Frei Lesen: Abu Telfan

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Achtes Kapitel | Neuntes Kapitel | Zehntes Kapitel | Elftes Kapitel | Zwölftes Kapitel | Dreizehntes Kapitel | Vierzehntes Kapitel | Fünfzehntes Kapitel | Sechzehntes Kapitel | Siebzehntes Kapitel | Achtzehntes Kapitel | Neunzehntes Kapitel | Zwanzigstes Kapitel | Einundzwanzigstes Kapitel | Zweiundzwanzigstes Kapitel | Dreiundzwanzigstes Kapitel | Vierundzwanzigstes Kapitel | Fünfundzwanzigstes Kapitel | Sechsundzwanzigstes Kapitel | Siebenundzwanzigstes Kapitel | Achtundzwanzigstes Kapitel | Neunundzwanzigstes Kapitel | Dreißigstes Kapitel | Einunddreißigstes Kapitel | Zweiunddreißigstes Kapitel | Dreiunddreißigstes Kapitel | Vierunddreißigstes Kapitel | Fünfunddreißigstes Kapitel | Sechsunddreißigstes Kapitel |

Weitere Werke von Wilhelm Raabe

Pfisters Mühle | Der Marsch nach Hause | Die Akten des Vogelsangs | Die Leute aus dem Walde | Das Odfeld |

Alle Werke von Wilhelm Raabe
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Abu Telfan) ausdrucken 'Abu Telfan' als PDF herunterladen

Wilhelm Raabe

Abu Telfan

Zwanzigstes Kapitel

eingestellt: 2.7.2007



Um sieben Uhr trat der Afrikaner aus der märchenhaftesten Behaglichkeit in den sehr unfreundlichen dunkeln Abend hinaus. Unter dem dreifach beruhigenden Einfluß des Töchterleins, der Pfeife und des koptischen Wörterbuchs hatte der Professor fest, aufrecht, aber gemächlich, wie es dem Mann und dem Gelehrten geziemt, in seinem Lehnstuhl Posto gefaßt, und Leonhard Hagebucher mußte seine Aufmerksamkeit so sehr zwischen dem Lexikon und der zierlich umherhuschenden Serena teilen, daß ihm die Stunden bis zum Dunkelwerden schnell und lieblich vorüberglitten. Mit der Dämmerung freilich kam die Erinnerung an jenen, welcher draußen vor der Tür wartete, stärker zurück; Leonhard aß nicht bei dem Professor Reihenschlager zu Nacht, sondern nahm Abschied und sah auf seinem Wege zur Kesselstraße häufig über die Schulter nach dem Herrn van der Mook aus und blieb mehr als einmal stehen, wenn ein Männerschritt in der Dunkelheit hinter ihm erklang. Der Herr van der Mook trat ihn jedoch weder in der Gasse an, noch erwartete er ihn an der Haustür; aber in dem Augenblick, als der Mann aus Abu Telfan den Schlüssel im Schloß seiner Stubentür umdrehte, erschien Täubrich auf der Schwelle seines Gemaches, winkte und flüsterte:

»Sidi, ich habe einen Gast, der Sie länger als eine Stunde bei mir erwartet.«

Mit einem Sprung stand Leonhard in der Dachkammer des träumenden Schneiders, allein er fand sich wiederum nicht dem Herrn van der Mook, sondern einem gänzlich unbekannten, ältern Herrn von militärischem Aussehen gegenüber.

Eine trübe Lampe brannte auf dem Tische und verbreitete eine kaum ausreichende Helle durch das Gemach. Neben dem Tische saß der Gast des Paschas auf dem einzigen Stuhle des Paschas, erhob sich jedoch sogleich beim Eintritt Hagebuchers, machte eine kurze Verbeugung und sprach mit einer harten Stimme:

»Mein Name ist Kind – pensionierter Leutnant der Strafkompanie zu Wallenburg. Ich komme im Auftrage eines von Ihnen gekannten Mannes, des Herrn van der Mook. Derselbe befindet sich augenblicklich in meiner Behausung ein wenig unpäßlich und bittet Sie durch mich, Herr Hagebucher, ihm am heutigen Abend noch die Ehre Ihrer Gesellschaft zu schenken. Ich würde mich zu Ihrer Verfügung stellen und Sie sogleich zu ihm führen.«

Der Mann hatte etwas absonderlich Rostiges an sich, und die Anrede war nur mit einem Stück brüchigen Eisen, welches einem vor die Füße geworfen wird, zu vergleichen; doch in atemloser Aufregung erklärte sich Leonhard auf der Stelle bereit, dem Rufe seines Befreiers Folge zu leisten, und lieh seinen überströmenden Gefühlen mehr Worte, als es sonst seine Art und Gewohnheit war.

»Es ist gut, gehen wir!« sagte der Leutnant, drückte den Hut auf den Kopf, nahm den Stock unter den Arm, schritt mit einer zum Folgen einladenden Handbewegung aus der Tür, kommandierte auf dem Vorplatze: »Licht!« und ließ den ängstlich vorschnellenden Schneider, der sich in seiner Gesellschaft keineswegs wohl gefühlt zu haben schien, mit der Lampe voraus treppab leuchten. In der Gasse deutete er zur Rechten, kommandierte den Pascha in das Haus zurück und schritt weiter wie ein Mann, der die Kunst, jemanden abzuholen, auf ihr allereinfachstes Prinzip zurückzuführen wünscht.

Vergebens versuchte Leonhard es noch einige Male, den schweigsamen Mann in ein Gespräch zu ziehen; der Leutnant ließ sich auf nichts ein und antwortete auf jede Frage:

»Ich bin in dieser Hinsicht nicht beauftragt und kann Sie nur an den Herrn van der Mook selbst verweisen.«

Auch seine Schritte beschleunigte er nicht der Ungeduld des Afrikaners gemäß. Im ruhigen Marschtempo führte er den Begleiter einen weiten Weg quer durch die Stadt bis zu den Teichen, von welchen aus die Residenz in Feuersgefahr mit dem nötigen Wasser versehen wurde. Hier in einer ziemlich unangebauten und verrufenen Gegend stand zwischen halb verwüsteten Gärten, Lehmgruben, Schutthaufen, Zimmerplätzen das öde, kahle, ungetünchte und unbemalte Haus, in welchem der Exleutnant der Strafkompanie wohnte; und nur ein Mann wie er konnte hier seinen Aufenthalt nicht ungern nehmen.

Eine steile, neue, aber doch gebrechliche Treppe führte der Bote des Herrn van der Mook seinen Begleiter hinauf und riet ihm, sich links zu halten; denn es fehle der »Bequemlichkeit« rechts ein Geländer und es sei bereits ein junges, unvorsichtiges Mädchen hier zwei Stockwerke tief hinuntergestürzt und habe das Rückgrat gebrochen.

Auf dem dritten Absatz sprach der Leutnant Kind: »Hier!«, ergriff die Hand Hagebuchers und leitete ihn durch die tiefste Finsternis zu einer Tür, welche er, ohne anzuklopfen, öffnete. Ein schlecht erhelltes Zimmer, welches in keinem Stücke sich mit dem Gesamteindrucke des Hauses in Widerspruch setzte, einige schlechte Gerätschaften, ein eisernes Feldbett, über welchem ein Offiziersdegen an der Wand hing! Auf dem Bette die Gestalt eines Mannes, der sich in seinen Kleidern darauf hingeworfen hatte! Der Herr van der Mook!

»Da sind Sie endlich!« rief Leonhard Hagebucher. »Gelobt seien alle Mächte, an welche Sie glauben!«

Er beugte sich nieder, und der Liegende richtete sich halb empor und reichte dem Manne aus dem Tumurkielande eine heiße Hand zum kräftigen Druck.

»Wie ein Mädchen nach dem Bräutigam so habe ich mich nach Ihnen gesehnt, van der Mook. Jetzt habe ich Sie endlich, und Sie sollen mir diesmal nicht so entgehen wie damals in Chartum! Und Sie sind also doch ein Deutscher?! Wahrlich, es war nicht recht, erst einem armen Teufel einen so großen Dienst zu leisten und sich sodann schroff und grob wie jeder andere Deus ex machina von neuem in die Wolke zu hüllen.«

»Habe ich Ihnen einen Dienst geleistet? Glauben Sie heute, in dieser Stunde wirklich noch, mir für meinen zufälligen Besuch der Hütten von Abu Telfan dankbar sein zu müssen?« fragte Herr van der Mook mit einem wilden Lachen. »Ja, dann war es in der Tat unrecht, daß ich mir nicht als Erlöser und Befreier von Ihnen die Hand küssen ließ; dann bitte ich dafür demütigst um Verzeihung und werde Ihnen alle nur mögliche Genugtuung für meine früheren Unterlassungssünden geben. So habe ich Ihnen wirklich einen Gefallen getan, als ich Sie jener schwarzen Hexe abkaufte? So haben Sie mich nicht seitdem tausendmal in den tiefsten Abgrund für mein zudringliches Eingreifen in Ihr Geschick verwünscht? Sie segneten mich, während ich mir häufig in stillen Stunden Gewissensbisse wegen meiner Handlung machte; das ist wunderlich, sehr wunderlich, und ich könnte fast Ihnen nun meinen Glückwunsch abstatten, wenn es mir nicht immer noch unglaublich erschiene.«

Leonhard Hagebucher hatte einen Stuhl an das Lager des so bitter redenden Mannes gezogen und sagte jetzt merkwürdig ruhig:

»Lieber Herr, als Sie mich zu Abu Telfan fanden, lag ich als ein Blödsinniger auf Ihrem Wege. Damals brachte Sie der Zufall zu mir, und mit dem letzten Hauch meiner Kräfte rief ich Sie an, als Sie über mich wegtraten. Durch Ihre Hülfe wurde ich gerettet und habe, mit großer Mühe freilich, die Bruchstücke meiner europäischen Existenz wieder aneinandergekittet; was ist das nun heute? Haben wir die Rollen jetzt vollständig getauscht? Es ist kein Zufall mehr, was uns in diesem Augenblick abermals zusammenführt; Sie sind krank und rufen mich, wie ich Sie damals rief. Lassen wir also alle weitern Erörterungen des Vergangenen: hier bin ich, Mann, was soll ich für Sie tun? Was kann ich tun, um Sie aus Ihren Ketten zu befreien? Sie verleugneten mir früher Ihre Nationalität; werfen Sie jetzt alle Verkleidungen weg; wir wollen einander klar in die Augen sehen, und ich denke, wir haben beide eine Schule hinter uns, welche uns vor aller Verirrung in die Phrase schützt.«

»Ei, ei, Kamerad, wie besonnen!« rief der Herr van der Mook, sich jetzt ganz von seinem Lager erhebend. »Aber Sie wissen doch nicht, wie sehr Sie recht haben. Geben Sie mir noch einmal Ihre Hand; da, ich grüße Sie herzlich, und daheim im Tumurkielande wird alles wohl sein, und die alten Freunde und Bekannten werden in alter Liebe Ihrer gedenken. Nun, vielleicht findet sich doch noch eine Zeit für diese gemütlichen Erinnerungen; jetzt aber, ohne Phrase, wie Sie trefflich bemerken, o Leonhard Hagebucher, ich habe Sie nötig, und deshalb rief ich Sie. Sie sollen erfahren, wer ich bin und wer ich war; aber es gehört mehr dazu, als Sie sich augenblicklich träumen lassen. Reden Sie jetzt, Leutnant.«

Der Leutnant Kind hatte bis zu diesem Moment mit untergeschlagenen Armen am Tische gelehnt und nicht durch eine einzige Bewegung oder Muskelzuckung angedeutet, daß das Gespräch zwischen den beiden andern Männern auch für ihn einen Sinn habe. Nun schüttelte er sich ein wenig und sprach gegen die Wand oder vielmehr, als ob er seine Erzählung an den Degen über dem eisernen Feldbett richte.

»Um von mir anzufangen, Herr Hagebucher, so bin ich gewöhnlicher Leute Kind aus einem Kleinbürgerhause in hiesiger Stadt und habe keine gelehrte oder auch nur ausreichende Erziehung genossen. Ich bin ein Friedenssoldat gewesen und habe nur einmal in meinem Leben Feuer im Ernst kommandiert. Fürs Militärwesen hatte ich eine Vorliebe, weil es ein pünktlicher und ordentlicher Stand ist und man sich drin reinlich und nach der Uhr halten muß und weil es keinen andern Stand gibt, in welchem man seine Pflicht und Schuldigkeit so weit und klar vorauskennt. Bin also Soldat geworden nach meiner Natur, und wenn ich kein kluger und gelehrter Mann war, so konnte ich doch lesen, schreiben, rechnen und nach den Kriegsartikeln stillstehen oder marschieren; damit brachte ich es im Verlaufe der Zeit und, wie gesagt, durch angeborene Ordentlichkeit, Pünktlichkeit und Adrettité zum Feldwebel. Dafür paßte ich, und weiter ist mein Wunsch nicht geflogen. Als Feldwebel nahm ich eine Frau und weiß heute noch nicht, wie ich dazu kam, einen andern Menschen so liebzuhaben, denn im Grunde bin ich leider Gottes ein harter Mann, das weiß ich, und habe wenig Freude am Leben, und das ist auch meine Natur. Ich liebte aber mein Weib, wie mir selbst zum Trotz, und sie mußte es wohl zuletzt merken, wie lieb sie mir war, obgleich es sicher schwer zu merken gewesen ist; sie war eine gute Frau, wie die meisten, welche man anständig behandelt. Jetzt ist sie tot, und mein Kind ist auch tot; ich aber weiß nicht, ob das mir recht ist oder ob es mir doch noch das Herz abfressen wird. Ich habe mich wenigstens auf das letztere mit bester Fasson eingerichtet, und so mag es kommen, wie es will. Mein Kind hatte ich auch lieb, und als es noch ganz klein war und auf meinem Schoß saß, da hab ich auch wohl Stunden gehabt, in welchen ich die Welt ebenso rosenrot und golden sah wie die andern Leute, welche der Herrgott nicht so aus Holz und Leder machte wie den Feldwebel Kind. Ein Junge hätte wohl besser zu mir gepaßt, allein ich nahm auch das Mädchen dankbar hin, und ein schönes Mädchen ists geworden, viel zu schön und fein für unsereinen. – Was ist der Mensch, wenn er sich nicht etwas Rechtes zu sein dünket in allen Stücken, wenn er nicht das Geringste verrichtet, als ob er die allergrößeste Ehre damit einlegen müsse? Ein armseliger Tropf ist und bleibt er, und ob ich gleich nur ein Friedenssoldat gewesen bin, so hab ich doch so was mein ganzes Leben lang nicht an mich herankommen lassen. Keiner hat mir was vorwerfen dürfen. Wenn der Mensch einmal seiner Natur nach ein Militär ist, dann soll er seine Ehre so blank halten wie seine Knöpfe mit dem Wappen seines Landesherrn, und kein Stäubchen soll er dulden, so wenig auf seiner Renommée als auf seiner Uniform. Es schickt sich nicht, ein Lump zu sein, und was sich nicht schickt, das mag Gott nicht in der Welt und der Oberst nicht im Regiment leiden. Glaubts, ihr Herren, es muß hinaus, wie es sich auch sperrt und wehrt – alles zu seiner Stunde, mag ihm längere oder kürzere Frist gegönnt sein. Stand also mit dem Herrn Baron von Glimmern in einer Kompanie in der wilden Zeit des Prinzen Reinald, und dem Baron hatte ich es zu verdanken, daß ich das Portepee und den Posten als Leutnant der Strafkompanie zu Wallenburg bekam, einen bösen Posten, den man eben nur an Leute unserer Art vergibt und der mir eben wie eine Kette mit eiserner Kugel an den Fuß gelegt wurde, obgleich er meiner Frau eine Seligkeit war, denn sie wuchs um einen Fuß über alle ihre Gevatterinnen hinaus. s ist aber nicht ihr und mir, sondern unserer Tochter halber geschehen, daß man uns so über unsern Stand erhöhte; der Herr Oberleutnant von Glimmern hatte sie in meinem Quartier, wo er sich gern und häufig in dienstlichen Angelegenheiten zu schaffen machte, kennengelernt, und es war ein reinliches, sauberes, hübsches Frauenzimmer, das steht fest; war aber bereits fest genug versprochen und hatte ihren Schatz lieb. Der Soldat soll nicht rechts und nicht links gaffen, sondern gradaus sehen, das hat sein Gutes für den Dienst, kann aber für den Menschen allerdings Unbequemlichkeiten mit sich bringen, und für mich brachte es diesmal das Allerschlimmste. Des Mädchens Bräutigam ist ein stattlicher, ehrlicher Bursch gewesen, ein Schreiber bei dem Gerichtsrat Fehleysen, hat alle Aussicht auf eine gute Versorgung gehabt und wäre auch wohl vom Militärdienst frei zu machen gewesen, wenn das in meinen Kopf gepaßt hätte, allein es paßte nicht. Ich setzte ihn auf, meinen eigensinnigen Kopf, und verlangte, der Adolf solle seine Zeit dienen so gut als jeder andere; denn es war meine Meinung, es könne eigentlich niemand ein ordentlicher Hausherr oder Hausvater sein, ohne vorher in Reih und Glied gestanden zu haben; und daß ich meinen Willen bekam, verstand sich von selber. Zur richtigen Zeit wurde der junge Mensch eingestellt; um die bösen Gesichter zu Hause kümmerte ich mich wenig, und in der Kompanie ging es, wie es sich gehörte, so daß der Junge mir von Tag zu Tage mehr ans Herz wuchs. Wir, das heißt der Herr Leutnant Fehleysen und ich, hatten ihn noch ein Halbjahr hier in der Residenz in der Zucht; dann kam meine Versetzung nach Wallenburg, und weil ich nun meinen Kopf in betreff des Adolfs aufgesetzt hatte, so setzte jetzt meine Frau ihren in betreff des Mädchens auf. Da bin ich zum erstenmal in meinem Leben schwach und ein erbarmungswürdiger Narr gewesen; wir zogen ab, ich mit meinem Portepee und meine Frau mit sehr hoher Nase, und ließen das Kind hier zurück, und ich glaube, wenn meinem Weib die Hand, welche sie dem Mädchen zum Abschied gab, vom Arm gefallen wäre, sie hätte es nicht für eine üble Vorbedeutung genommen.

Die Herren kennen Wallenburg. Vor Anno dreizehn war das Ding eine Festung mit Wällen und Gräben, Vorwerken und bedeckten Wegen, kurz, allem Zubehör; davon sind heute nur ein paar Hügel und Wasserlachen und das Landeszuchthaus samt der Station der Strafkompanie übriggeblieben. Wer es wollte, konnte es sich in dem Nest ganz gemütlich machen, und also tat ich mit meiner Alten und meinen wilden Kerlen. Es war nämlich ein Dienst, der seine Meriten hat für einen, so sich mit Liebe an ihn hingibt, und weicher wird man nicht durch denselbigen. So wurde ich das Kind eher aus den Gedanken los, als sich schickte, bildete mir etwas ein auf meine Disziplin und nannte das, was andere anders nennen mochten, Pflichterfüllung. Ja, ich habe meine Pflicht erfüllt, nur meine Pflicht, nichts als meine Pflicht; kanns kurz machen mit meinem Rapport, Herr Hagebucher. Acht Monate, nachdem ich meinen Posten angetreten hatte, grad als die Engländer, Türken und Franzosen ihren großen Krieg gegen den Russen anfingen, haben sie mir den Adolf dienstlich zugeführt: wegen Insubordination, stand im Zettel, und ich war natürlich wie ein wildes Tier, habe dem Jungen entgegengeflucht wie ein rechter Kannibale und ihm ins Gesicht zugeschworen, nie solle ein solcher Halunke, der seinem Stande, seiner Ehre und seinem Namen so große Schande antun könne, mein, des Leutnants Kind, Tochtermann werden. Das hat mich wohl gewundert, wie kalt ers nahm, allein ich schobs nur auf die unmenschliche sittliche Verderbtheit; denn der früher so alerte und helläugige Junge war wie ein Stück Stein, wie ein Klotz, sagte, es sei gut, alles sei ihm schon recht, und das Totschießen wär ihm s liebste. Hätt ich oder mein Weib den unglückseligen Tropf nur zu behandeln gewußt, so wär wohl noch alles gutzumachen gewesen, aber zwei Gänse können nicht dümmer sein, als wir zwei Alte waren. Ja, nachher, als wir uns die Haare zu raufen hatten, sind wir klug genug gewesen; denn was hat der Narr gemeint? Geglaubt hat er, es sei ein abgekartet, niederträchtig Spiel gewesen mit der Leutnantsschaft zu Wallenburg und dem Abzuge aus der Residenz; geglaubt hat er, der Feldwebel Kind habe seine Seele und seiner Tochter Leib für ein Paar Epauletten an den Satan verkauft. Pfui Teufel, Teufel! Sehet, ihr Herren, da hängt der Degen mit der silbernen Troddel über meinem Bett, und ich sage euch, wer an der Schlafsucht leidet, der mag sich unter das Wahrzeichen legen und von dem träumen, was ich noch zu rapportieren habe. Sind also der Adolf und ich einander gegenübergestanden, und hat jeder auf den andern mit den Zähnen geknirscht und ihn zwischen den Zähnen eine Kanaille geheißen, bis zum nächsten durchlauchtigsten Namenstage. Der Herr – van der Mook kennt die Gewohnheit und Sitte; dem Herrn Hagebucher will ich sie sagen. An diesem durchlauchtigsten Namenstag wird nämlich immer dieser oder jener von den in die Strafkompanie Eingestellten, so es nicht zu arg machte, wieder in Gnaden gesetzt, und so auch das Mal. Kommt also der Herr Baron von Glimmern als Adjutant mit Extrapost aus der Hauptstadt nach Wallenburg, die Liste zu verlesen, und steigt natürlich in meinem Quartier ab. Wir frühstücken miteinander, und meine Alte weiß nicht wohin aus Seligkeit über die Ehre; und der Herr Baron sind affabel und heiter genug, bringen Grüße von unserm Kinde und diskurrieren aufs freundschaftlichste von allem, was der Tag gibt. Nachher rücken wir aus in den Hof der Kaserne, blank und propre, und ich denke auch, es ist mein Ehrentag und ich kann Ehre mit allem einlegen, außer meinem Familienunglück, dem verbissenen, dummtrotzigen Adolf. Gut, da steht der Adjutant in Gala vor der Front, meine Kerle stehen wie die Bilder, und jeder meiner Unteroffiziere hat nach dem Reglement die Kugel im Lauf. Der Tambour schlägt seinen Wirbel, der Herr von Glimmern sagt, was unter diesen Umständen immer gesagt wird, entfaltet sein Schreiben, liest seine Namen, und der feierliche Moment soll mit einem dreimaligen Vivat auf den allergnädigsten Landesherrn, welches der Adjutant auszubringen hat, zu Ende kommen. Das ist geschehen; – ich kommandiere Präsentiert s Gewehr!, der Tambour wirbelt zum zweitenmal, und die Kompanie schreit dreimal hurra, alles nach dem Reglement. Das Reglementswidrige kam erst nach dem dritten Ruf; denn da ist der Adolf aus dem Glied vorgesprungen, hat auch scharf geladen gehabt, legt auf den Herrn Baron an und drückt ab. Der Knall ist in jedem Ohr wie ein Erdbeben; der Adjutant greift nach der Brust, taumelt und überschlägt sich auf dem Boden; der Adolf ist aber auf ihn los wie eine Bestie mit dem Bajonett. Was tut der Mensch, wenn er in solchem Augenblick nicht hört und sieht? Weiß es nicht! Der Leutnant der Strafkompanie kommandierte Feuer! zwei Korporale drücken ab, daß auch der Adolf seinen Sprung in die Luft tut und sich rückwärts in seinem Blute überkugelt, und das war wieder nach dem Reglement, Herr Hagebucher. Ich habe nachher Zeit genug gehabt, darüber nachzudenken; es war ganz nach den Kriegsartikeln, und niemand hätte seiner Pflicht und Schuldigkeit besser nachkommen können als ich damals.«

»Es ist furchtbar, furchtbar!« rief Leonhard tief erschüttert. »Aber noch schlimmer fast ist der Ton, in welchem Sie das alles erzählen!«

»O nein«, sagte der Leutnant kopfschüttelnd, »der Ton ist ganz richtig; wo soll ich einen andern dazu herkriegen? Auch das Schlimmste kommt eigentlich noch nach. Der Adolf war tot, so tot, wie es ihm nur sein ärgster Feind oder sein bester Freund wünschen mochte; den Herrn von Glimmern aber hub man wieder auf vom Boden, und es fand sich, daß ihn eine Wendung des Körpers oder die Vergoldung der Uniform oder sonst so etwas besser vor einem solchen Mordanfall und vorzeitigen Ende geschützt hatte als sein Gewissen, sein Herz und seine Ehre. Natürlich wurde ein Gericht über die Sache zusammenberufen und –«

»Lassen Sie mir jetzt die Fortsetzung und was sonst noch zu sagen und zu erklären sein wird«, sprach der Herr van der Mook und wendete sich von seinem Lager an Leonhard Hagebucher: »Ich bin sehr beteiligt, und mein Vater ist als Rechtsbeistand zugezogen worden.«

Der Afrikaner griff mit bebender Hand nach der Lehne seines Stuhles:

»O Frau Klaudine!«

< Neunzehntes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel >



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.