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Wilhelm Raabe

Alte Nester

Siebenzehntes Kapitel

eingestellt: 12.7.2007



Wenn der Vetter Just sein Wort gegeben hatte, so konnte man sich darauf verlassen, daß er es pünktlich hielt. Dieses war selbst in seinen Traumjahren auf dem Steinhofe der Fall, und sein Aufenthalt in Amerika hatte nichts daran geändert. Fünf Minuten vor elf Uhr am folgenden Tage vernahm ich seinen langsamen, soliden Schritt auf der Treppe.

»So, da bin ich, und wir können gehen«, sagte er. »Irene wird sich gewiß recht freuen; aber ein Vergnügungsweg ist es nicht, das versichere ich dich.«

Dieses brauchte er nun mir gerade nicht immer zu wiederholen, ich wußte es bereits. Die Zeiten, wo wir uns in dem Blättergrün und Sonnengold unserer Nußbaumnester an der Hecke von Schloß Werden schaukelten und uns daraus wild, frei und fröhlich in alle grenzenlose Jugendlust der Erde niedergleiten ließen – auf die »Vergnügungswege nach dem Steinhofe«, wie der Vetter sich ausdrückte, – die Zeiten waren nicht mehr vorhanden. Aber aus dem Sonnengold und Blättergrün stieg ich an diesem Morgen doch hernieder in den Straßenschmutz der Stadt Berlin. ›Wie du die Jugendfreundin auch finden magst, hiervon werdet ihr auch reden, Fritz Langreuter!‹ sagte ich mir wehmütig-bänglich; und dazu war es schon sehr viel und ein großer Segen, am Arme des Vetters Just Everstein diese Straßen durchwandern zu dürfen, vorüber an den Anschlagssäulen mit den hundert bunten, zu den heutigen Lustbarkeiten einladenden Zetteln, ganz abgesehen von den anderen öffentlichen, privaten oder amtlichen Ankündigungen und Aufforderungen.

»Guck, da steht die Gesellschaft und der Staatsanwalt wieder einmal einem durchgeschnittenen Halse gegenüber perplex! Diese dreihundert Taler, die dem Denunzianten des Täters angeboten werden, sind für mich das kurioseste Preisgeld, was der Menschheit, das heißt dir, mir und den übrigen, hingehalten werden kann«, brummte der Vetter. »Was will es dagegen heißen, die beste Komödie zu schreiben oder das beste Bild zu malen und einen Preis dafür zu kriegen? Beiläufig, ich habe es damals in der Neuyorker Staatszeitung gelesen, daß du auch einen Preis für eine wissenschaftliche Abhandlung bekommen hast. Das muß dich doch sehr gefreut haben, Fritz; – als ich es las, war ich natürlich aus Rand und Band. Hast du noch ein Exemplar von der Abhandlung für mich, und kann ich sie verstehen?«

»Makulatur, alter Freund!« sagte ich, besaß jedoch in einem staubigen Winkel ein hübsch Bündel von mir und der Welt höchst überflüssigen Abdrücken. Wir gingen weiter und sprachen auf dem ferneren Wege wenig mehr miteinander und nichts von irgendwelcher Bedeutung; aber unter der Tür des Hauses, in dem Irene von Everstein jetzt wohnte, hatten wir eine Begegnung, von der kurz erzählt werden muß, und zwar mit einer kleinen Abschweifung.

Es ist eine der volksläufigen Vorstellungen, daß die höheren Klassen unserer heutigen Gesellschaft den ideelleren Bestrebungen des Menschen immer noch vollkommen fremd gegenüberständen und teils mit Verachtung darauf herabsähen, teils drolligerweise Furcht davor hätten. Dem ist nach meiner Erfahrung nicht so, nicht einmal im großen ganzen. Daß man hier wie auch in anderen Kreisen ein tüchtig Quantum von Dilettantismus oder von beschäftigungsloser Neugier oder von leerem Vorwitz im Verkehr der Welt zu verdauen hat, ist freilich nicht zu leugnen; doch wo hat man das denn nicht?

Ich meinesteils habe mich in meinem engen Reiche nie über eine aristokratische Mißachtung zu beklagen gehabt, wohl aber ziemlich häufig über des edeln deutschen Philistertums verzogene Schnauze ein vergnügtes Lächeln mit einiger Mühe unterdrückt. Wir deutschen Gelehrten usw. haben wahrlich keinen Grund, das »Krieg den Palästen!« durch unseren Tabaksdampf nachzubrummen. Wahrlich, wenn es uns Spaß macht, so dürfen wir unsere Fehdebriefe da dreist an ganz andere Türen als die unserer früheren Reichsunmittelbaren usw. anheften.

Einer von den letzteren, und zwar ein sehr guter Bekannter aus den Hörsälen der Universität und von manchem »wissenschaftlichen Abend« her war es, der uns über die Schwelle, die wir eben überschreiten wollten, entgegentrat.

»Sieh da, Doktor! Was für ein guter, närrischer oder gar böswilliger Geist führt denn Sie in dieses Haus, wenn ich fragen darf?«

»Ich komme jedenfalls unter dem Geleit eines guten, treumeinenden Führers, mon prince«, erwiderte ich. »Ich wünsche eine Jugendbekanntschaft zu erneuern, Durchlaucht.«

Die Durchlaucht oder Erlaucht hatte den Vetter höflichst gegrüßt und dieser den Gruß ebenso zurückgegeben.

»Eine Jugendbekanntschaft? Darf ich fragen, mit wem, lieber Freund und gelehrter Gönner?«

Ich stellte zuerst die beiden Herren einander vor, und sie begrüßten sich noch einmal. Dann beantwortete ich die an mich gestellte Frage, indem ich Irenes jetzigen Namen nannte, aber auch ihren Mädchennamen hinzufügte. Der Fürst ** sah mich einen Augenblick betroffen an, dann ergriff er meine Hand und rief:

»Die?! Die Herren sind Bekannte – Freunde der armen Frau? Ach, es ist ja richtig, Doktor, Sie stammen mit ihr aus einer Gegend her. O, meine Herren, ich habe in Wien diese Ehestandstragödie mit durchgemacht und auch eine Rolle darin gespielt. Ich war ein Zeuge bei dem Duell, in dem endlich zu allgemeiner Befriedigung in unserem gesellschaftlichen Verkehr ein schwarzer Strich über den Namen Gaston von Rehlen gezogen wurde. Die Rehlen sind von fernher mit uns verwandt, und nach meinen schwachen Kräften habe ich das Meinige getan, die unglückselige Frau da oben in ihrem trostlosen Leben aufrechtzuerhalten. Mein Vater ist ein Jugendfreund des alten Herrn auf Schloß Werden gewesen; – so laufen die Bezüge zwischen uns durcheinander. Ach, meine Herren, ich wollte, Sie wären etwas früher gekommen. Vielleicht hätten Sie einen frischen Hauch in die schwüle Stunde mitgebracht, in der ich eben dort oben auf Kohlen gesessen habe. Sie treffen übrigens auch den Arzt dort an. Das Kind ist seit der vergangenen Nacht wieder recht krank; der Medizinalrat macht mit der Uhr in der Hand am Bette der Kleinen das bekannte Gesicht und ist mir auch bis vor die Tür nachgegangen und hat mir als einem Familienfreunde seine Meinung nicht vorenthalten. Das kleine Mädchen liegt bereits im Sterben, und als wirklicher Familienfreund halte ich das bei dem geistigen und körperlichen Zustande des armen Geschöpfes für ein Glück!«

Der Vetter Just stieß einen Laut hervor, der ein Seufzer war, aber auch eine grimmige Verwünschung bedeuten konnte.

»Meine Herren«, fuhr der Fürst fort, »ist es nicht recht bizarr, daß wir uns von all diesen Angelegenheiten hier so zwischen Tür und Angel unterhalten? Bester Doktor, demnächst muß ich mich unbedingt einmal wieder zu einer Tasse Tee bei Ihnen einladen, und dann müssen wir mehr über die Frau da oben reden. Sie interessiert uns alle in dem weitesten und in dem engsten Kreise; ich spreche aber hier nur von dem letzteren als dem meinigen.«

»Sie wissen, daß Sie mir immer willkommen sind, Durchlaucht«, erwiderte ich.

»Also, adieu, mein Bester, und auf Wiedersehen!«

Wir schüttelten uns noch einmal die Hände, während der Vetter Just bereits die Treppe hinaufstieg.

Das war im ersten Stockwerk eine breite, vornehme, mit Teppichen belegte Treppe, die zu einer auf dem Eckständer der Brüstung eine Glaskugel haltenden Bronzefigur emporführte. Aber die Teppiche waren auf dem nächsten Absatze verschwunden, und auch die Stufen waren steiler geworden. Der Kommissionsrat, der die Beletage des Hauses innehatte, wohnte bedeutend eleganter als die Freifrau Irene von Rehlen, die wir in dem glückseligen Nußbaum, auf den Wiesen, in den Parkalleen und in den Wäldern von Schloß Werden einst in ihrer fröhlichen Wildheit, blondlockig und blauäugig, als unseren besten Kameraden und nur, wenn sie uns zu sehr durch einen ganz unvermuteten Schabernack aus der Fassung gebracht hatte, als dies »Fräulein Gräfin« oder (nach Ewalds Ausdruck) als »diese ganz abgefeimte Haupthexe, diese Irene« gekannt hatten.

Ich stieg hastig dem Vetter nach, der vor der Glastür mit dem jetzigen Namen unserer Jugendfreundin einen Augenblick lang sich schwer auf das Geländer stützte und, unverständlich mit sich selber sprechend, sich mit dem Taschentuch über die Stirn fuhr.

»Das sollte nun wohl ein Trost sein, daß uns dieser Mann da eben an der Tür begegnete!« brummte er mir zu. »O, diese Hand würde ich darum hergeben, wenn ich dadurch jetzt meine Eva Sixtus hierher schaffen könnte, Fritz Langreuter!«

Weshalb gab mir nun dieser Name Eva Sixtus auch in dieser Stunde, in dieser Umgebung und unter diesen Umständen, von ihm ausgesprochen und gleichsam zur Hülfe herbeigerufen, in tiefster Seele einen Moment bittersten Unbehagens – wie das Volk sagt: einen Stich durch das Herz?! Ich hatte wiederum keine Zeit, darüber nachzudenken; die Glastür war nicht verschlossen, und der Vetter hatte sich »besonnen«, wie er sagte, und »die nötige Selbstbeherrschung wiedergewonnen«.

Als wir auf den etwas dunkeln Vorplatz traten, öffnete sich gegenüber eine Tür, und der Doktor kam heraus, geleitet von Mademoiselle Martin, deren runzeliges Gesichtchen verkniffener denn je erschien.

»Ah, messieurs!«

Ich kannte auch den Arzt persönlich und wußte, daß er als einer der besten Kinderärzte der Stadt galt. Er gab mir etwas verwundert die Hand; aber dem Vetter Just schüttelte er sie ganz vertraulich.

»Ich freue mich, daß ich Ihnen augenblicklich den Platz räume, Herr Everstein«, sagte er leise. »Sprechen Sie in Ihrer gewohnten Weise zu der Gnädigen; es wird ihr wohltun –«

»Und das Kind?« flüsterte der Vetter; und der glückliche Kinderarzt, der sie zu Tausenden hatte sterben sehen, nickte unmerklich und schüttelte sodann sehr merklich den Kopf:

»Ich habe leider dem Fräulein hier die Wahrheit nicht verhehlen dürfen. Ich denke – so – gegen Abend!... Werde jedenfalls im Laufe des Nachmittags noch einmal vorsehen. Mein Fräulein, ich bitte Sie, ferner so ruhig zu bleiben wie bisher. Meine Herren, ich empfehle mich Ihnen.«

Er ging, und Mademoiselle, die so ruhig bleiben konnte, erfaßte mit zitterndster Erregung unsere Hände, und die Tränen brachen ihr unaufhaltsam hervor.

»O, es ist gut! – Nur einen Moment, messieurs! Ich bin auch gleich wieder still. Herr Fritz, madame wird sich sehr freuen – freuen. Ich habe ihr gleich erzählt von Ihnen, und daß ich Sie habe gesehen in der Straße. Herr Just, Sie verlassen uns nicht heute abend! Sie bleiben bei meinem Kind und bei unserem Kinde, wenn kommt die schlimme – terrible – Stunde. Wir brauchen einen guten Mann dann bei uns, Herr Vetter Everstein! Und nun warten Sie, daß ich es ankündige, daß Sie da sind.«

Sie führte uns in ein Nebengemach, und wir hatten nicht lange zu warten, bis man uns winkte. O über die goldengrünen Zweige, in denen wir uns wiegten, unsere Nester bauten und von der Welt träumten und auch als Kinder, nicht als ausgewachsene Leute und große Philosophen, die Welt für ein Spiel nahmen, in welchem wir mitspielen durften!...

Am Sterbebette ihres Kindes! Sie saß in dem verdüsterten Raume und hatte den Arm auf das Gitter des kleinen Lagers gestützt, und sie stand auch nicht auf, als wir leise in die Tür traten, sondern reichte uns nur die Hand und hob ihre gleichfalls fieberhaft glänzenden Augen zu uns empor.

»O Just«, sagte sie, und dann zu mir gewendet, mit einem ganz anderen Ausdruck: »Schau, auch du, Fritz! Ich sollte dich eigentlich jetzt wohl Sie nennen, denn wir haben uns so lange nicht gesehen und haben soviel erlebt in der Zeit, daß wir uns nicht gesehen haben. Aber ich hätte dich doch gleich wiedererkannt, Fritz, und ich habe auch keine Zeit, jetzt über das Schickliche nachzudenken. Lassen wir es also beim alten, wenn es dir recht ist, Fritz.«

Es war noch die alte Stimme und doch auch eine ganz andere. Mit eisernem Griff drückte mir die Stunde die Kehle zusammen.

»O liebe Irene –«

Der Vetter Just hatte sich über das kranke Kind gebeugt.

»Deine gute Mutter ist auch gestorben«, sagte die Jugendfreundin. »Ich habe mich sehr betrübt, als du mir das schriebest. Sie hat auch viel erlebt. Weißt du wohl noch, wie ihr zuerst nach Schloß Werden kamt? Aber wir haben nachher doch noch eine glückliche Zeit für uns gehabt. Setze dich doch, Fritz, – du mußt nicht gleich wieder fortgehen; – aus alter Freundschaft, lieber Fritz! Mein Vater ist gestorben – mein – Mann ist tot – nun stirbt mein Kind, mein armes, kleines, krankes Mädchen! O Vetter Just, Vetter Just!«

Sie hatte sich mit einem Male rasch erhoben und dem Vetter laut weinend die Arme um den Hals gelegt. Sie schluchzte an seiner breiten, braven Schulter, als könne sie sich nimmer wieder beruhigen.

»Das ist gut; lassen Sie sie so!« murmelte Mademoiselle Martin, ihr Taschentuch zwischen den Händen zerringend. Da fing das Kind leise an zu wimmern, und der Vetter, die Mutter aufrecht haltend, legte eine Hand auf die kleine Stirn auf dem weißen Kopfkissen.

»Vetter Ju! – Wehweh!« winselte das Kind.

»Herz, mein Herz«, rief Irene. »Wir sind ja alle bei dir! Mama ist da, und wir bleiben alle bei dir – o großer Gott!«

»So wehweh!... Auf Arm, Vetter Ju!« klagte das Kind von neuem und bat mit herzzerreißenden Schmerzenslauten. Der Vetter Just warf einen fragenden Blick auf Mademoiselle Martin, und sie nickte. Da nahm der Bauer vom Steinhofe sanft die Kleine aus ihrem Bettchen und setzte sich und hielt sie auf einem Kissen und in ihren Decken in seinen guten Armen, und sie wurde allgemach wieder ruhig und schlummerte schmerzloser der letzten, ernsten Stunde zu. O über den Sonnenschein und die goldengrünen Zweige, in denen wir uns wiegten, als wir Kinder waren!

Der Medizinalrat sah seinem Versprechen gemäß gegen Abend noch einmal vor. Er blieb sehr ernsthaft wieder mit seiner Uhr in der Hand eine Viertelstunde und sprach gemessen schickliche und beruhigende Worte zu der Mutter. Aber er war ein »glücklicher« Arzt, ein vielbeschäftigter, und hatte keine Zeit, hier das Ende abzuwarten, denn er hatte noch an verschiedenen anderen Orten dieselben geziemlichen und beruhigenden Worte zu sprechen. Wir aber hatten Zeit dazu: der Vetter Just Everstein und – gottlob! – ich auch!

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