Frei Lesen: Abu Telfan

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Wilhelm Raabe

Abu Telfan

Siebentes Kapitel

eingestellt: 2.7.2007



»Nun sage mir, ob diese Gegend nicht daliegt wie Goethes sämtliche Werke in vierzig Bänden?« rief der Vetter Wassertreter, mit beiden Backen kauend und mit der Spitze des aufgeklappten Taschenmessers einen weiten Halbkreis vor sich in der Luft beschreibend. Leonhard Hagebucher, noch immer schweigsam und wortkarg, nickte dem Gleichnis seine Billigung und hielt sich gleichfalls con amore an den nahrhaften Inhalt des geöffneten Schnappsacks. Es waren ungefähr acht Wochen seit den in den beiden vorigen Kapiteln beschriebenen Szenen vergangen, es war ein schöner, heiterer Morgen, und die Stunde, in welcher der gesunde Mensch, der früh aufstand, die Scheu des Leeren in hohem Maße zu empfinden berechtigt ist. Der alte und der junge Vetter saßen auf einem Haufen zerschlagenen Basalts unter einem Apfelbaum an der fürstlichen Landstraße; der Gaul des Wegebauinspektors stand friedlich und fromm daneben und riß mit lang vorgestrecktem Halse das Gras aus dem Graben. In Duft und Glanz lag die Nähe und die Ferne, und der Vetter Wassertreter wiederholte:

»Goethes sämtliche Werke! Von diesem Steinhaufen bis zum Horizont und hinaus über den Horizont sagt alles mit Behaglichkeit: Blättern Sie weiter, auch über die nächste Seite scheint die Sonne!... Vierzig Bände Weltruhms, zweiundachtzig Lebensjahre und nur vier Wochen ungetrübtes Glück oder besser eigentliches Behagen – welch ein Trost für uns alle dieser alte Knabe in seiner Fürstengrube zu Weimar ist! Ob man ein großer Poet und Staatsminister oder ein kleiner Narr und Wegebauinspektor ist, bleibt sich am Ende verflucht gleich – ein Vivat allen guten wackern Gesellen zu Wasser und zu Lande, auf ebner Erde und auf den goldenen Wolken im blauen Äther, den guten wackern Gesellen, die aushalten und sich nicht irren lassen und bei jeder Witterung den Tag preisen. Tue, was du willst, Leonhard, aber in allen Lagen nimm dir ein Exempel an dem alten Geheimen Rat und an dem Vetter Wassertreter; stirbst du jung, so wirst du das Deinige genossen haben, stirbst du alt, so kannst du dich in Ruhe einen Quietisten, Lumpen, oder wie es dem Pöbel sonst beliebt, schimpfen lassen: du hast, was dir gehört, gerettet und kannst die Leute reden lassen.«

»Das ist alles recht schön«, sagte Leonhard Hagebucher kläglich, »aber fürs erste handelt es sich für mich weniger darum, die Nase hoch zu tragen, als sie aus dem Schlamm zu ziehen. Alles Schlagen mit Händen und Füßen versenkt mich nur immer tiefer in den Morast; noch eine kurze Zeit, und der arme Teufel ist verschwunden, und der Vetter Wassertreter kann ihm ein Denkmal setzen mit der Inschrift: Hier liegt der Tropf, seines Schicksals würdig. Daheim im Tumurkielande –«

»Daheim?« rief der Vetter in fast kläglicherem Tone als der Afrikaner. »Daheim im Tumurkielande! Also so weit bist du schon herunter? Es wäre freilich nicht zu verwundern; aber traurig ists doch. Armer Bursch, die Gefangenschaft hat dich grenzenlos verwöhnt – statten wir der Madam Klaudine einen Besuch ab; auch das wäre kein Wunder, wenn sie den Rat für uns hätte, den wir nunmehr schon wochenlang vergeblich in allen Ritzen und Winkeln suchen.«

»Wer ist diese Madam Klaudine?« fragte Leonhard. »Ich höre diesen Namen nicht zum ersten Male, und immer wird er mit einer gewissen melancholischen Betonung ausgesprochen. Wer ist diese geheimnisvolle Madam Klaudine?«

»Eine Frau, welcher du schon längst einen Besuch gemacht haben solltest, Sohn Afrikas. Jetzt haben wir noch einige restaurierte Abzugsgräben und den Weg am Nonnenkopf, über welchen mir neulich der Wolkenbruch so niederträchtig herfiel, zu revidieren; – im Ochsen zu Fliegenhausen halten wir Mittag und Mittagsruhe, und nachher gehen wir zur Madam Klaudine. Im Laufe des Tages werde ich dir dieses und jenes von der Frau erzählen. Sammle die übrigen Brocken und laß uns wandern.«

Leonhard Hagebucher erhob sich, und der Vetter Wassertreter bestieg von neuem sein Roß. Sie verbrachten den Morgen ihrem Programm gemäß, zählten Steinhaufen, untersuchten Wasserläufe und Gräben und hielten allen die grüne Ferne durchschnurrenden Eisenbahnzügen zum Trotz ihre Wege rein und in gutem Zustande.

Gemütlichkeit und Grobheit wechselten in den Kundgebungen des Vetters den Umständen und den Leuten gemäß, mit welchen er es in seinem Amte zu tun hatte, und was er von der Madam Klaudine zu erzählen wußte, erzählte er. Leonhard hatte wiederum Gelegenheit, sich in manchen Dingen zu orientieren, die ihm sehr neu erschienen, es aber keineswegs waren.

»Fliegenhausen wird dir wohl noch bekannt sein, und der Katzenmühle wirst du dich ebenfalls noch erinnern«, sprach der Vetter Wassertreter. »Solch ein deutsches Dorf hält seine Erscheinung und seinen Geruch mit merkwürdiger Zähigkeit fest, und aus dem Boden wächst immer dasselbige Geschlecht, und im Ochsen steht der Eichentisch noch auf derselben Stelle, auf welcher er vor fünfzig Jahren stand. Mit der Mühle ist das anders, und du wirst ja sehen, was davon übriggeblieben ist. Den Bach hat der Teufel – wollt ich sagen, das neunzehnte Jahrhundert geholt, und es ist ein Jammer und Schaden um seine Forellen. Den Katzenmüller mitsamt seiner Familie hat der Teufel wirklich geholt und via Bremen nach Amerika expediert, wo es ihm besser geht, als ers verdient. Im Jahre einundfünfzig waren Bach, Mühle, Müller, Müllerin und Müllertochter noch im lustigsten Flor; um Weihnachten zweiundfünfzig aber, als Madam Klaudine ankam, ging es zu Ende mit allem: die hübsche Karoline war in das Landeszuchthaus abgeliefert, die beiden Alten rüsteten sich zu ihrer Fahrt über die See, und oben im Lande war bereits der Grund zu den Fabriken gelegt, welche den Bach fraßen. Das ist so eine einfache Geschichte, so eine Art Dorfgeschichte, ohne Glanzwichse, Pomade und Kölnisches Wasser. Das schöne Müllermädchen spielte natürlich die Hauptrolle in dem Trauerspiel, das Kriminalgericht fand sich berufen, allerlei Dorfgerüchten nachzugehen – eine Kindsleiche wurde irgendwo gefunden – im Bach, im Fichtengrunde, unter dem Düngerhaufen, wer weiß wo! – Es ist auch einerlei, die Geschichte ist seitdem bereits wiederum einige Male in der Umgegend passiert; die hübsche Sünderin hat ihre acht Jahre Zuchthaus hinter sich und ist Anno sechzig ihren Eltern nach Missouri gefolgt, soll nach einem Gerücht einen Quäker geheiratet haben, nach einem zweiten und wahrscheinlicheren aber die Bestimmung des Weibes zu Utah im Mormonenlande zu erfüllen suchen. Das alles hat nicht das geringste mit der Madam Klaudine zu schaffen; die hat ihre eigene Historie, welche jedoch im Grunde ebenso einfach wie die der Familie in der Katzenmühle ist. – Im Februar des Jahres achtzehnhundertzweiundfünfzig fiel hierzulande ein starker Schnee, von welchem ihr in eurem Afrika unter dem Äquator wohl kaum etwas gespürt haben mögt. Es war, als ob der Welt nach den politischen Aufregungen der jüngstvergangenen Jahre das Deckbett für einen gesunden Schlaf von einem halben Säkulum aufgelegt werden sollte. Acht Tage hindurch währte der Spaß, und das ist dann die rechte Zeit für unsereinen, welcher der Menschheit die Wege offenhalten soll und selber nicht durchkann. Herrgott, und nachher will einen die Tante Schnödler und die Kusine Mauser und die ganze übrige Verwandtschaft an seiner roten Nase zupfen und die eigene rümpfen! Tag und Nacht bis an den Hals im Schnee oder im Wasser – Tag und Nacht keine Ruhe – Herr Inspektor vorn, Herr Inspektor hinten – von der hohen vorgesetzten Behörde Tritte, Knüffe und Püffe, daß einem der Kopf summt und man seine Seele mit Vergnügen auf dem ersten besten trockenen Bund Stroh ausächzen möchte. Na, du hast ja auch mancherlei erlebt, Leonhard, und wirst dir eine Vorstellung davon machen können! – Bei so bewandten Umständen rief mich nun damals meine Amtspflicht auch in das Eichental hinter Fliegenhausen, wo die Poststraße durch die Schneemassen vollständig verschüttet war und die Bauernschaft mit Aufbietung aller Kräfte den ganzen Tag über an der Aufräumung derselben gearbeitet, aber für jede Schaufel voll, die sie zur Seite warf, drei Scheffel voll über die Köpfe bekommen hatte. Der Wind wurde mit zunehmender Dämmerung immer boshafter und tat nach bestem Vermögen das Seinige, um unsere Mühen vergeblich zu machen; es konnte in der Tat keine bessere Gelegenheit geben, eine angenehme Bekanntschaft zu machen, und so ließ mich denn auch der Himmel die Madam Klaudine auf meiner Chaussee finden. Trotz allen Hindernissen und Schrecken des Wetters hatte eine von der Residenz kommende Extrapost sich Bahn gebrochen bis zum Eingang des Fliegenhäuser Tales, wo sie denn aber doch endlich steckenblieb. Ein junger, stattlicher, sehr aufgeregter Mann – ein Offizier in Zivilkleidung, arbeitete sich durch die Schneewehen, um uns zu Hülfe zu rufen. Ich hielt ihn im Anfang für betrunken, er wars aber nicht, und ich erfuhr bald, daß er Grund zu seiner Aufregung hatte. Sein Kutscher war ohne allen weiteren Zweifel betrunken, eines der Pferde zusammengebrochen und der Wagen selbst so tief versunken, daß er kaum noch aufzufinden war. Die Dame im Wagen lag ohnmächtig – im Fieber – dem Tode nahe; und mit gerungenen Händen schrie mir der junge Herr zu: ›Es ist meine Mutter! Helfen Sie mir, o helfen Sie uns! Es ist meine Mutter, welche stirbt; wo können wir sie, wenn auch nur für einige Stunden, unter Dach bringen?‹ – Ganz Fliegenhausen stand nunmehr im Kreise um den versunkenen Wagen und kratzte sich hinter den Ohren, und mir für mein Teil erschien die Geschichte kurios und verwunderlich genug. Die Leute sahen anständig und vornehm aus; aber auf den ersten Blick mußte man erkennen, daß der Unfall und das arge Wetter sie nicht allein bedrängten. Sie erschienen wie Menschen, die von einem plötzlich ausbrechenden Feuer aus dem Schlafe aufgeschreckt und aus ihrem brennenden Hause gejagt wurden; eine wilde, hastige und doch stumpfsinnige Verzweiflung sprach aus jedem Wort, jeder Gebärde des jungen Mannes, und der stupideste meiner Arbeiter und Bauern wich betroffen vor seiner krankhaften Heftigkeit zurück. An einem solchen ärgerlichen, mühevollen Tage hat man jedoch genug zu tun, wenn man auf das Nächste und Nötigste achtet und, wenigstens für den Augenblick, zur Seite liegenläßt, was einen für den Augenblick nichts angeht. Das nächste Obdach bot die Katzenmühle, und dorthin brachten wir, nicht ohne Anstrengung, die erschöpfte Frau. Wir hatten lange zu pochen und zu klopfen, ehe man uns die Tür öffnete; die beiden Alten waren nicht in der Stimmung, barmherzig und milde gegen die Welt zu sein, und man konnte es ihnen auch kaum verdenken. Das Elend suchte bei dem Elend Schutz, und das ist immer und allewege ein ander Ding, als wenn das Glück mit Lachen das Glück zum Tanz auffordert. Die Müllerin war natürlich noch widerborstiger und grimmiger als der Müller und wehrte sich am längsten gegen unser Eindringen in ihren dunkeln Jammerwinkel. Endlich wich auch sie halb der Gewalt, halb der Überredung und verkroch sich grollend zu ihrem Mann hinter den Ofen. Wir legten die kranke Dame auf ihrem Bette nieder und konnten nunmehr kaum noch etwas für sie tun. Ich versprach, wo möglich den Arzt von Nippenburg herüberzuschicken, aber die Kranke wies, ebenfalls mit großer Heftigkeit, diesen Dienst zurück. So nahm ich denn Abschied und zog mich mit meinen Bauern und Straßenknechten nach Fliegenhausen zurück. Wir waren gleich einem geschlagenen Heer; der Sturm und der Schnee hatten das Feld siegreich behauptet; den Wagen der Fremden mußten wir lassen, wo wir ihn gefunden hatten, und froh sein, daß wir noch die Gäule und den Kutscher retteten. Wenn ich den festen Entschluß hatte, schon am folgenden Tage die Katzenmühle wieder zu besuchen, so lag es nicht an mir, wenn ich ihn nicht zur Ausführung brachte. Ich hatte mir aus dem Schnee der letzten Tage ebenfalls ein Fieber geholt, welches mich unsern Herrgott in seinem Zorn erkennen ließ, mich in einem Federbett halb erstickte und halb mich in Strömen von Kamillentee ersäufte. Erst nach Wochen ritt ich wieder durch Fliegenhausen und dachte dann zum erstenmal wieder an jene Begegnung im Unwetter, welche ich dir beschrieb. Der Schnee war jetzt längst zu Wasser geworden, und der Frühling regte sich schon überall in den Büschen und unter den Büschen. Mir war recht wohl zumute, und in solcher sehr glücklichen und leichtherzigen Gemütsstimmung trabte ich denn auch zur Katzenmühle und rief mit lautem Hallo nach dem Müller, um mich nach seinen Gästen und ihren fernern Schicksalen in seiner Behausung zu erkundigen. Der Mensch soll aber ja nicht meinen, daß die Welt auf ihn wartet, während er, mit über die Ohren gezogener Nachtmütze im Bett liegend, schwitzt und Tee trinkt. Die Katzenmühle fand ich noch vor, aber den Katzenmüller und die Katzenmüllerin nicht mehr; sie waren abgezogen nach Amerika, und an ihrer Stelle saß die Madam Klaudine in der Katzenmühle, und die Madam Klaudine war jene ohnmächtige Dame, welche ich mit Hülfe der Fliegenhäuser Bauernschaft aus dem Schnee aufgrub. Eine Magd wies mich zuerst von der Tür fort, wie uns an jenem stürmischen Abend der Müller abgewiesen hatte. Der Herr Leutnant sei in die Fremde gegangen und Madam Klaudine sei unwohl und nicht zu sprechen, hieß es. Der Vetter Wassertreter aber hat sich nicht umsonst dem Wegebau gewidmet, er fand seinen Weg zu der geheimnisvollen Frau, und nicht zu ihrem Schaden; denn die frommen Hirten und biedern Ackerbebauer der Gemeinde Fliegenhausen machten ihr bereits das Leben sauer genug. Ich fand häufig Gelegenheit, mich der Frau nützlich zu machen und ihre Ruhe und Behaglichkeit gegen die Nachbarschaft, der das ›Wesen‹ gar nicht gefiel, in Schutz zu nehmen. Daß ich etwas Vertrauenerweckendes in und an mir habe, hat die Base Klementine mir noch nie abgestritten, und so bin ich denn im Laufe der Jahre ein guter Freund der Madam Klaudine geworden, und wir wissen, was wir aneinander haben. Sie sitzt still in einem großen Schmerze und würde ihr Geschick gewiß gern um deine Gefangenschaft zu Abu Telfan vertauscht haben; aber ihr Leid ist ebenfalls nicht neu, ihre Historie ist sowenig zum erstenmal auf Erden passiert wie die der schönen Müllerin. Diese Frau, welche wir hier Madam Klaudine nennen, ist die Gattin eines hochgestellten Beamten, der einer Kriminaluntersuchung nur dadurch entging, daß er in dem Augenblick, als der Verhaftungsbefehl ihm vorgezeigt wurde, wie man sagt, am Schlagfluß starb. Ihr einziger Sohn glaubte seine Ehre mit der seines Vaters verloren und warf in unverständiger Verzweiflung alles von sich, was sein Leben bis dahin bedingt hatte. Als die Katastrophe über sein Elternhaus hereinbrach, muß sie ihn als einen verweichlichten, verwöhnten Knaben gefunden haben; denn er besaß nicht die Kraft, seine Persönlichkeit, sein Ich in dem gewohnten Lebenskreise zu behaupten, sondern ließ alles hinter sich und floh wie dein Landsmann, der Vogel Strauß, um irgendwo den Kopf in den Sand zu stecken. Die Mutter steht natürlich für die Richtigkeit seines Verhaltens ein; sie ließ sich ebenso natürlich in dem Augenblick der Glückswende von ihm fortreißen und wäre ihm bis ans Ende der Welt auf seiner Flucht in das aschgraue Ungewisse gefolgt, wenn nicht glücklicherweise der große Schnee sämtliche Eisenbahnlinien verweht und sogar die Poststraße des Vetters Wassertreter am Eingange des Eichentals vor Fliegenhausen gesperrt hätte. So sitzt sie nun länger als zehn Jahre in der Katzenmühle und harrt auf die Rückkehr ihres Sohnes, und wie ich glaube, warten andere Leute mit ihr darauf. Daß der junge Herr noch am Leben ist, steht der Mutter unzweifelhaft fest, aber desto zweifelhafter ist mir, was er aus sich gemacht hat. Der Unterhaltungsstoff ist uns während dieser zehn Jahre nicht ausgegangen; wir wissen im Sommer wie im Winter, worüber wir zu schwatzen haben, und im Notfall können wir träumen nach Belieben. Du wirst eine schöne, alte Frau, eine weise Frau, eine Heldin kennenlernen, Leonhard Hagebucher. Wenn du im Tumurkielande dein Elend mit solchem Anstand trugest, wie Madam Klaudine Fehleysen das ihrige in der Katzenmühle, so mache ich dir mein allergehorsamstes Kompliment. Himmelsackerment, nun sieh einmal an, wie mir die Lümmel hier den Winterweg zugerichtet haben! Die ganze Böschung ruiniert! Wie viele besoffene Kotsassen und Brinksitzer haben mit ihren Mistwagen hier im Graben gelegen? Sollte man da nicht den Glauben an die Menschheit verlieren und den an die Karlsbader Beschlüsse finden? Das ist ja rein um des –«

»Eine Unglückliche und eine Heldin!« sprach Leonhard in tiefem Nachdenken vor sich hin, und der Vetter, wieder in den gelassenen Ton seiner Erzählung übergehend, sagte:

»Du wirst sie sehen, und hoffentlich gefällst du ihr so wie mir. Du wirst sie kennenlernen, und das ist mehr, als sehr vielen Leuten zuteil wird. Da ist übrigens Fliegenhausen; wir wollen jedenfalls den kürzesten Weg zum Ochsen nehmen. Bei solcher Mittagshitze ziehe ich die Sehne dem Bogen immer vor, dir aus dem heißen Land Afrika kanns einerlei sein.«

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