgesetzter oder sonst im höhern Rang stehender Mann die althergebrachte Reihenfolge in frevelhaft politischer Neugier gestört habe.

Viele, viele Jahre hindurch hatte sich der Steuerinspektor Hagebucher ungemein behaglich in diesem Kreise der Aristoi, der Besten in Nippenburg, gefühlt; und sowohl vor als nach seiner Pensionierung war der Tag in seinem Kalender schwarz unterstrichen, an welchem ihn irgendein Umstand zwang, seine Pfeife, seinen Stuhl und die Zeitung daselbst einmal aufzugeben. Es entstand dann eine Lücke in seinem Dasein, für welche seine Hausgenossen jedesmal ziemlich schwer zu büßen und mit ihrer Behaglichkeit einzutreten hatten.

Was ist aber der Mensch und das Vergnügen des Menschen? Es hat beides seine Zeit, und leider eine gar kurze. Wir mögen noch so sicher, seis hinter dem Ofen oder am Fenster, je nach unserm Geschmack Posto fassen: über ein kurzes, und die Nesseln drängen sich durch den weichsten Teppich, das schönste Parkett, wuchern um unsere Füße, wachsen und schlagen über unserm Kopfe zusammen. Es ist an und für sich ein nobles Gefühl, Stammgast zu sein, Stammgast sowohl auf der grünen Erde wie im Goldenen Pfau; aber dauerhaft ist der Genuß keineswegs, und der Steuerinspektor Hagebucher fühlte sich seit einiger Zeit längst nicht mehr so wohlig im Goldenen Pfau wie früher. Niemand aber trug die Schuld daran als der Afrikaner, der aus dem Tumurkielande so unvermutet heimgekehrte Sohn.

Seltsam! Solange unser wackerer Freund Leonhard in der geheimnisvollen Ferne undeutlich und schattenhaft vor den Augen von Nippenburg umhertanzte, ja sogar als ein Verlorener erachtet werden mußte, zog sein Papa im Pfau einen gewissen wehmütig-würdigen Genuß aus ihm. Man wußte ja von seiner Tätigkeit auf der Landenge von Suez und seiner Fahrt nilaufwärts; der junge Mann war gewissermaßen ein Stolz für die Stadt, und wenn er wirklich zugrunde gegangen war, so hatte Nippenburg das unbestreitbare Recht, sich seiner als eines »Märtyrers für die Wissenschaft« zu erfreuen und ihn mit Stolz unter all den andern heroischen Entdeckern als den »Seinigen« zu nennen. Es war sogar bereits die Rede davon gewesen, ob man dem heldenmütigen Jüngling nicht eine Marmortafel an irgendeinem in die Augen fallenden Ort oder seinem Geburtshause schuldig sei, und der Papa Hagebucher hatte bei einer jeden derartigen Verhandlung das Lokal stumm, gerührt, aber doch gehoben verlassen und das achtungsvolle Gemurmel hinter sich bis tief ins Innerste verspürt.

Nun hatte sich alles dieses auf einmal geändert und war sogar ins Gegenteil umgeschlagen. Der tief bedauerte Afrikareisende war heimgekehrt, aber nicht als glorreicher Entdecker; und wer sich allmählich sehr getäuscht und gekränkt fühlte, das war die gute Stadt Nippenburg. Schon im fünften Kapitel ist davon die Rede gewesen, wie sie im allgemeinen ihn aus ihrem goldenen Buche strich; wie aber der Goldene Pfau im besondern sich zu und gegen ihn und seinen Erzeuger verhielt, das muß noch gesagt werden.

Der Goldene Pfau fing ganz süß, sanft, sacht an, seinen Stimmungen Ausdruck zu geben; aber man weiß, über welche Stimmittel dieses Gevögel zu gebieten hat, sobald es ihm Ernst wird, seine Meinung zu äußern. Der Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen ist sicher nicht kürzer als der vom Bedauern zum Hohn, und der Papa Hagebucher durfte sehr bald als Autorität für diesen Erfahrungssatz vortreten, ohne jedoch im geringsten hieraus einen Genuß zu ziehen. Man zog ihn bald ganz erschrecklich auf mit dem »berühmten« Sohn, und nachdem dieser sogar frech genug gewesen war, die ihm angetragene Stelle auszuschlagen, nahm keiner der Herren im Klub mehr ein Blatt vor den Mund, sondern man erklärte den Mann aus dem Tumurkielande kurzweg für einen Lumpen.

Der Steuerinspektor schluckte nun im Goldenen Pfau Galle und Gift löffelweise, pillen- und pulverweise, und das schlimmste war, daß er ganz und gar auf der Seite der Achselzucker, Seufzerfabrikanten und Spötter stand und alles, was man ihm in betreff des Sohnes zusammenkochte und -braute, selber im eigenen Busen wütend durcheinanderquirlte. An jedem Abend kehrte er verbissener und grimmiger aus dem Pfau heim; denn die Gesellschaft hielt mit Energie an diesem ausgiebigen Unterhaltungsstoff fest, was ihr eigentlich auch nicht zu verdenken war, da er gleich einem guten Wein mit den Tagen an Gehalt zunahm. Es ist traurig, aber wahr: je tiefer unser Freund Leonhard in der Achtung des Goldenen Pfaus sank, desto lieber wurde er ihm. Der Steuerinspektor gewann ihn freilich nicht lieber: eine Krise mußte kommen, und sie kam; denn auch der Geduldigste will sein Behagen in seiner Kneipe haben, und daß der Vater Hagebucher nicht zu den Allergeduldigsten gehörte, wissen wir bereits.

An diesem Abend, an welchem so viele gute Geister dem freier atmenden Leonhard auf seinem Wege nach Bumsdorf folgten, an diesem Abend, an welchem die Greisin in der Katzenmühle mit milder, aber tapferer Hand alle bösen und hämischen Kobolde von seinem Pfade zurückhalten wollte, an diesem Abend war die Gesellschaft im Pfau anzüglicher denn je. Die hohe und niedere Geistlichkeit überbot die hohe und niedere Jurisprudenz, das Steuerfach überbot das Forstfach und der Kaufmannsstand die gelehrten wie die ungelehrten Schulen der Stadt an treffenden, aber unangenehmen Bemerkungen; und wenn der Papa Hagebucher sonst einen keineswegs von ihm gewürdigten Trost und Schirm an dem Vetter Wassertreter besaß, so fehlte ihm heute der Gute auch, und die andern hatten den alten Herrn für sich allein.

Der Goldene Pfau benutzte die Abwesenheit des Vetters Wassertreter auf das heilloseste. Mit der unverhohlenen Absicht zu ärgern, zweifelte man an allem, was noch den armen Leonhard in der Meinung der Welt heben konnte; man stand nicht an, den Kanal von Suez für einen Humbug zu erklären, man glaubte durchaus nicht mehr an das Tumurkieland und die Gefangenschaft zu Abu Telfan; ja es fehlte wenig, so würde man sogar an der Existenz dieses Erdteils, genannt Afrika, gezweifelt haben, und alles nur in der löblichen, unschuldigen Absicht, sich einen vergnügten und dem Vater des Afrikaners wie gewöhnlich einen sehr unvergnügten Abend zu bereiten.

So brieten sie den Alten bis zehn Uhr, als der Onkel Schnödler die Pfanne umstürzte. Der Steuerinspektor verachtete den Onkel Schnödler im Grunde seines Herzens nicht wenig, sowohl als Staatsbürger wie als Privatmann und Gemahl der Tante Schnödler. Und nun fing dieses wesenlose, vom Pantoffel zerquetschte Ding auch noch an, seine – o großer Gott, seine! – Ansichten über den verlorenen Sohn und den Vater desselben herauszupiepsen!

Den Gerichtsdirektor, den Superintendenten, den Forstrat, den Amtsrichter, den Konrektor und den Vetter Sackermann ließ sich der Alte gefallen und hatte ihren Insinuationen kaum etwas anderes als ein geheimes Grunzen und Stöhnen entgegenzusetzen. Aber der Onkel Schnödler! – Himmel und Hölle – bei dem Fazit sämtlicher Hauptbücher des Universums, Fleisch und Blut ertrugen es nicht, es war zu niederträchtig, zu kränkend, zu entwürdigend!

Der an die Versammlung im allgemeinen gerichteten Erklärung, er – der Steuerinspektor Hagebucher – werde nie wieder einen Fuß in den Goldenen Pfau setzen, fügte der Alte, speziell gegen den schreckensbleichen und mit aufgerissenem Mund und Augen dreinstarrenden Onkel Schnödler gewendet, hinzu, er – der Onkel Schnödler – sei ein allzu eselhafter Tropf und allzu jämmerlicher Waschlappen, als daß irgendein Nutzen, Genuß oder eine Genugtuung zu erhoffen sei, wenn man die wohlverdiente Ohrfeige auch noch so nachdrücklich verabreiche.

Verachtungsvoll drehte der Vater des afrikanischen Abenteurers dem Gatten der Tante Schnödler den Rücken zu, überlieferte diesmal nicht mehr die Pfeife dem zitternd harrenden Louis, sondern verließ mit ihr, nachdem er grimmig Hut und Stock verlangt hatte, tief gekränkt, aber doch als ein sehr würdiger Mann den Goldenen Pfau. Der Herrenklub bedauerte sehr, den Spaß ein wenig zu weit getrieben zu haben, freute sich jedoch, alle Schuld an der unerwarteten Katastrophe auf die sehr geduckten Schultern des elenden Onkel Schnödler abladen zu können. Unter dem Eindruck des unerhörten Ereignisses trennte sich die Gesellschaft früher als gewöhnlich – fiel ihr nicht ein, im Gegenteil, sie saß viel länger als sonst zusammen, um die Sache reiflich durchzusprechen; und nur der Onkel Schnödler durfte, mit der Mißachtung aller bedeckt, abziehen und seine Zerknirschung zu der am häuslichen Herd in mürrischer Unnahbarkeit thronenden Gattin tragen, welches letztere gleichfalls seine Folgen für die Heiterkeit und Harmlosigkeit der sozialen Verhältnisse Nippenburgs hatte.

Wenden wir uns nun wieder zu dem im entsetzlichsten Groll in die Nacht hinausschreitenden Steuerinspektor. Zum erstenmal in seinem Leben hatte er den Goldenen Pfau verlassen, ohne seine Rechnung bezahlt zu haben; auch dieses mußte ihm unter dem Stadttor noch einfallen und stellte in einem Charakter wie der seinige das philosophische Seelengewicht sicherlich nicht wieder her. Er sprach den ganzen Weg über mit sich selber, und die Pappeln zu beiden Seiten der Bumsdorfer Chaussee schienen flüsternd ein und dieselbe Bemerkung über ihn weiterzugeben. Von Nippenburg bis Bumsdorf schüttelten sie sich leicht schaudernd, und es ging ein leises Raunen und Rauschen des Vetter Wassertreters Landstraße entlang:

»Wehe dem Haus Hagebucher, da kommt der Alte, und in welcher Gemütsverfassung! Wehe der Matrone, der Tochter und vor allem dem Sohne! Seit der Vater der Götter und der Menschen unsern hochfliegenden Bruder Phaethon mit dem tödlichen Strahle traf, ihn in den Eridanus stürzend, sahen wir nicht einen gleichen Zorn. Wehe dir, armer Leonhard; wie sind auch mit dir deine jugendlichen Wünsche durchgegangen! Sehet, ihr Schwestern, den hohen Greis! Schon erhebt er den strafenden Stab; noch eine gräßliche Pause wie vor dem Schlage, der unsern Bruder traf, und auch er schlägt zu, und billigend nickt Zeus aus den olympischen Höhen.«

Also flüsterten die Heliaden an der Bumsdorfer Chaussee, und der Steuerinspektor Hagebucher, mit immer wachsendem Grimme an der erkalteten Klubpfeife saugend, schritt vorüber, seinen verdüsterten Laren und Penaten zu.

»Es ist aus und vorbei, es wird ein Ende gemacht – heute noch – in dieser Stunde! Hehehe, wenn mir das einer vor fünf Monaten prophezeit hätte! Ob wohl jemals ein Vater in solcher Art gestraft wurde? Hahaha; aber es wird in dieser Stunde noch ein Ende gemacht!«

So ist das Schicksal. Zwei Gegner, welche die beste Absicht haben, sich zu versöhnen, können lange auf eine passende und bequeme Gelegenheit dazu warten; sobald aber jemand recht inniglich sich darauf freut, einem andern Jemand bei der ersten Begegnung, wenn Zeit und Umstände günstig sind, in die Haare zu fallen, so wird diese Begegnung sicherlich an der nächsten Straßenecke stattfinden, und Zeit und Umstände werden nicht das mindeste zu wünschen übriglassen. In dem Augenblick, in welchem Hagebucher senior vom Westen her seine Pforte erreichte, langte Hagebucher junior beschleunigten Schrittes von Osten her vor derselben an, und die Auseinandersetzung konnte auf der Stelle vor sich gehen.

»Guten Abend, lieber Vater«, sagte Leonhard sanft und herzlich. »Das war ein schöner Tag, und dies ist ein glückliches Zusammentreffen.«

Der Alte, leise keuchend mit zitterndem Hausschlüssel das Schlüsselloch suchend, antwortete nicht.

»Welch eine Ernte!« suchte Leonhard für seinen Teil die Unterhaltung weiterzuführen. »Welche Kornfelder! Welcher Weizen! Das wäre etwas für meine Freunde in der afrikanischen Wüste, im Tumurkielande –«

Der Alte hatte jetzt das Schlüsselloch gefunden, die Haustüre jähzornig aufgerissen und stand nun auf der Schwelle, den Eingang in das Haus mit seinem Körper deckend.

»Ich will nichts mehr von der afrikanischen Wüste, ich will nichts mehr von dem Tumurkielande, ich pfeife auf beides!« schrie er. »Ich habe übergenug davon gehabt, und jetzt soll ein Ende damit gemacht werden! Aus dem Pfau bin ich herausgelästert, und zehn Pferde sollen mich nicht wieder hineinbringen; aber in meinem Hause will ich Ruhe haben. Mein ganzes Leben bin ich ein solider und achtbarer Mann gewesen, und so hat man mich ästimiert; aber jetzt bin ich wie ein Kamel mit einem afrikanischen Affen drauf und kann mich nicht sehen lassen, ohne das ganze Pack mit Geschrei und Fingerdeuten und Gepfeife in den Gassen hinter mir zu haben. Und wer ist schuld daran? Wer hat den ehrlichen Namen Hagebucher so in den Verruf und in die Mäuler des Janhagels gebracht? Kein anderer als der Herr aus dem inwendigsten Afrika, der Phantast, der Landläufer –«

»Vater! Vater!« rief Leonhard; doch im höhern Tone schrie der Alte:

»Was Vater, Vater? Seit der Heimkehr des saubern Herrn zweifle ich an meiner eigenen Existenz; die ganze Welt hat die Drehkrankheit gekriegt, und – und ich will es nicht mehr haben! Aus dem Goldenen Pfau konnten sie den pensionierten Steuerinspektor Hagebucher hinauswerfen; aber innerhalb meiner vier Pfähle bleibe ich noch Herr, der ganzen Welt zum Trotz, und lasse mir meine Rechnung nicht so leicht verwirren.«

Es wäre vielleicht besser gewesen, wenn die Mutter und die Schwester Leonhards sowie die Magd des Hauses sich in diesem Moment nicht ins Mittel gelegt hätten. Aber von dem Lärm vor der Haustüre aufgeschreckt, kamen sie bleich und zitternd und warfen sich, als sie erkannten, wer da in der nächtlichen Dunkelheit im Streit liege, mit hellem Angst- und Wehruf zwischen die Parteien. Das goß nicht Öl, sondern Erdöl in die Flammen, und zu dem Feuer kam die erschrecklichste Explosion.

»Ich lasse mir meine Rechnungen nicht verwirren«, schrie der Alte, »und einen Rechnungsfehler verachte ich, dulde ihn nicht und werfe ihn hinaus!«

Damit schob er die entsetzten Frauenzimmer in das Haus zurück, folgte ihnen, schlug dem Sohne die Tür vor der Nase zu und schob, um alle fernern Verhandlungen für heute unmöglich zu machen, den Riegel vor. Mitternacht schlugs auf dem Bumsdorfer Kirchturm, und Leonhard Hagebucher stand und hatte augenblicklich weiter nichts zu sagen. Eine halbe Stunde später jedoch konnten die Töchter des Helios und der Nymphe Merope an der Bumsdorfer Straße auch über ihn ihre Bemerkungen machen. Unsichern Schrittes wanderte er nach Nippenburg, und um ein Uhr morgens vernahm der Vetter Wassertreter seinen leisen Ruf unter dem Fenster, kam in schlurfenden Filzpantoffeln die Treppe herab, öffnete ihm die Tür und sprach, nachdem er das Geschehene erfahren hatte:

»Auch wenn ich nicht längst auf dieses gewartet hätte, würde ich mich nicht darüber wundern.«

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