Frei Lesen: Abu Telfan

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Wilhelm Raabe

Abu Telfan

Fünfzehntes Kapitel

eingestellt: 2.7.2007



Es wird ohne Zweifel einmal eine Zeit gekommen sein, in welcher keine »Residenzen«, weder große noch kleine, mehr in unserm Weltteil existieren werden; dann aber haben vielleicht die Vereinigten Staaten von Europa ihre Geschäftsträger, Gesandten, Generalkonsuln und Konsuln an den Höfen der fürstlichen Herrschaften jenseits des Ozeans zu erhalten, und freie und erleuchtete Bürger werden mit Vergnügen die große Republik bei den Majestäten von Neuyork, Ohio, Illinois, Virginien, Louisiana und so weiter vertreten, und wird die Etikette sowie alles übrige monarchische Spielwerk in ihren Händen recht sicher aufgehoben sein, that is a fact. Bis aber dieser glückselige und wahrhaft normale Zustand eingetreten ist, wollen wir uns das Leben auch unter den jetzigen Verhältnissen so angenehm wie möglich zu machen suchen.

»Derjenige politische Zustand ist immer der normalste, welcher den meisten kleinen Eitelkeiten der Menschen gerecht wird«, sagte Leonhard Hagebucher, und der Major Wildberg, ein feiner, gutmütiger Mann von gelehrtem Äußern, ein Herr mit einer goldenen Brille, einem blonden Bart und einer angehenden Glatze, ließ die Behauptung gelten, wenn auch nicht ohne ein bedeutsames Achselzucken.

Hagebucher hatte bei dem Major zu Mittag gespeist, und zwar ganz ausgezeichnet. Jetzt vergoldeten die letzten Strahlen der scheidenden Herbstsonne das Dessert; die Kinder hatten sich zwischen die Erwachsenen gedrängt, um ihr Teil von den Annehmlichkeiten des Daseins zu erhaschen, und das allerbehaglichste Lächeln verschwand von dem Gesicht der Frau Emma erst in dem Augenblicke, als ein Wagen in der Gasse rollte und vor der Tür des Hauses anhielt.

Die Frau Emma warf einen Blick zu ihrem Major hinüber und sagte, indem sie sich erhob:

»Das wird sie sein! Ich erwarte die Herren in meinem Zimmer.«

Der Afrikaner sprang auf und warf, um ihr die Tür öffnen zu können, verschiedene Stühle über den Haufen; der Major knackte seufzend die letzte Nuß und sagte, wieder die Achseln in die Höhe ziehend:

»Füllen Sie noch einmal Ihr Glas, mein Bester, wir wollen auf gute Kameradschaft anstoßen. Übrigens kam wahrscheinlich Nikola, ich meine die Frau von Glimmern, soeben. In einem Weilchen wollen wir meiner Frau folgen.«

Es war eine stille, ziemlich breite Straße, in welcher der Major Wildberg, im Mittelpunkt der Stadt, wohnte. Jahrhunderte waren durch die Gasse geschritten, ohne sie ungemütlich gemacht zu haben, und das angesehenere Zivil- und Militärbeamtentum des kleinen Staates wohnte mit Vorliebe hier bei dem soliden Bürgertum zur Miete. Die Kasernen, Kanzleien und Kirchen waren nach allen Seiten hin von hier aus leicht und trockenen Fußes zu erreichen, und die wohlklingendsten Titulaturen des Landes grüßten sich daher nicht ungerechtfertigterweise hier über den Weg und auf den Bürgersteigen vor den Haustüren, und manches große Verdienst um Fürst und Volk verzehrte in dieser Gegend der Stadt seine gesetzliche Pension mit angemessener Würde sowie in ungestörtester Muße. Benützen wir die Übergangsepoche, während welcher nicht etwa die deutsche Kleinstaaterei ein Ende nimmt, sondern während welcher der Major seinen Gast zu den Damen führt, um uns der Meinung des Mannes aus dem Tumurkielande vollständig anzuschließen und den Staat für den besten zu erklären, der am humansten sich darstellt, das heißt, den Gefühlen der Menschheit am meisten Rechnung trägt und seine Bürger nur dadurch dezimiert, daß er den zehnten Mann zu einem Geheimrat, Generalleutnant oder sonst anständig besoldeten und betitelten Beamten macht. Daß die Bürgerinnen mitdezimiert werden müssen, versteht sich natürlich von selbst.

Die Sonne hatte sich längst ganz befriedigt von der Tafel des Majors zurückgezogen, aber sie spiegelte sich noch in manchem Fenster und vergoldete manchen Erker, Giebel und Schornstein der Gasse. Von den Stufen seiner Haustüre aus taxierte der Hausherr des Majors den Wagen, die Pferde und den stattlichen Kutscher der Frau Intendantin. Gegenüber kam der alte Finanzrat vom Spaziergang heim, und der Steuerrat führte seine Gattin nach dem Theater, begleitet von dem Herrn von Punschold, welcher dem Klub zusteuerte. Fräulein Luise von Punschold sang über dem eleganten Laden des Fürstlichen Hofhandschuhfabrikanten Schrader und wurde auf dem Flügel von Fräulein Amalie von Punschold begleitet; der Posten am Eckhause mit dem Rokokobalkon gähnte entsetzlich; ebenso gähnte der städtische Polizeimann, welcher durch die Gasse schlenderte, ohne zu wissen weshalb. Die Frau Emma saß unter ihren Blumen und Blattgewächsen in der Fensternische, und zwar mit einem Strickstrumpf in den Händen. Nikola Glimmern lag im dämmerigsten Winkel des Gemaches, so tief als möglich von den Kissen eines Diwans versteckt. Der Major und Leonhard hatten in der Nähe dieses Diwans gleichfalls ganz behagliche Plätze gefunden, und jeder Uneingeweihte hätte sich einbilden können, daß die Zeit für alle diese Leute in ebenso angenehm träumerischer Beschaulichkeit stillestehe wie für die ruhige, reinliche Gasse draußen und die kleine, in ihrem Selbstbewußtsein sich vollständig genügende Hauptstadt rundumher. Wir, die wir zu den Eingeweihten gehören, wissen freilich, daß es sich nicht so ganz um die Stimmungen der Siesta handelte und daß das Leben wenigstens zwei der anwesenden Personen in einen andern Schein hüllte, als die rote, freundliche Abenddämmerung über die Präsidentengasse, das Strickzeug der Frau Emma und die Zeitung des Majors warf.

Die schöne Exzellenz in den weichen Kissen des Diwans hatte den Inhalt eines sehr reichhaltigen Reisetagebuchs in flüchtigen Umrissen dem kleinen Kreise mitgeteilt und versprochen, demnächst und bei passenden Gelegenheiten diese Konturen so buntfarbig wie möglich ausfüllen zu wollen; aber sie ließ heute nicht deshalb ihren Wagen drunten in der Gasse vor der Tür halten. Sie hatte heute zu fragen, und Hagebucher hatte zu erzählen, und eine Frage überkugelte immer die andere: was bedeuteten Rom und Florenz gegen die Hügel und Täler um Fliegenhausen, gegen den Wald um die Katzenmühle und die Katzenmühle selber?

»Klingen die Tropfen noch an dem alten Rade?« rief Nikola. »Auf manchem staubigen Pfade, zwischen Felsen und Tempeltrümmern, in manchem heißen Festsaale hab ich auf sie gehorcht; im Saale des preußischen Botschafters zu Paris, des Herrn von der Goltz, habe ich dem türkischen Gesandten davon gesprochen, und er hat nicht gelacht wie Sie, Wildberg. Es ist auch nicht zum Lachen; sehen Sie auf Emma, Major, die weiß es, und Sie wissen es auch, daß ich mich nur verstohlen hierherschleichen darf, um mir von der Frau Klaudine erzählen zu lassen.«

»Sie haben recht, Nikola«, sprach der Major sehr ernst, »das letztere ist nicht zum Lachen; aber es ist auch nicht in der Ordnung, und Emma wird mir beipflichten, wenn ich Ihnen bemerke, daß Ihr Weg Ihnen nunmehr klar vorgezeichnet ist. Sie haben, einerlei unter welchen Prämissen, Ihr Schicksal auch durch eigenen Willen unwiderruflich bestimmt; o liebe Freundin, blicken Sie jetzt nicht mehr zuviel seitwärts und zurück. Bedenken Sie, wie viele Augen und Ohren überall auf Sie achten; haben Sie Geduld; Mut und Heiterkeit finden sich allmählich auf dem Marsche –«

»Und mit der Zeit kann man ein recht wetterfester Troupier werden«, murmelte die Frau von Glimmern, fügte aber hinzu: »Ich danke Ihnen, Wildberg, Sie haben recht, hundertfach recht! Sie sind ein verständiger Mann und haben nur genommen, was Ihnen zukam, als Sie jene dort hinter dem Gummibaum zur Frau nahmen.«

Die Frau Emma, deren Stricknadeln während der letzten Minuten heller als gewöhnlich geklungen hatten, hob nun das Gesicht von ihrer Arbeit empor und sagte:

»Wollen Sie jetzt in Ihrer Historie nicht fortfahren, Herr Hagebucher? Bitte, tun Sie es! Nikola hört auch wohl gern, wie Sie Ihr Leben fortspannen, seit sie Bumsdorf verließ. Seine Vorgeschichte hat der Herr uns bereits über Tisch erzählt, Nikola – das ist alles und klingt alles wahrlich wie ein Märchen; ich werde die Lampe noch nicht bringen lassen, von solchen Wundern vernimmt man am besten im Dämmer; man kann die ordinäre Welt, die gewohnte Umgebung und das helle Tageslicht kaum dabei gebrauchen.«

»Ach, gnädige Frau«, sagte Leonhard, »von Wundern hab ich nun nicht weiter zu berichten. Die Katzenmühle und die alte Dame drin sind freilich immer ein Wunder; aber die Stadt Nippenburg reicht sicherlich nicht über das Epitheton ›wunderlich‹ hinaus, und was den Vetter Wassertreter und seinen Vetter vom Mondgebirge betrifft, so kennt die Frau Nikola beide viel zu genau, um nicht in ihrer Ecke die Achseln zu zucken und verschiedene ganz unproblematische Gedanken besser für sich zu behalten.«

»Wie Sie wünschen, amico«, sagte die Exzellenz mit leisem Lachen, »fahren Sie fort, aber reden Sie mich nicht wieder an während Ihrer Erzählung; wenden Sie sich mit Ihren Exkursen an den Major oder die Majorin; augenblicklich will ich nichts weiter als hören – weiter, weiter, Leonhard Hagebucher.«

»Die sickernden Tropfen am zerbrochenen Rade messen der Frau Klaudine noch immer die Zeit zu«, sprach Leonhard, »doch im Winter war die Mühle tief verschneit, und da ist der Zauber noch größer. Was hätt ich anfangen sollen ohne die Katzenmühle? Wenn der Wust und Ekel mir bis an den Hals stieg und mich zu ersticken drohte, dann habe ich keine andere Rettung gefunden als den Weg nach Fliegenhausen, und hundertmal bin ich den Weg gezogen, im Winter und im Sommer, im tiefsten Jammer und im wildesten Grimm, und immer konnte mir die alte Frau die geschlagene Seele aus den Ketten lösen. Mit Heulen und mit Zähneknirschen bin ich noch vor der Tür der Katzenmühle angelangt, aber jedesmal haben auf der Schwelle die Fratzen von mir ablassen müssen. Ei, meine Herrschaften, was habt ihr vor euch gebracht in den Jahren meiner Gefangenschaft unter den Barbaren! Es ist keine Kleinigkeit, inmitten der Errungenschaften eurer Zivilisation auf dem Rücken zu liegen und eure Taten und Siege nachzulesen. Ihr seid ein rares Volk, aber, offen gestanden, mein guter Freund Semibecco hatte auf dem Pfahle der Baggaraneger kaum ärger zu zappeln und zu stöhnen als ich in dem Hinterstübchen des Vetters Wassertreter unter den Makulaturbergen, welche der Gute über mir aufschüttete wie der Kaiser Heliogabalus – bemerken Sie das feine klassische Zitat – seine Rosenblätter über seinen Gästen. Ganz von neuem sollte ich mir das Sein, das Wesen und den Begriff der Welt klarmachen, ganz von neuem der Dinge Mechanik, Physik und Organik erkennen lernen. Bei allen Meistern, Lehrern und Propheten diesseits und jenseits der fünf Sinne des Menschen, ohne den trefflichen schwarzen Kaffee des Vetters Wassertreter, ohne die Frau Klaudine und ohne den Mantel des alten Goethe säße ich jetzt sicher im Landesirrenhaus und zählte an den Fingern: a) der subjektive Geist – b) der objektive Geist – c) der absolute Geist – und wenn ich dann nicht bei jedem Übergang zu einer neuen Kategorie einen neuen Wutanfall bekäme, so würde der Zustand recht befriedigend genannt werden können! – Die Frau Klaudine sprach: Mein Sohn, es ist eine Glocke, die klingt über alle Schellen; wer in der rechten Weise still sein kann, der wird sie wohl vernehmen; – mein Kind, für die heißeste Stirn hat das Schicksal ein kühlend Mittel: Dem einen legt es eine weiche Hand darauf, dem andern einen klaren Schein und zuletzt allen eine Erdscholle; du, sei still und warte, bis deine Augen hell werden. – Der alte Goethe meinte: Lieber Hagebucher, ein schäbiges Kamel trägt immer noch die Lasten vieler Esel; übrigens aber verweise ich Sie auf den dritten Band der Taschenausgabe meiner sämtlichen Werke, wo auf Seite hundertsechzehn geschrieben steht:

Anschaun, wenn es dir gelingt,
Daß es erst ins Innre dringt,
Dann nach außen wiederkehrt,
Bist am herrlichsten belehrt;

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