Frei Lesen: Abu Telfan

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Wilhelm Raabe

Abu Telfan

Einunddreißigstes Kapitel

eingestellt: 2.7.2007



Wer hört den Knall der Mine, die ihn in die Luft schleuderte? Die Explosion erfolgte vielleicht, während man auf ganz andere Dinge als das unheimliche, gefahrdrohende Wühlen und Graben in der Tiefe unter den Füßen achtete. In die Ferne hatten sich die Gedanken verirrt; es ist so ermüdend, es kann so langweilig werden, immer mit der Partisane im Arm auf derselben Stelle stehen und auf das finstere Treiben da unten horchen zu müssen! Ob wir gleich siebenfältiges Erz um die Brust tragen, die Seele geht doch spazieren, und wir können es nicht hindern. Jenseits der äußersten Bastionen und Gräben lustwandelt sie im freien Felde, pflückt Kornblumen und Klatschrosen aus dem Weizenfelde, vielleicht wohl auch eine echte Rose, die über eine Gartenhecke guckt, oder ein süßes Vergißmeinnicht vom Rande der murmelnden Quelle und träumt sich mitten im Kriege in den tiefsten Frieden hinein. Und während sie lustwandelt, Blumen pflückt und »über goldene Schmetterlinge lacht«, beugt unten im Abgrunde ein wildes, grimmiges, hohnlachendes Gesicht sich über einen kaum sichtbaren Funken und bläst ihn an zu heller Glut. Ein roter Schein zuckt über das Gesicht, das Lachen des Feindes; die Lunte berührt die Zündrute, tempus fuit! Zeit ist gewesen – Zeit ist nicht mehr, die irrende Seele zurückzurufen aus den grünen Gefilden, aus dem Wandeln in der Vergangenheit oder Zukunft, der Reue oder der Hoffnung; nicht zu einem halben Vaterunser, nicht zu dem kürzesten Stoßgebet ist mehr Zeit.

Es gab freilich fast immer nach derartigem verderblichen Feuerwerk Leute, welche man mit ziemlich heilen oder ganz unverletzten Gliedern und nur ein wenig betäubt von der Trümmerstätte zwischen den zerschmetterten Balken, Mauern und Kameraden aufhob und genau über ihre Gefühle ausfragte. Diese Leute blickten dann jedesmal sehr verwirrt im Kreise umher und auf den Platz oder die Stelle des Platzes, auf welchem sie standen, ehe sie in die Luft flogen, und – wußten nichts zu sagen. Im Gegenteil, sie mußten sich von den andern berichten lassen, was eigentlich geschehen sei, wie die Erde unter entsetzlichem Krachen sich geöffnet habe, wie die Feuergarbe turmhoch in die Luft gefahren sei, wie die schwarze Rauchwolke gleich einem Fächer sich in der Höhe über der Unglücksstätte ausbreitete und wie schrecklich der Regen von schwarzen Trümmern, Steinen, Schutt, Asche und blutigen menschlichen Gliedern gewesen sei. In dieser Lage befand sich augenblicklich unser sehr guter Freund Leonhard Hagebucher. Er war mit in die Luft gegangen, ohne es zu merken, und der Major Wildberg, der von seinem Whisttisch aus die beste Gelegenheit gehabt hatte, mit emporgesträubten Haaren und starrenden Augen das erschreckliche Ereignis wahrzunehmen, kam jetzt eilends, dem Patienten die nötigen Mitteilungen zu machen.

Der Major Wildberg erschien in dem Zimmer des Afrikaners zwar in Paradeuniform, aber gewiß nicht mit der zu jeglicher Schaustellung unbedingt notwendigen Ruhe und Selbstbeherrschung. Er trug ungeachtet der strengen Kälte den Mantel über dem Arme und schien sich nicht die Zeit genommen zu haben, ihn anzuziehen oder umzuhängen. Die Uniform war schief über der weißen Weste zugeknöpft, und wenn der Leutnant Herr Hugo von Bumsdorf je im öffentlichen Leben die Schärpe so getragen hätte, wie sie jetzt sein Major trug, so würde er sicherlich Gelegenheit gefunden haben, acht Tage lang in der Einsamkeit des Stubenarrestes über den tief bedeutungsvollen Unterschied zwischen hinten und vorn, zwischen rechts und links nachzudenken.

Hagebucher ließ den Strauß des träumenden Schneiders auf den Tisch fallen und stieß einen Laut hervor, der, grade weil er nichts bedeutete, alles ausdrückte: volles Wissen, höchstes Erschrecken und zugleich schon den ersten, ratlosen Griff ins Blaue.

»Jetzt? Jetzt?! Ist es geschehen?!«

»Lassen Sie mich zu Atem kommen, Freund. Dieses ist fürchterlich! Welch eine Nacht! Wissen Sie, was mich herführt, was ich bringe?«

Der Afrikaner nickte und griff bereits nach dem Hute. Der Major fiel auf den nächsten Stuhl, suchte keuchend nach dem Taschentuch und trocknete sich die Stirn.

»Ich komme von dem Ball des Polizeidirektors; der Boden ist den Tanzenden unter den Füßen gewichen – haben Sie das Krachen und den Schrei nicht gehört? Nikola sitzt bei meiner Frau, und hier bin ich. Welch eine Nacht! Gilmore beschießt jetzt Fort Moultrie bei Charleston aus glatten Fünfhundertpfündern – eine solche Bombe, fünfundzwanzig Zoll im Durchmesser, ist unter uns gefallen. Wenn der Himmel eingefallen wäre, die Wirkung könnte nicht ärger sein. Von uns, welche wir dort anwesend waren, hat niemand mehr seine fünf Sinne beieinander, und der Herr von Betzendorff vielleicht am wenigsten. Nun kommen Sie, Hagebucher, raten Sie, helfen Sie. Lassen Sie alles hinter sich, Haß und Zorn, Freundschaft, Mitleid; wir brauchen einen klaren Kopf, eine starke Hand und weiter nichts! Kommen Sie, kommen Sie, unsere einzige Hoffnung liegt darin, daß Sie sich durch nichts verwirren lassen, daß Sie aufrecht und unbewegt in all diesem nichtswürdigen Jammer stehenbleiben werden.«

Das war recht wohlmeinend und schmeichelhaft und gab jener Rede, welche der Afrikaner, der Mann vom Mondgebirge, vor einigen Augenblicken an den imaginären Täubrich hielt, einen vortrefflichen Abschluß: aber so ganz war die ruhige Objektivität des Standpunktes unseres Freundes doch nicht sichergestellt. Nun war die Stunde, deren Herannahen er so sehr gefürchtet und in den letzten Tagen im halben Fieber doch wieder so sehr herbeigesehnt hatte, da. Der Leutnant Kind tat sein Schlimmstes; das Wie war im Grunde gleichgültig; aber wer, der die Rettung nicht in sich selber trug, konnte aus einem solchen Verhängnis von einer fremden Hand in die Höhe gezogen werden?

»Wo ist Nikola?« fragte Leonhard.

»Ich sagte es bereits. Sie ist in der Begleitung, unter dem Schutze Ihres Dieners, Ihres Hausgenossen, jenes seltsamen Schneiders und Aufwärters Täubrich in unser Haus – zu meiner Emma geflohen, und ich bin hierhergelaufen, denn sie verlangt nach Ihnen. Das ist solch eine Minute, in welcher man jeden glücklich preisen möchte, welchem nur ein Felsblock auf den Kopf fiel.«

»Es ist nur ein Weg für sie, sie kennt ihn und will ihn gehen!« murmelte Hagebucher, und dann drückte er den Hut fest auf den Kopf, gleich einem Mann, der weiß, daß ein arger Sturmwind ihn vor der Tür erwartet, nahm den Arm des Majors und sagte:

»Jetzt wollen wir zu ihr gehen. Nicht ich, sie – sie steht aufrecht – sorgen Sie nicht um diese Frau. Nehmen Sie meinen Arm, mein Freund; in der Gasse sollen Sie mir erzählen, was in dem Hause des Herrn von Betzendorff vorging.«

Sie stiegen die gebrechliche Treppe wieder hinab und traten hinaus in die Kesselstraße. Letztere schlief ruhig und kümmerte sich um nichts. Sie hatte nicht die Ehre, den Herrn von Glimmern zu kennen, und was den Herrn Polizeidirektor von Betzendorff anbetraf, so trat dieser ausgezeichnete Mann nur durch seine untern Beamten mit ihr in Verbindung, und es war ihr deshalb unendlich gleichgültig, in welche peinliche Situation der Edle durch diesen Eklat in seinem Hause geraten war. Die Kesselstraße hatte ihre eigenen Sorgen, Ängste und Aufregungen, und es war nicht von ihr zu verlangen, daß sie sich um jene Leute dort, in jener andern Welt, in so später Stunde von ihrem Strohsacke aufrichte.

Die Kesselstraße schlief sanft, aber es gab viele Straßen, welche nicht schliefen. Es rollten Wagen an dem Major und seinem Begleiter vorüber, und das Licht der Laterne beleuchtete darin bleiche, erschreckte Gesichter.

»Das war der Tribunalrat Igeler mit seinen Töchtern«, sagte der Major. »Er saß neben mir am Spieltisch, als die Lichter erloschen und die Türen vor dem Gespenst aufsprangen. Um Gottes willen, Hagebucher, wie können Sie mit solch einem geisterhaften Menschen, wie dieser Täubrich-Pascha ist, Verkehr halten?«

»Der Arme! Was, hat er denn auch mit dieser finstern Historie zu schaffen?« rief Leonhard.

»Er?! Bei Gott, wie wäre das Gespenst denn ohne ihn hereingekommen? Er führte es ja sozusagen an der Hand und stellte es in unsere Mitte und stellte es uns vor!«

»Er führte den Leutnant Kind herein?«

»Den Leutnant Kind? Freilich, den pensionierten Leutnant der Strafkompagnie, Kind! Gedulden Sie sich nur, die Besinnung, die Erinnerung kommt mir nur allmählich zurück. Das ist wie ein Auftauchen der Dinge aus dem Nebel; – warten Sie nur – jaja, so wars, wir machten eine Partie: der Herr des Hauses, der Herr von Glimmern, der Tribunalrat und ich. Betzendorff saß zu meiner Rechten, der Tribunalrat zur Linken, und der Herr von Glimmern saß mir gegenüber. Wir saßen in einem Nebenzimmer, und Glimmern hatte den Rücken gegen die offene Tür des Saales, in welchem man tanzte, gewendet. Ich bin kein großer und feiner Spieler, aber mir war recht behaglich zumute, ich liebe solch eine lustige Ballmusik wie einen fröhlichen Marsch und kann immer noch meine Freude an den hellen Lichtern und dem jungen Volk haben. So achte ich denn eigentlich mehr auf das Vorüberschweifen dieser muntern Paare in dem hellen Raume zwischen den Türvorhängen als auf meine Karten, und nicht ganz zu meinem Vorteil. Der Herr von Glimmern hat mir auch schon manchen erinnernden Blick und mehr als eine zierliche Bemerkung hingeworfen; aber was kann der Mensch gegen seine Natur? Ich denke eben an die Jahre, die gewesen sind, an meine Emma, die damals doch ein viel hübscherer Partner war, als jetzt diese spitzfindige Exzellenz ist, und wie sie so gut tanzte, meine Emma, und mit ihrem guten Lächeln der größten Schönheit und selbst der stolzen Nikola Einstein den Kranz abnahm. Und ich denke tief darüber nach, wie es eigentlich zugeht, daß ich hier sitze und sie daheim; ich weiß nicht recht, über wen ich mich mehr ärgere, über mich oder über sie, und der Tribunalrat sticht mir natürlich wieder das As mit dem Trumpf oder umgekehrt –«

»Und Glimmern? Glimmern?« rief Hagebucher ungeduldig.

»Er sprach griechisch wie Cicero in Shakespeares Julius Cäsar. Nein, griechisch sprach er nicht; er lächelte seine Meinung mit einer französischen Phrase herüber; aber wie gesagt, ich fühlte mich ganz wohl und warm, kurz, ich war ganz in der Stimmung, alle Dinge so leicht als möglich zu nehmen und nicht über die angenehme Stunde hinauszudenken.«

»Wo war Nikola?« fragte der Afrikaner.

»Wir hatten im Beginn des Abends einen Augenblick miteinander geschwatzt, doch, da sie bereits am Nachmittag bei meiner Frau gesessen hatte, uns kaum etwas mitzuteilen gehabt. Ich verlor sie dann bald aus den Augen und, aufrichtig gestanden, habe mich auch weiter nicht nach ihr umgesehen. Es waren sehr viele Menschen gegenwärtig, und es ist eine Eigentümlichkeit von mir, daß ich die Weiber, meine Emma ausgenommen, sobald sie in Masse erscheinen und in ihren großen Toiletten daherfahren, sehr schwer erkenne und voneinander unterscheide.«

Trotz seiner Aufregung oder vielleicht noch mehr infolge seiner Aufregung fiel es dem Mann aus dem Tumurkielande als eine Merkwürdigkeit auf, wie wortreich und wie weitschichtig und weitschweifig in ihren Berichten der fünfzigjährige Friede alle diese jüngern und ältern Kriegsleute des Deutschen Bundes gemacht hatte. Beinahe hätte er diese Merkwürdigkeit als eine Merkwürdigkeit dem Major nicht vorenthalten; allein unter dem Eindruck, daß die Zeit eigentlich auch dazu nicht ausreiche, schwieg er und tat wohl daran. Sie schritten eben an der Polizeidirektion, auf der entgegengesetzten Seite der Straße, vorüber, blieben, von derselben Empfindung angehalten, stehen und blickten nach dem stattlichen dunkeln Gebäude hin. Noch war ein Teil der Lichter nicht ausgelöscht, unruhige Schatten glitten an den Vorhängen vorüber; vor der halb geöffneten Tür stand eine Gruppe von Männern im leisen, eifrigen Gespräch, und wieder rollte ein Wagen um die Ecke und in das große Einfahrtstor.

»Das war der Herr von Betzendorff selbst, und ich kann Ihnen sagen, woher er kommt. Er war im Palais, um Seiner Hoheit Rapport abzustatten und sich die Ansichten und Wünsche der Herrschaften in betreff dieses Falles zu holen. Der arme Mann! Er war sehr eng liiert mit diesem Glimmern, und hat man wahrlich nicht Ursache, ihn um die Wege und Gänge dieser Nacht zu beneiden. Und was wird erst morgen sein?«

»Was kümmert uns die Million!« rief Leonhard ziemlich barsch und zog den würdigen Krieger mit sich fort. »Das ist gleich einem Schlachtfeld nach der Schlacht; wir wollen nichts mit den Leichenräubern und Totengräbern zu schaffen haben – erzählen Sie mir jetzt, wie der Leutnant Kind in den Ballsaal kam.«

»Der Herr von Glimmern verteilte die Karten zu einem neuen Spiel, und ich hatte mir von Ihrem Täubrich ein Glas Zuckerwasser ausgebeten. Ich glaube auch, es sollte eben im Saal ein neuer Tanz begonnen werden, als er in der Tür stand und jener Täubrich mit dem Präsentierteller in den zitternden Händen neben ihm. Er trug seine Uniform und den Degen an der Seite, ich hielt ihn anfangs für eine Maske, und er hatte, um zu uns zu gelangen, den Saal quer durchschritten und sogleich ein ziemliches Aufsehen unter den Herren und Damen erregt. Von dem jungen Volk lachten einige, und ein paar hübsche Mädchenköpfe schoben sich ihm nach um die Vorhänge, und die Frau von Betzendorff trat schnell mit ihm ein und sah ihn sehr verwundert vom Kopf bis zu den Füßen an. Der Herr von Glimmern aber sah ihn nicht, denn er hatte, wie gesagt, der Tür den Rücken zugekehrt und gab seine Karten mit aller Zierlichkeit. Auch der Polizeidirektor wurde erst durch seine Frau, den Tribunalrat und mich aufmerksam; aber der Mann ist durch sein Amt an mancherlei seltsame Erscheinungen gewöhnt und zog im Anfang nur etwas verwundert die Augenbrauen in die Höhe. Er wollte sich erheben, wahrscheinlich um den wunderlichen Gast von fernerer Störung seines Festes abzuhalten und ihn an Stunde und Ort zu erinnern; aber da sprach Ihr Täubrich luftschnappend: ›Der Herr Leutnant Kind!‹, und der Leutnant legte dem Herrn von Glimmern die Hand auf die Schulter. Ich bin ziemlich nervös und habe einen Sinn für viele Kleinigkeiten, wenn meine Aufmerksamkeit erregt ist, und jetzt sah ich dieses alles ganz genau und kann Ihnen davon sprechen, Hagebucher. Er legte ihm die Hand auf die Schulter, ganz leise und fast, als wolle er sich darauf stützen – ganz ohne allen Eifer; aber das ist mir in diesem Moment nur um so unheimlicher. Und der Herr von Glimmern, welcher die Meldung Ihres Täubrichs überhört haben mußte, blickte sich zuerst auch gar nicht um. Er mußte glauben, ein Bekannter berühre ihn, und er teilte ruhig lächelnd die letzten Karten aus. Als er sich dann umblickte, verschwand freilich das Lächeln; er fuhr zusammen und biß die Lippen fest aufeinander. – ›Ich bin der Leutnant Kind!‹ sagte der Leutnant nun ebenfalls, und er sagte es keineswegs unfreundlich und drohend. ›Was soll dieses, Herr, was wünschen Sie von mir?‹ fragte der Intendant; doch der Alte antwortete nicht, sondern klopfte ihm nur leise auf die Schulter und wendete sich gegen uns, während die Frau vom Hause sich bereits nach den andern Bedienten umsah. In diesem Augenblick stand auch Nikola schon zwischen den roten Vorhängen der Tür, dicht hinter dem Leutnant Kind, und der Leutnant hatte sich, wie gesagt, an uns gewendet und sprach leise, wie jemand, der gar kein Aufsehen zu machen wünscht: ›Die Herren sollten sich doch ein wenig vorsehen, mit wem sie sich zum Spiele niedersetzen; es steckt wohl manche schmutzige Hand im weißen Handschuh, und es fällt wohl manche falsche Karte auf den Tisch!‹ Wir waren alle aufgesprungen, und der Herr von Glimmern hatte seinen Stuhl umgeworfen. ›Das ist ein Wahnsinniger! Wie ist er nur hereingekommen?‹ rief die Frau vom Hause; aber der Alte sagte: ›Nein, Madam, es ist kein Wahnsinniger, es ist der Leutnant Kind, und der hat das Recht, hier einzutreten.‹ Und jetzt richtete er sich in seiner ganzen Länge empor und rief mit lauter Stimme: ›Ich klage den Freiherrn Friedrich von Glimmern in seiner eigenen Kompanie und Freundschaft des Betrugs an! Es paßt mir so besser und wird den Herrschaften gewiß auch so am liebsten sein.‹«

»Wie teuflisch, wie raffiniert teuflisch! O die Rache ist eine große Künstlerin!« rief Leonhard Hagebucher.

»Es war die Bombe aus dem Blakelymörser!« rief der Major. »Sie fiel unter uns und zersprang regelrecht in ihre hundertunddreißig Stücke.«

»Vor seiner Gesellschaft! Vor seiner Freundschaft!« murmelte Hagebucher. »Und Nikola? Nikola?«

»Ich sehe alles durch einen feurigen Nebel! Ich sehe Papiere in den Händen des Tribunalrates und des Herrn von Betzendorff und hundert bleiche Gesichter – Uniformen – nackte Schultern und tanzende Flammen. Das enge Gemach, in welchem wir saßen, ist plötzlich verschwunden, ich bin in dem Saale, wo der Tanz sich aufgelöst hat – ich bin betrunken, taumelnd, und nun ist alles umher mit einem Male regungslos, und nur eine hohe Gestalt, eine Frau in einem weißen Kleide schreitet an mir vorüber und durch den Saal, und vor und hinter ihr bildet sich eine Gasse durch die Blumen, Federn und Lichter. Ich rufe ihren Namen: Nikola! Nikola! Aber sie sieht sich nicht um. Ich bin auf der Treppe – in der Gasse – in der Dunkelheit, die dann wieder zu dem Schein einer Gaslaterne wird. Ich finde mich barhäuptig in einem Haufen Volkes, welcher unter den Fenstern des Hauses auf die Ballmusik gehorcht hat. Da sind Mädchen, Weiber und Bediente. Einige lachen und kreischen, andere starren dumm mich an, und wieder andere starren die Gasse hinab. Da tritt der Jäger des Grafen Laurenstein, ein anständiger Mann, der einst in meiner Kompanie stand, an mich heran und sagt: ›Eine Dame ging eben vorüber, wenn der Herr Major die suchen!‹ Er stotterte das hervor wie jemand, der nicht weiß, ob er das Rechte trifft, und dann nennt er auch noch den Namen Ihres Menschen, des Täubrich. Und nun – hier bin ich, und Nikola Glimmern ist, auf den Arm dieses Täubrich gestützt, zu meiner Frau gegangen. Da habe ich sie gefunden, und dann bin ich zu Ihnen gekommen, Hagebucher; denn nachdem sie sich nur so weit von ihrem halb wahnsinnigen Wege durch die Gassen erholt hatte, um sprechen zu können, verlangte sie heftig nach Ihnen, schickte sie den Täubrich zu ihrer Kammerfrau und mich in die Kesselstraße. Und nun bitte ich Sie, wo sind Ihre Mittel, dieser unseligen Frau in ihrem bodenlosen Jammer zu helfen?«

Leonhard schüttelte traurig den Kopf und sagte dann:

»Ihre Flucht ist mit diesem Wegschreiten aus dem Festsaal noch nicht vollendet – sie blickt über die Schulter und sieht die Verfolger dicht hinter sich. Sie hat noch einen langen Weg durch die Nacht vor sich, und ich soll sie auf demselben zu dem Orte führen, wo sie Ruhe zu finden hofft. O ich bin schon solch ein Seelenführer gewesen in der letzten –«

Er hielt erschreckt ein und murmelte sodann:

»Aber mein Gott, wie kann ich sie dort hinbringen? Das, was die schönste Rettung sein könnte, vermehrt jetzt nur die Verwirrung und erschwert die Lösung. Wildberg – der Herr van der Mook – doch nein, fort, fort, lassen Sie uns eilen. Ich will Ihnen in Ihrem Hause davon sagen!«

Sie gingen schneller und warfen im Vorübereilen den Blick auf manche erhellte Fenster und nannten die Gäste des Herrn von Betzendorff, welche dort ebenfalls noch wachten und unter dem zermalmenden Eindrucke des unerhörten Ereignisses auf und ab schritten oder gebrochen oder – schadenfroh um die Lampen saßen. Der Major nannte die Namen und sagte: Dort wohnt der und der, und fügte stöhnend jedesmal hinzu: »Welch eine Geschichte – was soll daraus werden?«

Sie gingen immer schneller; aber ehe sie die Wohnung des Majors erreichten, trat ihnen noch jemand entgegen, der vor vielen andern berechtigt war, auch ein Wort zu sagen: der Leutnant Kind von der Strafkompanie zu Wallenburg. Sie trafen unter einer Gaslaterne mit ihm zusammen und hatten vollkommen genügende Gelegenheit, den Körper- und Geisteszustand, in welchem sich der Mann befand, zu erkennen. Es war eine furchtbare, eine schreckenerregende Veränderung in seinem Wesen und seiner Erscheinung vorgegangen. Der finstere, schweigsame Greis war zu einem Tollen, einem Wahnsinnigen geworden. Er, der durch so lange Jahre eine solche grimmige, fast übermenschliche Selbstbeherrschung ausübte, hatte mit dem ersten Worte, welches er in dem Saale des Polizeidirektors dem gehaßten Feinde entgegenwarf, alles Maß und jeden Halt verloren.

Mit einem heisern, tierischen Lachen stellte er sich den beiden Männern in den Weg und streckte ihnen die Fäuste entgegen und schrie zähneknirschend:

»Da seid ihr ja, meine lieben Herren; ich dachte wohl, daß ihr mir noch begegnen müßtet vor Sonnenaufgang. Hoho, das ist der Krieg, auf welchen ich mein ganzes langes Leben wartete und für welchen ich die Knöpfe und das Riemenzeug blank hielt! He, Major Wildberg, so frisch und lustig hätten wir es uns doch nicht vorgestellt in der Knopf-, Gamaschen- und Paradeherrlichkeit! Krieg! Krieg! So ist es recht und so soll es sein.«

»Ihr seid krank, und es ist kein Wunder, daß Ihr das Fieber habt, Leutnant Kind!« sprach Hagebucher. »Gehet nach Hause und schließt Euch ein in Euer Gemach. Euer Recht habt Ihr Euch genommen; was irrt Ihr nun noch gleich einem Trunkenen umher? Eure Rache ist Euch geworden nach Eurem Willen; es war Euer Recht, den Schuldigen zu Boden zu schlagen; aber nun gehet uns aus dem Wege und hindert uns nicht, aufzuräumen unter Euren Trümmern, unter denen auch die Unschuldigen begraben liegen.«

»Pfeift der Wind daher, mein Bürschchen?« flüsterte der Leutnant. »Aus dem Wege, aus dem Wege? Seid Ihr auch schon so weit wie die andern und schreit zeter, weil ein Mann sein Recht wie ein Mann nahm! Der Hund ist immer toll, der an die seidenen Strümpfe und unter die sammetnen Schleppen fuhr. Ich wünsche Ihnen Glück, Herr Hagebucher! Haben Sie schon so viel gelernt seit Ihrer Heimkehr?«

»Ich habe viel gelernt, alter Mann, und die Hand hätt ich mir eher abgehauen als Sie auf Ihrem Wege aufgehalten, die Zunge mir eher abgebissen als Ihnen ein Wort entgegengesprochen. Nun lassen Sie mich meinen Weg fortsetzen.«

»Ich will nicht! Mit wem soll ich jauchzen und meine Lust teilen? Weshalb haben Sie mir den Herrn van der Mook genommen? Gehen Sie und geben Sie mir diesen Viktor Fehleysen zurück! Fluch ihm, weil er mich heute allein ließ!«

Der Major Wildberg taumelte vor diesem Namen Viktor Fehleysen und griff von neuem nach der Hand Leonhards; dieser aber sagte ruhig:

»Der Herr Kornelius van der Mook ist in eine andere Macht als die unsrige gegeben. Ich halte Sie aber auch da nicht, Leutnant Kind; gehen Sie, suchen Sie ihn unter dem Dache, am Herde seiner Mutter, und führen Sie ihn mit sich fort, daß er mit Ihnen über diese Stunde Triumph rufe!«

Der Alte trat zur Seite, und wieder lachte er grimmig:

»Sei es denn, ihr feinen Leute mit der zarten Haut und den zärtlichen Gefühlen. Ich gehe allein und fordere allein meinen Gewinn von den andern. Aber ich verlange den vollen Einsatz, Blut um Blut, Leben um Leben. Die Karten liegen auf dem Tische, aber sie haben alle falschgespielt, wie der Herr Friedrich von Glimmern, und wollen auch nicht zahlen. Es ist ihre Art so, und sie vermeinen, sie können es treiben, wie sie wollen, weil sie das Regiment führen im Mäusenest, und dünken sich groß, weil sie vier Quadratmeilen zum besten haben. Er gehört zu ihnen, und ob er schon nichts weiter als ein gemeiner Schuft und Dieb ist, so wars doch unpäßlich und verdrießlich, ihm dasselbe Maß geben zu müssen wie dem Pack, welchem sie ihre gottesjämmerliche Erbärmlichkeit in Kupfer ausgeprägt und vergoldet als der Welt größte Herrlichkeit und Erhabenheit vorzahlen. Ho, es wird wohl einmal die Stunde kommen, wo der Auktionator mit dem Hammer auf den Tisch klopft und den ganzen Trödel vor dem ganzen deutschen Volk versteigert. Zwölf Exzellenzen fürn Groschen und die dreizehnte zu! Zwölf Durchlauchten für einen Groschen und die dreizehnte zu! Doch das ist einerlei, da mag auf die Schande bieten, wers erlebt; ich will mir an dem einen genügen lassen, für den ich einen höheren Preis zahlte, als die ganze Niederträchtigkeit umher wert ist. Mit meiner Ehre, meinem Glück und dem Leben meiner Kinder habe ich das Ding bezahlt, und der Kauf gilt. Beim alten Gott da oben, er gilt, und wenn sie einen Fehler in der Rechnung finden, so laßt sie. Ho, es ist ein Fehler in allen ihren Rechnungen; sie zählen nur sich selber und vergessen stets die Hände, die Fäuste, welche sich von da unten erheben mögen. Hier sind wir, die Toten und ich, und wenn sie nun ihre Hunde an die Kette legen wollen, so müssen wir die Jagd desto lustiger und couragierter fortsetzen. Laßt ihn nur laufen, den falschen Betrüger, den blutigen Mörder, wir wollen sehen, ob ihm unser Gebell und Gekläff und die Angst vor unsern Zähnen aus dem Ohr und dem Sinn kommen wird!«

Es war unmöglich, ein Wort in diesen wilden Zorn hineinzuwerfen, und noch unmöglicher wars, den rasenden alten Mann auf seinem Wege aufzuhalten.

»Da stehen die Herren und gaffen!« schrie der Leutnant Kind. »Jaja, er wird schon fort sein, und an Reisegeld wirds ihm nicht gefehlt haben. Verflucht seien die, welche mich hinderten, ihm schon eher das Knie auf die Brust zu stemmen und ihm die Hand an die Gurgel zu legen! Was gaffen die Herren? Er ist hinaus; aber die Toten und ich fahren ihm nach, und wir werden ihn erreichen und Abrechnung mit ihm halten, der ganzen falschen, feilen, heuchlerischen Welt zum Trotz.«

Noch einmal streckte Leonhard Hagebucher die Hände nach ihm aus; allein jetzt riß er sich los und stürzte fort, nach seinem eigenen Bilde wie ein Schweißhund auf der Fährte.

Der Major Wildberg hielt sich an dem Laternenpfahl und stöhnte: »Wie ohnmächtig man doch ist, wo man die Kraft der Götter haben sollte!«

Der Afrikaner aber rief: »Wenn er die Wahrheit sprach, und ich zweifle nicht daran, so will ich ein ehrlicher Mann bleiben und ihm die beste Jagd wünschen. Und jetzt kommen Sie, Major, wir wollen den Herrn van der Mook ihm nachsenden. Gott ist wahrhaftig Gott, und die Finsternis ist nicht weniger sein Diener und Prophet als das Licht.«

»Viktor von Fehleysen?! Ist das eine Wahrheit?« rief der Major Wildberg. »Ist das keine Blase, die in dem Hexenkessel dieser Nacht aufbrodelt und gleich einer Blase zerspringen wird?«

»Der Sohn der Frau Klaudine ist heimgekehrt zu seiner Mutter und sitzt bei ihr dort in der verschollenen Mühle, in dem verschollenen Tale, wo Nikola von Glimmern hinfliehen und wo sie sich verbergen will, um Ruhe zu finden.«

»Die Unglückliche!« murmelte der Major; Leonhard Hagebucher zuckte die Achseln und schwieg, und so erreichten sie die Tür der Wohnung Wildbergs, an deren Schwelle wiederum jemand in aller Angst und Ungeduld auf sie wartete. Seit einer Stunde bereits schritt der Leutnant Hugo von Bumsdorf vor dem Hause auf und ab, zerbiß seinen feinen Schnurrbart, zerpflückte seine Handschuhe, hatte aber nicht den Mut gehabt, die Glocke zu ziehen und einzutreten. Jetzt kam er den beiden heraneilenden Männern mit einem Sprunge entgegen und rief:

»Nikola, meine Kusine, meine arme Nikola! O ihr Herren, ihr Herren, was soll ich tun? Was muß ich tun? Wie kann ich hier helfen? Ich muß etwas für sie tun, um nicht toll zu werden. Hagebucher – zu Fuß und zu Pferde, wen soll ich zu Boden schlagen? – Was soll ich meinem Vater sagen, wenn er mich fragt, welchen Posten ich in dieser Nacht gehalten habe?«

»Sie werden niemand ermorden, lieber Hugo«, sagte Hagebucher. »Sie werden sich zu beruhigen suchen und mit uns kommen. Wir haben Ihre Hülfe in der Tat sehr nötig, und Sie sollen wenig Zeit zum unnötigen Grübeln übrigbehalten.«

»Dafür werde ich Ihnen auf den Knieen danken«, rief der Leutnant, und alle drei betraten das Haus.

Der Major führte die Begleiter leise die Treppe hinauf, schob sie zuerst in sein eigenes Zimmer und ging, seine Emma von ihrer Ankunft zu benachrichtigen. Während seiner Abwesenheit machte Leonhard den Leutnant in flüchtigen Worten mit der Person, der Geschichte und dem jetzigen Aufenthaltsort des Herrn van der Mook bekannt und erhöhte auch die Verwirrung des jungen Kriegers sehr dadurch. Nun kehrte Wildberg wiederum auf den Fußspitzen zurück und sagte:

»Gehen Sie jetzt, Hagebucher, Sie finden sie in dem Zimmer meiner Frau. Hugo und ich erwarten hier Ihre Rückkehr und das, was Sie uns dann zu sagen haben werden.«

Der Afrikaner pochte an die Tür der wackersten Frau Majorin, welche jemals einem biedern und friedfertigen Major Losung und Feldgeschrei erteilt hatte.

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