Frei Lesen: Abu Telfan

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Wilhelm Raabe

Abu Telfan

Dreiunddreißigstes Kapitel

eingestellt: 2.7.2007



Die Stadt war jetzt so dunkel und still, wie nur eine kleine deutsche Residenz in so später Nachtzeit sein kann. Die Lampen an den Straßenecken und in den Häusern waren erloschen; die Leute, welche von dem aufregenden Ereignis Kunde hatten, waren doch, bis auf wenige, mit demselben zu Bett gegangen, und jene wenigen saßen in ihren Winkeln, hinter dicht zusammengezogenen Vorhängen, und trugen gewiß nichts dazu bei, der Stunde einen Ausdruck von Lebendigkeit zu verleihen. Der munterste, helläugigste Bewohner der Stadt war vielleicht in diesem Augenblicke der Mann vom Mondgebirge, Herr Leonhard Hagebucher!

Er hatte unter der Haustür des Majors Wildberg einen tüchtigen Zug frischer Luft in sich gesogen; er hatte durch einen Sprung über einen Schneehaufen die Gelenkigkeit seiner Glieder geprüft und alles im besten Zustande gefunden. Er fühlte sich leicht und frei, ungefähr wie ein Mann, der lange Zeit eine Büchsenkugel in der Seite trug, nun endlich das unbequeme Bleistück in der Hand hält, es mit aller Muße betrachten und, wenn er will, es an der Uhrkette befestigen oder die tiefsten philosophischen Untersuchungen über das Verhältnis desselben zu seinem physischen und moralischen Menschen anstellen kann.

»Es soll mich wundern, was Täubrich-Pascha dazu sagt!« sprach Leonhard Hagebucher, in der Kesselstraße vor seiner eigenen Haustür anlangend, und dann kam ihm ein Gedanke, welcher ihn um so schneller die Treppe hinauftrieb.

»Teufel, wir haben uns auch ja sonst noch allerlei Konfessionen zu machen. O sedes sapientiae, wie kam der Bursche dazu, den Leutnant Kind in dieser Weise der Gesellschaft des Herrn von Betzendorff zu präsentieren?«

Eilig trat er in seine Stube und fand den Jerusalemitaner mit den Armen auf dem Gratulationsbogen und mit der Nase auf dem Gratulationsstrauß in vollständigster Geistesabwesenheit liegen und erschrak selbst heftig vor dem Angstschrei, den der träumende Schneider von sich gab, als er ihm, um ihn aufzurütteln, die Hand auf die Schulter legte. Einen gellen Schrei stieß der Pascha hervor, fuhr auf vom Tisch und gegen die entfernteste Wand, von welcher aus er verstörte Blicke umherwarf und mit den hagern Armen und Händen windmühlenhaft abwehrende Bewegungen machte.

»Gut Freund! Ich bin es! Besinnen Sie sich, Täubrich!« schrie der Afrikaner.

»Wer? Wer? O Jesus, Erbarmen!«

Hagebucher nahm die Lampe vom Tische, trat mit derselben vor den Schneider hin, beleuchtete sich und ihn und sagte:

»Überzeugen Sie sich gefälligst, daß niemand die Absicht hat, Sie zu fressen oder mit Ihnen durch den Schornstein auf und davon zu fahren. Fassen Sie sich – wen glaubten Sie vor sich zu sehen?«

»Immer ihn – meinen – guten Freund – den Herrn Leutnant – Kind!« ächzte der Schneider. »O Gott, auf die nämliche Art pflegte er während Ihrer Abwesenheit stets zu kommen, um – mir – Gesellschaft – zu – leisten. Er hat mich aufgerieben durch seine – Zu – nei – gung; und in dieser Nacht hat er sein Werk vollendet und mein – Ner – vensystem für alle Zeiten ruiniert.«

»Kommen Sie, Täubrich«, sagte Hagebucher zuredend, »setzen wir uns und sprechen wir von dieser Nacht. Sie war freilich bewegt genug, und auch Sie haben Ihre Rolle darin gespielt. Wie kam der Leutnant in das Haus des Herrn von Betzendorff?«

»Wie er immer kommt! Er stand hinter mir im Vorzimmer, und ein Dutzend Gläser mit Limonade gingen darüber zugrunde. Ich hab es schon gesagt, die Klapperschlange ist ein Engel gegen ihn – oh, er klappert nicht, kein Gedanke daran! Er ist da, und man hat keinen Willen, solange er einen unter dem Auge hält. Ich stehe zwischen den Scherben, und er fragt gradso wie damals, als er zum erstenmal hierherkam und Sie abholte, Sidi: ›Der Herr zu Hause?‹ Und dann weiß ich nur, daß er mich am Arm gepackt hält und daß ich einen andern Präsentierteller in den Händen trage und daß wir uns durch den Saal mitten durch alle die Herrschaften schieben und daß mit einemmal die Festivität in Aufsehen und Schrecken zu Ende geht und aus dem Vergnügen, Putz und Staat das allerschlimmste Durcheinander wird.«

»Sie standen mit dem Leutnant hinter dem Stuhle des Herrn von Glimmern?«

»Ich mußte wohl! Er hatte mich ja hingeführt! Es war, als könne er die Sache durchaus nicht ohne mich abmachen. Ja, ich stand hinter dem Stuhle Seiner Exzellenz, und als dieselbe aufsprangen und sich gegen den Herrn Leutnant wendeten, ließ ich das Tellerbrett zum zweitenmal fallen, und dann – dann nahm die Frau von Glimmern meinen Arm und führte mich zurück durch den Saal, und das war noch schlimmer als der Weg mit dem Herrn Leutnant Kind.«

Der Afrikaner klopfte dem Jerusalemitaner leise auf die Schulter und sagte:

»Ich danke Ihnen, Sie haben Ihre Sache recht gut gemacht und sich wie ein wackerer, treuer Ritter aufgeführt.«

»Tat ich das? Ach Gott, ich weiß es nicht; aber es ist mir lieb. Mein Herz blutete, als sich die arme gnädige Dame an mich klammerte, und ich hab auch aus der Garderobe den ersten besten Mantel gerissen und ihr denselben um die Schultern gehängt; doch ich glaube nicht, daß sie es gemerkt hat. Wie hätte ich wissen können, daß sie mich kannte? Und sie kannte mich, Sidi, und nannte meinen Namen und den Ihrigen. Es wollten verschiedene von den Damen und Herren sie aufhalten oder zu ihr sprechen; aber sie blickte sie nur an, und sie wichen zurück und erschraken sehr; sie ließen uns unseres Weges ziehen –«

»Und sie taten wohl daran«, murmelte Hagebucher.

»Wir waren in der Gasse, wie man auch wohl im Schlafe in demselben Augenblick in allem Glanz und Licht und in der äußersten Finsternis ist. Dann schauderte sie zusammen, und dann sprach sie zum erstenmal zu mir und fragte: ›Wohin gehen wir, Täubrich?‹ Ich erlaubte mir natürlich, zu meinen, nach Hause oder zu der gnädigen Frau Mutter; doch sie schüttelte zu beiden Vorschlägen den Kopf und antwortete, sie habe kein Haus mehr und zu ihrer Mutter möge sie nicht. O Sidi, ich hätte sie am liebsten zur Kesselstraße geführt, allein das ging doch nicht gut an, und so gingen wir zu der Frau Majorin Wildberg – ich wußte es eben nicht besser, und dorthin ließ sie sich ruhig führen.«

»Gott weiß es immer genau, wem er ein Führeramt aufzulegen hat«, sprach Leonhard Hagebucher ernst; und lächelnd sagte er: »Täubrich, es werden viele Schneider geboren werden, ehe wieder einer das Licht dieser Welt erblickt, der Ihnen das Wasser reicht. Und nun erlauben Sie mir, Ihnen meinen besten Dank für Ihren Glückwunsch und diesen ausgezeichneten Blumenstrauß abzustatten.«

Länger und immer länger zog der Pascha den Hals aus den Schultern, ein unbeschreibliches Grinsen verklärte sein Gesicht, jeder Muskel erwachte wie ein Winterschläfer unter dem belebenden Strahl der Frühlingssonne.

»O Himmel, o Je – rusalem, ich bitte tausendmal um Vergebung, das hatte ich ja ganz und gar vergessen!«

»Hat gar nichts zu sagen, Täubrich«, sprach Hagebucher. »Offen gestanden, ich hatte eigentlich im Sinn, Sie wegen Ihrer verführerischen Insinuationen und Ihrer ungemeinen Anlage zur Ausübung aller häuslichen Tugenden recht grausam zu behandeln; aber – video meliora proboque, das heißt, für diesmal ists wieder nichts, und ich denke, wir lassen es nunmehr dabei bewenden.«

Der Pascha sah von neuem ein Gespenst und wich abermals gegen die Wand zurück.

»Sie will nicht, Täubrich!« seufzte Hagebucher.

»Sie will nicht?« schrie der Schneider im höchsten Diskant.

»Unter keiner Bedingung.«

Täubrich-Pascha setzte sich, fuhr mit beiden Händen durch die Haare und fragte, wie der vollberechtigtste Professor der Logik, der das, was er zu erfahren wünscht, für alle Dinge im Himmel und auf Erden anzugeben weiß:

»Gründe?!«

»Ferdinand!« antwortete Hagebucher dumpf und fügte noch dumpfer hinzu: »Zwickmüller!«, und Täubrich-Pascha versank in einen Abgrund, in welchen wir ihm unter keiner Bedingung nachsinken werden; denn wir würden nicht die Fähigkeit und Kraft in uns finden, wieder aus ihm emporzuschnellen und der alte zu sein. Es kostete freilich den Afrikaner einige Mühe, ihn jetzt zu der nötigen, bewußten Tätigkeit zu wecken; allein als es gelungen war, wurde er in seiner nervösen Zerschlagenheit sehr lebendig, gab seine Ratschläge klar und deutlich und nahm seine Verhaltungsmaßregeln für die nächste Zeit mit ganz offenen Augen und Ohren entgegen. Um sechs Uhr hielt durch seine Vermittelung Leonhard Hagebucher mit einem Wagen vor der Tür des Majors Wildberg. Ein neuer Tag dämmerte über der Welt, über dem Wege des Herrn von Glimmern, über dem Wege des Leutnants Kind und selbstverständlich auch über dem Wege des Leutnants Hugo von Bumsdorf.

Ein dichter Nebel lag um diese Zeit über und zwischen den Bergen von Fliegenhausen, und der Pfad war jetzt fast schwieriger zu finden und gefährlicher zu beschreiten als in den ersten Stunden nach Mitternacht, wo die Luft klar war und der Schnee die Nacht doch ein wenig heller machte. Aber der Leutnant Hugo von Bumsdorf war ein trefflicher Reiter, und, was unter den augenblicklichen Umständen fast noch nützlicher war, er kannte seine Heimatgegend in allen Winkeln und Ecken auswendig; denn er hatte sie sowohl in seiner unschuldigen Jugend als auch in seinen weniger unschuldigen Jünglingsjahren unsicher genug gemacht. Er erreichte Nippenburg eine halbe Stunde eher, als er für möglich gehalten hatte, und durchtrabte den Ort, leider ohne sich mit vollstem Genuß den tausend heitern Erinnerungen, die sich für ihn mit dem Nest und seinen schlaftrunkenen Philistern verknüpften, hingeben zu können. Er blickte kaum hinauf nach den Fenstern der holden Jungfrauen der Stadt, er fühlte diesmal nicht das Bedürfnis, dem Onkel und der Tante Schnödler einen Possen zu spielen, er fror sehr, und seine Pflicht erlaubte ihm nicht einmal, einen Augenblick vor dem Goldenen Pfau zu halten und um ein Glas Madera das ganze, noch im tiefen Schlummer liegende Haus vom Keller bis zum Giebel zu erschüttern. Er ritt auch durch Bumsdorf, ohne anzuhalten, und warf nur einen verlangenden Blick rechts auf das Haus des weiland Steuerinspektors Hagebucher und links über die Gartenmauer auf die geheiligten Dächer des väterlichen Gutes.

»Ich möchte wohl wissen, wer die Freundlichkeit hat, in diesem Augenblick von mir zu träumen!« brummte er. »O Roland, mein armer Gesell, da liegen sie, warm eingewickelt – bah, was der Alte dort links zusammenschnarcht, ist mir unermeßlich gleichgültig, allein die kleine Lina – weiter, weiter, Roland! Sie werden jedenfalls kuriose Augen machen, wenn wir unsern Auftrag ausgerichtet haben und uns ihnen präsentieren werden.«

Er stieß von neuem dem arg abgehetzten Gaul die Sporen in die Seiten und jagte weiter, indem er fortwährend zwischen allerlei Verwünschungen des Herrn von Glimmern die Namen Viktor Fehleysens und der Frau Nikola brummte. Er verwünschte, da er einmal im Zuge sich befand, noch manches andere, und so langte er bald nach sieben Uhr wohlbehalten, jedoch von Zorn, Wehmut und einer gewissen Angst seltsam bewegt, vor der Katzenmühle an und erblickte zu seinem Trost durch den dichten Nebel den Schein eines Lichtes. Es wachte also bereits jemand im Hause, der Bote konnte mit Bequemlichkeit melden, was er zu sagen hatte, und, wenn es ihm so beliebte, auf der Stelle das Haupt seines Rosses umwenden und nach der Hauptstadt zurückreiten. Es beliebte ihm nicht so. Erstarrt und schaudernd ließ er sich mühsam von dem schaudernden, dampfenden Pferde zur Erde herab, schleuderte den Zigarrenstumpf in den Wald hinter sich und taumelte durch das Gärtchen auf das Fenster, aus welchem der Lichtschimmer hervordrang, zu. Gern würde er erst einen forschenden Blick in das Zimmer geworfen haben, allein die Eisblumen an den Scheiben verhinderten es, und so mußte er doch pochen, um Einlaß zu erhalten. Sogleich fuhr im Gemach jemand, den Stuhl umwerfend, empor, eine dunkle Gestalt trat zwischen das Fenster und das Licht.

»Gut Freund!« rief der frierende Bote und fügte, sich schüttelnd, hinzu: »Alle Wetter, ich merke, daß man uns nicht erwartete.«

In demselben Augenblick schon öffnete sich die Tür der Katzenmühle, der Herr van der Mook erschien auf der Schwelle, und zwar mit einem Revolver in der Hand, für welche Vorsichtsmaßregel sich leicht eine Entschuldigung in seinem früheren Leben finden ließ.

»Bitte, keine Umstände zu machen«, sagte der Leutnant herantretend. »Mein Name ist Bumsdorf, ich komme im Auftrage des Herrn Leonhard Hagebucher, meines sehr guten Freundes, aus der Residenz, und wenn ich die Ehre habe, mit dem – Herrn – Herrn van der Mook, das heißt dem Herrn – Herrn Viktor –«

»Ich bin Viktor Fehleysen oder auch, wenn Sie wollen, der Tierhändler Kornelius van der Mook«, sprach der andere, erstaunt und mißtrauisch den erfrorenen jungen Krieger anstarrend. »Was ist geschehen? Da Hagebucher Sie schickt, so – da Sie meine Existenz, meinen Namen kennen, so – bitte, treten Sie ein – ein wenig leise, wenn ich bitten darf; meine Mutter schläft noch; und was Sie auch bringen mögen, mein Herr, Sie müssen leise auftreten.«

In dem sehr heißen Zimmer wäre der Leutnant fast zu Boden gesunken. Viktor Fehleysen griff ihm unter die Arme und setzte ihn in den Lehnstuhl seiner Mutter. Der Ofen glühte, der Dampf türkischen Tabaks erfüllte in dicken Wolken den Raum; eine Kaffeemaschine stand auf dem Tische neben der Lampe und zwischen einem bunten Durcheinander von Landkarten, Büchern und Rechnungen. Der Leutnant Hugo von Bumsdorf hatte nie in seinem Leben eine so ausgezeichnete Tasse Kaffee getrunken wie die, welche der Herr van der Mook ihm jetzt reichte.

Es währte eine geraume Zeit, ehe der Bote fähig war, sich seiner Botschaft zu entledigen; aber schon bei den ersten Worten seines Berichtes kam eine Veränderung über den Herrn van der Mook, die dem Mann aus dem Tumurkielande sicher nicht mißfallen hätte. Viktor von Fehleysen war dem Leutnant mit derselben stumpfsinnigen Verbissenheit entgegengetreten wie allen andern, deren Hände er wider sich glaubte, und der Leutnant Hugo hatte sich in der Tiefe seiner Brust die Bemerkung gestattet: »Das scheint mir ein widerlicher, ein recht unangenehmer Patron zu sein! Teufel, ein heiterer Kumpan, um einen Winter lang sich mit ihm in einer Höhle wie diese zu verschließen. Gott tröste die arme Nikola und die Frau Klaudine!«

Er hatte dann auch, sobald er dazu fähig war, mit vollem Bewußtsein das Wichtigste, nämlich daß die Frau Nikola von Glimmern ihm auf dem Fuße folge, an die Spitze seines Berichtes gesetzt und fuhr fort, im schnellen Fluge zu erzählen, wie getrieben von dem Bedürfnis, seinem Zuhörer wieder aus den Augen zu kommen.

Aber die Augen dieses Zuhörers leuchteten, wie gesagt, merkwürdig; er fing an, schnell und immer schneller zu atmen, er knöpfte die Weste auf und nicht nur die Weste, sondern viel mehr als die. Ohne den Erzähler zu unterbrechen, hörte er zu, und nur einmal murmelte er dazwischen: »O Mutter! Mutter!«

Und Herr Hugo von Bumsdorf berichtete so objektiv, wie es ihm niemand zutrauen konnte; er ließ seine eigenen Anschauungen, Empfindungen und Gefühle sowie alle jene beliebten Exkursionen in das eigenste Privatleben diesmal gänzlich beiseite und sprach sogar von dem Leutnant Kind, ohne sich dadurch auf das Gebiet seiner eigenen militärischen Erfahrungen, Freuden und Leiden hinüberlocken zu lassen.

Der Leutnant Kind! Pah, der Leutnant Kind befand sich bereits auf dem Wege; – er reiste dem Herrn von Glimmern nach, und der Leutnant von Bumsdorf war der Ansicht, daß die beiden Herren jedenfalls irgendwo zusammentreffen würden. Der Leutnant Viktor von Fehleysen schritt auf und ab und sah unschlüssig bald nach dem Revolver, welchen er auf den Tisch niedergelegt hatte, bald nach der Tür und sagte leise von Zeit zu Zeit: »Ich freue mich, daß ich lebe! Ich freue mich, daß ich lebe!«

Da öffnete sich die Tür, und herein trat hastig und sehr bleich die Frau Klaudine, gab dem schnell aufspringenden Hugo die Hand und schloß den Sohn fest in die Arme.

Das Schnaufen und Scharren des armen, müden Roland draußen im Schnee hatte sie aus dem Morgenschlafe geweckt; sie hatte die fremde Männerstimme in dem Gemache unter ihrer Kammer gehört, und die heftigste Angst um den Sohn trieb sie schnell vom Lager empor und die Stiege hinab. Schon an der Tür erhorchte sie einige Worte und Namen, die sie teilweise beruhigten, teilweise aber auch um so heftiger erschütterten; und nun stand sie, blickte von einem der beiden Männer auf den andern und rief: »Ihr dürft mir nichts von allem, was geschah, verbergen. Sie sind die Nacht durch geritten, und Leonhard sendete Sie, Hugo; – Sie sprachen von Nikola; – was bringen Sie meinem Sohn und mir?«

»Wir wollen dir auch nichts verbergen, Mutter«, sprach Viktor so sanft, wie es sonst durchaus nicht in seiner Art lag. »Du hast deinen Sieg über uns alle gewonnen; aber du wirst dich wohl wieder einmal von neuem einzurichten haben. Nikola kommt zu dir, und ich gehe, aber diesmal in Frieden, und du wirst mich auch nicht zurückhalten wollen.«

Die Frau Klaudine erfuhr ebenfalls durch den Leutnant von Bumsdorf alles, was sich in der Residenz zugetragen hatte und was noch kommen sollte. Sie saß während der Erzählung mit tief verhülltem Gesichte; als jedoch Herr Hugo zum zweitenmal zu Ende kam, blickte auch sie aus feuchtglänzenden Augen fast heiter auf und sagte: »Ja, gehe, mein Sohn, ich habe dich lange in Schmerzen entbehren müssen; doch heute gebe ich dir mit ruhigem Herzen meinen Segen zu deinem Scheiden. Du hast nur einen Weg vor dir – geh und sieh zu, daß jenem unseligen Mann von deinem alten Kettengenossen nicht mehr geschehe, als zu verantworten steht! Du kannst nicht mit der Frau Friedrichs von Glimmern unter einem Dache wohnen – geh und sei gut, mein lieber Sohn! Gott hat sich als ein gerechter Gott an uns erzeigt; Viktor, Viktor, siehe zu und hilf, daß kein neues Blut über unsern Weg fließe, daß keine neue wilde Tat zum Himmel um Rache schreie. Gedenke zu allen Stunden daran, wer von jetzt an der Seite deiner alten Mutter wandeln und sitzen wird, und du wirst ein tapferer Mann sein, ein starker und milder Mann.«

»Wahrhaftig, das sage ich gleichfalls«, seufzte der Herr van der Mook, »es ist gut so, wie es ist. Das sehe ich wohl ein. Und ich danke auch dem jungen Herrn Kameraden hier recht herzlich für seinen beschwerlichen Nachtritt. Er jagt mich aus einem warmen Nest, du gute, alte, stolze Mama; aber es ist mir, als hätt ich hundert Jahre lang geschlafen, und bei allem, was lebendig ist, ich freue mich, daß ich wache! Ich hatte das Leben vor mir wie einen Tanz nächtlicher Spukgestalten und hatte das Wort, das sie auseinanderjagen konnte, vergessen. Nun hat es ein anderer aus der Ferne herübergerufen, ich wache – ich lebe, und ob ich gleich wieder hinausmuß auf die Landstraßen, der Tag ist von neuem mein, und ich werde ihn benützen, nicht wie ein Wilder, ein Betrunkener, ein Wahnsinniger, sondern wie ein vernünftiger Mann, ein anständiger Gesell.«

Nun hatte die Frau Klaudine schon seit einigen Augenblicken die Hand des Leutnants Hugo gefaßt und fing jetzt an, mit ihm zu reden, als ob das Große und Ängstliche der Stunde gar nicht vorhanden sei. Mütterlich besorgt, erkundigte sie sich nach seinem Befinden und freute sich sehr, zu vernehmen, daß er vollkommen wiederaufgetaut sei und daß die Strapazen der Nacht nur von den wohltätigsten Folgen für ihn in jeder Beziehung sein würden. Sie konnte sogar ein Wort des innigsten Mitleids für den armen Roland finden, und wie der Herr van der Mook kam auch der Leutnant von Bumsdorf immer mehr zu der Überzeugung, daß die Frau Klaudine doch eine »stolze Seele« sei.

Um zehn Uhr hielt der Leutnant auf dem Fuchs des Wirts zum Ochsen in Fliegenhausen in Bumsdorf vor dem Hagebucherschen Vaterhause und hatte, ehe er sich dem eigenen Hause zuwandte, ein recht angenehmes, aber doch ziemlich unnötiges Gespräch mit dem Fräulein Lina Hagebucher.

Um elf Uhr hatte Viktor von Fehleysen die Katzenmühle verlassen; die Frau Klaudine saß still mit geschlossenen Augen in ihrem Stuhl und horchte auf die Schritte, die sich in der Ferne verloren, und horchte auf die Schritte, die sich aus der Ferne näherten. Sie betete für alle – für alle; wer aber betete für Unsere Liebe Frau von der Geduld?

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