Frei Lesen: Abu Telfan

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Wilhelm Raabe

Abu Telfan

Neunzehntes Kapitel

eingestellt: 2.7.2007



Es war ein braves Essen und machte dem Charakter der kleinen, wackern Serena alle Ehre. Der Wein des Professors war recht zu loben; wäre nur auch die Gemütsverfassung der Schmausenden zu loben gewesen. Sie ließ alles zu wünschen übrig; selbst auf die heitere Seele des Vetters Wassertreter drückte allmählich ein schwarzes Gewölke; der Gastgeber war still und nachdenklich, die Tochter fast noch stiller und nachdenklicher, und der Ritter von Bumsdorf aß und trank, aber ohne Genuß. Ein umgekehrter alter Ägypter, hatte er nicht seinen verstorbenen Großvater, sondern seinen höchst lebendigen Herrn Sohn sich gegenüber an der Wand lehnen und ließ sich von ihm den guten Humor mit ebensolcher Berechtigung verderben wie irgendein thebanischer oder memphitischer Grundbesitzer vor viertausend Jahren den seinigen durch die anrüchigste Ahnenreihe.

Wie immer vergnügten sich diejenigen am meisten, die Gewinn und Verlust des Tages oder der Stunde am wenigsten berechnen konnten. Täubrich-Pascha war fest überzeugt, daß sein Patron, wie er sich ausdrückte, heute gradso einen großen Sieg über die Residenz gewonnen habe als der König Xerxes von Griechenland über den Kaiser Alexander von Persien. Sievers, der stahlherzige Vasall des Hauses Bumsdorf, hatte einen Taler von seinem jungen Herrn Hugo empfangen und hielt ihn im seligsten Bewußtsein fortwährend warm in der linken Hand und in der linken Tasche seiner gelben ledernen Hose. Beide, der Pascha und der Vasall, saßen in der Küche des Hauses Reihenschlager, und beide Mägde des Hauses hatten Befehl, ihnen den Aufenthalt drin so angenehm als möglich zu machen. Als die Glocke der Mitternacht erklang, fand es sich, daß die Zeit in den untern Räumen des Hauses viel schneller und angenehmer hingegangen war als in den obern, und es bedurfte längerer und dringender Überredung, um den biedern Knappen zu bewegen, die Rieke vom rechten Knie freizulassen und seinem Ritter in den Pelz zu helfen.

Pilz und Schaumlöffel hatten viel von ihren Studentenjahren gesprochen, aber die besten Schnurren in Anbetracht der Gegenwart des Fräuleins für sich behalten müssen. Der Herr von Bumsdorf hatte mit dem Fräulein Ökonomie – Gartenwirtschaft, Milchwirtschaft und Federviehzüchtung – getrieben. Von der Vorlesung war kaum noch die Rede gewesen, und Leonhard Hagebucher durfte sich seinen unruhigen Gedanken, dem Gewimmel von Fragezeichen in seiner Seele ungestört hingeben: jeder der Anwesenden hatte sich vorgenommen, ihm seine Ansichten über den Abend in einem ruhigen Augenblick ausführlich mitzuteilen; allein diese stille Minute hatte sich für niemanden gefunden. Es war übrigens auch besser so.

Als die Herren aufbrachen, drückte der koptische Professor seinem Mitarbeiter an der großen Grammatik die Hand und sprach dumpf:

»Morgen, lieber Hagebucher!«

Und Hagebucher antwortete zerstreut:

»Es wird sich wohl für alles eine Zeit finden! – Fräulein Serena, ich danke herzlich für die gütige Bewirtung.«

»O ich habe zu danken!« rief die kluge Tochter des gelehrten Vaters. »Sie haben uns heute ganz andere Dinge, als in meinem Kochbuche zu finden sind, zusammengerührt und aufgetragen! Nun, der liebe Gott möge jedem von uns einen guten Schlaf nach der Aufregung verleihen.«

»Ein guter Wunsch! Wollen Sie einen Kuß dafür, Liebchen?« rief der Vetter Wassertreter, aber Serena versteckte sich lachend und kopfschüttelnd hinter dem Papa, und auch der Wegebauinspektor fuhr endlich in seinen Pelz. Man nahm Abschied; dreimal nahm man Abschied. Zuerst an der Tür des Speisezimmers, sodann oben und zuletzt unten an der Treppe; an der Haustür aber faßte der Vetter den Hospes in die Arme, streckte ihm den Kopf über die rechte Schulter und stöhnte: »O Pilz, dein Keller!«, streckte ihm den Kopf über die linke Schulter und seufzte: »O Pilz, dein Herz!«, schob ihn sodann von sich, legte ihm beide Hände auf die Schultern, blickte ihm gerührt in die Augen und stammelte unter einem langen, langen Kuß:

»O Pilz, deine Tochter!... Gute Nacht, Pilz!« –

Es kostete einige Mühe, die beiden alten Herren und den Vasallen im Hotel de Prusse in ihre Betten zu bringen; aber endlich gelang es, wie alles, was man mit Geduld und Liebe angreift. Gegen ein Uhr wandelten Hagebucher und Täubrich allein ihrer Behausung in der Kesselstraße zu – der Pascha betrunken-weinerlich, Leonhard vollkommen nüchtern, dessenungeachtet aber verwirrt und betäubt wie kein anderer Bewohner der Residenz in dieser Nacht.

Je mehr er über das plötzliche Erscheinen und Verschwinden jenes Mannes, welchem er zu so vielem Dank verpflichtet war, nachdachte, desto unbegreiflicher erschien es ihm. Hatte er denn wirklich recht gesehen? Hatte er sich nicht getäuscht? Hatte die Erscheinung wirklich und wahrhaftig Fleisch und Blut, und war sie nicht bloß ein Spiel der durch das eigene Wort erregten Phantasie, eine Folge der übermäßigen Exaltation des Abends? Die Antwort auf diese Frage blieb immer dieselbe: der Herr van der Mook war ebenso unvermutet im Saale der Harmonie erschienen wie einst zu Abu Telfan im Tumurkielande, Königreich Dar-Fur. In seinen Unterhosen auf dem Rande seines Bettes sitzend, sprach der Redner, nachdem er dem schlaftrunkenen Pascha die ungeheure Tatsache so klar als möglich gemacht hatte, ein letztes hohes Wort.

»Täubrich«, sagte er, »Täubrich, wenn ich morgen früh nicht wieder erwachen sollte, so geben Sie mir den größten hölzernen Löffel, den Sie auftreiben können, als Symbol mit in die Grube, und auf meinen Grabstein lassen Sie schreiben: Er bekam sein Teil!«

»O Je – rusalem!« seufzte der Schneider, und seufzend zog Leonhard Hagebucher die Füße in die Höhe, sah den Pascha aus der Tür wanken und blies das Licht aus. Daß der Herr van der Mook ihm jetzt nicht zum zweitenmal erschien, war gleichfalls als ein beruhigendes Zeichen seines Wandelns unter den Lebendigen zu nehmen, und daß auch Leonhard am nächsten Morgen noch unter den Lebenden aufstand, bewies klar, er habe den Löffel doch noch etwas zu voreilig neben die Schüssel legen wollen.

Der Morgen kam und brachte durch die Stadtpost ein Billet, welches eine Karte mit dem Namen van der Mook und die Notiz enthielt.

»Suchen Sie mich nicht, reden Sie nicht von mir; vielleicht werden wir am Abend irgendwo zusammentreffen; verlassen Sie also nach acht Uhr Ihre Wohnung nicht. Es ist mir recht angenehm gewesen, Sie so schnell und in so günstig veränderten Zuständen wiederzufinden. Vielleicht habe ich mannigfache Gelegenheit, Ihren guten Willen und Ihre Hülfe in Anspruch zu nehmen. Leben Sie wohl.«

Gleich einem Regenguß auf ein dürstendes Saatfeld wirkte dieses Schreiben auf den afrikanischen Redner. Schnellkräftig erhob er sich aus tiefster moralischer Zerknicktheit, aus kläglichster, katzenjämmerlichster Versunkenheit. Blitzschnell fuhr er aus dem Bett und in die Kleider; unter seinen Schritten erdröhnte der Fußboden, und mit unverhohlenem Staunen blickte Täubrich-Pascha auf die merkwürdige Veränderung in Wesen und Erscheinung seines Patrons und hätte sich gern das Rezept davon ausgebeten; aber Hagebucher achtete wenig auf ihn, sondern griff bald nach Hut und Regenschirm, um nach dem Hotel de Prusse zu eilen und den Vetter Wassertreter sowie den Ritter von Bumsdorf nach Nippenburg abfahren zu sehen.

Es war, wenngleich ziemlich warm, doch ein arger Nebel; aber der graue Tag besaß nicht mehr die Macht, niederdrückend auf den Mann vom Mondgebirge zu wirken. Er schritt weit aus durch die schmutzigen Gassen und kümmerte sich um nichts. Manche Leute blieben stehen, blickten ihm nach, steckten flüsternd die Köpfe zusammen oder deuteten gar mit den Fingern auf ihn; er ließ sie gewähren und zog den Kopf nicht mehr zwischen die Schultern. Was ging es ihn an, was man über ihn dachte und sprach!

Im Hotel fand er die beiden alten Herren über einem stillen Frühstück; der Dynast hatte eine offene Brieftasche neben dem Teller liegen, notierte mürrisch lange verdrießliche Zahlenreihen und verdarb sich den Genuß des Chateau-la-Rose durch allerlei Rechenexempel, welche er nicht ein einziges Mal zu seiner Zufriedenheit löste.

»Na, gottlob, da ist er endlich!« rief der Vetter. »Das ist mir ein liebliches Verfahren! Man kommt Seinetwegen, um Ihm eine Ehre anzutun, durch Sturm, Schnee und Regen vom Ende der Welt, von Nippenburg und Bumsdorf, und hier sitzt man mit einer Welt von Komplimenten im Sack, wie ein junges Mädel, das auf einen Heiratsantrag wartet, und kann sie sowenig an den Mann bringen als jenes, sondern muß eben warten, bis es dem Herrn gefällig ist nachzufragen, wie das Befinden ist. Hurra, mein Sohn, jetzt stürze dich mit verdoppelter Schnelligkeit an meinen Busen! Du bist als ein großer Mann, als ein ungeheurer Mensch, sowohl was den Charakter als was das Talent anbelangt, aus dem Hinterstübchen des Vetters Wassertreter hervorgegangen. Küsse mich, mein Kind; noch eine solche Rede wie die gestrige, und sie werfen dich hier gradesogut vor die Tür wie der Alte in Bumsdorf! Aber der Schlüssel liegt noch immer unter dem Uhrgehäuse, und ich brauche wieder nicht mehr zu sagen. O Leonhard, Leonhard, daß ich dieses noch erleben durfte! Den alten Goethe hab ich nur von hinten gesehen, aber dich kann ich von hinten und vorn herzen, was fast ein noch größerer Genuß ist. Ja, so mußte er aussehen, der Mann mit dem vernichtenden Blick, der berufen war, für einen Gulden Entree die Person, dem deutschen Philistertum den Kopf auf afrikanische Art zu waschen! O herrje, das Volk hier in der Residenz wird fürs erste sicher nicht wieder verlangen, daß du ihm spanisch kommst!«

»Ja, Sie sind ein Sohn, der seinem Vater Freude macht!« sprach der Ritter, seine Brieftasche mit siebenfältigen Lederriemen verknüpfend und sie mit einem Seufzer tief in seine Brusttasche versenkend. Erst nachdem der Ausspruch getan war, erinnerte er sich, daß auch Hagebucher senior sein Glück wohl zu tragen wisse, blickte etwas verlegen den Redner von unten nach oben an und ergänzte seinen Stoßseufzer durch ein bedeutungsreiches »Ja so!«, welches dem Vetter Wassertreter zu einem neuen herzerfrischenden Gelächter verhalf. Mit gutem Appetit ließ sich Leonhard am Tische nieder und trug kauend und schlürfend den ebenfalls mit ungeschwächten Kräften und munterer Behendigkeit von neuem ans Werk gehenden Alten die besten Grüße an die Heimat – an den Bumsdorfer Gutshof, an Frau Klaudine, an Mutter und Schwesterchen und wo möglich auch an den Papa auf. Um halb zehn Uhr gabs einen gerührten Abschied; Sievers, der Vasall, welcher in der Hauptstadt an einem fortwährenden leichten Schwindel zu leiden schien, meldete, die Post werde in einer halben Stunde abgehen; der Oberkellner brachte die Rechnung und die Nachricht, daß eine Droschke vor der Tür halte. Man leerte ein letztes Glas, wünschte dabei einander alles Gute und verpflichtete sich, zu jeder Zeit das Beste voneinander zu denken. Nippenburg und Bumsdorf schickten auch noch dem Professor und des Professors Töchterlein ihre schönsten Grüße, und der Dynast sprach die gediegene Absicht aus, denselben in den allernächsten Tagen zwei merkwürdig schöne und in betreff der Trichinen über jeden Verdacht erhabene Schinken sowie einen gleichfalls garantierten Korb voll frischer Würste folgen zu lassen. Nachdem nun noch Leonhard recht unnötigerweise seine Verwunderung darüber ausgesprochen hatte, daß der Leutnant nicht auch erscheine, um dem Erzeuger Lebewohl zu sagen, und nachdem der landbebauende Greis seine Meinung energisch dahin veröffentlicht hatte, ihm liege nicht das geringste an dem Schlingel!, fuhr man ab, das heißt, Leonhard sah von der Pforte des Wirtshauses aus die beiden Alten und den Vasallen abfahren und blickte ihnen ernst bis zur nächsten Ecke nach. In dem Augenblicke, wo der Vasall vom Bock zum letztenmal mit dem Hute winkte, fühlte der Afrikaner einen Schlag auf der Schulter und vernahm dicht neben sich den vergnügten Ruf:

»Da fahren sie hin! Fort ist er! Hurra! Bumsdorf und Nippenburg für immer!«

Der Herr Leutnant Hugo von Bumsdorf hatte, im Billardzimmer des Hotels verborgen, seinen kindlichen Gefühlen allen möglichen Zwang angetan; aber länger hatte ers nicht getragen. Da stand er jetzt und ließ den schönsten, innigsten, zartesten Regungen seiner Seele freiestes Spiel.

»Ich sage Ihnen, Hagebucher, das war gestern ein heißer Tag für uns alle beide, und wenn er Ihnen so schwer wie mir in den Knochen liegt, so werden Sie heute früh zu Bett gehen und Ihrem Schutzpatron ein recht anständiges Wachslicht versprechen, wenn er Sie ruhig die Decke über den Kopf ziehen läßt. Ich hatte mich auf manches eingerichtet und mich für allerlei kleine Verdrießlichkeiten mit dem nötigen Stoizismus gewappnet; aber, sollten Sie es glauben, schon der zweite Jude war diesem entarteten Greise zuviel, der dritte machte ihn vollkommen rabiat, und als nun gar im Laufe der Unterhaltung die Rede auf den armen Roland kam – Sie kennen das vortreffliche Vieh und wissen Blut und Zucht zu schätzen, Hagebucher – da – o Hagebucher, ein letzter schöner Rest kindlicher Pietät verbietet mir das Wort, schweigen wir! Lassen wir still den Mantel über den Papa Noah fallen, und genießen wir heiter und unbefangen unsere Jugend; denn siehe, es wird auch für uns die Zeit kommen, da wir von Bumsdorf herziehen werden, um die Schulden unserer Söhne zu bezahlen.«

»Die letztere Vorstellung sollte einen jungen Gesellen wie Sie freilich reizen, die Gegenwart nach Möglichkeit zu genießen«, rief Leonhard lachend. »Einem alten Knaben gleich mir wird ein solcher Gedanke weder am guten noch am bösen Tage hinderlich oder förderlich werden.«

Er ärgerte sich aber doch ein wenig, als der Leutnant treuherzig sprach:

»Da haben Sie recht, Hagebucher.«

Sie hatten beide Arm in Arm den Torweg des Hotel de Prusse verlassen und schritten vertraulich nebeneinander durch die Straßen. Jetzt aber zog plötzlich Herr Hugo von Bumsdorf seinen Arm aus dem des Afrikaners und sagte:

»Wissen Sie, Hagebucher, wenn mir diese bunte Jacke nicht längst zum Ekel geworden wäre und wenn es mir irgend darauf ankäme, Karriere zu machen und im vierzigsten Jahre Hauptmann zweiter Klasse zu werden, so würde ich mich ganz gehorsamst hüten, mit Ihnen hier so bras dessus, bras dessous am hellen Mittag vor den Augen der Hauptstadt zu wandeln. Haben Sie eben den Blick des Geheimen Kriegsrats Canini bemerkt? Nicht?! Nun, um so besser für die Ruhe Ihrer armen Seele. Ich sage Ihnen, der Mann gilt etwas, Sie aber gelten nichts; im Gegenteil, seit dem vorigen Abend gibt es keinen zweiten Menschen, der so tief in der Achtung und Neigung der dirigierenden Kreise steht wie Sie. Bester Freund, wenn der Staat einmal anfängt, Prämien für das Ausplaudern der Wahrheit auszusetzen, dann wollen wir Sie wiederrufen; aber bis dahin färben Sie sich gefälligst selber schwarz und verziehen Sie sich ruhig wieder in das heißeste Afrika; Sie werden dort unbedingt kühler sitzen als hier bei uns. Fragen Sie nur meine arme Kusine Nikola; die hat auch gemeint, es sei eine Kleinigkeit und jedes Menschen angeborenes Recht, ein vergnügter, frischer und ehrlicher Kerl zu bleiben; aber man hat sie nach Gebühr mit der Rute in die Ecke zurückgefegt, und sie sitzt jetzt still genug in dieser Ecke. Was sehen Sie mich an? Na, mein Gutester, ein Unterleutnant, welchem vom Papa der Kopf gewaschen wurde wie mir, ist zu jeder philosophischen Betrachtung fähig und hat einen anständigen Überschuß trefflicher Lehren und Warnungen an gute Freunde abzugeben. Guten Morgen!«

»Guten Morgen!« sprach Hagebucher und blickte dem seitwärts abtänzelnden jungen Krieger längere Zeit nach; aber der Gedanke an den Tag der Erlösung aus den Banden von Abu Telfan, der Gedanke an den Herrn Kornelius van der Mook überwog alles andere, und festen Schrittes erreichte er die Kesselstraße.

Vor der Tür seines Hauses stand Täubrich-Pascha mit schlaff herabhängenden Armen und kläglichst verzogenen Lippen, und neben ihm stand ein gut uniformierter wohlgefütterter Bote der Tochter des Erebus und der Nacht, welche die einen Adrastea, die andern Nemesis und wieder andere anders nennen. Dieser Gesendete der Göttin des Maßes, des Einhalts und der Vergeltung ließ nichts herabhängen, sondern überreichte dem herantretenden Afrikaner ein umfangreiches, großversiegeltes Schreiben der hochlöblichen Polizeidirektion. Dieser Bote lächelte nicht; aber der Herr Polizeidirektor lächelte auf das leutseligste aus diesem Schreiben, in welchem er sich die Ehre gab, dem wohlgeborenen Herrn Leonhard Hagebucher P. P. mitzuteilen, daß, wie sehr er – der Herr Polizeidirektor – vom Nutzen öffentlicher Vorträge, gleich dem am gestrigen Abend mit hohem Interesse vernommenen, auf die Bildung und Erbauung des Publikums überzeugt sei, er sich doch nicht der Überzeugung verschließen könne, auch hier müsse das Gute dem Bessern, nämlich das Vergnügen des Publikums dem Wohlergehen desselben weichen. So müsse er – der Herr Polizeidirektor – gestehen, daß er sich leider mit der Art und Weise, wie der Herr Hagebucher das Problem, der Gesellschaft Geschichten zu erzählen, auffasse, durchaus nicht im Einklang befinde, wie denn auch von anderer sehr maßgebender Seite unbedingt dagegen Verwahrung eingelegt worden sei. Mit dem innigsten Bedauern sehe er – der Herr Polizeidirektor – sich deshalb genötigt, dem verehrten Herrn die Mitteilung zu machen, daß eine hohe Behörde nach reiflicher Überlegung zu der Überzeugung gekommen sei, es sei ihre Pflicht, ein ruhiges, aber festes Veto gegen alle fernern Produktionen dieser Art einzulegen.

Zum Schluß dieses höflichen und konfidentiellen Amtsschreibens empfahl sich der Briefschreiber dem Adressaten mit ausgezeichneter Hochachtung und hing zur letzten Zierde mit einem kunstvollen Schnörkel seinen Tauf- und Familiennamen sowie seinen Titel drunter:

»Johann v. Betzendorff,
Fürstlicher Polizeidirektor.«

Der Pascha seufzte: »O Jerusalem!« Leonhard Hagebucher aber schob den Wisch in die Tasche, ließ durch den Diener der öffentlichen Sicherheit an den Direktor derselben einen recht schönen Gruß bestellen und stieg nicht in seine Wohnung hinauf, sondern ging zum Professor Reihenschlager, weniger um sich seinen Rat und Trost, als um von dem Töchterlein eine Tasse Kaffee zu erbitten.

Der koptische Gelehrte wußte auch weder Rat noch Trost; er lag moralisch und körperlich zerschlagen auf seinem Sofa und sprach nur den Wunsch aus, sich aus dieser verruchten Welt gänzlich zurück in den Bauch der großen Pyramide ziehen zu können. Serena, helläugiger als je, wußte dagegen ihrer Heiterkeit kaum genugzutun. Summend und singend umschritt sie ihre Kaffeemaschine und behauptete, der Herr Polizeidirektor sei ein Mann ganz nach ihrem Herzen, der wisse, was sich schicke, und der Papa und der Herr Hagebucher sollten sich von Rechts wegen schönstens bei ihm bedanken, weil er so schnell solcher »Parade« ein Ende gemacht habe. Fräulein Serena Reihenschlager ging so weit zu behaupten, daß es sich eigentlich für einen gescheiten und ordentlichen Mann gar nicht schicke, sich so öffentlich zum Narren zu machen.

»Ich will keinen Namen nennen«, sprach sie, »aber ich kenne Leute, die sollten ihrem Gott danken, daß niemand sie hindert, sich ihre Meinung über ihrem hinterindischen Wörterbuch und ihrer türkischen Grammatik unter vier Augen zu sagen. Es ist immer etwas anderes, ob jemand innerhalb seiner vier Wände sich auf den Kopf stellt oder ob er auf dem freien Markte auf dem Seil tanzt, und das ist meine Ansicht von der Sache!«

»Und es ist eine sehr vernünftige Ansicht, Fräulein Serena!« rief Leonhard. »Ach, in welcher prächtigen Welt lebten wir, wenn die verständigen Leute ihren guten Rat stets zur rechten Zeit kundgeben würden! Jetzt bitte ich um eine zweite Tasse Kaffee.«

»Und mir stopfe meine Pfeife, Kind«, sagte der Professor und wendete sich an den jungen Hausfreund mit den tragischen Worten: »Es ist die erste heute!«

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