Frei Lesen: Abu Telfan

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Wilhelm Raabe

Abu Telfan

Vierunddreißigstes Kapitel

eingestellt: 2.7.2007



Auch wir sitzen und lauschen einen Augenblick den Fußtritten, die sich entfernen, und denen, die sich nähern; denn wir haben nunmehr zwei Wege vor uns, auf welchen wir dieses Mal das Ziel unserer Wanderschaft zu erreichen vermögen. Wir können dem Herrn Kornelius van der Mook von Stunde zu Stunde, von Station zu Station folgen und erzählen, wie es ihm gelang, sowohl den Baron Glimmern wie auch den Leutnant der Strafkompanie Kind einzuholen, wie beide ihm dessenungeachtet für alle Zeit entgingen und wie er im Grunde und seiner ganzen Charakterentwicklung gemäß über das letztere herzlich froh war, wenn er es sich gleich anständigerweise nicht merken lassen durfte. Wir können aber auch einen zweiten Pfad einschlagen, auf welchem die wilden Worte, die harten Taten, die schlimmen Verhängnisse uns nicht gellend und grell zu Ohr und Auge dringen, sondern nur leise aus der verschleierten Ferne uns mahnen, wie die Welt beschaffen ist, in der wir leben, unsere Freude haben und uns in allen unsern Kräften und Empfindungen zur Geltung bringen wollen. In utrumque paratus, zu beidem gerüstet, wählen wir die letztere Art zu endigen; denn wir halten es weder für eine Kunst, noch für einen Genuß und am allerwenigsten für unsern Beruf, das Protokoll bei einer Kriminalgerichtssitzung zu führen.

Um zwölf Uhr mittags kam Leonhard Hagebucher mit der Frau von Glimmern in dem Walde von Fliegenhausen an, und zwar an derselben Stelle, von welcher aus man einst die bewußtlose Frau Klaudine zur Katzenmühle trug. Er geleitete die tiefverschleierte Nikola durch den Wald, und nun klang nichts mehr um sie her als vielleicht der Schnee, welchen irgendein Zweig, der sich von seiner Last befreien konnte, abschüttelte.

Lasset uns sehen! Es war im Frühling, Sommer und im Herbst ein heftig Rauschen und Spülen der Wasser im obern Land. Sie wurden im hastigen Schuß über Räder gezwungen, sie wurden durch künstliche Maschinen, durch allerlei Kraft in die Höhe gezogen und abwärts gestürzt, je nach dem Willen des Menschen. Sie wurden aus ihren natürlichen Betten in künstliche Kanäle über und unter der Erde gedrängt und mußten in Schmutz und Verdrießlichkeit ihre klaren, reinlichen Gewänder zurücklassen. Wie der Mensch hatten sie wenig Vergnügen von ihrem Dasein; es war eine ewige Qual, ein freudeloses Abarbeiten bei Tag und bei Nacht: lasset uns hören, was die einzelnen Tropfen, welche da drunten in der Tiefe, in dem abgeschlossenen Tal, bei den sieben Zwergen, über das alte, zerbrochene, vom grünen Moos überzogene Rad der Mühle klingen, von dem Leben da draußen vor den Bergen, von dem Gewühl und Treiben der Märkte und Gassen in Brabant, von dem Hofstaat der schönen Richilde zu sagen haben!

Still, still! Der leise Fall der Tropfen an dem Rade war ja verstummt in dem weißen Walde, die Frau Klaudine hatte schon lange nicht mehr nach ihrem Klang die Zeit gezählt, und wer hatte das Recht, unter dem Dache und am Herde der Frau Klaudine nach dem Gewimmel von Brabant und nach dem Hofhalt der Prinzeß Richilde zu fragen?

Die Geduld, die Treue und mit ihnen der Sieg in seiner schönsten Gestalt standen auf der Schwelle des Hauses, die nahende, schmerzensreiche Nikola zu empfangen und zu sagen: »Sei uns gegrüßt, du bist heut noch tausendmal mehr willkommen als in jenen Tagen, in welchen du mit deinem hellsten Lachen hierhersprangest. Sei gegrüßt, wir beiden Schwestern wollen dein müdes Haupt im Arme halten; solange du nicht über unsern Bann hinaustrittst, hast du nichts zu fürchten von den Mächten, welche dich zu diesem Orte jagten. Sei gegrüßt, wir heißen Geduld und Treue, die Menschen reden viel von uns, und wenige kennen uns; wer aber stark ist, wie die alte Frau, deren Wohnung wir bewachen, dem gibt unser Bruder den Kranz, welchen er der Frau Klaudine gegeben hat.«

Man vernahm in der Katzenmühle den Schall keiner Kirchenuhr; aber es war zwölf Uhr mittags, und in Fliegenhausen setzten die Bäuerinnen eben den dampfenden Suppennapf auf den Tisch, als der Mann vom Mondgebirge mit der Frau Nikola die Mühle erreichte.

Die Frau Klaudine schrie nicht auf und sprang nicht auf; sie streckte nur den Eintretenden beide Hände entgegen und rief:

»Mein Kind, meine liebe, liebe Tochter, nun bist du heimgekehrt, nun hab ich dich ganz und lasse dich nimmermehr von mir. Siehst du, die Verlorenen, die Toten kehren doch zurück! Die mit hundert Ketten in der tiefsten Knechtschaft gebunden lagen, können sich losringen oder können von ihren bösen Herren selbst mit Lachen in die Freiheit hinausgestoßen werden. Nikola, meine Tochter, jetzt hat niemand mehr einen Anspruch auf deine Seele als ich – hörst du? Niemand! Niemand! Keiner in der Nähe und in der Ferne; keiner in der Vergangenheit und in der Zukunft; keiner in der ganzen weiten Welt! Die einen haben nun alle Rechte an dich aufgegeben; die andern mußtest du selber von dir weisen; nur mich allein darfst du jetzt lieben; nur meine Tochter, mein Kind darfst du sein; denn sieh, das ist das schöne süße Innerste des herbsten Schmerzes, daß, wenn es nicht so wäre, du ja auch gar nicht zu mir kommen durftest! Du bist betäubt, aber die Stunde ist nicht fern, wo du selbst an deine Freiheit glauben wirst. Sei still und gedulde dich; es gehen Jahre vorüber wie ein Tag, das ist ein altes Wort; aber nicht immer ist der Mensch fähig, seinen ganzen guten und tröstlichen Inhalt zu fassen.«

Es war im Anfange nur der Klang der Stimme der Frau Klaudine, welchen Nikola von Glimmern vernahm. Den Sinn der Worte begriff sie in ihrer jetzigen Betäubung noch nicht; allein auch die Stunde war nicht fern, in welcher die Mutter von der Heimkehr des Sohnes klarer und bestimmter reden durfte und mußte und für das leiseste Beben und Schwingen ihres Herzens einen Widerhall fand.

Das war noch eine schreckliche Stunde für Nikola, als ihr nun das volle Verständnis ihrer Lage zuteil wurde. Die Enthüllung geschah in der Abenddämmerung, als sich die Nebel und die Schatten des Waldes wieder dicht um die Katzenmühle zusammengezogen hatten und die Frau Klaudine, in ihrem Lehnstuhl sitzend, das Haupt der Frau Nikola im Schoße hielt. Der erste Eindruck war überwältigend und die Erschütterung fast größer als bei jener schrecklichen Szene in dem Ballsaal des Herrn von Betzendorff. Langsam, mit Augen starr und gläsern, erhob sich Nikola von Glimmern. Mit einem hellen Schrei riß sie sich aus den schützenden, den treuen Armen der Greisin los und stand aufrecht und lachte wild und rief: »Mutter, es war nicht recht, mir das zu verschweigen! Auch das war ein falsches Spiel! O wie grausam, mich hierherzuführen, um mir zu verkündigen, es sei auch an dieser Stelle kein Raum mehr für mich, es sei überhaupt kein Raum mehr für mich auf Erden und alles sei vorüber und jeder habe sein Teil dahingenommen und ich das meinige.«

Und sie zog ihr Tuch mit hastiger Gebärde um die Schultern zusammen, sie eilte gegen die Tür, als sei ihres Bleibens in der Mühle, am Herde der Frau Klaudine keinen Augenblick länger, als müsse sie auf der Stelle hinausstürzen in die Nacht, in den Wald, in das Grab, gleichviel wohin und zu welchem allerletzten Schicksal.

Noch einmal stöhnte sie laut, halb im wilden Schmerz, halb im wilden Zorn; aber der Zorn galt doch nur ihr allein, und in dieser Trennung und Teilung ihres Gefühls war jetzt einzig ihre Rettung vor dem Wahnsinn und konnte sie von einer abermaligen ziellosen Flucht zurückgehalten werden. Der Schmerz gehörte auch der Frau Klaudine, und deren Macht über die Unglückliche lag in ihm verborgen. Leise, und bittend und weinend rief die Frau Klaudine ihren Namen, da ließ sie die Hand von dem Türgriff sinken und stand einen Augenblick, die Hände gegen die Schläfen drückend, stürzte dann zurück und lag von neuem auf den Knieen vor Unserer Lieben Frau von der Geduld, barg von neuem das Gesicht in ihrem Schoß und ließ sie ausreden und ließ sie erzählen, wie er heimkam, was er alles erlebte und wie er nun freudig und als ein besserer Mann gegangen sei und den Platz am Herzen seiner Mutter mit der frohen Überzeugung geräumt habe, daß alles sich zum besten wenden werde.

Die Mutter verschwieg nichts. Sie schilderte den Sohn, wie er war, und zauderte nicht, ihn bis ins kleinste so darzustellen, wie das tolle, wüste Leben ihn herangebildet hatte. Nicht Leonhard Hagebucher, nicht Freund und Feind hätten ein unbefangeneres Urteil über ihn abzugeben vermocht. Sie entkleidete ihn von allem Glanze, der ihm nicht gehörte, sie verschwieg nicht, was ihm stets mangelte und was er dazu verlor; aber sie verschwieg dann auch nicht, was er erwarb auf seinen abenteuerlichen Wegen. Sie zeigte, wie man ihm helfen, wie man ihn fördern könne; sie zeigte, wie grade in dem Aufenthalt der heimatlos Gewordenen im Schutze und am Herzen der Mutter der größte Segen und die teuerste Bürgschaft des Friedens für den so lange heimatlos gewesenen Sohn liege. Zuletzt sprach sie von dem Leutnant Kind, und dichter drängte Nikola sich an sie, als dieser Name genannt wurde.

Nikola von Glimmern kannte jetzt die Geschichte des Leutnants Kind ebenfalls. Auf dem schweren, tränenreichen Wege zu der Katzenmühle hatte Hagebucher sie vorsichtig und ganz allmählich damit bekannt gemacht, jedoch den Platz des Herrn van der Mook leer darin gelassen; nun öffneten sich vor ihren Augen auf allen Seiten die Abgründe, zwischen denen sie gewandelt war; nun blickte sie mit einemmal schaudernd in das Gewimmel gespenstischer Arme und fleischloser Hände, die sich von jeder Seite aus der Tiefe emporgereckt und nach ihr gegriffen hatten. Eine Gespensterfurcht kam über sie, von der sie in ihrem spätern Leben nie wieder ganz frei wurde; und nie mehr konnte sie von der Stunde an ein Zimmer verlassen und eine Tür hinter sich zuziehen, ohne bis in alle Tiefen ihres Wesens ein Gefühl zu haben, daß sich in dem leeren, eben verlassenen Raume ein unheimliches Etwas aufrichte und mit einem öden, totenhaften, blöden Grinsen ihr nachstarre und zische: »Glaubst du, du seiest je allein und bei dir? Wir sind da! Wir sind da, sehen auf dich, hören auf dich, achten auf dich und lachen deiner! Dir hilft kein Trotz, dich rettet nicht die Scham, wir sehen, wir hören, wir haben unsere Lust an dir, sind deine Feinde und wissen, daß wir dich mit unsern Blicken töten werden!« – Die Genien auf der Schwelle und am Herde der Frau Klaudine hatten einen harten Stand gegen diese Feinde. –

»Ich will bleiben; denn ich habe ja doch keinen Willen mehr«, sagte Nikola. »Ich habe ihn von neuem hinausgetrieben und mich an seinen Platz gesetzt. Du sagst, es sei gut so, meine Mutter, und ich will es versuchen, daran zu glauben; aber denken kann ich nicht mehr darüber.«

»Es ist gut so!« sprach die Greisin und konnte weiter nichts sagen; denn nun folgte für Nikola von Glimmern jener Zustand, welchen die Sieger wie die Besiegten kennenlernen, jener Zustand, in welchem man dem Patienten nichts weiter zuliebe tun kann, als ihm im Sommer die Fliegen abzuwehren und im Winter ihn liegen zu lassen, wie er sich niederlegte, oder ihm höchstens das Kopfkissen zurechtzurücken.

Es war keine Krankheit, von der Nikola ergriffen wurde, es war nur diese unendliche Müdigkeit und Schlummersucht, während welcher ein jegliches dem Menschen gleichgültig wird, nur nicht das Knarren der Tür, das Zurückschieben eines Stuhles oder Tisches, der Lärm der Gasse und die Besuche selbst der besten Freunde. Vor alle diesem aber war die Müde in dem winterlichen Walde, in der verzauberten Mühle ganz sicher. Der Ruf der Krähen und der wilden Gänse, wie sie ihren Flug über die Baumgipfel nahmen, störte nicht, sondern klang sogar wie eine tröstende Stimme aus dem großen wahrhaftigen Reiche der Natur herüber, und das nämliche tat der Wind im Leisen und im Lauten.

Auch Leonhard Hagebucher, der einzige, welchem aus dem weiten vielgestaltigen Kreise, der einst seine Wirbel um die Frau Nikola zog, jetzt die Tür der Katzenmühle offenblieb, störte nicht. Er kam auf den Fußspitzen, ging auf den Fußspitzen und sagte wenig. Stundenlang saß er oft mit einem Buche in der Hand, ohne zu lesen, in einem Winkel oder am Fenster der Mühle und sah in den Wald hinaus. Und wenn man ihn gefragt hätte, an was er denke, an die Tante Schnödler oder den klugen Schneider Felix Täubrich, an die Madam Kulla Gulla zu Abu Telfan im Tumurkielande oder an Herrn Ferdinand Zwickmüller zu Montreux am Genfer See, so würde er gewiß häufig die Antwort auf solche Fragen schuldig geblieben sein. Aber doch gab es etwas, an welches er zu jeder Stunde denken mußte und auf welches er auch allstündlich mit dumpfer Unruhe wartete. Das war eine Nachricht von dem Herrn Kornelius van der Mook, welche dieser ihm weder mündlich noch schriftlich versprochen hatte und welche doch einmal von ihm anlangen mußte: heute oder morgen, beim Frühstück oder beim Zubettegehen, am hellen, lichten Mittage oder um Mitternacht, in der Stunde, in welcher die Geister Erlaubnis haben, auf Erden zu erscheinen, welche letztere Zeit vielleicht die passendste genannt werden konnte. –

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