Frei Lesen: Abu Telfan

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Wilhelm Raabe

Abu Telfan

Einundzwanzigstes Kapitel

eingestellt: 2.7.2007



Der wilde Jäger, der, um Affen und junge Meerkatzen einzuhandeln, nach Abu Telfan gekommen war und sich damals Kornelius van der Mook nannte, saß jetzt aufrecht auf dem Feldbett des Leutnants Kind, rieb sich die Stirne, kratzte sich hinter den Ohren, fuhr durch das wirre Haar und sagte, während Leonhard Hagebucher ihn nicht mit den zärtlichsten Gefühlen anstarrte:

»Es würde vergeblich sein, es länger abzuleugnen; ja, Compagno, ich bin der Sohn jener alten Dame, welche Sie eben nannten, ich bin der Sohn des Rats Fehleysen, welcher mit über den Leutnant zu Gericht saß. Bleibt ruhig, Kind, Ihr habt mich gerufen, und hier bin ich, nun habt Ihr mich aber auch zu nehmen, wie ich bin – etwas insalvaticato, wie wir es in der Lingua franca nennen; etwas verwaldmenscht, he, Hagebucher? Nun, Herr Leonhard, wie erscheine ich Euch? Das ist ein Aufsteigen aus dem Boden, behängt mit Wurzeln und Erdklößen, mit Moos und vermodernden Blättern? Würde es nicht besser sein, wenn wir den Kopf wieder zurückzögen und von neuem in die Tiefe versänken? Noch steht es bei Euch, in dieser Nacht schon kann die Bestie verschwinden, wie sie kam: – was ist Ihre Meinung, Freund Hagebucher?«

Leonhard nagte kurz atmend an der Oberlippe: Das also war die Hoffnung der Frau Klaudine? Also davon sangen die Tropfen an dem stillen Mühlrade in dem zauberhaften Waldfrieden? Wie tückisch-falsch, wie verlogen, verlogen! – Der Afrikaner sah den Wald um die Mühle, wie er ihn so oft gesehen hatte in zwei Frühlingen und Sommern, er sah die wilden Rosen den edleren Geschwistern über den Zaun des kleinen Gartens die Hände reichen, er hörte die Drossel und den Vogel Fink fern im Gebüsch und sah das feine Haupt der Greisin an dem niedern Fenster. Er blickte tief in das ruhige Herz der Mutter und vernahm seinen leisen Schlag: er lebt und wird wiederkommen, und dann erst ist alles gut, und dann erst sind der wahre Friede und die wahre Schönheit zurückgekehrt!... Verdammt, da qualmte die Lampe des Leutnants Kind auf dem leeren Tische und stellte die Welt in das rechte Licht, hier grinste die Wahrheit von den kahlen Wänden, und die schwarze Winternacht, die in das Fenster sah, die log nicht, und der Degen des Leutnants über dem zerwühlten Bett log auch nicht. Ein Tropfen Blut zog sich langsam an der Klinge abwärts und hing an der Spitze, dicht hinter dem Haupte des Sohnes der Frau Klaudine, und Leonhard Hagebucher sah auf die Klinge, sah auf den Leutnant und sah auf den Herrn van der Mook und sprach:

»Herr von Fehleysen, ich habe in Abu Telfan wenig Gelegenheit gehabt, die alten europäischen, gesellschaftlichen Lügenhaftigkeiten zu üben und auszubilden, und so sage ich Ihnen, wenn ich die Macht hätte, so würde ich Ihnen auf allen Wegen, die zu Ihrer Mutter führen, entgegentreten, ehe Sie Ihr volles Recht an jene heilige Stelle mir klar und deutlich bewiesen hätten. Ich bin Ihnen unendlichen Dank schuldig, aber Ihre Mutter tat doch noch ein Größeres an mir, und ich will sie in ihrem Frieden schützen, solange ich kann. Viktor, wo ist Ihr Recht an Ihre Mutter? Wo ist nach so langen Jahren der Abwesenheit Ihr Geleitsbrief zu ihr? Sie haben eine Frage an mich gestellt, welche ich nur beantworten kann, wenn ich die Geschichte Ihres Lebens ganz kenne. Reden Sie also, und ich werde Ihnen sagen, was Sie zu tun und was Sie zu lassen haben.«

»Hört Ihr es, Leutnant!« rief der Herr van der Mook. »Der dort ist seiner Sache nicht so gewiß als Ihr, und da er doch mehr als wir über den Parteien steht, so wollen wir auf seine Stimme im Rate hören und den Besen nicht ohne seinen Konsens aus der Ecke holen.«

»Wir haben ihn dazu gerufen«, sprach der Leutnant Kind mürrisch, »erzählen Sie ihm das Nötige, und lassen Sie uns weitergehen.«

»Höret und ergötzt Euch, Don Leonardo«, rief Viktor von Fehleysen. »Meine Mutter kennt Ihr, mein Vater war ein Mann der römischen virtus, und was ich bin, das will ich Euch jetzt klarzumachen suchen. Reden wir aber zuerst von den Toten! Mein Vater war ein strenger Mann der Arbeit, der peinlichsten Rechtlichkeit, ein Hypochonder der Pflichterfüllung, und bis auf seine Handschrift war alles an ihm fest und stark. In Athen würde ihn das Scherbengericht in die Verbannung geschickt haben; in Rom hätte ihm der Imperator durch den Zenturionen die Wahl der Todesart freistellen lassen; hierzulande zuckte man die Achseln über ihn, und als man ihn glücklich aus der Luft gelächelt hatte, da waren Tausende, welche ihn mit Vergnügen einen Halunken nannten, ohne ihn zu kennen; und Hunderte, welche ihn kannten, glaubten sehr milde zu sein, wenn sie ihn einen Narren hießen. Aus meinen frühesten Kinderjahren habe ich eine Erinnerung an nächtliche Schritte, die das Gemach neben meiner Kammer durchmaßen von Mitternacht bis zu der Morgendämmerung; da ging mein Vater, welchen seine hohe, ernste Lebensgöttin, die sehr wohlgeborene Dame Gerechtigkeit, nicht schlafen ließ, welchem die Arbeit des Tages zu seinem Lager folgte, um ihn immer von neuem von demselben aufzujagen. Am Tage saß er in Eisen gerüstet zu Gericht, und seine Starrheit gehörte zu ihm wie der Panzer zum Kriegsmann. Natürlich machte er sich nach den verschiedensten Seiten hin mißliebig, und das schlimmste für ihn ist gewesen, daß er längst über seinen kleinen Staat hinausgewachsen war und seine Ansichten nicht verhehlte. Er hatte sich als Abgeordneter sehr verhaßt gemacht, aber so recht individuell wurde der Haß erst nach jener Kriegsgerichtssitzung, von welcher der Leutnant soeben Bericht gab. In derselben und infolge derselben zerfiel er gänzlich mit einer gewissen Partei, welche von diesem Augenblick kein Mittel scheute, ihm überall die Wurzeln abzugraben. Kränkungen, Zurücksetzungen, Verleumdungen folgten einander in ununterbrochener Reihe; man benützte eine langwierige Krankheit, in welche er verfiel, um während derselben ihn überall zu verdrängen, sogar aus dem Vertrauen seiner eigensten Gesinnungsgenossen, und als er von seinem Bett wieder aufstand, begegneten ihm selbst die, welche sonst im öffentlichen Leben treu an seiner Seite standen, mit Kälte und Zurückhaltung. Es woben Meisterhände das Netz, in welchem man ihn fing, und als man zuletzt die Flucht eines seiner Subalternen benützte, um ihn selber der Mißverwaltung, der Restsetzung und dergleichen anzuklagen, da war das Kunststück vollendet, das Messer dem Opfer mit aller Höflichkeit vor die Füße geworfen und das Haus Fehleysen für alle Zeit zu Boden gelegt. Ich bin der Sohn dieses Hauses. Ho, welch ein fader, hohlköpfiger, eitler Gesell ich meiner Zeit war! Sie wissen davon zu sagen, nicht wahr, Kind? Wir trugen den bunten Rock mit den goldenen Schnüren nicht umsonst; es waren lustige Tage, und wir fühlten uns recht wohl in ihnen! Ach, Hagebucher, den schlimmsten Widersacher hatte der Vater in seinem eigenen Hause – von frühester Jugend an war ich ein Rebell gegen seinen Ernst und seine Strenge und habe das Meinige vollauf getan, ihm das Leben zu verdüstern, und die Mutter büßte mit, was mein leichtes Blut täglich verschuldete. Soldat wurde ich natürlich gegen den Willen des Alten; aber das nichtige Wesen paßte in einer andern Art gradsogut zu meinem Charakter wie zu dem des Leutnants dort. Wir waren wie die Mücken an einem warmen Sommertage, nur nicht so harmlos; ein ganzer Schwarm Mädchen und Junggesellen, umtanzten wir den wilden Prinzen, und die Mädchen taugten fast noch weniger als wir. Sie haben Gelegenheit gehabt, Hagebucher, die schöne Frau von Glimmern danach zu fragen, und sie wird Ihnen die Antwort sicherlich nicht schuldig geblieben sein. Nikola! Nikola! Ich sage Ihnen, Don Leonardo, es gibt keinen Namen in der Welt außer dem meiner Mutter, welcher mich grimmiger würgte. Nikola von Einstein! Leutnant, Sie haben doch recht, wir wollen die Rechnung abschließen und einen recht roten Strich durch das Debet des Herrn von Glimmern ziehen. Halali, alle Hunde auf das Fell und alle Messer in das Herz des Schuftes!... Bah, wie man sich immer von neuem so unnötigerweise aufregt. Sie war auch eine klingende Schelle, diese meine schöne Nikola, Hagebucher, und ihre Erziehung hatte sie wahrhaftig zu nichts anderm machen können. Meine arme, arme Nikola! Wir begegneten einander in dem Mückentanze und nahmen unser Teil von dieser Seifenblasenexistenz, welche man rund um uns her Leben nannte. Wir gingen im ironischen Menuettschritt umeinander herum und scherzten frivol die schönsten Stunden der Jugend hinweg. Wir vertändelten unsere besten Gefühle und schlugen all unser Gold in zwei kurzen Sommern zu der allerschlechtesten Scheidemünze. Sogar über meine Mutter lachte ich und nannte sie eine liebe, gute Törin, wenn sie das hervorkehrte, was ich ihre verjährte Taschenbüchersentimentalität nannte. Meine Mutter litt tausend Schmerzen um uns, kummervoll sah sie auf das frivole Spiel; aber auch sie konnte uns nicht vor uns selber retten. Sie wußte besser als Nikola Einstein selbst, was Nikola Einstein wert sei, und nannte sie ihr Kind, ihre liebe Tochter. – O Fluch, Fluch! Heute noch klopfe ich mich häufig mit der Frage an die Stirn: Weshalb reichtet ihr euch nicht in einer vernünftigen Minute die Hände und sprachet: Genug der Albernheiten! – ? – Es war so wenig nötig, um uns beide zu anständigen Menschen zu machen; ein Hauch, ein Blick, der Klang einer Glocke an einem stillen Abend hätte genügt, um uns für alle Ewigkeiten zusammenzuführen; und nun – nun ist sie die Baronin Glimmern, das Weib des feigen Mörders, des Betrügers, und ich bin der verwilderte, störrige Landstreicher, der Mann ohne Heimat, ohne Ehre, ohne Namen, der tolle Tierhändler und Tierbändiger Kornelius van der Mook; und ein altes Weib ist sie mit der Weile auch geworden, und das ist das beste von der Geschichte, nicht wahr, Leutnant, denn was sollte aus uns werden, wenn der Zeiger nicht rückte auf dem Zifferblatt?«

»Sicher rückt er, und wer Geduld hat und es erlebt, wird die Stunde für manch einen Wunsch und manch ein Geschäft schlagen hören«, murrte der Alte; der Herr van der Mook aber ergriff den Afrikaner an einem Knopfe, deutete auf den Leutnant der Strafkompanie und rief:

»Sehen Sie, Hagebucher, das ist ein glücklicher Mensch! Wie er da steht und wartet, wie er im rechten Moment zuschlagen wird ohne Zaudern und jegliche Rührung! Er begrub seine Kinder und geduldete sich, manch liebes, langes Jahr bewies er große Geduld; doch nun wird er zupacken – mit beiden Händen, ohne Erbarmen. Doris hieß die Kleine, welche mit dem Sekretär meines Vaters versprochen war; es ist ein hübscher Name, Hagebucher, ein Schäfername, und mein Freund Friedrich von Glimmern glaubte seinen Schäferroman ohne alle Gefahr oder, was ihm noch lieber gewesen wäre, ohne alles außergewöhnliche Aufsehen spielen zu können. Der Papa Kind saß zu Wallenburg und ritt seine Taugenichtse zusammen, der arme Adolf stand hier in der Stadt in Reih und Glied, und man konnte mit Recht erwarten, daß er sich ruhig verhalte. Doris lernte die bekannte feine Bildung, und der Herr von Glimmern hätte ihr mit Vergnügen allen Vorschub dabei geleistet. Pfui Teufel, wie nüchtern ist das Leben geworden! Das Mädchen war ehrlich und der junge Mensch, der alberne Schreiber, parierte nicht Order; aber auch die beiden unseligen Tröpfe gönnten einander nicht das rechte Wort, sondern dachten selbstverständlich das Schlechteste voneinander, bis die Katastrophe im Kasernenhof zu Wallenburg die Wahrheit an den Tag brachte. Ho, Leutnant, vielleicht wäre es doch komfortabler für alle Parteien gewesen, wenn Ihr dieser Wahrheit freien Lauf gelassen hättet; die Ohren aber klangen Euch ebensosehr wie das Herz. Na, einem Burschen, wie Ihr seid, soll man seinen Weg lassen, und wenn er seine Toten mit allem Anstand begräbt, ihm nicht dazwischenheulen; er verscharrt seinen Grimm nicht mit in der Grube.«

»Das tut er nicht«, sagte der Leutnant, »er weiß, was sich schickt, und ruft nicht die ganze Welt zu Hülfe, um zu verrichten, was er mit Geduld, Akkuratesse und gutem Willen allein besorgen kann. Es ist so viel Geschrei unter den Menschen, und wers vermag über sich, der soll seinen Gram mit keinem Ekel vermengen. O wären Sie, als das Dach über Ihrem Kopfe einstürzte, Herr von Fehleysen, zu mir gekommen, statt wie blind und toll in die weite Welt zu laufen, wir hätten Sie gewiß noch gerettet für ein recht erträgliches Dasein.«

»Vielleicht... ja, vielleicht!« murmelte Viktor mit einem Seufzer, fiel jedoch sogleich wieder in den alten Ton und rief mit Lachen: »Wir sind eben nicht alle aus demselben sonderbaren Metall gegossen wie Sie, tapferer Leutnant; – jetzt lassen Sie mich meine Geschichte zu Ende bringen, das wird dem Herrn Hagebucher mehr als alles andere beweisen, wie sehr Ihre Anschauungsweise vorzuziehen ist. Auf die Katastrophe zu Wallenburg folgte bald die Katastrophe in meines Vaters Hause, und ich fand keine Kraft in mir, wie ein Mann zu denken und zu handeln; der Faustschlag traf eine hohle Stirn, und damit ist alles gesagt. Ich floh gleich einem Feigling vor dem Geschrei der Menschen, vor dem Gespenst der verlorenen Ehre, vor den Blicken und dem Achselzucken meiner Kameraden, vor den Knöpfen meiner Uniform. Nicht der stolze, tote Vater, sondern das, was die Leute über ihn, über uns sagten, jagte mich hinaus. Gleich einem Wahnsinnigen riß ich die Mutter mit mir fort, aus ihrem Hause, von der blutigen Leiche des Gatten, hinaus in die Winternacht, um sie auf der Landstraße zu verlassen. Es war ein kindisches, tierisches Scheuwerden, eine Panik, wie sie nur über die Schwachen im Geist kommt. Niemals rannte ein Maulesel bei einer Estampede toller in die Prärie. Wo ich ruhig, tapfer und kalt wie Eis hätte sein sollen, da zersplitterte das bißchen Verstand und Überlegung in hundert Stückchen, wie ein Spiegel unter einem Steinwurf. Ich verließ meine Mutter und fing erst einige hundert Meilen weiter südwärts an, soweit es möglich war, zur Besinnung zu kommen. Eine schöne Besinnung, die Besinnung eines Pavians, welcher die Peitsche von seinem Wärter bekam – ein Gemisch aus Scham, Wut und Tücke! So ging ich mit einer Kolonne der französischen Fremdenlegion von Toulon aus nach der Krim und kaufte dem Korporal Kornelius van der Mook im Militärspital zu Pera seinen Taufschein ab. Ich war dann in Kleinasien mit den Polen, wurde ein Jäger und ein Händler mit wilden Tieren, kam bis hinunter gen Abu Telfan im Tumurkielande, um den Siebenschläfer Leonhard Hagebucher aus seiner Höhle im Königreich Dar-Fur zu erlösen, und sitze jetzt hier auf dem Bette des Leutnants Kind, um demselben Hagebucher meine Historie vorzutragen. Ich bin ein gesunder Lump, der nötigenfalls viel Geld verdient, weiter nichts. Aber es gibt noch viel größere Lumpen, und einen davon gedenken der Leutnant und ich in den nächsten Tagen vom Baum zu holen. Zweimal kroch ich im Laufe der letzten fünf Jahre auf allen vieren um die Katzenmühle und sah die alte Frau und sah auch die schöne Nikola, aber der Schakal zeigte das struppige Fell und den geifernden Rachen nicht, er heulte leise in der Ferne und verkroch sich, ehe man im Lager auf seine Gegenwart aufmerksam wurde.«

»Das haben Sie über sich gewonnen?« rief Leonhard, der bis jetzt stumm, unter den wechselndsten Empfindungen, zwischen Empörung und Mitleid schwankend, der wilden Selbstanklage zugehört hatte. »Wahrlich, das zeugt mehr für Sie als alles, was Sie sonst zu Ihrer Entschuldigung sagen könnten.«

»Ich sage es aber nicht zu meiner Entschuldigung!« rief Viktor Fehleysen. »Es war Feigheit und Trotz, nichts anderes. Ich fürchtete die alte Frau, ich schämte mich vor der einstigen Geliebten, und ich hielt es nicht der Mühe wert, die Auferstehung des Jünglings von Nain zu spielen und dadurch den Frieden jener Hütte zu zerstören.«

»Das ist eine Lüge, Herr von Fehleysen!« schrie jetzt Hagebucher zornig. »Spielen Sie nicht den Wahnsinnigen, nachdem Sie so lange in Wahrheit und Wirklichkeit dem Tollhause zu eigen waren. Wen wollen Sie täuschen, Sie, der sich den Kopf an so manchen Realitäten zerstieß? Um Ihrer Mutter willen sollen Sie sich nicht schlechter machen, als Sie sind, und da Sie jetzt von neuem heimkehrten, um die arge Verknotung so manches traurigen Geschickes zu lösen, so sollen Sie sich und uns diese Aufgabe nicht erschweren.«

»Zu welchem Zwecke haben Sie mich gerufen, Leutnant Kind?« fragte der Herr van der Mook.

»Um zu schlagen und zu töten!« sagte der Leutnant, und der andere wendete sich wieder an Hagebucher:

»Wenn Sie das eine Lösung nennen – benissimo! Zehn Jahre hindurch hat der Alte schätzbares Material zusammengetragen; fragen Sie ihn, ob er die Benützung desselben noch länger zu verschieben gedenkt.«

»Ich denke nicht«, sprach der Leutnant. »Ich habe die Papiere in schicklicher Ordnung und kann morgen damit in aller Form vor Fürstlichem Kriminalamt auftreten, um das Weitere zu veranlassen.«

»Was für Papiere?« rief Hagebucher in atemloser Spannung, und der Leutnant zog aus der Brusttasche eine rote, abgenutzte Feldwebelbrieftasche, rückte mit Bedacht die Lampe auf dem Tische zurecht und breitete daneben stumm aus, was er seine Dokumente nannte. Es waren meistens Quittungen und Gegenquittungen, Baurechnungen, Lieferungsverträge für den Haushalt der Prinzeß Marianne. Ein Teil dieser Papiere bestand in Kopien, die von ungeübter Hand angefertigt waren, ein Teil trug aber auch die eigenhändige Unterschrift des Freiherrn Friedrich von Glimmern, und schon das dritte Blatt wog so schwer in der Hand Leonhards, daß er es niederlegte und die Faust darauf:

»Der Fälscher, der Betrüger! O Nikola, Nikola! Um Gottes willen, Leutnant, wie sind Sie zu diesen entsetzlichen Zeugnissen und Beweisen der schamlosesten Felonie gelangt?«

»Durch Adrettité und konstantes, treuliches Aufmerken auf die Wege und Gänge des Herrn Barons. Es steckt manch ein guter, alter Kamerad aus der Kaserne in dem Dienste der Herrschaften, sei es als Verrechner oder Forstgehülfe, als Aufseher oder als Portier und sonstiger Diener. Da fliegt einem eine Feder vor der Nase auf, und man folgt ihr, und sie bringt zu Geheimnissen, die einem merkwürdig in die Augen stechen. Eine kuriose Welt! An einem Spinnenfaden ist nichts gelegen, aber dreht man derselben genug zusammen, so wird man einen tüchtigen Strick zu allerhand nutzbarem Gebrauch bekommen. Weshalb war der Exzellenz so viel drum zu tun, das bettelarme Fräulein von Einstein zu erfreien? Ist sie nicht immerdar der Liebling der Prinzeß Marianne gewesen, und hat nicht der Herr von Glimmern den ganzen Haushalt Ihrer Hoheit durch seine Hände laufen lassen? Eine recht kuriose Welt, Herr Hagebucher – ich habe das Rechnen gelernt, weil ich es in meiner früheren Charge als Feldwebel sehr nötig hatte, und ich habe gerechnet die ganzen letzten Jahre hindurch. Zuallererst fand ich einen kleinen Bruch, der nicht aufging, nun aber sind Tausende und Tausende draus geworden; da liegen die Rechnungen, und sie stimmen, soweit die Sache mein Lebensglück und das des Herrn Leutnant von Fehleysen anbetrifft. Was die andere Partie dagegen einzuwenden hat, das wollen wir morgen hören und darnach das Buch meinetwegen und der Toten wegen zuklappen. Was der Herr Viktor dann tun wird, das weiß ich nicht; aber der Leutnant Kind, der wird in Geduld den letzten Zapfenstreich erwarten. Das Leben ist ein ekel Ding für einen Menschen, der nichts mehr vor der Hand hat, der das Alte abtat und nichts Neues mehr vornehmen kann.«

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