Frei Lesen: Abu Telfan

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Wilhelm Raabe

Abu Telfan

Sechzehntes Kapitel

eingestellt: 2.7.2007



Der Professor Reihenschlager bewohnte ein eigenes Haus, einige hundert Schritte vor dem Marstalltor, und der Garten desselben grenzte an den fürstlichen Park, welcher letztere aber keineswegs ein allen Menschen von ihrem Schätzer gewidmeter Belustigungsort war, sondern von nicht wenigen Schildwachen vor allem zudringlichen Volk gut behütet wurde und uns auch weiter nichts angeht.

Die Sonne des Oktobers flimmerte über den bunten Blättern des Gartens des Professors, und Serena Reihenschlager stand hübsch und zierlich, gebückt lauschend hinter einem noch ziemlich dicht belaubten Busch und hielt einen gewundenen Pfad, der zwischen anderm Gebüsch sich hinzog, verstohlen, aber stetig im Auge und im Ohr. Auf jenem Wege schritt der Papa mit dem närrischen Mann aus Afrika in eifriger Unterhaltung auf und ab, und Serena hatte seit einiger Zeit angefangen, ein seltsam ängstliches Interesse an allem, was der närrische Mann sagte oder tat, zu nehmen.

Serena Reihenschlager war ein viel besseres Mädchen, als einst ihre selige Mama war, da sie den Papa beim Kragen nahm und ihn zum Altar hinleitete. Serena wußte zwar ebensogut wie die selige Mama, daß der Papa steter Beaufsichtigung bedürfe; aber sie ließ es ihn nicht so deutlich merken wie die Mama, sondern leitete und hielt ihn an einem viel feinern Bande, gewoben sozusagen aus Marienfäden und mädchenhaft-schalkhafter Überredungskunst, auf dem rechten Wege. Das arme Kind hatte aber auch einen schweren Stand; denn ein recht kurioses Hauswesen mit allen seinen Sorgen und ungeheuren Verantwortlichkeiten lag allein auf ihren Schultern!

Die Mama hatte den Papa nicht in seiner Sünden Maienblüte geheiratet, sie hatte ihn als einen bereits recht kahlköpfigen Oberlehrer aus dem wüsten, schleimigen Sumpf des Junggesellentums aufgezogen, aber sie hielt, was sie vor dem Altar versprach, sie war sein Herr bis zu ihrem Tode. Zehn lange Jahre hatte sie das Zepter der Sitte über dem Guten geschwungen, und als dann durch ein hitziges Gallenfieber dem fernerweitigen Mißbrauch ihrer Gewalt ein Ende gemacht wurde, hinterließ sie das Haus rein und ihren Professor innerlich zwar etwas gebrochen, aber äußerlich in einem sehr respektabeln und präsentabeln Zustande. Ihr arg verschüchtertes Töchterchen spielte an ihrem Begräbnistage noch mit der Puppe; es war daher kein Wunder, wenn der Professor samt seinem Hauswesen fast schneller in die äußerste Barbarei zurücksank, als er daraus emporgehoben worden war. Er konnte für beides nichts!

Das Ding nahm seinen ganz natürlichen Verlauf, und es gab manche jüngere Witwe und manche ältere Jungfrau in der Stadt, welche über alle Stadien des Verfalles kopfschüttelnd Buch hielten; aber unverantwortlicherweise ersuchte der arme Mann keine, zu seinem Besten einzuschreiten und die Zügel des Hauses zu ergreifen.

So vermehrte sich denn die Bibliothek des Witwers ebenso bedenklich, wie sich alles übrige, was doch auch zum Leben gehört, verminderte. Wirtschafterinnen, Haushälterinnen, Dienstmädchen betrachteten ihn als eine gottgegebene Beute und schoren ihn wie ein Schäflein, allen teilnehmenden und entrüsteten Witwen und Jungfrauen frech vor der Nase. Kein Prätendent, der je auf den Thron seiner Ahnen gelangte, hatte auf dem Wege zu demselben mit größern Schwierigkeiten zu kämpfen als Serena Reihenschlager auf ihrem Wege zur Herrschaft in ihres Vaters Hause.

Seltsamerweise war ihr nicht vom Papa, sondern von der Mama der Name Serena in der Taufe beigelegt worden; aber zu ihrer Charakterbildung hatten Vater und Mutter ein gleiches Teil beigetragen, und darin lagen die Keime ihres Sieges verborgen. Es kam der Tag, an welchem sie die Zügel, nach welchen so viele andere Damen gestrebt hatten, endlich mit ihren eigenen kleinen Händen ergriff, und das war alles in allem genommen ein sehr segensreicher Tag für den Professor Reihenschlager. Nun kehrte die Ordnung schnell wieder ein in Haus und Hof, in Küche und Keller. Das Haus war nicht länger eine Herberge der Ungerechtigkeit und jeglicher Wüstenei, der Garten war nicht mehr eine unromantische Wildnis von Brombeeren, Brennesseln, Schierling und ausgewuchertem Spargel; der Professor selber erschien nicht länger als ein Greuel in den Augen der Menschheit. Die koptische Weisheit quoll nicht länger aus dem Loch im Ärmel, und niemand, der hinter dem Professor herging, konnte nunmehr den Kragen seines Rockes als Spiegel benützen. Die Bibliothek vergrößerte sich nur im richtigen Verhältnis zu den Zahlenreihen des Haushaltungsbuches.

Da stand sie – Fräulein Serena Reihenschlager – neunzehnjährig, aber mit der festen Gewißheit im Busen, im nächsten Monat zwanzig Jahre alt zu werden. Da stand sie hinter dem Busch, diese Tochter einer grade nicht sehr glücklichen Ehe, dieses Kind des Geschreies und der Unordnung, reinlich und rundlich, treuherzig und bieder, ein gutes Mädchen, auf welches man sich überall und unter allen Umständen verlassen konnte! Da stand sie, nicht zu groß und nicht zu klein, mit Augen, die etwas von einem Hausmärchen am Winterabend und von einem Lied beim Heumachen im sonnigen Monat Juni an sich hatten; da stand sie hinterlistig hinter dem Busch und spitzte die Ohren wie jede andere Tochter Evas, welche nicht aus der Art schlug. Ehe wir jedoch die ihr so ungemein interessante Unterhaltung der beiden Herren unsern Freunden vor den Blättern dieses Buches mitteilen, haben wir noch einige Zeilen dem Papa Reihenschlager zu widmen.

Er sah nicht aus wie ein Mann, der gewohnt ist, stets seinen Willen durchzusetzen. Er trug die Schultern hoch und den Kopf zwischen die Schultern gezogen. Die Hände hatte er sehr tief in die Taschen seines schwarzen Rockes gesenkt, und er konnte es, denn seine Arme waren lang genug. Sein Haar war weiß und hing weit über den Kragen des Rockes hinunter; eigentlich merkwürdig an ihm war nur die breite, klare, reine Stirn; aber sie machte ihn auch zu einem der beneidenswertesten Bürger dieser Welt und entschädigte ihn reichlich für alles, was er im Leben erdulden mußte, und die Summe desselben konnte nicht gering sein, wie wir wissen. Innere und auswärtige Kriege, alle täglichen und nächtlichen Widerwärtigkeiten des Ehestandes, Regentage, Frostbeulen, Scheuerlappen, Haar- und Reisbesen mochten über den Mann hereingebrochen sein und ihr Ärgstes an ihm versucht haben: diese glorreiche, weiße Stirn hatte zuletzt doch den Sieg behalten. Seinen echten, wahren Willen hatte der Professor Reihenschlager immer durchgesetzt!

Serena Reihenschlager besaß ein sanftes Herz; allein in diesem Augenblick stampfte sie jedesmal ärgerlich mit dem Füßchen auf, wenn das Gespräch der beiden Herren wieder in das Koptische zurückfiel oder ein Rauschen in den letzten Blättern des Jahres einen Teil der Unterhaltung ihrem Verständnis entzog. Wir halten es für ein großes Glück, daß uns von dieser Unterhaltung nichts verlorenging.

Die Sache hatte ungemein gelehrt angefangen!

»Was ist der Ursprung der Sprache? Ein ungeschlachter Naturlaut aus vollem Halse!« sagte der Professor beim Eintritt in den Garten. »Der Urmensch verwundert sich ungeheuer, und alle Verwunderung ist O A! Bekommt der Urmensch einen Tritt, wirft man ihm ein Loch in den Kopf, stößt er mit der Kniescheibe gegen einen scharfen Stein, so ist der verdumpfte Vokal, das U, ganz an seiner Stelle. Der Urmensch, aber auch der moderne Mensch schließt seinen Mund und schnaubt Unwillen; der Nasenlaut verabscheut oder verneint überall, wo zwei im Namen des Geselligkeitstriebes zusammenkommen, um die Prinzipien der Geselligkeit über den Haufen zu werfen –«

»Der Mensch, und nicht allein der Urmensch verengt seinen Mund und zieht die Spitzen desselben lächelnd zurück in E I bei jedem lieben, lieblichen, vergnüglichen Anblick, und das soll für heute den Übergang aus der Wissenschaft der Sprache zu einer andern gleich hohen Wissenschaft bilden«, sagte Hagebucher. »Herr Professor, was ist Ihre Ansicht von dem Weibe im allgemeinen und von dem europäischen Weibe im besondern?«

Der Professor zuckte zusammen gleich einem Schuldner, welchem ganz unvermutet an einer Straßenecke die Faust des Gläubigers in die Weste greift:

»Wa – a – as?! Was wollen Sie von mir wissen? Diese Frage –«

»Erscheint Ihnen etwas wunderlich und jedenfalls sehr ex abrupto gestellt. In der Tat, ich habe sie auch noch ein wenig näher zu begründen; hören Sie mich! In der Ästhetik, der Weltgeschichte und dem sozialen Rechte habe ich mich, Wasser und Blut schwitzend, von neuem orientiert; das Individuum ist mir mehr als je ein Rätsel. Ich weiß, wie sich die Massen bewegen, wie sie sich heben und senken; dem einzelnen gegenüber bin ich heute noch gradso verloren wie an jenem Tage, an welchem der Lloyddampfer mich am Triestiner Molo absetzte, und habe ich jetzt eigentlich nichts weiter erlangt als die Überzeugung, daß jeder, der den Menschen kennen will –«

»Sich der vergleichenden Sprachforschung zu widmen hat!« suppeditierte der Professor.

»Mit dem Weibe beginnen muß!« schloß Hagebucher ein wenig grimmig seinen Satz und fuhr fort:

»Ich habe mit dem Weibe begonnen: aber ich bin nicht weit gekommen. Der Vetter Wassertreter kannte nur die Tante Schnödler und die Kusine Klementine; meine Mutter und Schwester dürfen natürlich nicht in Betracht gezogen werden; denn solche verwandtschaftlichen Beziehungen verwirren das Auge mehr, als sie es klar machen: die erste, welche mir im höchsten Glanz und Reichtum der Form und des Temperaments entgegentrat, war jene Nikola von Einstein, welche jetzt zur Frau von Glimmern geworden ist; aber sie studierte ich nicht, aus dem einfachen Grunde, weil sie eher befähigt war, mich zu studieren. Das Tumurkieland lag noch zu frisch hinter mir, als daß mich diese glänzenden Augen nicht geblendet haben sollten. Von der Frau Klaudine Fehleysen aber kann unter Leuten, die irgend noch im Alltage leben, durchaus nicht die Rede sein.«

»Ja, wie kann ich Ihnen denn hier helfen?« rief der Professor. »Ein Mann der vergleichenden Sprachkunde hat doch sicherlich am allerwenigsten Zeit, sich auf solche Allotria einzulassen.«

»Aber Sie waren verheiratet und haben lange Jahre in einer glücklichen Ehe gelebt.«

»Ja so... richtig... das habe ich!« sagte der Gelehrte etwas sehr gedehnt. »Also, wenn ich Sie recht verstehe, wollen Sie wissen, wie der denkende Mensch sich in einem solchen anormalen Verhältnisse zurechtfinde? O Hagebucher, Hagebucher, Sie betrüben mich sehr: ich blicke in diesem Momente tief in Ihre Zukunft und sehe nichts Erfreuliches! Wie undankbar sind Sie doch gegen Ihre Moira, die Sie bis jetzt so trefflich leitete und Ihnen alles aus dem Wege räumte, was Sie hinderte, ein Licht in der innerafrikanischen Sprachennacht zu werden, vom Koptischen gar nicht zu reden! O lassen Sie sich warnen, Hagebucher, heiraten Sie nicht! Der Nutzen ist gering und die Auslage an eleatischer Euthymia für den philosophischen Menschen viel zu bedeutend! Spreizen Sie die Beine auseinander, stemmen Sie die Füße fest, sperren Sie sich, sträuben Sie sich; o Hagebucher, Hagebucher, gehen Sie mir, gehen Sie sich, gehen Sie uns nicht auch verloren wie so viele andere, die ich kannte und welche der reinen Wissenschaft schnöde den Rücken wandten, um der angewandten Nichtigkeit unaufhaltsam in die Arme zu fallen!«

Die Lauscherin hinter dem Busch seufzte ebenso tief wie der Papa, jedoch aus einem andern Grunde; Hagebucher aber sagte gerührt:

»Nur die reine Wissenschaft ists, die mich auch auf dieses, wie ich zugebe, nicht ungefährliche Feld der menschlichen Forschung treibt; die praktische Anwendung des Erforschten liegt sicherlich noch weitab. Es ist damit wie mit allem, was ich bis jetzt zusammenraffte: ich hab es nur, um es zu haben.«

»Das läßt sich hören; und zuletzt ist das auch der einzig richtige Standpunkt des wahren Gelehrten«, meinte der Professor lächelnd. »Was aber soll ich Ihnen sagen? Meine Erfahrungen sind so subjektiver Natur, und auch meine Therese halte ich für eine so spezifische Erscheinung, daß Sie unmöglich durch eine Schilderung derselben zur objektiven Anschauung des ganzen Geschlechtes gelangen werden.«

»Mehr als in einem andern Falle bilden in diesem viele Tropfen einen Wasserfall«, sprach Leonhard mit allem dem Thema angemessenen Ernst. »Was könnte der Mann über das Weib anders als Subjektivitäten zutage schaffen?«

»Sie, nämlich meine Selige, hat sich für mich und mein Wohlbehagen aufgeopfert«, seufzte der Professor, das Hauskäppchen vom rechten Ohr auf das linke schiebend. »Sie sagte das mir zwar täglich; aber eingesehen hab ich es leider erst, als sie nicht mehr war. Ach, lieber Freund, da sitzt man als Jüngling in seiner Einsamkeit und denkt an nichts und läßt es sich zwischen seinen Büchern und seinen vier Wänden so wohl sein, wie man kann. Niemand kümmert sich um einen und man kümmert sich ebenfalls wenig um die Welt; sein Mittagessen findet man im Kaffeehaus, und einen abgesprungenen Knopf näht man sich selbst wieder an – man weiß gar nicht, wie glücklich man ist und wie gut mans hat! Es hindert einen niemand, in den Tag oder die Nacht hineinzuträumen, und man hat seine Träume – nicht wahr, lieber Hagebucher, man hat sie? Ich habe sie jedenfalls gehabt, und das ist grad das beste dran, daß man sich Zeit dazu nehmen kann im Hellen wie im Dunkeln, daß man sie von seinem Schreibtisch hinaus in die Gasse oder das freie Feld und von dort zu seinem Schreibtisch zurücktragen kann, ohne Rechenschaft darüber ablegen zu müssen! Das war ein angenehmer Tag, an welchem ich sie, das heißt meine Therese, fragte, ob sie die Meinige, das heißt meine Frau werden wolle, eine recht mysteriöse Stunde wars; aber, mein bester Freund, als sie ja gesagt hatte und ich dann gegen Mitternacht wieder in meinem Junggesellenstübchen allein war und mir die überschwengliche Seligkeit zurechtlegte, da sind mir doch die hellen Tränen in die Augen gekommen: es stand nichts mehr am richtigen Fleck, und jedes Ding, mit welchem ich seit undenklichen Jahren auf dem Du-Komment stand, blickte mich nunmehr mit so fremden Augen an, daß ich mich ordentlich davor fürchtete. Mein Tabakskasten, meine Büchersammlung, mein Stiefelknecht, ja mein alter Schlafrock, welche sämtlich bis jetzt meine Freunde und mein Eigentum gewesen waren, waren jetzt mit einem Male zu Fremden, zu Mächten geworden, die mir zwar noch dienten, aber alle schöne Vertraulichkeit strengstens von sich wiesen. Mein neues Glück warf seinen Schatten über mein altes Behagen, und im Anfang hat das denn doch etwas Unheimliches.«

»O dieser Papa!... Das ist ja ganz allerliebst«, murmelte Serena hinter dem Busche; der Professor aber ging ohne Unterbrechung in seinem ihm nunmehr höchst geläufig werdenden Texte weiter:

»Ja, Hagebucher, es ist ohne Frage ein süßer Zustand, wenn man sich so nicht mehr allein in seiner Existenz findet; aber gewöhnen muß man sich dran – sehr, sehr daran gewöhnen. Trotz aller schönen Befriedigung fühlt man sich so kahl, so weichlich wie ein Hummer ohne Schale, und man schämt sich, und nicht allein vor seinen alten Freunden, sondern auch vor dem Stiefelknecht, der Kaffeemaschine und dem Schlafrock.«

»O diese Helden, diese Helden!« murmelte Serena und hatte große Lust, wie Zieten aus dem Busch hervorzuspringen und ihre Meinung kundzugeben; doch jetzt äußerte sich Hagebucher dahin, der erste Eindruck, welchen das europäische Weib auf den Herrn Professor gemacht habe, scheine ziemlich beängstigender Natur gewesen zu sein und die Tatsache verdiene unbedingt ein intensives Nachdenken.

»Sehr beängstigender Natur!« wiederholte mit jedenfalls intensivem Kopfschütteln der Professor. »Warten Sie nur; – da wir einmal die Grammatik beiseite legten, lassen Sie uns unser jetziges Thema weiterverfolgen, es ist merkwürdig, wie die alten Erinnerungen einem bei Gelegenheit zurückkommen! O popoi, wozu wäre man ein philosophisch gebildeter Mann, wenn man sich nicht auch an sein Glück gewöhnen könnte, vorzüglich, wenn man so weich und warm von der Liebe zugedeckt wird! Therese war gut wie ein Engel, und ihre Verwandtschaft war nun auch plötzlich da; die angenehmsten Aus- und Einsichten eröffneten sich auf allen Seiten; die Periode, in welcher man sich fragte, weshalb man eigentlich so lange gezögert habe, so glücklich zu sein, stand in ihrer vollen Blüte, und die Verwandtschaft tat nach Kräften das Ihrige, einem die ganze Größe seines Gewinns klarzumachen. Da war jener rotnäsige zugeknöpfte Herr mit der großen Schnupftabaksdose auf dem Museo. Ich hatte drei Jahre lang dreimal in jeder Woche Domino mit ihm gespielt, ohne seinen Namen zu wissen, geschweige denn danach gefragt zu haben, und nun entfaltete er sich auf einmal als ihr Onkel Pfeffermütze und fragte: Also hat sie dich endlich, mein Sohn?! – Und eine Tante Pfeffermütze trat auch aus dem Nebel hervor, nahm ein genaues Register meiner Leibwäsche und meiner Schulden auf und erwies sich erschrecklich inquisitorisch und höhnisch dabei. O du meine Güte, diese alten, guten, süßen Erinnerungen! Wie oft ist das Gras über ihnen gemäht worden! Jaja, Hagebucher, ich gehe gern auf dem Kirchhofe spazieren und habe längst Bekanntschaft mit dem Aufseher gemacht. Der Mann hält Kühe des Grases wegen; aber es ist ein Risiko, denn das Vieh frißt den Draht der Totenkränze mit herunter und geht so ebenfalls häufig vorzeitig den Weg alles Lebendigen; – doch wir schweifen ab.«

»Es wäre hier wieder ein Moment festzuhalten«, sprach Hagebucher. »Kann man das europäische Weib nie, sozusagen an und für sich aus dem Boden heben, kann man die Blüte nie ans Herz drücken, ohne sämtliche Wurzeln und mehrere Pfund Erdreich mit emporzuziehen?«

»Selten!« sagte der Professor.

»Abscheulich!« murmelte Serena Reihenschlager; doch der Papa fuhr fort:

»Ich heiratete, lieber Leonhard, und jetzt will ich Ihnen in drei Worten alle Theorie und Praxis meines Ehestandes exponieren: Fünfunddreißig Jahre lang war ich links um die Ecke gebogen, und vom neunundzwanzigsten September mittags zwölf Uhr und fünfundzwanzig Minuten im sechsunddreißigsten Lebensjahr bis zum Tode meiner guten Therese hatte ich rechtsum zu biegen. Forschen Sie in allen glücklichen und unglücklichen Ehen nach, und Sie werden überall denselben Angelpunkt finden und können sich an ihn halten. Ja, Hagebucher, einmal, nur ein einziges Mal versuchte ich es noch, links abzubiegen: aber ich ließ es bei diesem Versuche bewenden; alle angenehmen Stunden jedoch, welche ich in der Ehe verlebte, hab ich übrigens ihm zu verdanken; denn er lehrte mich erkennen, was der Mann der Frau schuldig ist und daß der Mann der Frau nicht wenig schuldig ist.«

»Wollen Sie damit meine Grundfrage beantworten, teurer Meister?«

»Ja!« sprach der Professor Reihenschlager fest. »Meine Ansicht von den Weibern geht dahin, daß es zwei Arten derselben gibt, unverheiratete und verheiratete, im Verkehr mit welchen dem männlichen Menschen die höchste Vorsicht anzuempfehlen ist. Ich will grade nicht sagen, daß der Herr den, welchen er liebhat, dadurch am ärgsten züchtige, daß er ihn verliebt werden läßt oder gar ihm eine Frau gibt; aber ein gutes Mittel, einen seinen Herrgott erkennen zu lassen, ist es. Übrigens aber glaube ich auch, daß die Damen im allgemeinen wie im besondern überall einander gleich sind und daß jemand, der im Tumurkielande Achtung gegeben hätte, ebensoviel davon wissen könnte wie der Doktor der Weltweisheit und Professor der orientalischen Sprachen am hiesigen illustren Collegio Augustino, Christian Georg Reihenschlager.«

Leonhard Hagebucher tat jetzt die letzte Frage an den würdigen gelehrten Mann, und sie gab keiner der vorhergehenden an Unverschämtheit etwas nach, sie war sogar frecher als alle:

»Sie haben eine Tochter, Professor; hat diese Tochter, hat Fräulein Serena Sie nicht für manches Erduldete reichlich, überreichlich entschädigt? O sagen Sie mir auch dieses noch, und ich verspreche Ihnen, auf der Stelle mit Ihnen zum Koptischen zurückzukehren.«

Der Professor zog den Afrikaner dicht an sich heran und flüsterte:

»Ja, Hagebucher, sie hat mich entschädigt! Sie ist ein gutes Mädchen; aber sie ist ein Weib und war es von ihrer Wiege an. Da war mein früherer Hausgenosse und Schüler, Ferdinand Zwickmüller, ein guter Junge, welcher sich jetzt in der Nähe von Genf dem internationalen Unterrichtswesen widmet; glauben Sie wohl, daß ich mit blutendem Herzen ihn entlassen mußte, um ihn vor dem Verderben zu bewahren? Der Narr war fest überzeugt, er liebe die junge Gans und sie könne nicht ohne ihn leben; aber ich bat mir sein Stammbuch aus, schrieb hinein: Kullu muskirün haram, alles, was trunken macht, ist verboten, gab ihm einen anständigen Wechsel und schickte ihn in die frische Luft. Heute ist er mir sehr dankbar dafür.«

»Wissen Sie das gewiß?« fragte Hagebucher tief nachdenklich.

»Er läßt es in jedem Briefe, den er mir schreibt, durchblicken. Aber kommen Sie jetzt, Freund, es wird kühl; lassen Sie uns in mein Studierzimmer hinaufsteigen.«

Die beiden Herren wendeten sich, verließen den Garten und traten in das Haus. Häslein hinter dem Busch hatte sich längst geduckt und war gleichfalls aus dem Garten verschwunden; aber Hagebucher suchte und fand es noch für einige Augenblicke, ehe er dem Papa die Treppe hinauffolgte; allein ob er nicht besser getan haben würde, es für jetzt sich selber zu überlassen, lassen wir eine offene Frage bleiben.

Dicht neben der Tür des Hauses, welche in den Garten führte, befand sich die Küche des Hauses. Es brannte ein lustiges Feuerchen auf dem Herde, und ein Topf und ein Kessel sangen neben der Glut ihr heimliches Duett und rüsteten sich eben zum Überkochen. Und vor dem Herde, der lustigen Flamme, dem Topf und dem Kessel stand Fräulein Serena Reihenschlager; und die beiden kleinen Händchen, welche sonst wie ein Schwalbenpärchen fort und fort hin- und widerflatterten und zusammentrugen, hatten sich in diesem Augenblicke untätig auf dem Rücken zusammengefunden, hatten ihre Arbeit ganz gründlich eingestellt.

»Ists erlaubt, Fräulein Serena, darf man sich ein wenig die Hände wärmen?« fragte der Afrikaner, an den Herd tretend.

Die kleine Hauswirtin wich nach der andern Seite hinüber und sagte mit einem Blick nach dem Fenster:

»Sie führten ja da eben im Garten eine recht lebhafte Unterhaltung mit dem Papa, Herr Hagebucher; wovon war denn die Rede, wenn man fragen darf?«

Mit kläglichster Miene zog Leonhard die Achseln in die Höhe, als sei er des tiefsten Bedauerns und Mitleids der jungen Dame wie seines eigenen sicher, und seufzte:

»O Gott, nur immer von der koptischen Grammatik – es ist fürchterlich und auf die Dauer nicht auszuhalten!«

Und Topf und Kessel kochten in diesem Moment wirklich über und konnten keinen passendern dazu wählen. Und Feuer und Wasser sagten einander ihre Meinung mit gewaltigem Gezisch, Gesprudel und Geprassel. Es entstand ein mächtiger Dampf, und durch denselben rief Fräulein Serena Reihenschlager:

»Sie haben recht, Herr Hagebucher, es ist wirklich auf die Dauer nicht zu ertragen! Gehen Sie mir aus meiner Küche, Sie Störenfried! Sie haben nicht das mindeste darin zu suchen!«

Hustend und niesend wich der Mann vom Mondgebirge zurück und murmelte, während er die Treppe hinauf dem Professor nachstieg, mehrere Male:

»Kullu muskirün haram!«

Die Leser wissen bereits, was diese Worte in deutscher Zunge bedeuten.

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