Frei Lesen: Abu Telfan

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Wilhelm Raabe

Abu Telfan

Vierundzwanzigstes Kapitel

eingestellt: 2.7.2007



Leonhard Hagebucher hatte den Vetter Wassertreter sprechen lassen, ohne ihn zu unterbrechen, doch ohne mehr als die Hauptzüge, den Kern des Berichtes, aufzufassen; am Schlusse desselben drückte er ihm nichtsdestoweniger die Hand und seufzte:

»Es war wohlgemeint, Vetter, und daran wollen wir uns halten, alles übrige ist nicht in unsere Hände gelegt. Ich danke Euch herzlich, Vetter, Ihr habt Euer Bestes getan, wenngleich auf Eure Weise. Was aber wird jetzt das nötigste sein? Ist schon in irgendeiner Art für die nächsten Tage vorgesorgt, oder –«

Ein schnarrender Ton bewog den Afrikaner, sich schnell umzuwenden: der Vetter Wassertreter hatte die Hände im Schoß zusammengelegt und schlief fest auf seinem Stuhle neben dem Bette; er mußte mit dem letzten Worte seiner Erzählung eingeschlafen sein. Auf den Zehen ging Leonhard zu den Fenstern und schloß sie leise nach einem letzten Blick in die Morgendämmerung. Er wollte wachen, er mußte wachen, doch auch er nahm einen Sessel zu Häupten der Leiche und versuchte es, seine Gedanken so klar zu halten wie seinen Willen.

Das war schwer und erwies sich bald sogar als eine Unmöglichkeit. Es hätte eine übermenschliche Kraft dazu gehört, unter den Aufregungen der letzten Woche ad sidera tollere vultus, d.h., die Nase so zu tragen, wie es die Naturgeschichte vom Menschen verlangt.

Fünf Minuten noch behielt Leonhard das starre Gesicht des Vaters unverwandt im Auge; dann füllte sich das Gemach mit einem Nebel und dieser Nebel mit einem Hexentanz alles dessen, was die Woche so bunt gemacht hatte. Der gaslichterhellte, menschengefüllte Saal der Vorlesung, der Herr von Betzendorff, der Herr von Glimmern, die Frau von Glimmern, der Professor Reihenschlager und Serena Reihenschlager, der Herr van der Mook – die Stube des Leutnants Kind und der Leutnant Kind selbst – der Weg nach der Katzenmühle, die Mühle und die Frau Klaudine – der Weg nach Bumsdorf – das verstörte Vaterhaus, der tote Vater, die Erzählung des Vetters Wassertreter und, seltsamerweise, aus dem Bericht des Vetters vorzugsweise der Onkel Schnödler purzelten in seiner Seele durcheinander gleich den Tönen eines Klaviers, auf welchem eine Kinderhand Musik macht, bis – ja, bis Mutter Natur endlich Ruhe gebot und dem wildesten Lärm die tiefste Stille, dem angestrengtesten Denken die völlige Bewußtlosigkeit folgte.

Es war heller Tag, als der zum zweitenmal aus der Fremde heimgekehrte Sohn erwachte, und er hatte mancherlei verschlafen. Die Leiche war aus dem Bette gehoben und in einer Nebenkammer auf ein anderes Lager niedergelegt worden; es war wieder ein Feuer in dem erkalteten Ofen des Sterbegemachs angezündet, und unten in dem Familienzimmer wartete das Frühstück und empfing der Vetter Kondolenzbesuche.

Als der Schläfer hastig emporfuhr und an das Fenster taumelte, hielt ein Handwagen vor der Gartentür auf der Landstraße, und der Meister Schreiner mit seinen Gesellen lud den Sarg ab, und die Magd des Hauses, mit einem frisch geschlachteten Hahn in der linken Hand und dem Schürzenzipfel vor dem rechten Auge, sah der traurigen Arbeit schmerzlich, jedoch nicht unangenehm interessiert zu. Bestürzt wich Leonhard zurück und blickte schnell nach dem leeren Bett hinüber; mit beiden Händen griff er nach der Stirn und starrte von Wand zu Wand, von der Decke zum Boden, von dem alten Kupferstich, dem Opfer Isaaks, auf das Porträt des Großvaters in Öl. Das war Bumsdorf, das war das elterliche Haus, das war die Kammer der Eltern!... Zitternd, in namenloser Angst nochmals zwei Schritte gegen das Fenster – der schwarze Schrein wurde über des Hauses Schwelle gehoben; – bei dem klaren Winterhimmel, die Sache verhielt sich so, und es war das vernünftigste, die Treppe hinunterzusteigen, um die alte Frau in ihrer Witwenschaft in ruhiger Trauer zu begrüßen! Wie von einem Fenster unserer Erzählung treten auch wir zurück; und gleichwie recht gute Freunde ihre Besuche auszusetzen pflegen, wenn Verdrießlichkeiten über das Haus, in welchem sie aus und ein gingen, hereinbrachen, so lassen auch wir die unerquicklichen Tage, welche jetzt dem Haus Hagebucher zugemessen wurden, vorüberstreichen, ohne uns – aufzudrängen. –

Alle Wasser waren erstarrt vor dem kalten Hauche aus Norden. Die Wälder und Täler lagen da, als ob niemals ein Ton in ihnen erklungen sei. Nun war die rechte Zeit der Einsamkeit für die Katzenmühle gekommen, die ja versteckter lag als sonst eine Menschenwohnung weit umher. Mit den andern Wassern verstummte natürlich auch das Rinnsal des Baches; auch das leiseste Klingen der vereinzelten Tropfen aus der fernen Welt des Lebens über dem zerbrochenen Rade hatte aufgehört; Mutter und Sohn in der Mühle waren allein, und niemand störte sie, selbst Leonhard Hagebucher nicht.

Wir kommen aus dem Hause des Todes, und der Tod ist eine ernste Sache; aber er hinderte uns nicht, festen Schrittes einherzugehen und verständlich, mit heller Stimme unsere Meinung zu sagen. Nun fürchten wir das Echo in den Wäldern zu erwecken – was ist das? Kann das Leben größere Mysterien haben als der Tod?

Hier war ein Wunder; die Frau Klaudine war gewachsen! Um eines Hauptes Länge war sie höher geworden über Nacht. Sie hatte beide Hände vor sich auf den Tisch gestützt und so sich langsam aufgerichtet. Mit großen, klaren, ernsten Augen blickte sie in ihr Geschick – – bis hierher und nicht weiter!

Sie hatte in der Einsamkeit und Hoffnung einen mächtigen Willen gewonnen. Sie fürchtete sich nicht; sie war die Starke, die Herrin, und keine Unbändigkeit hielt vor ihr aus. Die Laufbahn des wilden Abenteurers war zu Ende in dem Augenblick, wo er den Fuß über die Schwelle seiner Mutter setzte; die Laufbahn der Frau Klaudine Fehleysen begann in demselben Augenblick von neuem.

Er konnte krank, gebrochen, als ein Bettler an die Tür der Katzenmühle pochen; er konnte als ein verfolgter Verbrecher zurückkehren: durch tausend schlaflose Nächte hatte die Mutter auf die Tritte gehorcht, die sich nahen mußten. Wenn er mit sinnlosem, tierischem Lachen durch den Wald taumelte, wenn sie ihn dir mit geschlossenen Händen brächten und dich fragten: Ist dieser dein Sohn?, wenn er mit einem Haufen wüster, trunkener Genossen Einlaß begehrte, die Mutter war auf alles gerüstet, sie hatte für alles ihren Gruß bereit, und nun?...

Am Tage nach dem Begräbnis seines Vaters ritt Leonhard Hagebucher auf dem Gaul des Vetters Wassertreter von Bumsdorf herüber, in schweren Sorgen um das, was er finden würde. Er fühlte sich müde und verwirrt und hatte große Furcht, daß man ihn frage, was zu tun und was zu lassen sei; ja er hatte sich sogar eines gewissen egoistischen Überdrusses an den Schicksalen der Leute, zu denen er ging, zu schämen. Das Bedürfnis nach Ruhe lag ihm nicht nur in den Knochen, sondern es lähmte ihm jede Seelenfiber, und als zwei fette Krähen, die eine Zeitlang auf dem Wege vor ihm herhüpften, sich jetzt erhoben und mit munterm Flügelschlage krächzend über dem Walde zur Linken verschwanden, da schüttelte er ihnen eine matte Faust nach und murrte:

»Ihr Kerle wißt gar nicht, wie gut ihr es habt; übrigens – meine besten Grüße an das Kind, den Herrn Professor und die koptische Grammatik!«

Des Vetters Gaul hatte, wie der Vetter selber, seinen eigenen Gang; aber auch er brachte einen an Ort und Stelle, wenn man ihn gewähren ließ, und da sich Leonhard vollkommen in der Stimmung befand, jedermann gewähren zu lassen, so erreichte er mit ihm und auf ihm wohlbehalten und eigentlich früher, als ihm lieb war, das gastliche Haus zum Ochsen im Dorfe Fliegenhausen. Hier fand der Gaul seinen Weg in den warmen Stall allein, und Hagebucher ging zu Fuße zur Katzenmühle und schüttelte unterwegs manchen über den Pfad hängenden und mit klingenden Eiszapfen behangenen Ast, um sich eine Haltung zu geben.

Kalt zwar schien die Sonne auf das bereifte Dach der Mühle, aber es war doch die Sonne, und der gefrorene Boden tönte unter den Füßen; Sumpf und Morast versperrten heute nicht den Weg zu der Tür der Frau Klaudine. Mit fröhlichem Gebell sprang der Spitz dem Nahenden entgegen, und auf der Schwelle des Hauses erschien der Herr van der Mook, schüttelte stumm und ein wenig verlegen die Hand Leonhards und führte ihn in die Stube, wo die Frau Klaudine schreibend am Tische saß, aber schnell die Feder niederlegte und mit einem Blick aus der staunenden Seele Hagebuchers alles Dunkel und alle Müdigkeit verscheuchte.

»Siehst du, Viktor«, sprach sie, »ich wußte es, daß er kommen würde. Ich bin von Stunde zu Stunde seinen Schritten durch die letzten Tage gefolgt – wie hätte ich mich täuschen können? Wir wandelten in den Schatten des Todes, Leonhard, aber wir glauben an das Leben; nicht wahr, nicht wahr, du kommst nicht, um Asche auf unsern Glauben, auf unsere Hoffnung, auf unsern Sieg zu streuen? Dein Mut ist mein Mut, dein Glück ist mein Glück, wir stehen auf einem Felde. Wir sind wenige gegen eine Million, wir verteidigen ein kleines Reich gegen eine ganze wilde Welt; aber wir glauben an den Sieg, und mehr ist nicht nötig, um ihn zu gewinnen.«

Gleich einem hellen Glockenklang hallte dieses Du der Frau Klaudine in dem Herzen Leonhards wider. Nie hatte ihm in seinem eigenen Leben oder in einem Buche der Geschichtsschreiber und Poeten etwas so imponiert wie diese Frau, welcher jener Stern Wermut jeden, auch den süßesten Brunnen vergiftete. So königlich stand sie in ihrem schwarzen Kleide vor ihm, daß er gar nicht daran dachte, ihr mit einer wohlgesetzten Rede zu antworten, daß er weiter nichts tun konnte, als dem Jäger die Hand hinzureichen und stotternd zu sagen:

»Wir wollen unser Bestes tun, Viktor!«

Noch war das alte wüste Lachen nicht überwunden, aber es klang doch gedämpfter.

»Ihr seid ein eigener Patron, Meister Hagebucher, und habt Eure Zeit nicht verloren zu Abu Telfan. Führt mich der Teufel oder der Zufall oder das Verhängnis, oder wie Ihr es nennt, dorthin, und ich stoße mit dem Fuße an einen Klotz im Wege, an einen Leichnam oder dergleichen und wundere mich nicht wenig, als das Ding sich aufrichtet und sagt: Pardonnez, monsieur, auf ein Wort, es wäre mir sehr lieb, wenn Sie einen Augenblick Ihrer kostbaren Zeit für mich übrig hätten. – Und weil ich noch ziemlich munter und bei Kräften in den Stiefeln stehe und mir im Notfall wohl mit Büchse und Jagdmesser Bahn breche, denke ich, hier ist doch ein Trost für den Herrn Leutnant und der Landsmann steckt sicher um eine gute Elle tiefer im Sumpf als der Korporal Kornelius van der Mook. Das war ein recht tierischer Triumph, Mama, und erinnert mich jetzt lebhaft an das behagliche Kollern und Kichern meines Freundes Mustafa Bei zu Kars, als die Mine vor uns mit zweihundert Russen in die Luft ging. Verflucht, es war nahe genug vor der Kapitulation und der ganze Lärm ziemlich überflüssig, und wie wir dort hinten unsere Roßschweife senkten und unsere Gewehre abgaben, so rücke ich auch jetzt vor die Wälle und kann nur sagen: Mach es anständig, Freund Leonhard! – Wie habe ich ihn gefunden, Mama? Er sagt die Wahrheit dem Volke von der Kanzel, und er sagt sie einem unter vier Augen; und was das tollste ist, er weiß, was er sagt. Überall treffe ich auf ihn; er hat seine Hand in dem Leben Nikolas, er hat seinen Platz hier an deinem Tische und in deinem Herzen. Setzt er nicht seinen Willen durch? Dem Leutnant Kind hat er ein Schloß vor den Mund gelegt, mich hat er an Händen und Füßen gebunden hierhergeführt. O er ist frei und klug und weise; ich aber bin ein eigensinniger Bube mit ergrauendem Haar, ein erbärmlicher Sklav, ein Hund, den man an die Kette schließt. Ist es nicht so? Redet doch! Habt ihr etwas anderes für mich als ein kümmerliches Mitleid und ein stilles Bangen, daß der Hund einmal ganz toll werden und selbst seine nächsten Freunde anpacken könne?«

Die Frau Klaudine sah mit verlangenden Augen auf Leonhard, und dieser sprach, gegen den Tierhändler gewendet:

»Du hast mir soeben recht schmeichelhafte Dinge gesagt, Viktor Fehleysen, und mir eine Macht zugeschrieben, auf die ich wohl stolz sein dürfte, wenn der Stolz hier unter diesem Dache Raum fände. Nur eines weiß ich und sage ich dir: Du würdest dieses Haus mit meinem Willen nie betreten haben, wenn ich nicht am eigenen zerrütteten, verlorenen, niedergetretenen Dasein die hohe Kraft, die hier wohnt, kennengelernt hätte und nun auch die Genesung für dich von ihr erwartete. Ich habe dich schon einmal an einem andern Orte nach deinem Rechte an deiner Mutter gefragt, Viktor; jetzt will ich dir die Antwort darauf geben: Es liegt in deinem Unglück und unser aller Ratlosigkeit. Hier stehen wir zwei von allen Wettern zerzauste Männer, der eine zu Land und zur See, im Kriege und in den Wäldern gehärtet und gehämmert und jeder Gefahr, welche die Materie dem Menschen droht, lachend, der andere in der Knechtschaft zum Manne geschmiedet, wohlbewandert in der Logik der Tatsachen, mit allen Waffen zum Kampf des Geistes gegen die Geister ausreichend versehen und doch – beide wie schwach und schwankend, wie hinfällig und nichtig in all ihrem Tun und Urteilen, in all ihrem Wollen und Vollbringen. Wohin wir uns wenden, stoßen wir gegen die Mauern, welche die dunkeln Hände gegen uns errichten. Vergeblich mühen wir uns in Zorn und Angst, knirschend und atmend ab und stemmen uns wider die Mächte, die unser spotten. Wir ringen nach Atem, Licht und Luft, und es gelingt uns auch wohl, von der Höhe eines Trümmerhaufens einen Blick in die Weite zu werfen und die Welt im goldenen Lichte der Schönheit und des Friedens liegen zu sehen. Dann dünken wir uns groß und gewaltig, rufen Sieg und merken nicht, wie hinter unserm Rücken die schwarzen Wälle während unseres eitlen kurzen Triumphes höher emporstiegen und wie wir nun da die Nacht haben, wo uns vor einer Stunde noch der helle Tag leuchtete. Wir riefen Sieg von der Höhe eines Trümmerhaufens, und aus den Spalten und Ritzen zu unsern Füßen klingt ein höhnisches Lachen; in unsern Triumph hinein wächst es auch vor uns wieder auf: Hinab, hinab, nieder in die Tiefe zu neuer vergeblicher Arbeit, zur Rechten oder zur Linken, bis in den Tod keuchend und ringend! Nun seht auf diese Frau und wagt es, Euern Gewinn vor ihr zu zählen! Sie lag unter berghohem Jammer verschüttet, die Feinde waren in ihr Allerheiligstes gedrungen, sie war vernichtet in ihren Gefühlen als Gattin und Mutter, aus ihrer Heimat war sie in die Wüste gejagt und dort allein gelassen worden, und sie brauchte nicht wie wir an die Brust zu schlagen und zu sagen: Es ist nur mein Recht, was mir widerfährt! Wie stehen wir ihr gegenüber, Viktor Fehleysen? Die Welt hatte ihr nichts gelassen, und heute weiß sie ihres Schatzes kein Ende. Wir sind die Bettler, sie ist die Reiche; mit leeren Händen kommen wir zu ihr, und sie allein kann uns geben, was wir bedürfen: die Kraft, den Mut, den unerschütterlichen Willen. Ach, wie feige sind wir gegen ihre heldenhafte Geduld! Sie lag tiefer gebeugt als wir alle, aber leise richtete sie sich auf und füllte die Wüste mit ihrer Hoffnung. Sie saß still in der Einsamkeit, rechtete mit niemand und wies nur den Zorn, den Haß und die Rache von ihrer offenen Tür fort. Ja, ihre Tür war offen, und die Tage zogen an derselben vorüber und sahen fremd und befremdet hinein; die Frau Klaudine aber lächelte ihnen entgegen: Was wundert ihr euch? Freilich sitze ich hier und lebe und spinne an meinem schönsten Feiertagsgewande; – ihr kommt, sucht eine Gestorbene und findet eine Lebende; ja, ich lebe und will leben; – wie die Zweige des Waldes mir in mein Fenster wachsen, so drängen sich die lichten Gedanken in mein Herz; – ich baue für meine Kinder, die in der wilden Welt umherirren, ein neues Haus, einen neuen Herd, an welchem sie einst niedersitzen werden, mir von ihren Mühen und Leiden zu erzählen – was sollte daraus werden, wenn ich nicht stillbliebe und den armen Wanderern, den Gejagten und Verfolgten eine Freistatt offenhielte?! – Wahrlich, es ist nicht allein der Helden und Könige Sache, zu rufen: Sonne, stehe still und leuchte der Vollendung unserer Siege! Auch der Schwächste, der Ärmste, der Geringste kann den glanzvollen Stern über seinem Haupte und Herzen festhalten, bis alles vollbracht ist, und die Frau Klaudine konnte es. Jetzt, wo die Nacht um uns dunkler denn je zuvor ist, kommen wir zu ihr und bitten um ein Fünklein Licht – wie können wir gerettet werden, wenn nicht ihr Mut zu unserm Mut, ihr Glück zu unserm Glück wird, wenn wir uns nicht zu ihr, auf ihr Feld stellen und in dem milden Scheine ihrer Sonne ihre Götter anrufen?!«

»Er hat sicherlich die Wahrheit gesprochen, Mama!« rief Viktor Fehleysen mit bebender Stimme. »Wir haben uns nur zu schämen, und du hast den Sieg innerhalb und außerhalb deiner Wälle gewonnen. Ich habe überhaupt keine Stimme mehr im Rat und will gehen und stehen, wie du es befiehlst. Aber auch die andern sollen deinem Kommando gehorchen. Wenn ich besser sprechen könnte und nicht in jedem Augenblick das Gleichgewicht verlöre, würde ich es ihnen schon sagen. Der da aus Abu Telfan versteht das Ding gut genug und hat es auch schon bewiesen in der Höhle des Leutnants Kind; – Fluch und Wehe über mich, laß ihn Wache halten vor Nikolas Tür! Einst fand ich jenen Friedrich von Glimmern auf allen meinen Wegen; nun steht dieser hier überall da, wo ich stehen sollte, und daß beides verdrießlich für mich ist, weiß ich; doch was mir am meisten Schande bringt, hab ich noch nicht herausgeklügelt, hoffe es aber mit der Zeit und Weile noch herauszubekommen.«

»Mein Kind, mein Kind, du bist im Hause deiner Mutter!« rief Frau Klaudine. »Deine Mutter tritt zwischen dich und dieses Grübeln, Rechnen und Rechten über und um das Vergangene. Leonhard Hagebucher hat recht, ich wollte ein neues Haus, einen neuen Herd bauen für meine Kinder, denn ich wußte, daß sie zu mir zurückkehren würden – wie sie kommen mochten, das kümmerte die Mutter nicht. Ich habe Feiertagskleider gewebt für mich und für die Meinigen, und wir wollen sie alle tragen, alle, alle! Und jetzt, Leonhard, sagen Sie uns von Ihrem trauernden Vaterhause, von der Mutter und der Schwester; ach, die nächsten Gräber verlieren oft über dem Leben ihren Anspruch an uns; aber meine Gedanken sind doch immer bei Ihnen und den Ihrigen gewesen, mein Freund!« –

Sie sprachen nun von dem Tode und dem Begräbnis des wackern Steuerinspektors und wie der Vetter Wassertreter so treu und trotz aller Betrübnis so lustig zu dem Haus Hagebucher stehe. Der Herr van der Mook saß stumm im Winkel, hielt den klugen Kopf des Spitzes zwischen den Knieen und hielt seinen eigenen Kopf tief gesenkt. Die Frau Klaudine sprach innig teilnahmsvoll von den Verhältnissen und Zuständen Leonhards, aber den Sohn ließ sie doch kaum einen Augenblick aus den Augen, immer suchte ihn ihr unruhiger Blick über die Schulter; und mehr als einmal streckte sie, ohne es zu wissen, die Hand aus, als suche sie die seinige, wie in großer Angst, daß er sich erheben, vor die Tür treten und nimmer wiederkehren werde. Der Herr van der Mook regte sich jedoch kaum, bis im Verlaufe des Gesprächs wieder einmal der Name Nikola von Glimmern genannt wurde. Da sprang er so jäh auf, daß der erschreckte Hund mit einem Laut der Angst vor ihm zurückfuhr. Heftig faßte er den Arm Hagebuchers und rief:

»Sei mein Freund und stehe mir bei! Ich bin nur wie ein Mann, der aus einem Haschischrausch erwacht, ein Kind kann mich mit dem Verstand und mit der Hand meistern. Wann gehst du zurück nach der Hauptstadt? Denke für mich, handle für mich; ich fasse deine Hand, wie du die meinige zu Abu Telfan im Tumurkielande faßtest!«

»Ach, wenn man nur mit den Mächten der Zivilisation handeln könnte wie mit den Barbaren am Mondgebirge!« seufzte Leonhard kopfschüttelnd. »Nur die Frau Klaudine wird uns alle retten. Sie allein hat den Zauberstab, der die Winde bändigt und die Wellen ebnet; sie allein ist reich genug, das Lösegeld aufzubringen, welches die Seelen frei macht von den Banden der Knechtschaft; sie hat das Brod und Wasser des Lebens und kann die Hungernden speisen, die Dürstenden tränken. Nikola von Einstein aber weiß das, hat es am vollsten und klarsten erfahren, deshalb hab ich kaum eine Sorge, gewiß aber keine Furcht um sie. Der Sturm, welchen wir nur aufhalten, nicht verbieten können, wird ihr schönes Haupt tief beugen, doch den Baum ihres Lebens wird er nicht entwurzeln. Einst hat sie mir von einem Bürgerrecht in einem Reiche, von dem die Welt nichts wisse, gesprochen. In der rechten Stunde wird sie diesen Freibrief vorweisen, und alle da draußen werden ihn widerwillig oder freudig anerkennen müssen, und an diesem Tische wird sie niedersitzen und sprechen: Mutter, ich danke dir, dein Brod hat mich erhalten!« –

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