Frei Lesen: Abu Telfan

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Achtes Kapitel | Neuntes Kapitel | Zehntes Kapitel | Elftes Kapitel | Zwölftes Kapitel | Dreizehntes Kapitel | Vierzehntes Kapitel | Fünfzehntes Kapitel | Sechzehntes Kapitel | Siebzehntes Kapitel | Achtzehntes Kapitel | Neunzehntes Kapitel | Zwanzigstes Kapitel | Einundzwanzigstes Kapitel | Zweiundzwanzigstes Kapitel | Dreiundzwanzigstes Kapitel | Vierundzwanzigstes Kapitel | Fünfundzwanzigstes Kapitel | Sechsundzwanzigstes Kapitel | Siebenundzwanzigstes Kapitel | Achtundzwanzigstes Kapitel | Neunundzwanzigstes Kapitel | Dreißigstes Kapitel | Einunddreißigstes Kapitel | Zweiunddreißigstes Kapitel | Dreiunddreißigstes Kapitel | Vierunddreißigstes Kapitel | Fünfunddreißigstes Kapitel | Sechsunddreißigstes Kapitel |

Weitere Werke von Wilhelm Raabe

Der Marsch nach Hause | Gedelöcke | Das Odfeld | Die Leute aus dem Walde | Das Horn von Wanza |

Alle Werke von Wilhelm Raabe
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Abu Telfan) ausdrucken 'Abu Telfan' als PDF herunterladen

Wilhelm Raabe

Abu Telfan

Zweiundzwanzigstes Kapitel

eingestellt: 2.7.2007



Die drei Männer im feurigen Ofen hatten es gut; ihnen war kühl zumute, und sie sangen nur um so heller, je scheußlicher der grause König Nebukadnezar sich gegen sie stellte. Die drei Männer in der Stube des Leutnants Kind schwiegen, und es befand sich nur einer unter ihnen, der ganz genau wußte, was er zu tun hatte. Nach einer Pause nahm der Leutnant seine traurigen Dokumente zusammen, schob sie ohne Hast in die Tasche zurück und sagte:

»Also morgen, meine Herren.«

Jetzt aber fuhr Leonhard Hagebucher aus seiner Erstarrung auf:

»Morgen! Viktor, Viktor, hören Sie das? Wie kann das geschehen? Dürfen Sie Ihre Hand dazu bieten? Morgen, morgen! Denken Sie an Nikola! Besinnen Sie sich! Was wollen Sie tun?«

»Ich bin der Landflüchtige, Ehrenflüchtige; Sie aber sind der Freund der schönen Frau von Glimmern, sind der Freund meiner Mutter, Sie sollen mir raten, was ich tun soll. Dazu habe ich Sie an diesem Abend gerufen; dazu haben wir Sie jetzt in unsere kleinen Geheimnisse eingeweiht. Leonhard, Leonhard Hagebucher, es zerwühlt mir Magen und Hirn, die Wände drehen sich um mich her! O stehen Sie fest, stehen Sie ein für die arme Nikola. Wie soll sie gerettet werden vor den Toten? Wer kann sie retten vor der grimmigen Firma Kind und Kompanie?«

Der Sohn der Frau Klaudine warf sich von neuem auf das Bett und verbarg mit Gestöhn das Gesicht in den Kissen; Leonhard sah bedeutsam auf den Exleutnant der Strafkompanie; aber an diesem hatte sich während der letzten Minuten nichts geändert, und den Blick erwiderte er nur durch ein Achselzucken. Leonhard trat auf ihn zu und flüsterte, seine Hand erfassend:

»Nicht morgen! Gönnen Sie mir, sich selber, uns allen Zeit, Leutnant.«

»Das ist mir nicht kommod«, sprach der Alte. »Es ist auch nicht anständig, weder mir noch dem Herrn von Fehleysen.«

»Es soll aber so sein, Sie alter, harter Mann!« rief Hagebucher, mit dem Fuße aufstampfend. »Haben Sie zehn Jahre lang Ihre Rache verschieben können, so werden Sie jetzt nicht um einige Stunden des Aufschubs rechten. Viktor, morgen wollen wir zu Ihrer Mutter gehen, um einer andern Flüchtigen und Elenden eine Zufluchtsstätte in der Katzenmühle zu bereiten. O Leutnant Kind, haben Ihre Gräber Sie nichts gelehrt als die leichte Kunst, die Wege eines schlechten Gesellen zu erkunden, um ihn am Ende durch einen Hauch zu vernichten? Ja, ich will eintreten, aber für alle, auch für Eure Toten und Euch selbst, alter Mann! So gönnt uns Zeit, zu retten, was zu retten ist; denkt daran, wie Ihr jetzt sitzen würdet als ein glücklicher Mensch unter Euren Enkeln, wenn nicht die blinde Wut dareingegriffen und alle Eure schönsten Hoffnungen vernichtet hätte. Das Schicksal hat Euch ein schweres Richteramt auf die Seele gelegt, Leutnant Kind; zeigt, daß Ihr ihm vollständig gewachsen seid, und handelt nicht wie ein boshafter Schulknabe, sondern wie ein Mann, welcher sich seiner Pflicht nach allen Seiten hin bewußt ist. Ihr werdet diese vernichtende Anklage gegen den Herrn von Glimmern morgen noch nicht erheben; morgen gehen wir zu der Frau Klaudine, auch sie hat teil an jenem Manne, und Ihr müßt ihr Wort hören.«

»Sie wird mich zurückhalten wollen«, murmelte der Leutnant. »Ich habe sie in der letzten Krankheit meiner Tochter kennengelernt, sie ist zu gut und lebt nicht in der richtigen Welt. Ich kann es nicht prästieren, daß ich mir von ihr die Hände binden lasse, und sie wirds versuchen.«

»Das soll und wird sie nicht, dafür verpfände ich Ihnen mein Wort, Leutnant Kind. Es ist niemand berechtigt, den Verbrecher seiner Strafe zu entziehen. Reden Sie doch, Viktor Fehleysen, nicht wahr, wir gehen morgen zu Ihrer Mutter?«

Der Tierhändler nickte tief seufzend; der Leutnant Kind aber schritt einige Male durch das Zimmer und blieb dann dicht vor Leonhard Hagebucher stehen:

»Ich habe lange genug gewartet, Herr; aber Sie gefallen mir, und so mags drum sein, Sie sollen Ihren Willen haben. Ich hörte von Ihrer Historie und Gefangenschaft, und das hat mir wohl gefallen. Sie sind ein Mann geblieben in harter Drangsal und allem Malheur; deshalb will ich Ihnen auch jetzt trauen; ich bin kein Unmensch und kein Untier. Sie haben mir eben in kurzen Worten viel Wahres gesagt; reisen Sie also morgen mit dem Herrn Viktor zu der guten Frau in der Mühle und sorgen Sie gut für die arme Frau Nikola; aber behalten Sie mich stetig im Gedächtnis, ich bin ein alter Mann und will keine fremden Hände über meine eigensten Geschäfte kommen lassen.«

»Ich danke Ihnen, Leutnant!« sprach Leonhard und wendete sich jetzt von neuem zu dem Sohne der Frau Klaudine; denn auch da war noch manches gute und manches harte Wort zur Bändigung und Bestimmung der wilden Seele nötig; aber es gelang auch hier dem Afrikaner, seinen Willen durchzusetzen. Gegen Mitternacht hätte er Sieg rufen können, wenn das eine Gelegenheit, Sieg zu rufen, gewesen wäre; so nahm er nur betäubt und erschöpft Abschied und ging still seinen einsamen Weg nach Hause. Er blieb aber nicht still; die winterliche Nachtluft tat ihm gut, er gewann bald seine Stimmung wieder, und es war eine eigentümliche Stimmung.

Tragische Dinge hatte er vernommen, tragische Verhältnisse kennengelernt, allein er fühlte sich nicht niedergedrückt in seinem tapfern Herzen, und nachdem die physische Erschöpfung und Betäubung etwas überwunden war, schlug er sogar ganz heiter an seine Brust und sagte:

»Brav, Hagebucher!«

Und er hatte recht. Den beiden Gesellen gegenüber, welche er soeben verließ, durfte er es sich wohl aussprechen, daß er trotz allem doch ein ordentlicher Kerl geblieben sei, der sich seines Daseins weder zu schämen noch dasselbe für abgeschlossen zu halten habe. Weder der Zorn noch das Mitleid trübten ihm so sehr den Blick, daß er darüber in Gefahr kam, die Tramontana aus den Augen zu verlieren. Er konnte sich das Zeugnis ausstellen, daß er in der Stube des Leutnants Kind merkwürdig gelassen geblieben sei, und vor dem stattlichen Hause Seiner Exzellenz des Freiherrn Friedrich von Glimmern gab er sich das Wort, auch in der Katzenmühle ruhig zu bleiben.

Er stand einige Augenblicke still vor der Wohnung Nikolas und blickte empor zu den dunkeln Fenstern, indem er an das schwarze Brod auf dem Tische der Frau Klaudine dachte. Das gab ihm eine weitere Beruhigung, und er murmelte:

»Laß sie essen und genesen!«

Endlich erreichte er seine Wohnung und fand den Pascha zwar im Bett, aber wach über seinen schönsten Träumen, mit einer langen Pfeife im Munde und eingehüllt in Wolken des perfidesten Lausewenzels. Er winkte ihm, sich nicht zu rühren, setzte sich auf den Rand seines Bettes, betrachtete ihn zärtlich und sagte:

»O Täubrich, wenn Sie wüßten, wie angenehm Sie anzuschauen sind und wie kalt und widerlich unheimlich es da draußen in der Dunkelheit ist! Es geht ein kalter Wind in den Gassen, und Fratzen und Gespenster aller Art haben die Oberhand; aber bei allen Palmen im Aufgange, Täubrich, wir beide haben doch den wahren Weltverstand erobert, und es soll diesem alten Europa nicht leicht werden, ihn uns aus der Tasche zu spielen. Bleiben Sie ruhig liegen, es tut meinen Augen gut, Sie zu betrachten.«

»Das war ja ein gräßlicher Kerl!« seufzte der Schneider. »Ich sehe ihn noch immer dort auf dem Stuhle. Ach, Sidi, ich dachte es mir wohl, daß er Sie zu bösen Orten führen würde. Können Sie mir nicht sagen, was er von Ihnen wollte?«

»Jetzt nicht, Täubrich – morgen, ein andermal. Ich werde nun auch ins Bett kriechen – rühren Sie sich nicht, Täubrich; denn der Spuk lauert vor der Tür. Gute Nacht, ich verreise morgen auf einige Tage.«

Der Mann aus dem Tumurkielande träumte in dieser Nacht nicht von dem Herrn Polizeidirektor Betzendorff, er träumte überhaupt nicht von einer ihn selber betreffenden Sache. Am folgenden Morgen packte er einige Notwendigkeiten in einen Reisesack und schickte den Pascha mit einer kurzen schriftlichen Notiz über sein Verschwinden zum Professor Reihenschlager.

Der Professor empfing, öffnete und las das Billet, schüttelte den Kopf und meinte, solch ein polizeiliches Eingreifen in ein wissenschaftlich-humanes Unternehmen sei zwar nicht hübsch, sondern sogar sehr ärgerlich und durchaus nicht geeignet, den ruhigen Staatsangehörigen mit allen bestehenden Verhältnissen im Einklange zu erhalten; aber freiwilliges Exil trage es im Grunde doch nicht für den Betroffenen aus. Er erbat sich die Meinung der Tochter darüber, und Fräulein Serena Reihenschlager behauptete, sie halte es nicht der Mühe wert, eine eigene Meinung darüber zu haben, mit Vergnügen füge sie sich in die des Papas.

Leonhard Hagebucher befand sich mit dem Herrn Kornelius van der Mook auf dem Wege zur Katzenmühle. –

Zu den Müttern! Es war in der Seele beider Männer etwas von jenem Grauen Fausts, als er zu jenen andern Müttern, den geheimnisvollen Schlüssel in der Hand tragend, niederstieg. Der Tag war dunkel und stürmisch, das war gut; denn weder Leonhard noch Viktor Fehleysen hätten mit der holdseligsten Witterung etwas anzufangen gewußt. Sie fuhren desselben Weges, auf welchem Viktor einst mit der Frau Klaudine vor dem Schicksal des väterlichen Hauses floh. Erst die Post mit ihrem wüsten, zähneklappernden Getümmel, dann die Landstraße durch Wald und Feld und verregnete, schmutzige Dörfer!... Knielahme Gäule, verdrossene Kutscher, mürrische Schlagbaumwächter, die den niederträchtigsten Weg teuer bezahlt haben wollten! Wald und Feld – bergauf, bergab; welch ein Tag und welch ein Pfad, um zu dem schönen Wunder in der Einsamkeit, um zu der Frau Klaudine zu gelangen!

Der Tierhändler lag entweder stumm in der Ecke des Wagens, oder er machte seiner Erregung durch wilde, unartikulierte Ausrufe Luft und erzählte dazwischen in abgebrochenster Weise seinem Reisebegleiter von dem, was ihm am gestrigen Abend als das Unbedeutende, Gleichgültige erschienen war, nämlich von seinem Leben, seinen Fahrten und Abenteuern nach der Flucht aus der Zivilisation. Aber auch Hagebucher hatte ihm bis ins kleinste Rede zu stehen, nicht etwa über seinen Aufenthalt in Abu Telfan, sondern über seine Rückkehr in die Heimat, über seine Ankunft und sein Leben in Nippenburg, Bumsdorf und der Umgegend. Auf das allergenaueste verlangte Viktor jetzt zu wissen, wann und wie der Afrikaner zuerst den Namen seiner Mutter vernommen und wie er ihre Bekanntschaft gemacht habe, und gern berichtete Leonhard, wie es von ihm verlangt wurde. Er suchte den reuig-zornigen Sohn, den wilden Schwächling zu beruhigen und ihn in jeder Weise besser auf dieses seltsam-traurige Wiedersehen vorzubereiten; aber der Herr van der Mook war ein zu ausgelernter Selbstpeiniger, um sich so schnell zu geben. Als der Wagen sich seinem Ziele näherte, sank er jedoch vollständig in sich zusammen, und nie hatte die Madam Kulla Gulla ihren Gefangenen so weich und gebrochen unter ihren Händen gespürt, als jetzt Leonhard den Tierhändler in den seinigen fühlte. Es war ein furchtbarer Passionsweg für den Sohn der Frau Klaudine, und er tat Buße nach seiner Art auf jeglicher Station desselben.

Sie erreichten die Stelle, an welcher Viktor die Mutter in jenem Schneesturm verließ, um die Hülfe des Vetters Wassertreter und seiner Myrmidonen anzurufen. Sie ließen auch heute halten und stiegen aus dem Wagen, welchen sie jetzt zurücksendeten. Fieberschauernd stand der Herr van der Mook auf der Landstraße und hielt den Arm seines Begleiters oder vielmehr Führers wie ein Kind die Schürze der Mutter. Zerrissenes Gewölk hing in den Wipfeln der Bäume, schwere, dunkle Massen des Regennebels wälzten sich langsam an den Berglehnen hin, es träufelte aus den Zweigen, und es war still und öde ringsumher.

Gegen vier Uhr am Nachmittag erreichten die beiden Wanderer den schon geschilderten Eingang in das kleine Seitental, in welchem die Katzenmühle lag. In dem Walde selbst herrschte bereits halbe Dämmerung –

                                                    »Bist du bereit?
Nicht Schlösser sind, nicht Riegel wegzuschieben!«

Sie standen vor der Mühle, standen und starrten, und ihre Herzen schlugen wie in keiner Gefahr ihres abenteuerlichen, gefahrenreichen Lebens.

Ach, wie sehr gehörte das frischeste Grün des Jahres dazu, um eine solche Stelle dem Auge und der Phantasie lieblich zu machen! Heute war der Zauber gebrochen und der Schleier von den Dingen gefallen, das Märchen war zu Ende, und die Wirklichkeit drängte sich nackt und nüchtern vor und schrie laut zu dem Herzen und dem Verstande. Der Felsen drohte kahl und kalt über dem zerfallenden Dache der Hütte; die Katzenmühle war nichts anderes als eine gespenstische, verwahrloste Ruine, und der dünne Rauch ihres Schornsteins stieg gleich der leisen Klage eines Bettlers zum Himmel empor.

Wo waren die blinkenden, spielenden Tropfen, die mit heimlichem Klang so süß die Stunden maßen und so viel von einer seligen erfüllungsreichen Zukunft zu erzählen wußten? Ein trüber Strom schmutzigen Wassers ergoß sich über das schwarze, zerbrochene Rad, versumpfte den Weg und verwandelte das Gehölz auf eine weite Strecke in einen häßlichen Morast. Auch das war wie Spott und Hohn.

»Jetzt habt ihr unser wahres, echtes Gesicht!« rief alles in der Runde. »Waret ihr solche Narren zu glauben, wir seien anders als ihr, so lachen wir eurer und freuen uns eurer Narrheit: wir sind ebenso falsch und so häßlich als ihr und tragen unsere Feiergewänder und unsere feinen Mienen wie ihr. Fort mit euch, zurück! Ihr eitlen, selbstsüchtigen Gefühlskrämer, was wir auch sein mögen, wir sind gute Wächter und wollen euer Eindringen in unsern Bezirk nicht leiden.«

Einen tiefen Schauder hatte Leonhard zu überwinden, als er über diesen hastigen, sprudelnden Bach, der jetzt seinen Weg kreuzte, sprang. Der Herr van der Mook warf den Hut zu Boden und zerbiß die Lippen, daß sie bluteten, während Hagebucher an die Tür der Mühle pochte; er drückte sich unwillkürlich gegen den Stamm der Eiche, neben welcher er stand, und murmelte unzusammenhängende Worte der schrecklichsten Selbstanklage, und dann lachte er, aber das war noch schrecklicher und fand kein Echo im Walde.

Des Hundes wohlbekannte, rauhe, ehrliche Stimme antwortete zuerst dem anklopfenden Leonhard; dann blickte die Magd Christine vorsichtig durch das Fenster, zog aber schnell den Kopf zurück und kam eiligst, die Tür zu öffnen und den unerwarteten Gast zu ihrer Herrin zu führen.

»O Herr Hagebucher, da sind Sie schon?! Ach, es tut uns so sehr leid, und meine Madam sitzt in tiefer Betrübnis um Sie und die Mutter und Schwester zu Bumsdorf!« rief sie, indem sie jetzt auch die Stubentür öffnete. »Treten Sie nur ein und nehmen Sie es sich nicht allzusehr zu Herzen. – Madam, hier ist der Herr Leonhard schon.«

Und die Frau Klaudine, welche bereits, horchend auf den Tritt und die Stimme des Nahenden, das schöne, alte Gesicht von der Arbeit erhoben hatte, richtete sich jetzt ganz aus ihrem Sessel auf und streckte dem Eintretenden beide Hände entgegen:

»Leonhard, Leonhard, sind Sie es denn wirklich? So schnell kann die Nachricht des Unglücks fliegen? Gott tröste Sie, mein Freund; – aber Sie können nicht von dem Dorfe kommen, das ist unmöglich – wie führt Sie Ihr Weg jetzt zur Mühle?«

Das war ein eigentümlicher Gruß, und betroffen suchte Leonhard in den Mienen der Frau Klaudine nach einer näheren Erklärung.

»Noch lebt er, aber leider in großen Schmerzen. Der Herr von Bumsdorf ritt erst vor einer Stunde zu meiner Hütte und rief mir die traurige Botschaft ins Fenster, und nun treten Sie, mein armer Leonhard, da so plötzlich aus dem Walde – welch eine Unruhe, welch ein ängstliches Drängen, o Gott!«

»Was ist das?« stammelte Hagebucher. »Wer ist so sehr krank? Was für eine Nachricht hat der Herr von Bumsdorf gebracht?« Und die Frau Klaudine trat zurück und rief:

»Also hat nur der Zufall Sie heute hierhergeführt, und Sie wissen nichts von dem, was in Ihrem elterlichen Hause vorgeht?«

»Nichts, nichts!«

»Das ist das Leben! Immer die alten, harten Hände am Webstuhl! Ihr Vater ist seit gestern schwer erkrankt, Leonhard; es ist kaum eine Hoffnung, ihn zu erhalten, und der Vetter Wassertreter ist sehr betrübt und aufgeregt und soll meinen, es sei seine Schuld, daß dieses Unglück so plötzlich hereingebrochen sei.«

Einen Augenblick stand Leonhard Hagebucher betäubt, erschüttert, fassungslos, doch dieses konnte nicht dauern. Jetzt trafen zwei Strömungen in seiner Brust aufeinander, und daraus entstand wenigstens für den Moment die innerlichste Klarheit.

Er beugte sich nieder, und als die Madam Klaudine ihn nun auf die Stirn küßte, flüsterte er:

»Nicht der Zufall, gewiß nicht der Zufall! O Frau Klaudine, ich komme nicht allein, sondern bringe einen alten Bekannten mit mir. Er steht vor der Tür, er kniet vor der Tür, Frau Klaudine; ich aber wußte nicht, wie ich ihn einführen sollte, denn es erfordert ein starkes, tapferes Herz, die Begegnung zu tragen. Ich bringe den Herrn van der Mook, meinen Befreier aus der Gefangenschaft; er aber kannte bereits den Weg zu dieser Hütte. Sie redeten zu mir von dem Tode, Frau Klaudine; ich bringe Ihnen das Leben, die Erfüllung eines langen schmerzlichen Sehnens, einer Liebe, die auch stark ist wie der Tod.«

Er geleitete die Mutter Viktors zu ihrem Sessel und ließ sie sich niedersetzen; sie ließ sich willenlos führen.

»Ich gehe jetzt zu meiner Mutter«, sprach er mit Bedeutung. »Wenn ich hierher zurückkehre –«

Er vollendete nicht, denn er sah, daß die Frau Klaudine ihn nicht mehr verstand. Sie saß bleich und sprachlos, und Leonhard Hagebucher befreite seine Hand von ihrem krampfhaften Griff, verließ das Zimmer und trat an die Tür der Katzenmühle, wo der andere schon stand und die Stirn an den morschen Pfosten lehnte.

Stumm wies er in das Haus, sah den Sohn in die Stube der Mutter treten und ging, ohne sich umzusehen, allein weiter, zurück durch das enge Tal. Schnell eilte er auf der Landstraße durch Fliegenhausen und dann fast im Lauf nach Bumsdorf, dem Vaterhause zu.

< Einundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel >



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.