Frei Lesen: Abu Telfan

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Wilhelm Raabe

Abu Telfan

Achtundzwanzigstes Kapitel

eingestellt: 2.7.2007



Über Einförmigkeit des Daseins hatte Herr Leonhard wahrlich sich jetzt nicht zu beklagen. Er würde sowohl dem Tumurkielande wie dem deutschen Vaterlande Unrecht getan haben, wenn er dieselben in dieser Hinsicht einer Vergleichung unterzogen hätte.

Im Tumurkielande ist es im Sommer gewöhnlich sehr heiß, und die einzigen Wolken, die vor die Sonne treten, sind die Heuschreckenwolken, welche jedoch keine Kühlung durch ihre Verdunkelung des glänzenden Gestirns hervorzubringen vermögen und es übrigens auch gar nicht beabsichtigen. Auf die Heuschreckenwolken pflegen die Regenwolken des Winters zu folgen; es regnet entsetzlich im Tumurkielande, die Sommerwohnungen der Bevölkerung werden zu Brei, und jedermann sucht die Winterquartiere auf. Die Familien beziehen größere Höhlen in den Felsen, die Junggesellen und einzelnstehenden Jungfrauen mieten der gütigen Mutter Natur eine bescheidenere Ritze im Gestein ab. Auch die Sklaven haben ihre eigenen Behältnisse, welche, wenn sie gleich ein wenig dunkel und dumpfig sind, dessenungeachtet ihre gemütlichen Reize einem Aufenthalt im Freien gegenüber besitzen.

Herr Leonhard Hagebucher kannte das und verglich, wie gesagt, diese fremdländischen Verhältnisse nicht mit denen des Vaterlandes. Aber er setzte indessen jene nicht gegen diese zurück, und vorzüglich nicht an dem Morgen, welcher auf den im vorigen Kapitel geschilderten Tag folgte.

Es war ein unruhiger Morgen, an welchem es sich deutlich zeigte, zu welcher Bedeutung die Persönlichkeit des Afrikaners während seiner Abwesenheit von der Residenz herangeschwollen sei. Wirklich merkwürdig wars, wie vielen Leuten es über Nacht einfiel, daß dieser afrikanische Fremdling zu manchem nützlichen oder pekuniären Gewinn abwerfenden Zwecke trefflich zu verwenden sei. Und sie hatten alle von seiner Rückkehr aus der Provinz vernommen, und sie kamen alle, ihn zu begrüßen und beiläufig ein Wort über das und das, was sie entweder seinem praktischen Blick oder seinem weichen Gemüt und guten Herzen, jedenfalls aber seiner gespanntesten Aufmerksamkeit anempfahlen, fallen zu lassen. Es war wie ein Wunder, was diese verhältnismäßig so unbedeutende Stadt für verschiedenartige Elemente enthielt, die jetzt alle ihr Interesse an dem Dasein des Afrikaners hatten oder doch zu haben glaubten.

Da kam ein Buchhändler, welcher nicht der Hofbuchhändler war und der, dem Herrn Polizeidirektor zum Trotz, die nicht gehaltenen Vorträge zu Papier und in seinen Verlag gebracht zu haben wünschte. Da erschien ein Photograph, welcher der festen Überzeugung lebte, daß ein Brustbild des Herrn Hagebucher und ein Bild in ganzer Figur der Welt zu einem tiefinnern Bedürfnis geworden sei und ein brillantes Geschäft verspreche. Verschiedene Kaffeehausbekanntschaften suchten den Verkehr auf das Privatleben des »guten Freundes« auszudehnen. Es erschienen zwei hagere Damen, welche den »geprüften Mann« für die segensreichen Zwecke der Innern Mission zu gewinnen hofften. Es kam ein junger Mann, welcher einen Stoff für das moderne Epos suchte, welcher in den Abenteuern des Afrikaners diesen Stoff gefunden zu haben glaubte und welchen Hagebucher ohne Rücksicht auf die Gefühle der Mit- und Nachwelt bedeutete, er möge ihn ungeschoren lassen, und übrigens halte er es in dieser Zeit für ein Zeichen von ganz entschiedener dichterischer Begabung, wenn jemand keine Verse zu machen imstande sei. Politische Parteien streckten ihre Fühlhörner in den Morgen hinein, kurz, der Verkehr war lebhaft und anregend genug; doch Leonhard blieb leider hart, teilnahmlos, traurig und lächelte nur einmal, als er unter dem überströmenden Wortschwall des jungen Poeten überlegte, was wohl aus der Welt, nämlich seiner eigenen, werden möge, wenn er – heirate, und zwar Fräulein Serena Reihenschlager heirate?!

Denselben Gedanken dachte er laut, als sich gegen die Mittagszeit die Flut der Besucher endlich verlaufen hatte und er mit dem Pascha allein war; oder vielmehr, nachdem er verschiedene Male leise gesagt hatte: »Weshalb sollte ich?«, sprach er ungemein deutlich das große Wort aus: »Weshalb sollte ich nicht?« und brachte dadurch einen Seitenzug seiner neueuropäischen seelischen Entwickelung zu einem recht befriedigenden Abschluß, nur einen Seitenzug – die Hauptlinie lief gradeaus weiter in alle Verwirrung und Finsternis hinein!

Vier Worte genügten, um das ganze Getümmel zusammenzufassen, wie sich in das nüchternste Freikuvert der leidenschaftlichste Jubel- oder Trauerbrief schieben läßt; und gleich einem Echo hallte Täubrich-Pascha nach:

»Ja, weshalb nicht?«

»Was wissen denn Sie davon, Täubrich?« rief Hagebucher fast ärgerlich. »Sind Sie etwa imstande, meinem Seufzer die rechte Deutung zu geben?«

»Es sind ein Paar liebe Augen!« sagte der Schneider mit seitwärts gehängtem Kopf. »Es gibt kein anderes Fräulein hier in der Stadt, welches ein solches gutes Gesicht hat.«

»Und es gibt keinen zweiten Damenkleidermacher, der ein so merkwürdiger Mensch ist wie Sie, Felix! Bei Gott, weshalb sollte ich nicht? Lassen Sie uns jedoch abbrechen und zu Mittag speisen. Nachher mögen Sie die Tür verriegeln – gegen jedermann, hören Sie! Ich habe einen Blick in den Sanchoniathon zu werfen, ich versprachs dem Professor.«

»Sancho – Sanchoniathon!« wiederholte der Schneider, die schwärmerischen Augen gegen die Decke richtend. Ein so klangvoller Name mußte halten, was er versprach; und in der festen Überzeugung, daß sein Patron die richtige Lektüre für die gegenwärtige Stimmung ausgewählt habe, schlich Täubrich auf den Zehen zur Tür und schob den Riegel vor.

Nach Tisch las Hagebucher im Sanchoniathon, und Täubrich-Pascha nähte einen Knopf an seinen Frack; denn auch er hatte versprochen, am heutigen Abend den Ball des Herrn von Betzendorff durch seine Gegenwart zu verschönen, und zwar in einer sehr offiziellen Stellung. Wir wissen, daß er ein sehr aufmerksamer und gewandter Mensch war und daß keine größere Festlichkeit in der Residenz ohne seine Beihülfe stattfinden konnte.

»Wir besitzen ihn nur in der griechischen Übersetzung eines gewissen Philo aus der Stadt Byblus, und einige wollen sogar behaupten, daß wir ihn gar nicht mehr besitzen«, sagte Leonhard träumerisch über sein Buch weg und fügte hinzu: »Ich könnte sie jetzt in mein Haus führen, und mein altes Mütterchen würde sie mit offenen Armen empfangen! Das ist die große Frage unter den Gelehrten, ob er zur Zeit der Semiramis oder zur Zeit Alexanders des Großen oder ob er gar nicht lebte. Mir ist es ungemein gleichgültig; – sie hat in ihres Vaters Hause Gelegenheit genug gehabt, mit Narren umgehen zu lernen. Seine Lehrer sollen die phönizischen Oberpriester Hierombalus und Jarobalus gewesen sein! O Gott, ob sie in ihres Vaters Hause wohl auch gelernt hat, einem Gesellen wie mir keinen Korb zu geben? Hierombalus und Jarobalus! Ich dächte, wir müßten ein stilles, solides Ehepaar darstellen!«

»Das denke ich auch!« rief Täubrich-Pascha, der vor Enthusiasmus kaum imstande war, seine Nadel einzufädeln.

»Ja, weshalb nicht?!« sprach Leonhard Hagebucher immer nachdenklicher.

Er warf den alten Phönizier auf den Tisch, sprang empor und schritt im Zimmer auf und ab:

»Ich bin nicht mehr in den Jahren, in welchen es noch tunlich ist, etwas auf den andern Morgen zu verschieben. Das wäre nun freilich wohl ein Grund, sich hier noch recht lange zu besinnen, allein – – – was wünsche ich, was kann ich noch erreichen in dieser närrischen europäischen Welt? Wahrlich, ich kenne die jetzt genug wieder, um in dem Kreise, welchen ich mit der Spitze meines Stockes um mich zu ziehen vermag, ein Genügen finden zu können. Was meinen Sie, Täubrich, wenn ich so um die Zeit der heranbrechenden Dämmerung meinen Rock anzöge und mich auf den Weg zum Professor machte? Wahrscheinlich würde ich sie dann in der Küche neben dem hellen Feuer finden, und sie sieht allerliebst in der Beleuchtung aus. Ich könnte mit ihr einige Augenblicke in die Flammen gucken, um sodann, wenn wir alle beide unsere Gedanken genug gesammelt haben würden, zu sagen: Serena, mein Kind, ich bin zu einem Entschluß gekommen, wollen Sie eine Bitte eines wunderlichen, aber doch ganz ehrlichen Mannes anhören? Und wenn sie dann die Achseln zuckte und mit dem Kopfe nickte, so könnte ich ziemlich ruhig fortfahren: Serena, mein Kind, ich hab es mir nach allen Seiten hin überlegt, ich möchte Sie ganz für mich besitzen, und dem Papa sollte doch nichts von seiner häuslichen und gelehrten Behaglichkeit abhanden kommen. Ich dürfte dann wohl noch einmal eine Exkursion in meine Vergangenheit machen, doch dieses vielleicht nicht zum Schaden der Aussichten in die Zukunft, und wenn in diesem Augenblicke mein Dämon, welcher auch über diese Stunde wacht, den Topf überkochen ließe, so ist es meine feste Überzeugung, daß sie, nur ein klein wenig rötlicher angehaucht, ihn von der Glut abrücken und, den Deckel in der Hand haltend, lispeln würde: »Herr Gott, Herr Hagebuch – Leonhard!« – Da wäre dann sicherlich bereits der erste Kuß gefallen, Täubrich, und wir hätten nur noch die Treppe hinaufzusteigen, um den Papa von dem Vorgefallenen in Kenntnis zu setzen.«

Es war ein Vergnügen, den Pascha in diesem Moment, während dieser Schilderung zu beobachten. Er war mit der Nadel weit nach rechts hin ausgefahren und hielt den Arm starr und steif und den Mund weit offen; in voller Verzückung blickte er aus seinen wasserblauen Augen auf den sich in diese urheitern Phantasien, welche doch auf so dunkelm Grunde ruhten, ganz verlierenden Patron.

Nun fing er an zu weinen und rief dazwischen:

»O Sidi, Sidi, Sie verstehen alles am besten und wissen alles gehörig einzurichten! Die ganze Zeit über während Ihrer Abwesenheit hab ich mir den Kopf zerbrochen, wie es sich wohl am lieblichsten machen ließe, und da kommen Sie und brauchen nur zu sagen: So ist es!, und es ist so. Sidi, Sie stehen auf dem Sprung, meinen schönsten Traum zu erfüllen; denn nun wollen Sie tun, was ich nicht tun konnte, weil das Geschick es nicht litt. Sie haben meine Wehmut bis ins tiefste, aber auch aufs süßeste aufgerührt, und ich küsse den Saum Ihres Gewandes dafür. Ja, auch ich war in Arkadien und ganz dafür geschaffen, ein Weib glücklich zu machen! Ich habe auf Zion und Golgatha, aber noch mehr zu Mar Saba unter der alten Garderobe meiner Freunde, der Mönche, tief darüber nachgedacht. Ich war immer fürs Nesterbauen, doch ich bin auch leider immer zu blöde gewesen, sowohl im Gelobten Lande als auch hier im Lande, und nur ein einzig Mal hatte ich volle Gelegenheit, meinen Willen zu kriegen; allein da hab ich nicht gewollt und kann es auch jetzt noch nicht bereuen. Das war nämlich in Pera, wo mich eine alte Schuhmacherwitwe aus Perleberg als Landsmann und jungen gefühlvollen Menschen ganz sicher mitgenommen hätte auf ihrem Lebenswege. Sie war jedoch dem Trunke ergeben und stieß mich auch sonst durch allerlei körperliche und unmoralische Eigentümlichkeiten ab. Wenn es seine Vorzüge hat, für das Ideal und das ewige Himmelblau und die Sterne und die Sphärenmusik in der Nacht geschaffen zu sein, so hat es auch seine Nachteile fürs menschliche Leben. Es ist zu Pera nichts aus meinem häuslichen Glück geworden, weil ich zu fein roch; und nachher noch einmal zu Jerusalem in meines Meisters, des Böblingers, Hause wurde wieder nichts daraus, weil ich zu scharf sah. O Herr, nun aber wird mein allerhöchster Wunsch in Ihnen erfüllt, und sie, ich meine das süße, liebe, gute Fräulein, hat ihre ganze Seele auf Sie gesetzt, und Sie passen ganz zu ihr und dem alten Herrn, Sidi; und mich nehmen Sie mit, wo Sie Ihr Zelt aufschlagen. O Allah, Allah, ich bin gewißlich fürs Ideale, aber hier sehe ich doch klar, daß es auch eine große Freude sein kann, in der Wirklichkeit und nicht bloß im Traume zu leben.«

»Trocknen Sie Ihre Tränen, fassen Sie sich, Täubrich«, sprach Hagebucher. »In Ihrem letzten Satze gebe ich Ihnen vollständig recht: es ist eine Freude, in der Wirklichkeit zu leben, so viele scharfe Ecken, boshafte Haken und heimtückische verräterische Fallgruben sie auch haben mag. Wer gab übrigens dem klugen Narren, dem Mahomet, das Wort ein: Alles Berauschende ist verboten! – ? Wer darf dieser armen geplagten Menschheit das Berauschende verbieten? Solange der Schmerz, die Sünde und der Tod umwandeln unter ihr, solange kann auch das Berauschende nicht verboten sein! Jetzt, edler Täubrich, beschäftigen Sie sich gefälligst mit Ihrem Frack, ich werde noch einen letzten Rat halten, und zwar mit der Frau Klaudine und nicht mit dem Sanchoniathon. In einer Viertelstunde hoffe ich Ihnen das Resultat mitteilen zu können.«

»Gott segne Sie, lieber Herr«, schluchzte der Pascha, und der Afrikaner stopfte langsam eine Pfeife und streckte sich lang auf dem wackelnden Sofa aus. Wer ihn so gesehen hätte, der würde sicher nicht geahnt haben, mit welchem aufregenden Thema er sich beschäftigte und welches herz- und nervenerschütternde Problem er mit Aufbietung aller Seelenkräfte und Zuziehung aller a priori wie a posteriori erlangten Erfahrungen zu lösen bemüht war.

Und der Tag rückte vor, und die Dämmerung rückte wiederum näher. Längst war der Schneider mit der Vervollständigung seines Gesellschaftsanzuges fertig, längst saß er unbeschäftigt, stumm, regungslos, ein Bild atemlosen und doch resignierten Wartens da: der Afrikaner schien nicht in der Auflösung seines Problems weiterzurücken. Er, Leonhard Hagebucher, stöhnte von Zeit zu Zeit sehr; er veränderte wohl auch seine Lage und hatte von neuem seine Pfeife anzuzünden, aber ein Licht schien ihm darum doch nicht aufgehen zu wollen.

Einmal sprach er:

»Es scheint grimmig kalt draußen zu sein. Sehen Sie doch einmal nach dem Ofen, Täubrich.«

Kurze Zeit darauf knöpfte er die Weste auf, blies und fuhr durch die Haare wie jemand, dem es ungemein heiß zumute ist.

Um fünf Uhr fragte er kläglich, was die Glocke geschlagen habe, und eine Viertelstunde später zog Täubrich-Pascha noch kläglicher die Schultern in die Höhe und klagte trübselig und enttäuscht im Innersten seiner Seele:

»Es ist aus! Es ist vorbei! Er tut es nicht! Er kommt nicht dazu!«

Der Afrikaner atmete in der Dunkelheit vom Sofa her ruhig und friedlich gleich einem schlafenden Kinde. Es hatte in der Tat allen Anschein, als ob er es nicht tun werde. Doch die Überraschung war dann um so größer, als Punkt sechs Uhr der Grübler die Pfeife zur Erde fallen ließ, auf beide Füße sprang und im schärfsten Kommandoton rief:

»Zum Henker, Täubrich, so zünden Sie doch die Lampe an! Sind wir zwei Eulen, daß wir unser ganzes Leben in der Finsternis zubringen? Wo ist mein Halstuch? Wo ist mein Hut? Das ist ja eine entsetzliche Wüstenei! Flink! Vorwärts! Bismillah, ich habe diese Wirtschaft im Zentrum wie in der Peripherie vollkommen satt!«

»Hier, Herr! Hier, Herr!« rief der Schneider, froschartig und an allen Gliedern zitternd im Zimmer umherhüpfend. Die Lampe brannte, Halstuch und Hut fanden sich, noch einmal wollte der Pascha mit der Kleiderbürste auf den Patron los, doch dieser schob ihn feierlich von sich ab und fragte:

»Was für ein Datum schreiben wir?«

Täubrich nannte den Tag, und Hagebucher sprach:

»Nicht übel! Nicht ungünstig!«

Mit einem Zitat fuhr er fort:

»Gehab dich wohl, mein Kassius, für und für!
Sehn wir uns wieder, nun so lächeln wir,
Wo nicht –«

Er brachte den Satz nicht zu Ende, sondern zog leise die Tür hinter sich zu. Der Tanz aber, welchen Täubrich-Pascha hinter ihm aufführte, hätte kaum kurioser sein können, war jedoch der Gemütsstimmung des Menschen vollständig angemessen.

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