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Wilhelm Raabe

Abu Telfan

Sechsunddreißigstes Kapitel

eingestellt: 2.7.2007



»Dieses ist fürchterlich und keiner meiner Voraussetzungen entsprechend!« ächzte der Professor und Doktor der Weltweisheit Reihenschlager, die triefende Stirn mit dem Sacktuch betupfend und unter der emporgeschobenen Brille weg die Landstraße entlangschauend. »Der Weg scheint um so länger zu werden, je länger wir ihn beschreiten, der Staub ist mir im höchsten Grade zuwider, die Sonne ist trotz dieses Regenschirmes unerträglich, und von dem Zustand meiner Füße will ich gar nicht reden. Täubrich, wäre es nicht mein Grundsatz, jedes Unternehmen, dem ich mich einmal gewachsen fühlte, bis ins Äußerste durchzusetzen, so würde ich mich unserm Vorsatz, Nippenburg ganz und gar zu Fuß zu erreichen, im gegenwärtigen Augenblick nicht mehr gewachsen erklären und auf sämtliche Lehren der stoischen Schule pfeifen. Verstehen Sie mich?«

»Ich glaube es, doch weiß ich es nicht recht«, sprach Täubrich-Pascha, mit dem gewohnten melancholischen Kopfschütteln den gelehrten Mann anstarrend.

»Sie glauben mich zu verstehen, aber wissen es nicht – gut! Das Begehren ist entweder sinnlich oder vernünftig. Daraus entstehen nach Beschaffenheit der Gegenstände vier Leidenschaften oder Gemütsbewegungen und drei vernünftige Willensbestimmungen, über welche Sie das Nähere beim Cicero in den Tuskulanischen Unterhaltungen selber nachlesen mögen. Der Weise bestimmt sein Begehrungsvermögen nur durch die letztern drei, und darin bestand die stoische Apathie, und darum werden wir unter allen Umständen Nippenburg zu Fuße erreichen. Verstehen Sie nun?«

»Vollkommen!« rief der Schneider und Famulus mit einem muntern Bockssprung und fügte hinzu, was die Strapazen und die Sommerwärme anbetreffe, so sei das noch gar nichts; in Palästina könne man ganz andere Dinge erleben, ein Ende finde jeder Weg und auch Nippenburg lasse sich wohl noch vor Mittag erreichen, wenn man nicht vor jedem Steine anhalte oder über ihn stolpere. Der Professor faßte mit einem tiefen Seufzer von neuem alle körperliche und geistige Kraft zusammen und trabte keuchend dem leichten Schneider nach auf der staubigen Chaussee des Vetters Wassertreter, durch den schwülen Hochsommermorgen den Bergen von Nippenburg, Bumsdorf und Fliegenhausen entgegen. Wie aber das drollige Paar auf die Landstraße geriet, darüber ist jedenfalls einiges zu sagen, ehe wir das Vergnügen haben werden, seinem Einzug in die Heimat Leonhard Hagebuchers anzuwohnen.

Der Professor hatte viel erlebt im letzten Winter und Frühling. Sein Hausfreund Leonhard war in schnödester Weise zum zweiten Male ihm und der koptischen Grammatik durchgegangen, und seine Tochter hatte selbstverständlich sich an nichts gekehrt, hatte um Pfingsten ihren Ferdinand zum Altar geführt und besorgte mit großer Energie die Küche und Wäsche in ihrem internationalen Erziehungsinstitut am Lacus Lemanus. Die ganze Welt stand auf dem Kopf, der Professor wußte sehr häufig nicht, wo ihm der seinige stand, und um ihm denselben zurechtzusetzen, war ihm niemand geblieben als der Pascha, ein Mann und Berater, auf welchen man sich freilich in allen Dingen verlassen konnte.

Wohl hatten ihm das Töchterchen und der Schwiegersohn den Vorschlag gemacht, mit ihnen in die Fremde zu ziehen und durch seinen Beistand das internationale Institut auf die höchste Stufe pädagogischer Vollkommenheit zu heben: allein da war er wirklich grob geworden und hatte sämtliche Götter von Latium und Hellas zu Zeugen aufgerufen, daß er tausendmal lieber bei lebendigem Leibe den Rogus besteigen als sich zu solcher Versündigung an der treuen deutschen gelehrten Gründlichkeit und den hohen Ahnen wahrhaftiger germanischer Philologie herbeilassen werde, gab also der Tochter so viel des väterlichen Segens, als er davon zu geben hatte, ließ sie ziehen, ohne sie weiter als bis zur Haustür zu begleiten, verriegelte sich in seinem Studierzimmer und versank vollständig aus der Welt der Lebendigen. Schimmel bildete sich in seinem Dintenfaß, Wurmmehl sammelte sich unter seinem Stuhle, Staub auf seinen Papieren und immer tieferer Mißmut auf seiner Stirn. Die Arbeit an dem hochgelehrten wichtigen Werke, die zu keiner Zeit mit Dampfeskraft vorschritt, stockte allmählich ganz; das Haus war still wie das Innere einer Pyramide, der Alte repräsentierte vortrefflich die Mumie in der tiefsten dunkelsten Grabkammer, und Täubrich-Pascha stand nachdenklich wie ein melancholisch von Nilpflanzen und Krokodileiern träumender Ibis auf der Schwelle und antwortete jedem Einlaßbegehrenden:

»Der Herr Professor sind nicht zu sprechen.«

Es muß ewig unentschieden bleiben, wer von den beiden dumpfigen Ägyptiern zuerst den großen Gedanken faßte und aussprach, dem Freunde aus dem Tumurkielande in seiner eigenen Heimat, das heißt in Bumsdorf, einen Besuch abzustatten. Der Gedanke war jedenfalls ein rettender, und der römische Stein von Fliegenhausen tat sicherlich das Seinige dazu, daß er nicht beiseite geschoben wurde, sondern allmählich in immer schärfern Umrissen hervortrat. Einige anlockende neue Briefe Leonhards steigerten die Sehnsucht nach dem Manne vom Mondgebirge. Zu Anfang Juni war aus dem Wunsch, ihn zu besuchen, ein Entschluß geworden, und zu Anfang der Hundstage waren sämtliche Vorbereitungen zu der abenteuerlichen, aufregenden Expedition getroffen; es stand dem Aufbruche nichts mehr im Wege, und eines schönen Morgens brach man wirklich auf.

Seit zwanzig Jahren war der Professor nicht über die nächste Umgebung der Hauptstadt, die bekannte Promenade und den bronzenen Großherzog hinausgekommen und wußte durchaus nicht, was er tat, als er sich in antiker Waghalsigkeit für eine »Fußreise« entschied. Man hat auch wohl in der Hand einer Mumie Weizenkörner gefunden, welche man nach dreitausendjähriger Ruhe in die Erde pflanzte und genügend begoß und welche lustig zu keimen anfingen, grüne Halme trieben und zuletzt recht anständige Ähren trugen: ein ähnliches Erwecktwerden und Erwachen erfuhren jetzt die Gefühle und Stimmungen dieses alten Kopten.

Seine Frau hatte er begraben, seine Tochter war er ebenfalls los; er holte den Ziegenhainer aus dem Winkel, in dem derselbe mehr als vierzig Jahre hindurch unbeachtet stand; er fand sein altes Kommersbuch wieder und summte: »Frei ist der Bursch, frei ist der Bursch!« Er legte den Ziegenhainer auf den Tisch und das Kommersbuch daneben und betrachtete beide mit untergeschlagenen Armen, wie der edle Junker von La Mancha am Abend vor seinem ersten Ausritt Schwert und Tartsche betrachtet haben mochte. Der Pascha packte dasselbe Felleisen, das er bereits durch die syrische Wüste trug, und füllte eine Korbflasche, die auch schon allerlei Fährlichkeiten durchgemacht hatte, mit einem belebenden Stoff. In einer heiligen grauen Frühe schlichen die beiden Helden auf den Zehen aus dem Hause, überließen es mit sämtlichem gelehrten und ungelehrten Spuk und Unrat der Magd, zogen sich wie zwei entwischende Verbrecher oder Schulbuben die Mauern entlang zum nächsten Tore, traten hinaus in die Freiheit und frische Luft und wandelten weiter – wir wissen wohin.

Wir wissen auch, daß es eben kein weiter Weg nach Nippenburg ist, daß überhaupt die Wege des Staates nicht lang sein können, sowohl aus geographischen wie aus politischen Gründen; allein beide Wanderer erlebten Wunderdinge an und auf ihnen. Eine Schnecke, welche ein Geschäft in dem obersten Wipfel einer Pappel zu verrichten hat, trifft auf ihrem Pfade kaum auf mehr Hindernisse, Schwierigkeiten und Gründe, um auszuruhen, als der koptische Gelehrte auf dem seinigen. Wir können es nur bedauern, daß wir uns nicht mehr im Anfange oder in der Mitte unseres Buches befinden, um dieser Wanderung vollkommen gerecht zu werden. Sie übernachteten zweimal unterwegs, und am dritten Morgen fanden wir sie in der beschriebenen Stimmung, dem Kirchturm von Nippenburg zutrabend, und eilen ihnen jetzt voraus, um von den Fenstern des Vetters Wassertreter aus ihrem Einzuge in das berühmte Weichbild beizuwohnen.

Und es war noch gradeso in Nippenburg wie beim Beginn unserer verwunderungswürdigen Historie; das Wappen der Stadt war noch immer ein grau-weiß gesprenkelter Strickstrumpf im blauen Felde, und der Onkel und die Tante Schnödler waren noch immer Schildhalter und machten ihre Sache gradeso gut wie die beiden bekannten Wilden Männer oder Löwe und Einhorn oder die beiden goldenen Greifen des Hauses Habsburg. Der Vetter Wassertreter aber war noch immer ein Greuel und eine Unreinigkeit für die Stadt. Und der Vetter Wassertreter lag wie gewöhnlich im Fenster, blies aus sehr langer Pfeife leichte Wölkchen in die elfte Stunde des Morgens hinaus, teilte seine Aufmerksamkeit zwischen dem mangelhaften Straßenpflaster, welches, beiläufig gesagt, ihn durchaus nichts anging, und der Kusine Klementine Mauser, die gegenüber ihrem Kanarienvogel die Cour machte, und wartete mit Sehnsucht, »um doch etwas zu haben«, auf die aus der Schule heimkehrende löbliche Nippenburger Straßenjugend. Nur der, welcher je einen von Würmern geplagten Lachs aus der Tiefe des Stromes aufschnellen sah, hat ein richtiges Bild von der Bewegung, dem Auffahren des Vetters, als fünf Minuten nach elf Uhr inmitten der dem Rektor Hauenstein entronnenen Jugend der Professor Reihenschlager und des Professors Begleiter am Horizont, das heißt an der nächsten Straßenecke aufgingen.

»O Himmel!« hauchte die Base Klementine.

»Alle Donnerwetter!« schrie der Vetter Wassertreter, verlor im nächsten Augenblick seinen Pantoffel auf der Treppe, verlor Wasserschlauch und Pfeifenkopf in der Haustür, fuhr wie ein neuer Erlenkönig mit Kron und Schweif, nämlich in der Nachtmütze und im langen zerlumpten Schlafrock hinaus in die Gasse und dem alten Korpsbruder mit fast erwürgendem Enthusiasmus an den Hals.

»Pilz! Pilz? Ist es denn möglich, Pilz?«

»O Schaumlöffel, ich glaube es; aber ich weiß es nicht!«

»Was sind das nun wieder für zwei Mörder?« ächzte die Kusine Klementine; aber der Vetter hielt sich nicht damit auf, ihr dieselben von der Straße aus vorzustellen, sondern zog den Professor an der rechten, den Pascha an der linken Hand hinter sich her, fort aus dem Kreise verwunderter Nippenburger, der sich bereits um die Ankömmlinge gesammelt hatte, in das Haus, die Treppe hinauf, setzte den einen in den Lehnstuhl, setzte den andern auf das Kanapee, jagte das ganze Hauswesen nach Erfrischungen auf und aus und drehte sich gleich einem Kreisel zwischen den beiden Gästen und wiederholte fortwährend:

»Ich glaube es auch noch nicht! Ich glaube es auch noch nicht!« Und dann schickte er in den Goldenen Pfau und bestellte das Mittagsmahl so glorreich, als der Vogel »es auf so kurzes Aviso zu prästieren vermöge«, und zwar bei seinem Fluche.

Der Professor fand Nippenburg und den Schaumlöffel ganz seinen Voraussetzungen entsprechend. Er zeugte sich um halb zwölf Uhr einen kleinen Rausch, und er zeugte sich um drei Uhr einen zweiten und etwas größern. Von vier bis sechs Uhr tat er einen seligen Schlaf auf dem Sofa des Vetters, während der Vetter den Pascha nach tausend Einzelheiten der Reise ausfragte und sich immer vergnügter die Hände rieb.

»Es ist der glorioseste Bursche, der jemals seinen Kopf aufs Koptische setzte, und wenn er aufwacht, marschieren wir nach Bumsdorf!« rief der Vetter. »Hurra, das ist wundervoller als selbst der alte Goethe von hinten. Und seinen römischen Meilenstein soll er auch haben; ich halte ihn zwar für einen von meinen eigenen, aber das ist mir ganz einerlei, und ich will ihm im Notfall auf zwanzig mehr von der Sorte schwören. Hurra! Jena soll leben!

Nimm den Schläger in die Linke,
Bohr ihn durch den Hut und trinke
Auf des Vaterlandes Wohl!«

Noch halb im Schlafe antwortete der Professor vom Sofa her:

»Ich durchbohr den Hut und schwöre,
Halten will ich stets auf Ehre
Und ein braver Bursche sein!«

Lang fielen die Schatten der Pappeln auf den Weg nach Bumsdorf, als die beiden greisen Kommilitonen auf ihm hintrabten zum Manne vom Mondgebirge, in ähnlicher Stimmung und auf ähnlich schwankenden Füßen, wie sie einst zur Rasenmühle oder Stiftsmühle gezogen sein mochten. Auch der Pascha setzte die Beine recht quer übereinander und griff häufig nach einer imaginären Mauer, um sich im Gleichgewicht zu halten, und alle drei trugen die Kopfbedeckungen in der Hand und fächelten sich damit Luft zu und bliesen heftig. Sie waren imstande, das Gras wachsen zu hören, sie ahnten mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich die Philosophie anderer Leute träumen ließ; aber das ahnten sie nicht, daß sie durch ihre vergnügte Gegenwart der deutschen Nation eine fernere vieltausendjährige Gemütlichkeit verbürgten, wie drei Eicheln, die man in der hohlen Hand hält, einen ganzen Wald bedeuten mögen.

Nun trat der niedere Kirchturm von Bumsdorf aus den Baumwipfeln hervor, grad als die rote Sonne ihre Photographie auf den westlichen Horizont wie an den Rand eines Spiegels steckte. Noch einige Schritte, und sie – der Professor, der Vetter und der Pascha – guckten an derselben Stelle über die Hecke in die Fliederlaube, an welcher einst Leonhard nach seiner Heimkehr aus dem Tumurkielande zu so argem Schrecken des Schwesterleins, der schönen Nikola und der beiden Mädchen vom Gutshofe hinüber- und hineingeguckt hatte. Mit einem kleinen Schreckensschrei sprang Fräulein Lina Hagebucher auch diesmal empor und –

»Alle Hagel!« rief der Leutnant Herr Hugo von Bumsdorf, der in einer grauen Joppe und hohen Wasserstiefeln dem Kinde gegenübergesessen und es auf das fließendste von den Fortschritten der Landwirtschaft, dem Herrn von Liebig und seiner eigenen dränierenden, rationell ökonomischen Zukunft unterhalten hatte.

»Bismillah! Gott ist wahrhaftig groß, und Mahomet ist in der Tat sein Prophet!« rief Leonhard Hagebucher, der einen Augenblick später, ebenfalls mit einer langen Pfeife im Munde, auf der Treppe der Haustür erschien und seinem seligen Vater nach Statur, Gesichtsbildung, Haltung merkwürdig ähnlich sah. Aber ganz im Gegensatz zu dem seligen Alten durchmaß er in drei weiten Sätzen den Raum vom Hause bis zur Gartenpforte, um die drei Freunde mit Gruß, Händedruck und Umarmung in Empfang zu nehmen. Und die Katze im offenen Fenster der untern Stube hörte auf, sich zu putzen, und sah mit unverkennbarem Interesse auf Täubrich-Pascha und den roten, blaubequasteten Fes in den Händen desselben. Und die alte Frau im schwarzen Trauerkleide legte staunend die Brille zwischen die Blätter von Schmolkes Morgen- und Abendandachten und trat neugierig gleichfalls hervor, um von all den Begrüßungen und Vorstellungen ihr Teil zu holen. Sie bekam es auch im vollsten Maße und fand auf der Stelle ein großes Wohlgefallen an dem Professor, seinen altertümlichen Komplimenten, seinem ernsthaften Wesen und seinen schönen gelehrten Reden über so viele Dinge, welche ihr zu hoch waren. Was dagegen den träumenden Schneider Felix Täubrich anbetraf, so wurde sie während seines ganzen Aufenthalts in ihrem Hause eine gewisse Furcht vor ihm nicht los, sah ihn stets ein wenig bänglich von der Seite an und schüttelte den Kopf und meinte verstohlen, dem Menschen traue sie nicht, der sei entweder noch viel klüger als der Professor oder noch viel dümmer als der lahme Hans vom Gute, des Herrn von Bumsdorf Gimpel, und wenn er beides nicht sei, so sei er unbedingt ein ganz heimtückischer Bösewicht und verstelle sich grausam oder er sei sehr brav und es fehle ihm nur da ein wenig zuviel, wo auch die meisten andern Leute lange nicht genug hätten.

Bei den letzten Worten klopfte sie sich jedesmal bedeutungsvoll vor die Stirn. –

Wer guckt noch über die Hecke des Hagebucherschen Gartens und ruft:

»Na, das ist eine Bescherung, die ich mir lobe!« – ?

Wer konnte es anders sein als der grause Dynast des Ortes, der grimme, erbarmungslose Ausüber sämtlicher feudalen Rechte hiesiger Gelegenheit, der blutdürstige, entsetzliche Junker und Erbherr von Bumsdorf? Und was tut er, um den durch seine plötzliche Erscheinung hervorgerufenen Schrecken ins Grenzenlose zu vermehren? Er fügt dem Schauder seiner Gegenwart den kalten Hohn des gesprochenen Wortes hinzu, wendet sich an sein jüngstes, ihm dicht auf den Fersen nachtrippelndes Ritterfräulein und ruft:

»Flink, Minchen, jetzt gilt es, Sievers marschiert eben vom Hofe! Jetzt zeig, daß dir die Füße nicht zusammengewachsen sind; flink, die Forellen kommen unter keinen Umständen in die Stadt, Sievers setzt den Korb wieder ab, und der Goldene Pfau mag zusehen, wie er sich ohne die Fische zurechtfindet. Marsch, lustig vorwärts und – halt, deiner Mutter sag, wenn sie etwas recht Kurioses sehen wolle, so möge sie gleich zum Afrikaner herüberspringen, bei dem sei halb Ägypten und die ganze Türkei soeben angelangt und ließen sich umsonst sehen!.. Guten Abend, Professorchen, guten Abend, Täubrich-Pascha! Gesprochen haben wir längst von dieser Ehre und diesem Vergnügen, aber geglaubt hat eigentlich keiner dran.«

Wem der Ritter von Bumsdorf die Hand drückte, der spürte es noch eine geraume Zeit nachher, und wem Fräulein Minchen auf der Nippenburger Chaussee nachlief und nachrief, der mußte sehr schnell auf den Füßen und sehr schwerhörig sein, um ihr zu entgehen. Sievers der Vasall entwischte ihr nicht, die Bumsdorfer Forellen gelangten zu großem Verdruß der Pfauwirtin nicht in die Küche des Goldenen Pfau, sondern blieben im Orte und nährten redlich des Ortes Eingeborene und die beiden hohen Fremdlinge und lieben Gäste aus der Hauptstadt des Landes. Erst am dritten Tage nach seiner Ankunft in der Provinz gedachte der Professor Reihenschlager des römischen Steines bei Fliegenhausen und schlug sich vor die Stirn und sprach:

»Ja so! Ist es mir doch immer gewesen, als sei ich eines ganz bestimmten Zweckes halber hierhergewandert! Bei den Bukoliken des Virgil, dieses ländliche Wohlleben und diese eigentümlich frische Luft scheinen meiner Natur durchaus nicht zuträglich zu sein. In der Zusammenstellung meiner verschiedenen Hypothesen über die Nasallaute in den europäischen Sprachen und welchem Urstamm wir für dieselben dankbar sein müssen, bin ich auch nicht weiter fortgeschritten, welches mir sehr bedenklich erscheint. Ich bitte dringend um meinen römischen Meilenstein, Freund Leonhard; es wäre mir wirklich sehr angenehm, hier in Bumsdorf die Anwesenheit der urbs nachweisen zu können, und ich würde unter solchen Umständen die auf diese kleine, aber abenteuerliche Exkursion verwendete Zeit nicht als ganz und gar verloren erachten.«

»Bravo, Pilz!« lachte der Vetter Wassertreter. Leonhard Hagebucher lachte gleichfalls, doch nicht ganz so laut; der Pascha ließ betrübt die Unterlippe sinken, und der Leutnant Hugo rief: »Wir haben dort eine Weizenbreite auf dem Fuchsrücken und können eine Waldpartie und ein Picknick aus der Fahrt machen. Wir packen die selbstverständlichen Butterbrödte, die Mädchen, die Weinflaschen und uns selber nach Tisch auf einen Leiterwagen und kochen Kaffee unter der Galgeneiche oder beim Toten Mann oder sonst an einem romantischen Punkte. Der Professor bekommt seinen Stein, und jedermann verpflichtet sich heute schon feierlichst, ihm seine Ansicht und Meinung darüber aufs Wort zu glauben. Nachher spielen wir Blindekuh, das heißt, wer will, kann teilnehmen; selbst die Mädchen sind von dem Vergnügen nicht ausgeschlossen –«

»Hört, hört!« rief der Vetter Wassertreter.

»Das nenne ich einen unverschämten Gesellen!« sprach ernsthaft Fräulein Sophie von Bumsdorf.

»Und am Abend – fahren wir wieder nach Hause«, schloß der Leutnant seinen Vortrag, fügte jedoch zur Seite gewendet noch hinzu: »Bei Mondenschein nämlich, Fräulein Lina – und mein Waldhorn nehme ich, wenn man mich recht bittet, gleichfalls mit. Wer etwas gegen meinen Vorschlag einzuwenden hat, der melde sich augenblicklich, damit wir ihm ebenso augenblicklich die Lächerlichkeit seiner Gegengründe darlegen können.«

»Accedo ad talem, ich stimme unbedingt mit dem jungen Manne!« sprach der Professor, indem er sich mit der Würde eines Kardinals, der im Konklave einen Papst zu wählen hat, von seinem Stuhle hinter dem Hagebucherschen Familientische erhob und sämtliche Anwesende in voller Begeisterung mit sich emporzog. Wie es verabredet war, geschah es, nachdem ein jeglicher seine Verbesserungsvorschläge eifrigst vorgetragen hatte...

Der Pascha saß mit gefalteten Händen auf einem Baumstumpf und stierte an der nächsten Eiche empor; Hagebucher streckte neben ihm im Grase die langen Beine weit von sich; weiter unten an der Berglehne arbeiteten der Professor, der Vetter Wassertreter und Sievers der Vasall gewaltiglich, den römischen Stein, welchem der Vetter weniger als je traute, von dem Schmutz der Jahrtausende zu befreien; weiter oben aber auf der grünen Lichtung, neben dem knisternden Feuer und den Kaffeetöpfen und Viktualienkörben lachten die Mädchen und Herr Hugo, während gegen Fliegenhausen zu auf dem freien Felde der Dynast von Bumsdorf vergnügt seinen Weizen besah. Erst war ein leises Rauschen durch die Wipfel der Bäume gezogen, doch schwand das bald, und jetzt war es ganz still im Walde.

»Nun, Täubrich, was sagt der Häher da oben im Baum?« fragte Leonhard, richtete sich aber noch während dieser Frage schnell auf und rief: »Holla, Mann, was haben Sie, was sehen Sie, was fällt Ihnen bei?«

Der träumende Schneider hatte plötzlich einen langen, schweren Seufzer ausgestoßen; jetzt sperrte er den Mund, nach Luft schnappend, weit auf, und zwei dicke Tränen rollten ihm die Backen hinunter. Der Afrikaner klopfte ihm zärtlich auf den Rücken, wie einem Kinde, das sich verschluckte, und sagte:

»Besinnen Sie sich, es ist heller, lichter Tag! Lustig, Alter, wie schickt sich ein solches Gesicht zu dem Sonnenschein und dem grünen Walde?«

»O Sidi, Sidi, es ist freilich lichter Tag«, schluchzte der Pascha, »und ich kann ja nichts dafür. Die Sonne scheint, und hier sitze ich im grünen Walde und hab es so gut, wie ich es mir niemals im Wachen und im Schlaf erträumte; aber es ist doch ein rechter Jammer, daß ich nicht weiß, obs auch wahr ist und kein Traum wie die Palmen und Herrlichkeiten von Damaskus.«

»Ihr Götter, wem halte ich die Predigt, deren mir jetzt das Herz voll ist?« rief Hagebucher, welcher nunmehr weitbeinig vor dem Pascha stand, aber ihm den Rücken zuwendete und gegen den Wald und die Berge redete. »Wer weiß von der Welt, in der er lebt, und von sich selber mehr als dieser Kamerad hier hinter mir? Da lachen sie im Sonnenschein und treiben ihre Spiele, solange sie jung sind; da wühlen sie alte, versunkene Steine, einen Traum im Traum, hervor, und alle glauben sie an ihr Spielzeug, nur dieser kluge Gesell hinter mir will nicht an das seinige glauben und nennt sich selber einen Narren! Womit spielt er, was sieht er? Das Meer und die Wüste, Paläste in den Wolken, Palmenwälder, schöne Mädchen und Gärten, so herrlich, wie niemand auf Erden sie pflanzen kann, sind ihm zu unbeschränkter Verfügung gestellt, und – er heult, o Täubrich, Täubrich!«

»Wenn ihr wüßtet, was ich weiß, sagt Mahomet, so würdet ihr viel weinen und wenig lachen!« schluchzte der Pascha kläglich; der Afrikaner aber drehte sich schnell um und rief:

»Kennen Sie das arabische Wort auch? Was geht das Sie an? Die andern alle, die mit List oder Gewalt den ägyptischen Proteus, das Leben, zu überwältigen und zu ihrem Willen zu zwingen suchen und mit ihm ringen müssen bis an den Tod, die mögen das Wort sprechen, Sie aber sollens gefälligst bleibenlassen. Täubrich, es ist keine Kleinigkeit für einen Menschen, der aus dem Tumurkielande nach Hause kommt, einen Gesellen Ihresgleichen Wand an Wand neben sich zu wissen, und ich verbitte mir ernsthaft jeden Versuch Ihrerseits, auch das werden zu wollen, was jene dort über und dort unter uns einen klaren Kopf und vernünftigen Menschen zu nennen belieben. Ich sage Ihnen, Täubrich, es ist auch unter jenen nicht einer, der mit Sicherheit sagen kann, ob er in seinen Gedanken, Wünschen und Handlungen wahrhaftig in der Wirklichkeit wandle; und so ists ein Großes zu nennen, was einem Bevorzugten, das heißt einem närrischen Kerl, wie Sie, gegeben wurde von den Göttern. Jetzt aber kommen Sie; lassen wir die andern Erntefelder betrachten, freien, spielen und Steine der Vorzeit zusammentragen; wir wollen uns hinter den Büschen wegschleichen und einen eigenen Pfad suchen. Ich habe vieles probiert seit meiner Heimkehr nach Europa; ich habe auch tausendjähriges Gestein zusammengeschleppt, ich habe gespielt und habe heiraten und Kinder zeugen wollen, doch nun bin ich nur zu einem Wächter vor einem kleinen Unglück in einer großen See von Plagen geworden und habe für jetzt mein volles Genügen daran. Kommen Sie, Täubrich, und treten Sie leise auf; ich will Ihnen eine merkwürdige Ehre antun, und Sie können später auch dieses Bild in Ihre Träume aufnehmen, wenn Sie den Winter über an meiner Stelle dem Professor die zungenvergleichende Grammatik aufbauen helfen.«

Er schritt schnell dem Pascha voran durch das Gebüsch und stieg schräg über die Berglehne hinab, vorsichtig nach beiden Seiten hin ausschauend, gleich einem, der nicht will, daß ein Unberufener ihm nachsehe oder gar sich herausnehme, seinen Schritten zu folgen. Aber niemand blickte den beiden seltsamen Freunden nach oder folgte ihnen; und sie erreichten bald die Sohle des Tales, wo sie sich durch dichtes Unterholz förmlich durchzuwinden hatten, bis sie nach Verlauf einer Viertelstunde aus dem Walde und auf die Landstraße von Fliegenhausen, am Eingange des Tälchens der Katzenmühle gegenüber, hinaustraten. Leise gingen sie weiter auf dem schmalen Pfade, den wir so oft im Laufe dieser Erzählung beschritten haben, und dann standen sie still hinter den Nußbüschen, und Hagebucher legte dem Pascha die linke Hand auf die Schulter und deutete mit der rechten vor sich hin:

»Das ist die Katzenmühle, Täubrich! Alle jene, welche wir dort an der andern Seite der Straße im Walde an den Bergen ließen, kennen den Ort so gut wie ich; doch niemand von ihnen geht mehr hierher. Das ist halb eine Verabredung, doch nicht ganz. Was zuerst Scheu und Ehrfurcht vor dem Unglück war, das ist bald zu einer bequemen Gewohnheit geworden, und es ist das beste so. O Täubrich, es schlägt keine Welle mehr bis zu jener Schwelle dort, seit der Major Wildberg mir den Bericht des amerikanischen Konsuls über die Schlacht bei Richmond sendete. Sie weinen nicht mehr dort hinter den Blumen, dort unter dem morschen Dache. Sie sitzen still, und still ist es um sie her, sie verlangen nicht mehr.« ...

Der kleine, halbwilde Garten vor der Mühle blühte in voller Pracht des Sommers. Die Fenster des untern Gestocks und die Tür der verfallenden Wohnung standen geöffnet, doch kein Leben regte sich dort bei allem zierlichen Anschein des Lebens. Nur die Bienen, Fliegen und Schmetterlinge hatten ihr Wesen über den Blumen und in den Sonnenstrahlen; nur der Fall der Wassertropfen klang wieder – wieder vom alten schwarzmoosigen Rad herüber. Täubrich-Pascha hielt die Hand des Mannes vom Mondgebirge und blickte so dumm und verzückt wie nie – da trat der weiße Spitz in die Tür der Hütte, hob den Kopf und fing an, leise zu knurren, doch besann er sich schnell und kam eilig, doch ohne Gebell durch den Garten zu den beiden Lauschern heran und stieß einen halb freudigen, halb winselnden Ton hervor.

Leonhard Hagebucher beugte sich zu ihm nieder, streichelte ihm den klugen Kopf und flüsterte:

»Heute nicht, mein guter alter Bursch! Gehe hin und halte gute Wacht.«

Das Tier schüttelte sich, zog sich bis zur Pforte des Gärtchens zurück und warf sich dort in dem Sonnenschein nieder. Hagebucher wendete sich und sagte:

»Jetzt wollen wir wieder zu den Lebendigen gehen.«

Kaum hörbar fügte er hinzu:

»Wenn ihr wüßtet, was ich weiß, so würdet ihr viel weinen und wenig lachen.«

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