Frei Lesen: Abu Telfan

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Achtes Kapitel | Neuntes Kapitel | Zehntes Kapitel | Elftes Kapitel | Zwölftes Kapitel | Dreizehntes Kapitel | Vierzehntes Kapitel | Fünfzehntes Kapitel | Sechzehntes Kapitel | Siebzehntes Kapitel | Achtzehntes Kapitel | Neunzehntes Kapitel | Zwanzigstes Kapitel | Einundzwanzigstes Kapitel | Zweiundzwanzigstes Kapitel | Dreiundzwanzigstes Kapitel | Vierundzwanzigstes Kapitel | Fünfundzwanzigstes Kapitel | Sechsundzwanzigstes Kapitel | Siebenundzwanzigstes Kapitel | Achtundzwanzigstes Kapitel | Neunundzwanzigstes Kapitel | Dreißigstes Kapitel | Einunddreißigstes Kapitel | Zweiunddreißigstes Kapitel | Dreiunddreißigstes Kapitel | Vierunddreißigstes Kapitel | Fünfunddreißigstes Kapitel | Sechsunddreißigstes Kapitel |

Weitere Werke von Wilhelm Raabe

Gedelöcke | Horacker | Altershausen | Der Marsch nach Hause | Pfisters Mühle |

Alle Werke von Wilhelm Raabe
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Abu Telfan) ausdrucken 'Abu Telfan' als PDF herunterladen

Wilhelm Raabe

Abu Telfan

Vierzehntes Kapitel

eingestellt: 2.7.2007



Es war nur ein Gerücht, daß der große Reisende, Naturforscher und Kammerherr Seiner Majestät des Königs Friedrich Wilhelm des Vierten sich einst in der Schneidergesellenherberge unserer Residenz persönlich nach einem andern großen Reisenden umgesehen und, als er den Gesuchten nicht vorfand, seine Visitenkarte mit umgebogenem Rande für denselben zurückgelassen habe. Es war nur ein Gerücht; aber dieses Gerücht erhielt sich mit Zähigkeit in allen den Kreisen des Türkenviertels, welche durch die populäre illustrierte Literatur des Tages die Bekanntschaft jenes berühmten Mannes gemacht hatten, und wem anders konnte der große Alexander von Humboldt einen Besuch zugedacht haben als dem Herrn Felix Zölestin Täubrich, der auch sein Wanderbuch aufzuweisen hatte und den man weit über das Türkenviertel hinaus unter der Bezeichnung »Täubrich-Pascha« kannte und zu schätzen wußte?

Sein Vater war ein Schornsteinfeger gewesen, ein dunkler Ehrenmann, welcher zu einem solchen Sohne kam, ohne zu wissen wie; seine Mutter, vordem eine gebildete Putzmachermamsell, hielt alles Klettern, Kriechen und Kratzen in anderer Leute Feueressen und Rauchfängen für sehr gemein und für völlig unverträglich mit eigener Reinlichkeit und den zartern Regungen der Seele; ihr hatte die Welt vorzüglich die Bildung dieses Charakters zu danken, der denn freilich die höchsten Schornsteine der Erde tief unter sich ließ. Täubrich-Pascha glaubte an die Visite des Herrn von Humboldt so fest wie an seine eigene Existenz; wie fest er aber an seine eigene Existenz glaubte, kann nur durch einen längern und genauern Verkehr mit ihm deutlich gemacht werden.

Weiß und zart und zierlich erblickte er das Licht der Welt und begrüßte es mit einem schrillen Stimmchen. Der schwarze Vater und dessen schwarze Gesellen begrüßten ihn mit kopfschüttelnder Verwunderung und nannten ihn einen »ganz kuriosen Fisch«. Gegen alle Erwartung gedieh er unter der sorgsamsten mütterlichen Pflege vortrefflich, wie denn auch die gütige Mutter Natur bestens für ihn sorgte, indem sie ihn mit einem sehr reizbaren Nervensystem, einem dünnen rötlichen Haarwuchs und einer erklecklichen Menge Sommersprossen begabte, ihm aber die Zierde des Mannes, den Bart, welchen er als geborener Damenschneider doch nicht gebrauchen konnte, gänzlich vorenthielt. Er wurde ein Damenschneider, allem Gebrumm und Gepolter des Erzeugers zum Trotz; – grollend stieg der Alte, welcher allmählich für seinen Beruf viel zu fett geworden war, in seinen eigenen Schornstein hinauf, blieb in demselben stecken, wurde längere Zeit vergeblich gesucht und spät am Tage entdeckt, als er dem Rauche des Feuers, welches man zur Bereitung der Abendsuppe anzündete, den Weg versperrte. Man zog ihn an den Füßen herab, ohne daß er sich für die Gefälligkeit bedankte; ein Schlagfluß hatte ihn getroffen und ihn allen Erdensorgen schnell entrückt. Seine Witwe erhielt sich noch einige Jahre als sehr belesene Eigentümerin einer kleinen, aber ausgewählten Leihbibliothek, starb dann gleichfalls, und zwar in ziemlich bedrängten Umständen, worauf Felix Zölestin, aller schönen und romantischen Gefühle voll, auf die Wanderschaft ging gleich unserm Freunde Hagebucher, weit über Konstantinopel hinauskam und wie jener lange Zeit zu den Verschollenen gerechnet wurde.

Gleich jenem kam aber auch er zurück, und zwar auf kläglich durchgelaufenen Sohlen und von Jerusalem. Da er erst vor einigen Tagen dem Mann aus Abu Telfan einen Bericht über diese Heimkehr abstattete, so setzen wir auch hier mit Vergnügen seine eigene Relation an die Stelle der unsrigen.

»O in Jerusalem ist es schön!« rief er mit Begeisterung. »Adrianopel, Konstantinopel, Smyrna, Brussa und Jaffa haben auch ihre Annehmlichkeiten; aber Jerusalem geht dem gefühlvollen Menschen über alles! Da ist blauer Montag das ganze Jahr durch bei Juden und Christen von allen Sorten, bei Heiden und Türken, und die letztern haben die Polizei. Sie sind nicht in Jerusalem gewesen, Sidi, sonsten würden Sie auch davon erzählen können – oje, oje! Da habe ich zwei Jahre in Kondition gestanden bei einem Meister aus Böblingen im Württembergischen, und leider nur als Mannsschneider; denn das schöne Geschlecht hab ich schon in Adrianopel mit Tränen an den Haken hängen müssen. Habs auch ganz gut gehabt bei dem Böblinger bis zum Osterfest neunundfünfzig, da veruneinigte ich mich mit ihm, denn solches ist der Stilum; am heiligen Osterfest veruneinigt sich alles miteinander in Jerusalem, und schon eine Woche vorher exerziert der Musselim, der Gouverneur, die türkische Garnison auf die Karbatsche ein, alles zum Besten der frommen Pilger. So ist es, man muß überall erst des Landes Sitte kennenlernen, um keinen Anstoß zu geben, und als im ersten Jahre am Grünen Donnerstag der Meister bockig wird und mich aus lauter Zerknirschung einen herrgottssträflichen Lump und keinnutzigen Strahlnarr heißet, da denke ich: Täubrich, mäßige dich und fang keinen Skandal an diesen heiligen Stätten an, und in dieser Zeit will es sich gar nicht schicken. Bon – im nächsten Jahre kenne ich mich schon aus, und als mein Schwab mich diesmal einen norddeutschen Windbeutel tituliert, da gehts drunter und drüber, und s wird ein Trubel im Atelier wie an der Tür der Grabeskirche, und naturellement schmeißt man mich heraus und mein Felleisen mir nach, und da wärs mir schlimm gegangen ohne einen guten Bekannten. Das ist ein Mönch gewesen aus dem Kloster Mar Saba, welches im Tal Kidron, dem Toten Meer zu, liegt, und der trifft auf mich, wie ich mit verbundenem Kopf auf einem Eckstein sitze, und rechter Hand liegt ein toter Esel und linker Hand ein betrunkener Pilgrim, und der, will sagen der Mönch, hat mich nach dem Fest mit sich genommen in sein Kloster auf die Stör, was man heißt auf Arbeit mit Kost und Schlafstelle. Da habe ich die ganze Garderobe für die Heiligen aufbessern müssen, und auch die Brüder hatten genug zu flicken; das war eine schlechte Arbeit, aber die Verpflegung war gut. So nähre ich mich hier in der Wüste und der frommen Einsamkeit gradsogut vom Handwerk wie in Hanau oder Offenburg, bis auch diesem Vergnügen wiederum sein Ende mit dem Knüppel gemacht wird, und ist das das merkwürdige am Orient, daß hierfür niemand zu keiner Zeit sicher ist; es wäre auch sonst zu schön! Kommt also ein Mann aus Nebi Musa zu unserm Abt und gibt an, er wisse einen Schatz im Wadi en Naar, dem Feuertal, welches gleichfalls zum Kidrontal gehört, und, Sidi, wie da das Kloster an zu lecken fing, das ist unglaublich zu erzählen. Wo und wie, wie und wo? ging das durcheinander, und der Beduin wußte auf alles einen Bescheid. Ein Christ habe den Schatz vergraben, und nur ein Christ vermöge ihn zu heben, und in der nächsten Nacht sei die rechte Zeit; denn da sei der Dschinn abwesend zu einer Vergnügungsfahrt auf Bahr Lut, dem Toten Meer, und halte mit seinesgleichen einen Schmaus bei Ain Djidi an der Säule des Salzes. Das hätte man nun wohl nicht geglaubt zu Offenburg, Hanau oder Frankfurt am Main; aber in Mar Saba glaubte man es mit Vergnügen, und in der folgenden Nacht haben wir richtig den Schatz gehoben. Das halbe Kloster samt dem Abt ist unter der Führung des Beduinen ins Feuertal gezogen, in eine Schlucht wohl tausend Fuß tief. Und als wir drin sitzen und fast kein Ausweg ist, geht es los, als ob der Geist des Christen Unrat gemerkt habe und schleunigst heimgekehrt sei, um nach seinem Recht zu sehen. Erst regnet es von allen Seiten Steine aus der Höhe, und dann regnet es Prügel aus nächster Nähe. Auf allen Seiten wirds zu unserm Jammer lebendig; denn von vier Meilen in der Runde, aus Mird, aus Nebi Musa, aus Khan Hudrur, ja aus Gilgal und vom Dschebel al Fureidis, dem Frankenberge, ist die Bevölkerung herbeschieden, um den Spaß durch ihre Gegenwart zu verschönen. Wer einen Prügel halten konnte, hat sich damit ins Versteck gelegt und geduldig seit Sonnenuntergang auf unsere Ankunft gewartet. Vergebens hat der Abt erst seine Heiligen und dann den Gouverneur von Jerusalem angerufen, die einen konnten sowenig als der andere zu Hülfe kommen; das letzte, was ich in dieser Mondscheinnacht erblickte, war ein mir wohlbekannter Kollege, der Schneider aus Mird, welcher aus Brodneid und künstlerischer Eifersucht einen faustgroßen Kieselstein in sein Turbantuch geknüpft hatte und mich damit an den Schädel traf, daß es mir schwarz wie seine Seele vor den Augen wurde und ich besinnungslos zu denjenigen meiner geistlichen Freunde sank, welche bereits am Rande des Baches Kidron am Boden zappelten. Das war ein sehr romantisches Abenteuer, Sidi, aber ein noch größeres Wunder ist es gewesen, daß ich mich beim Erwachen aus meiner Betäubung nicht etwa im Wadi en Naar oder im Kloster Mar Saba oder im Spital zu Jerusalem, sondern hier in meiner Vaterstadt, hier im Türkenviertel, hier am Eingang der Kesselstraße wiedergefunden habe!«

»Was?!« hatte der Mann aus dem Tumurkielande, der doch auch manches erlebte, gerufen, als der Schneider bis zu diesem Punkte seiner Erzählung gekommen war; aber Täubrich-Pascha hatte kühl gesagt:

»Ja, es ist ein Mirakel; aber fragen Sie nur unten im Hause, ob die Sache sich nicht so verhält; oder noch besser, hier haben Sie mein Wanderbuch, Hadschi Hagebucher; darin stehts beschrieben, wie es zugegangen ist.«

Es stand wirklich darin zu lesen, und zwar in englischer Sprache:

»Wir, die Unterzeichneten, Lehrer und Prediger des Wortes, wie es enthalten ist in dem Buche Mormon, Elders of the church of Jesus Christ of Latter-day Saints, sind gezogen in das Land, aus welchem gekommen ist Lehi, der Vater des Volkes, so da sein wird im Herrn, und sind geritten von der heiligen Stadt Jerusalem bis zu dem Fluß Jordan, zu holen Wasser, zu taufen und zu weihen die Kinder des goldenen Buches. Haben wir geschöpfet ein jeglicher ein Fäßlein enthaltend 50 Quart und sind abwärts gefolget dem Laufe des Flusses bis zum mare mortuum seu salsum, die Stätte des Zornes zu erkennen, und sind von da wieder geritten aufwärts entlang den Bach, so da genennet wird Kidron, mit unsern Brüdern und unserm Gefolge. Und als es geschah, daß wir kamen an den Ort Wadi en Naar, das Feuertal, haben wir gefunden den, welchem eignet dieses Büchlein, und haben ihn aufgehoben und, weil noch Leben in ihm war, auf einer Eselin mit uns geführet gen Jerusalem. Da haben wir ihn gelassen.

  • Seite:
  • 1
  • 2
< Dreizehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel >



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.