Frei Lesen: Abu Telfan

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Wilhelm Raabe

Abu Telfan

Sechstes Kapitel

eingestellt: 2.7.2007



Wo war der Mann aus Troglodytice geblieben? In dem Augenblicke, in welchem die Tante Schnödler und mit ihr sämtliche Verwandtschaft rauschend und entrüstet emporfuhr, hatte er sich geduckt, war hinter dem Rücken seiner Lieben an der Wand dahingeschlichen, hatte mit einem Sprung die Haustür erreicht und mit einem zweiten Sprunge über die Gartenhecke hinter dem väterlichen Hause das freie Feld. Seit ihn die Baggaraneger jagten und fingen, hatte er nicht eine solche Gelenkigkeit der Glieder entwickelt, war er sich nicht einer solchen Schwung- und Schnellkraft bewußt geworden; aber wie die Baggaraneger blieben ihm auch die süßen Heimatsgefühle auf den Fersen, und er konnte ihnen nicht entwischen. Da lag er im Grase unter der Hecke, atmete aus und zitierte einige auf die Tante Schnödler bezügliche Stellen des Korans; dann fielen die Schatten des Abends auch über ihn, der Mond ging ebenfalls über ihm auf, und er – Leonhard Hagebucher – sprach ein anderes Wort aus, welches der Prophet freilich nicht gesagt hatte und welches nicht nachgeschrieben werden kann, ohne den Anstand bedenklich zu verletzen.

Nur ganz allmählich gewann die Grille in dem Schlehenbusch neben ihm den schrillen Heimatstönen in seiner Seele die Dominante ab; mit leisem Gegurgel schien sich das seichte Wasser des Feldgrabens in die Tiefe der Erde zu verlaufen, und ähnlich gurgelnd verliefen sich die hohen Wasser, die vor einer Stunde noch in der väterlichen Wohnstube so arge Wellen geschlagen hatten. Am Rande des Grabens saß der Afrikaner, zog die Knie gegen das Kinn in die Höhe, umschlang die Schienbeine mit den Händen und gelangte in dieser dem Nachdenken so günstigen Positur zu der Überzeugung, daß der heutige Tag ihm kein verlorener gewesen sei.

Merkwürdig, merkwürdig! Was war der beste Wille, die Zeiten der Vergangenheit zu alter, vergnüglicher, bunter Lebendigkeit wiederaufzufrischen, gegen die Ankunft der gelben Kutsche von Nippenburg? Was war alles Zurücksehnen, Zurückträumen, Zurückdenken gegen den Onkel Stadtrat und den Onkel Sackermann, welche beide in Fleisch und Blut das, was gewesen war und noch war, auf das gediegenste zur Erscheinung brachten?! Das innigste und eifrigste Bestreben, mit dem Gefühl, dem Verstande, der Vernunft, der Phantasie, mit dem süßesten Ahnungsvermögen den Dingen der Heimat wieder beizukommen, hatte sich als ein nichtiges, sehr vergebliches Abquälen erwiesen: vor diesem Familienkonklave aber waren die sieben Siegel wie von selber aufgesprungen. In klarster Beleuchtung lagen die stillen Gefilde der Kindheits- und Jünglingsjahre vor Herrn Leonhard Hagebucher da; es war nicht mehr nötig, ihren Mysterien nachzugrübeln und sich den Kopf darüber zu zerbrechen.

Wie der deutsche Mond höher stieg, fing das Wasser, welches mit dem schon beschriebenen Gegurgel den Graben durchschlich, an, hie und da lieblich zu schimmern, und der leider schon vom ehrlichen Wandsbecker Boten lyrisch verwendete weiße Nebel machte sich ebenfalls auf den Wiesen bemerkbar. Der Mond schien dem Mann aus dem Tumurkielande auf den Kopf, der Nebel stieg ihm in die Nase, und er – Hagebucher – ließ die Schienbeine fahren, schnellte empor, stand hoch aufgerichtet in der holden Nacht, rieb die Hände und hub an – leise vor sich hinzulachen. Er lachte, der Barbar, er wagte sogar, laut zu lachen, der verwilderte Unmensch; und dann schüttelte er sich, er wagte es, sich zu schütteln; und ohne auf die Gefühle der Tante Schnödler Rücksicht zu nehmen, gratulierte er sich selber zu der soeben zum Durchbruch gekommenen wohltätigen Krisis, und leider hatte er allen zarteren Regungen des Menschenherzens zum Trotz recht. In diesem Lachen hatte er für seine künftige Existenz tausendmal mehr gewonnen, als ihm ganze Säcke voll Seufzer und ein Dutzend von ihm selber wohlgefüllte Tränenkrüge einbringen konnten. Er hatte jetzt wenigstens in einer Beziehung die Überzeugung errungen, daß er während seines Siebenschläferschlafes im Mondgebirge nicht viel daheim versäumt habe und daß somit alles gebrochene, mutlose Fortdämmern und melancholische Hinbrüten über solchen imaginären Verlust recht überflüssig und töricht sei. Was seine jetzige Umgebung während seiner Abwesenheit gewonnen hatte, das konnte er in jedem Augenblicke auch noch haben, und wenn er mehr wollte, so gehörte vielleicht nur eine türkische Ruhe dazu, um jenseits jedes unnützen Schwebezustandes in einer nützlichen Tätigkeit wieder sicher Fuß zu fassen. Er prüfte seine Gelenke und Muskeln und tat den Sprung, das heißt, fürs erste sprang er über den Graben, welcher die nebelige Wiese von dem väterlichen Gütchen schied, und schritt bedächtig mit übereinandergeschlagenen Armen erst durch das feuchte Gras und sodann auf dem engen Fußwege an den Gärten des Dorfes hin.

Es war auch die letzte Fest- und Jubelnacht der Maikäfer, deren es in diesem gesegneten Jahre eine erkleckliche Anzahl gegeben hatte. Sie schienen zu wissen, daß ihre Zeit nunmehr um sei, hatten sich zum letztenmal im Tau und Duft der Nacht berauscht und schwärmten in nicht unberechtigtem Leichtsinn in die Unsterblichkeit hinüber. Sie summten durch die Luft und umtanzten Busch und Baum; in ihrer Trunkenheit gaben sie nicht im geringsten acht auf ihre Wege und flogen dem schier ebenso berauschten Leonhard gegen die Nase oder hingen sich ihm in Haar und Bart.

»Hallo, Gesindel«, rief er, »seid ihr auch da? Recht so, hussa, tummelt euch, nehmt die Stunde, wie sie euch gegeben wird – lustig, lustig, surr, surr, so ists recht, und morgen ists doch vorbei. Beim Berge Kaf, vivat der Vetter Wassertreter!«

Er lachte abermals hellauf, brach aber schnell horchend ab. Seine wilde Lustigkeit hatte ein melodischeres Echo hinter den Büschen gefunden; ein lockiges Haupt erhob sich über die Hecke – der Genius dieser Mondscheinnacht des letzten Mais hätte sich nicht neckischer und vorteilhafter verkörpern können:

Fräulein Nikola von Einstein – siebenundzwanzig Jahre alt – Hofdame Ihrer Hoheit der Prinzeß Marianne – unverheiratet – – – ach! –

»Er ist es, Lina«, sagte das Fräulein, »nun weine nicht länger, Närrchen; er sieht keineswegs aus, als ob er mit Selbstmordgedanken umgehe; tröste dich, Herz, einer geknickten Lilie gleicht er noch lange nicht; guten Abend, unsträflicher Herr Äthiopier.«

Sie reichte dem Afrikaner die Hand über das Gezweig und rief:

»O Gott, wie indiskret! Aber auch welch ein Abend für alle Indiskretionen! Es freut mich in der Tat, Sie so heiter zu sehen, Herr Hagebucher; hier hab ich mit dem Schwesterchen in großer Sorge um Sie gesessen. Ist es zu indiskret, wenn ich Sie frage, was für einen Grund Ihnen die Welt für Ihre Heiterkeit seit Mondenaufgang gab?«

»Hören Sie, junge Dame«, sagte Leonhard, »man kann aus der Gefangenschaft bei den Heiden recht schwache Nerven heimbringen. Bedenken Sie, daß ich an solches allerliebste Auffahren aus Hagedorn und Heckenrosen durchaus nicht gewöhnt bin. Fühlen Sie meinen Puls.«

»Nein, nein, ich danke und glaube Ihnen auf Ihr Wort!« lachte Nikola. »Aber dies ist die Grenze von meines Onkels Reich, und das Recht, hier herüberzugucken, lasse ich mir nicht nehmen.«

»Ich auch nicht«, sprach der Afrikaner, sich vorbeugend. »Lina, wo steckst du denn?«

»Hier!« klang weinerlich die Stimme des Schwesterchens, das auf der Bank saß, auf welcher das Hoffräulein stand. »Ach Leonhard, ich bin so betrübt um dich, und ich habe mich so geärgert. O Gott, o Gott, laß mich mit dir wieder in die weite Welt laufen; wir wollen zusammenhalten, Leonhard, und die Mutter, weiß ich, wird auch zu uns stehen, und der Vater meints gewiß nicht so bös, und was geht uns die Tante Schnödler und das übrige alberne Volk an! O Gott, o Gott, wie habe ich mich geärgert –«

»Jaja, Herr Leonhard Hagebucher, und da ist sie hergelaufen und hat sich mir in die Arme gestürzt, grad als ich mit dem Haarbesen auf die Fledermausjagd gehen wollte. Nun weiß ich alles, was das Konzil gebrütet hat, und rate Ihnen recht sehr, doch ja Ihr Bestes zu bedenken und so schnell als möglich Ratsschreiber zu Nippenburg zu werden. Warten Sie, ich kenne zehn Schritte weiter abwärts ein Loch in der Hecke – komm, Lina.«

Das schöne Haupt der Sprecherin tauchte unter, zwei Sprünge brachten den Afrikaner zu dem besagten Loch; es rauschte im Gebüsch, ein schlaftrunkenes Vogelpärchen flatterte, aus dem schönsten Traum der Sommernacht geweckt, auf; mit dem Schwesterchen wand sich Fräulein Nikola von Einstein durch das Gezweig. Die drei standen auf dem schmalen Pfade nebeneinander, und Lina umschlang den Bruder und schluchzte:

»Sei nur still, sei nur ruhig; ich halte gewiß bei dir aus! Fürchte dich nicht, wir wollen, ja, wir wollen –«

»Uns eine Drehorgel kaufen und unsere eigene Geschichte auf eine Leinwand malen lassen und ein Lied davon machen und es absingen auf allen Gassen des Vaterlandes!« schloß das Hoffräulein den Satz. »Lustig, wir wollen unsere Sparbüchsen zusammenschütten, um die ersten Auslagen dieser Unternehmung zu decken. Vivat! Vivat! Herbei aus den Büschen, Oberon und Titania, Puck, Bohnenblüt, Spinnweb, Motte und Senfsamen! Herbei, ihr Elfen, zur Ratsversammlung; auch wir können unsere Köpfe zusammenstecken, auch wir können die Finger an die Nase legen. Laßt den Onkel Wassertreter aus der Schenke zum Goldenen Rad kommen, auf daß der Rat vollständig sei; – ich stimme für den Leierkasten und erbiete mich, das Orgellied in Musik zu setzen.«

Wie flüssiges Silber rann der Mondenschein durch die Natur, und in vollen Zügen atmete Leonhard den Zauber und das Leben dieser hellen Nacht ein. Es war wie eine Verzückung über ihn gekommen; er hätte sich die Seiten halten und immer lauter hinauslachen mögen; es war wie der Rausch eines Opiumessers, und er wußte es und wunderte sich im Innersten seiner vernünftigen Seele selbst über seinen Zustand. Vielleicht würde es ihm sehr wohlgetan haben, wenn er sich eine Viertelstunde lang auf den Kopf gestellt hätte, um in solcher Weise den Überschuß seiner Heiterkeit loszuwerden. Die Figuren, Gruppen, Meinungen und Vorgänge des Tages schlugen auf das närrischste Purzelbäume vor ihm; das Gleichgewicht aber stellte Fräulein Nikola von Einstein her, da sich Herr Leonhard Hagebucher nicht auf den Kopf stellte wie ein Baggaraneger oder sonst ein Exaltado aus dem Tumurkielande. Sie – Fräulein Nikola – legte ihm jetzt die Hand auf den Arm und sagte ganz ernst:

»Armer Freund, wir sollten eigentlich doch nicht so lachen, zumal bei diesem dummen Mondlicht. Am hellen Tage, im Sonnenschein läßt sich weniger dagegen einwenden. Ihre Geschichte ist recht, recht traurig, mein Freund. Auf dem Grenzsteine dort oder noch besser unter dem Wegweiser an der Landstraße wollen wir uns niedersetzen, die Taschentücher hervorziehen und nachdenken über unser Schicksal und über den Weg, neben welchem wir stillsitzen. Heute am Nachmittag hab ich Ihnen auch mit Lachen von meinem närrischen Dasein erzählt; ach, jetzt hätte ich wohl Lust, Ihnen in einem andern Ton eine andere Geschichte von mir zu erzählen, wenn es mir oder Ihnen im geringsten nützlich wäre. Wenn ich ein Mann wäre, so würde ich mir einen nobeln Krieg irgendwo in der Welt aufsuchen und darin etwas tun, was mir Freude machte oder nur Ruhe gäbe oder auch nur die Gelegenheit, mit Gleichmut zu verbluten. Ich hasse diesen Mondenschein, und ich fürchte mich vor diesen surrenden Käfern. Es sind Gespenster des Frühlings, der nicht mehr ist. Sie lügen sich das Leben nur noch vor, und ich bin wie sie und halte mich meiner Nerven wegen in Bumsdorf auf – Maikäfer, flieg, Maikäfer, flieg! Ach, Herr Leonhard Hagebucher, wir passen recht gut zueinander, Sie und ich; kommen Sie, wir wollen uns auf den Stein an die Landstraße setzen und warten – warten. Vielleicht lese ich Ihnen auch einmal im Sonnenschein aus dem Buche meines Lebens eine finstere Seite vor. Weine nicht, Lina, mein Herz, es ist doch eine schöne Nacht; auch für dich wird einst die Zeit kommen, wo du von der Gefangenschaft im heißen Lande Afrika wirst erzählen können. Lustig, lustig, höre nur den Frosch dort – welch ein Komiker! Satt, zufrieden und dankbar – den Burschen lob ich mir, und horch, wer ist das? Der Vetter Wassertreter! Den lob ich mir auch! Der Vetter Wassertreter! Vivat, der Vetter Wassertreter!«

Welle auf Welle rollten die Fluten des neuen Lebens heran und umspülten wachsend und steigend das Herz des Afrikaners. In jedem Atemzuge fühlte er die Erstarkung über sich kommen; er hätte eine lange Rede halten müssen, um das in Worten auszudrücken, was in seiner Seele sich ereignete: »Halte den Mund, Mädchen, und schilt mir diese Nacht und diesen Mondenschein nicht! Du bist zu schön, um zu schelten, und weinen sollst du noch weniger. Wie schön du bist! Das Licht der Offenbarung ist mit dir aus dem Gebüsch emporgestiegen; ich war ein Verirrter, doch nun kenne ich meinen Pfad wieder. Was Trauer und Verdruß, was Grübeln und Grämen, was Zerschlagenheit und Apathie; wenn du mir hilfst, Mädchen, bin ich von neuem Herr in meinem Reich! Das Leben war mir zerbrochen, wie einem der rechte Arm zerbricht; ich habe ihn lange, lange in der Schlinge getragen, und jetzt prüfe ich von neuem seine Stärke. Mädchen, ich weiß wieder, in welchem Sinne ich mein Leben begann und wie ich es fortsetzen mag, ohne dem Wahnsinn zu verfallen – gesegnet sei die Tante Schnödler, der deutsche Mond und du – du schöne, schöne Nikola von Einstein!«

So oder ähnlich wäre es dem Afrikaner erlaubt gewesen sich zu äußern; er hätte auch, wie folgt, sprechen können:

»Gnädiges Fräulein, Sie haben gleich bei unserer ersten Begegnung einen merkwürdigen Eindruck auf mich gemacht; denn Sie bedingen für mich einen merkwürdigen Gegensatz zu meiner bisherigen Existenz. Gnädiges Fräulein, einem Manne, welcher zehn Jahre in Abu Telfan im täglichen Verkehr mit Madam Kulla Gulla, ihren Freundinnen, Töchtern, Nichten und so weiter zubrachte, geht der Begriff des Vaterlandes in wundervoller Klarheit und Anmut auf, wenn es ihm auch nur vierzehn Tage hindurch vergönnt ist, täglich einige Male in Ihre Augen zu blicken. Fräulein von Einstein, die schönsten Illusionen der Jugend müssen sich mir notwendig in Ihnen verkörpern. Und was die Tante Schnödler anbetrifft, so bilden Sie auch zu dieser einen angenehmen Gegensatz, gnädiges Fräulein; und wenn einmal im deutschen Mondenschein, während dem letzten Maikäfergesumme des Jahres einem Menschen in meiner Situation das Tumurkieland und das Vaterland durcheinanderquirlen und das Lachen dem Elend das Beste abgewinnt, so wird jeder Einsichtige dieses der Gelegenheit des Orts, der Zeit und der Umstände vollkommen angemessen finden.«

Herr Leonhard Hagebucher äußerte sich weder auf die eine noch die andere Art, er rief:

»Der Vetter Wassertreter! Wahrhaftig, es ist der Vetter Wassertreter!«

Der Mond lächelte gar vergnüglich herab, und von der Landstraße her erklang es etwas rauh und unsicher, aber jedenfalls sehr heiter:

»Wir hatten gebauet
Ein stattliches Haus –«

Der Herr Wegebauinspektor und Vetter hatte die Gastfreiheit der Muhme Hagebucher nicht verachtet; aber er verachtete auch den Krug zum Goldenen Rad nicht. Er hatte tapfer auf dem Familientage standgehalten und ebenso tapfer den Notabeln des Dorfes in der Schenke. Er hatte jedem, der ihn trocken oder naß anging, Bescheid getan. Gestärkt, friedlich und wohlwollend zog er jetzt auf seiner Landstraße heim und seinen Gaul am Zügel hinter sich her. Seine Schuld war es nicht, daß weder das Gebäude der deutschen Burschenschaft noch der Hagebuchersche Familienfriede unter Dach kamen; er hatte das Seine redlich getan und kümmerte sich um üble Nachreden nicht im mindesten. Als ihn Lina anrief und ihm mit den beiden andern in den Weg trat, betätigte er durchaus keine ungewöhnliche Verwunderung, sondern nahm auch diesen guten Augenblick, wie er ihm gegeben wurde, schob die Mütze noch ein wenig mehr auf den Hinterkopf, drückte den Tabak in der kurzen Pfeife fest und sagte:

»Guten Abend! Ich wünsche der Jugend alles nur mögliche Pläsier miteinander.«

»Danke, Herr Vetter«, erwiderte das Hoffräulein, »ich habe bereits wie gewöhnlich Ihr Loblied gesungen, und wir wissen, wie wir es meinen. Wir hielten soeben auch eine Ratssitzung zwischen den Büschen in Sachen Herrn Leonhard Hagebuchers und vermißten Sie sehr dabei, Wegebauinspektorchen. Sie haben so gut zwischen vier Wänden gesprochen, wollen Sie uns nicht auch noch ein Wörtchen hier im Mondenschein und im Grünen sagen?«

»Im Grünen und im Mondenschein, ihr Narren«, brummte der Alte, »das ist wahrlich die rechte Zeit und Gelegenheit für uns, Rat zu geben und zu nehmen. Ei freilich, die Vögel, die zueinandergehören, finden einander, und lockt der eine im Zaun, so antworten zwanzig seinesgleichen aus dem Roggenfeld, dem Walde oder von der Wiese. Mondschein und Grünkraut, unsereiner, der aus dem Jahre siebenzehnhundertachtundneunzig stammt, weiß freilich davon zu sagen. Es war eine schöne Zeit, als man neunzehn Frühlinge durchlebt hatte und in Kompanie mit den tapfern und treuen deutschen Fürsten und ihren frommen Ministern das neue heilige Reich baute. Vor dem Krachen des groben Geschützes bis zum Jahre fünfzehn hatte sich das Gewölk zerteilt, und ganz Deutschland lag in der silbernsten Beleuchtung unter unsern Berggipfeln. Junges Volk, Kreuzhimmeltausenddonnerwetter, das war eine liebliche Zeit, eine schöne Zeit, die Zeit der Halluzinationen und die Zeit für die Halunken! O Freiheit, die ich meine – sämtliche Zuchthäuser und Kasernen von Gottes Gnaden verwandelten sich in gotische Dome, und für jeden schwarzen Sammetrock erzog eine deutsche Mutter eine deutsche Jungfrau mit blondem Haar und blauen Augen. O verflucht – das war über alle Beschreibung; aber ein Glück wars, daß die Tante Klementine damals erst die Wände beschrie, sie hätte mich sonst ganz gewiß bei meinen süßesten Gefühlen gepackt. Mondschein und Maikäfer! Fräulein von Einstein, sehen Sie es mir noch an, daß ich einstmalen an den Kaiser im Kyffhäuser geglaubt und die Gitarre dazu geschlagen habe? Jaja, wir waren alle auf dem Marsche nach Utopia, gleich dem Afrikaner dort, als er von der Universität durchbrannte; und als wir uns wie er im Tumurkielande wiederfanden, in dem ›guten Land, wo Lieb und Treu den Schmerz des Erdenlebens stillt‹ – nämlich auf der Festung, da hatten wir diesen Karlsbader Beschluß des Schicksals dankbarlichst zu akzeptieren und unsern Mainachtsrausch ohne weiteres Gesperr, Gezerr und Gezappel zu verschlafen. Als wir dann erwachten, war ein höchst ungemütlicher Tag heraufgedämmert. Der Himmel grinste uns so erbärmlich grau an, als wir es verdienten, und jeder Hanswurst, Narr, dumme Junge und Enthusiast bekam seinen Tritt, der ihn bergab in den Sumpf, in den düstern Keller, in den Winkel expedierte. Im Winkel bin ich sitzengeblieben, und wenn das Loch verschlossen sein sollte, Leonhard, so liegt der Schlüssel auf dem Vorplatz unter dem Uhrkasten. Den Küchenschrank kennst du ja wohl noch aus deiner Knabenzeit; die Knasterrolle hält sich seitwärts im Kabinette hinter der Tür auf. Du bist zu jeder Zeit willkommen, wie ich dir schon vorhin sagte, mein Junge; und mehr Glück hast du auch als der Vetter Wassertreter, solches ist mir längst klargeworden.«

Es fiel in diesem Augenblicke eine Sternschnuppe, und hastig fragte das Hoffräulein:

»Was dachtest du eben, Lina?«

»An meines Bruders Glück.«

»Und der Gedanke war ein Wunsch – ohne Zweifel! Was haben wir noch nötig, hier Rat zu halten? Der Schlüssel zu des Vetters Gemächern liegt unter dem Uhrgehäuse, im Fall der Vetter nicht zu Hause sein sollte; merken Sie sich das, Herr Leonhard Hagebucher. Herr Vetter, ich rekommandiere mich Ihren Ratschlägen; Lina, ich empfehle mich deinen süßen Wünschen; übrigens wird es kühl und feucht; daß wir allesamt sehr kluge und gescheite Leute sind, haben wir wieder einmal bewiesen und erfahren; gute Nacht, gute Nacht!«

»Gute Nacht, mein Allergnädigstes«, sagte der Wegebauinspektor mit ungemeiner Zärtlichkeit und wandte sich, als das Hoffräulein durch das Loch in der Hecke des Bumsdorfer Gutsgartens verschwunden war, zu den beiden Verwandten:

»Schlafe auch du wohl, Lina, mein Herzblatt! Komm ich wieder, so bring ich dir eine große Düte voll Zuckerwerk mit, und nach einem guten Mann werde ich mich seinerzeit gleichfalls umgucken, sollte ich ihn bis in den Mond suchen müssen. Vergiß den Schlüssel unter der Uhr nicht, Leonhard. Es ist eine nichtswürdige Welt; allein:

    das rechte Burschenherz
Kann nimmermehr erkalten,
Im Ernste wird, wie hier im Scherz,
Der rechte Sinn stets walten;
Die alte Schale nur ist fern,
Geblieben ist uns doch der Kern,
Und den laßt fest uns halten.
O jerum, jerum, jerum!
O quae mutatio rerum!«

Der Schlußreim des alten Studentenliedes verhallte fern auf der Nippenburger Landstraße, die der Vetter Wassertreter in so preislichem Zustande erhielt; auf den Zehen schlichen Leonhard und Lina heim, und wenn der Afrikaner nicht von der Tante Schnödler träumte, so konnte er von dem Fräulein Nikola von Einstein träumen. Der Mond ging unter zu seiner Zeit, der Maikäfertanz nahm auch sein Ende, es wurde noch einmal recht dunkel und kühl, ehe das Licht des neuen Tages kam. Durch die Natur zog mehr als ein Schauern und Frösteln, vor dem die letzten Schwarmgeister und Musikanten der ersten Sommernacht in Luft und Gezweig abfielen und vergingen oder doch scheu unterduckten und sich verkrochen.

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