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Wilhelm Raabe

Alte Nester

Zweites Kapitel

eingestellt: 12.7.2007



Was für eine Magie liegt selbst für die Erwachsenen in dem sich drehenden Rad! Fahren!... Ausfahren! Fahren durch einen frischen, sonnigen Sommermorgen in die weite, weite Welt hinein! Gibt es ein glückseligeres Fieber als das, was bei diesem Worte und dieser Vorstellung das Kind ergreift und ihm in erwartungsvoller Wonne fast den Atem benimmt?

Ich war an jenem schrecklichen Morgen ungefähr fünf oder sechs Jahre alt; aber wie deutlich steht er mir noch vor der Seele! Mit allen seinen Einzelheiten! Da war das hastige Ankleiden, bei dem ein Dutzend aufgeregte Hände helfen wollten. Da war das Geflüster rundum und dazwischen das stille Weinen und laute Schluchzen der Mutter, von Zeit zu Zeit ein neues Gesicht, das sich in die Tür schob und in einem Winkel sich »des genaueren« berichten ließ. Dazwischen immer wieder von neuem die braven, guten Worte des alten Kameraden und Kollegen und dann – das Peitschenknallen des Kutschers in der Gasse, das allmählich immer mehr von steigender Ungeduld zeugte.

Und dann waren wir auf der Treppe und dann in der Gasse, und die Gasse rund um die gräfliche Kutsche war auch voll Menschen, die sich verhältnismäßig still verhielten, aber desto mehr und dichter sich im Kreis herandrängten und, wie mir schien, sämtlich nur allzugern mitgefahren wären in die Weite hinaus und nach Schloß Werden.

Und die Mutter bekümmerte sich nun gar nicht mehr um mich. Ich hielt mich an ihrem Rocke, sie aber ließ sich starr, stumm und willenlos führen, und ich fürchtete mich vor ihren Augen, mit denen sie gar nichts mehr sah, selbst mich nicht. Ich aber sah auch nur beiläufig auf sie; denn der hellblaue Kutscher sah auf mich, und er hatte zwei Braune vor seinem Wagen.

Das holperige Pflaster der einzigen Hauptstraße des Städtchens – aus dem Tor, an den Gärten hin auf die Landstraße; – ich neben der Mutter im Rücksitz des Wagens, und des Vaters Kamerad und Kollege uns gegenüber! Da ist die Mühle, wo sich das Wasser aus ziemlicher Höhe auf das Rad stürzt und mir mit seinem ewigen Brausen und weißen Schäumen und eiligen Weitertosen im Bach immer einen so wonnigen Schauder einjagt. Da ist die Gänseweide, unser Hauptspielplatz; Schulkinder mit ihren Schiefertafeln und Abc-Büchern stehen am Rande des Grabens und starren uns an und sind im nächsten Augenblick zurückgeblieben, während ich weiterfahre. Auf der weißen Landstraße liegt die Sonne schon ziemlich heiß; – was wohl der Steinklopfer denkt, der uns auch nachsieht? Was er wohl denkt über unseren Kutscher in dem hellblauen Rock und mit dem Silberstreifen um den Hut? Und über den anderen Mann vor uns auf dem Bocke, auch in Hellblau und Silber?! Ich sehe um die Schultern der beiden Leute von Schloß Werden auf die im Traben sich hebenden und senkenden Pferdeköpfe und die schwarzen Mähnen. Wer doch das alles immer so vor sich haben könnte und vorbeifahren immerzu an den Menschen und Bäumen, Zäunen und Hecken – immer, auch wenn die Sonne noch heißer scheinen sollte!... Ich stehe auf, um in die zurückbleibenden weißen Staubwolken hineinzusehen. Meine Mutter zieht mich wieder auf den Sitz, und wir fahren in das Freie, Klare, Frische hinein.

»Bald sind wir glücklicherweise im Schatten«, sagte der Kamerad. Seine Säbelscheide wird heiß; ich habe den Finger darauf gelegt, weil die Sonne auch auf ihr blitzt und blinkert, – zu verlockend, um nicht auch da von ihrem Glanze verlockt zu werden. Es ist acht Uhr am neuen Tage – auch das bemerkt der Kamerad, seine Uhr hervorziehend.

»Nun sehen Sie einmal, liebe Frau, wie es doch immer viel später wird, als man denkt, wenn man es auch noch so eilig haben will. Da sind wir aber gottlob wenigstens endlich im Walde und im Schatten.«

Ja, wir fuhren jetzt im Walde, und es gab nichts Schöneres als ihn an diesem Morgen. Die Buchen streckten ihre Zweige zu einem grünen Dache über uns hin. Wasserläufe rieselten hervor und begleiteten uns stellenweise. Dann und wann sah man hinein in ein Tal, und dann wieder trat der rote Sandstein bis dicht an den Weg hinan, und die Grillen schrillten in dem Spalte des heißen Gesteines, und nie in ihrem glücklichen Dasein und Weiterweilen gestörte Blumen – gelb und blau – sahen uns vorüberfahren.

Doch uns drohte nun in all der Pracht, Lieblichkeit und Schönheit ein Schreckliches.

Ein leises Klirren kam heran an einer Wendung der Chaussee und dazu Pferdehufschlag und eine andere Staubwolke. Zwei gefesselte Männer wurden inmitten dieser Staubwolke und zwischen den Pferden der begleitenden Landreiter geführt. Der Kamerad des toten Vaters zog seinen Säbel an sich und trat mit dem Fuß auf und sprach einen Fluch. Die Mutter aber richtete sich empor und bog sich vor und starrte auf die gebundenen zwei Männer aus ihren verweinten Augen:

»Die...?!«

»Da könnte man lernen, was es heißen muß, im Ernst einhauen!« sagte leise der Kamerad, und er hatte die Hand auf den Wagenschlag gelegt und rüttelte daran. Die beiden Leute auf dem Bocke aber sahen auch zur Seite und dann auf meine Mutter und mich, und dann schlug der Kutscher plötzlich auf die Pferde, und vorüber ging das auch in Staubwolken, Sonnenlicht und Waldschatten. Im raschesten Trabe gingen die Gäule weiter, obgleich der Weg sich eben bergan zog.

Es ist ein sehr angenehmes Waldgebirge, durch welches damals die Grenze gegen den Nachbarstaat, der das deutsche Salz in anderer Weise als wir besteuerte, sich zog. Eine Grenze ist dort auch heute noch vorhanden, aber jener Staat nicht mehr; doch davon ist jetzt nicht die Rede, sondern von der Gegend – der Landschaft überhaupt. Forsten und Steinbrüche überwiegen; das Ackerland läßt manches zu wünschen übrig; doch es ist in den Händen der Bauern und Kleinbürger, und das ist immer viel wert. Nur einige große Landesdomänen bilden zusammenhängendere Komplexe, und zwei oder drei Rittergüter mit alten Geschlechtern darauf haben gleichfalls ihr größer Teil vom alten Erbe Adams festgehalten. Schloß Werden hatte in dieser Hinsicht den weitesten Besitz aufzuweisen, freilich aber auch, vom trefflichen Walde abgesehen, den steinigsten und unfruchtbarsten. Der Zweig der alten Familie, die es bewohnte, stammte von einem Bergschlosse, fünfzehn Meilen weiter nach Norden im Lande gelegen und durch viele andere bunte Grenzpfähle von dem Absenker getrennt, dazu auch nur als Ruine, zu der es schon, wenn wir nicht irren, im Jahre der Entdeckung Amerikas mit Aufwendung aller damaligen kriegerischen Ingenieurkünste gemacht wurde.

In Wien sitzen Fürsten zu Everstein, in München Freiherren desselbigen Namens, und hier in diesem Waldgebirge, verschollen wie Amerika nach der Entdeckung durch die Chinesen oder die Norweger, oder wer es sonst zuerst aufgefunden haben soll, Herr Friedrich Graf Everstein mit einer einzigen Tochter, Komtesse Irene; und sonderbare Geschichten und Gerüchte gingen über den Herrn und seinen Haushalt im Lande herum. Je genauer man aber darauf hinhörte, desto weniger wirklich Genaues hat man darüber erfahren, außer daß »von Anfang an wenig dort zu suchen und noch weniger zu finden« war. Ein Verbrechen ist das gerade nicht, doch angenehm und behaglich ists auch nicht. So sagten wenigstens die Leute später.

Noch eine Stunde hatten wir durch den Buchenwald zu fahren, dann kamen wir an einen sumpfigen Graben voll Riedgras und Binsen. Ein altersgrauer Grenzstein stand, halb versunken, dicht an der Chaussee. Um ihn herum war das Gras niedergetreten wie von vielen Füßen. Unser grauschnauzbärtiger Begleiter schob die Schultern plötzlich hin und her und sah grimmig verlegen auf den Platz hin und legte dann meiner Mutter die Hand auf das Knie und sah dann meine Mutter an, indem er sich mit den Knöcheln der anderen Hand die Stirn rieb.

»Ich weiß nicht, ob es recht von mir ist, Frau, aber ich – der Junge – mag sich wohl einmal daran erinnern wollen. Da!«

»Da hat man ihn gefunden!... Gemordet!... Mir und unserem armen Kinde in seinem Blute!« schrie meine Mutter, und –

»Ja!« sagte der alte Kamerad. »Zum Henker, Kutscher, fahr zu!«

Das kam wohl schroff und hart heraus, aber doch aus dem weichsten, teilnehmendsten Gemüte. Und es war auch in der Tat wohl sehr gut, daß der Kutscher wirklich rasch zufuhr. Es war wohl besser, die Frau sanft um den Leib zu fassen und sie zurückzuhalten, als sie blind nach dem Griff des Wagenschlages faßte, um sich hinaus und auf die schreckliche Stätte zu stürzen. Der Tau hing im Schatten noch überall an Gras, Blumen und Blättern; aber da – unterm Erlenbusch – da, wo der Boden am meisten zerstampft war, mochte wohl noch ein anderer Tau an den Gräsern und dem niedergetretenen Gezweige hängen.

Beiläufig, es erregt ganz eigentümliche Gefühle, wenn man sich heute nach so langen Jahren erinnert, damals, wenn auch nicht auf der schweren Fahrt, ein Wort aufgeschnappt zu haben, dahin lautend, daß »der Alte in der Tat merkwürdig viel Blut verloren habe«!

Fünf Minuten weiter von der furchtbaren Stelle entfernt zweigte sich ein Fahrweg von der Landstraße ab, quer über Wiesen. Da bog auch unser Wagen ein. Jenseits der Wiesen, über dichte Lindenwipfel und andere parkähnliche Baum- und Buschgruppen, erhoben sich die blauschwarzen Schieferdächer und die beiden altersgrauen Ecktürme von Schloß Werden.

Ein Pfahl am Wege verbot hier das Fahren und Reiten.

»Sonst fährt hier nur die Herrschaft«, erklärte der Kamerad und Steuerkollege; und es war freilich für uns eine bittere Ausnahmswegegelegenheit! Ich hörte das Wort; aber nach dem Fahren hätte ich in diesem Augenblick wenig gefragt, wenn ich zu allem anderen freie Verfügung über die sonnige grüne Fläche gehabt hätte.

Die große Wiese stand in der vollsten, buntesten Pracht ihrer sommerlichen Schönheit. Es schrillte tausendstimmig über ihr; die Schmetterlinge, Käfer und Mücken flatterten und tanzten, es tanzte die heiße Luft über ihr. Wir aber, wir fuhren weiter diesmal – die Kinderjagd nach den Farben und den Tönen des Sommers sollte mir diesmal noch nicht erlaubt sein; – wir fuhren an einem Teil der hohen Hecke des Parkes entlang und dann an einer noch höheren Mauer hin bis zu einem alten, aber immer noch festen und stattlichen Eingangstor, über dessen beiden Pfeilern zwei greifenartige Wappentiere auf Steinschilden in ihren Tatzen das Wappen mit dem Eberkopf der Morgensonne hinhielten.

Der Wagen rasselte auf einen weiten, stillen Hof an ein langgedehntes graues Gebäude heran und dicht an eine breite Steintreppe, die hier zu einer großen offenen Tür führte, sich aber an der ganzen Fronte dieses Hauptflügels des Schlosses Werden hinzog.

Der Diener sprang vom Bock und öffnete den Schlag, ein anderer älterer Mann in derselben Livree kam heran und nannte meine Mutter seltsamerweise »gnädige Frau« und fügte ganz leise hinzu:

»Belieben auszusteigen.«

Auf den stummen Jammerblick und die hastige Frage der armen Frau aber hob er nur die Achseln und sagte:

»Da sind der Herr Graf schon selber... Ach ja, es geht – den Umständen nach!«

Das letztere Wort bezog sich wohl auf meinen Vater und hieß soviel als: »Noch lebt er wohl, Frau reitende Steuerkontrolleurin, aber – wie lange?!«

Es ist ein nicht mehr ganz junger Mann gewesen, der uns aus der Pforte und an der Auffahrt entgegentrat und den Namen Graf Friedrich Everstein führte. Er hat manches Auffällige in seiner Erscheinung an sich getragen, mir aber ist nichts, aus jener Stunde wenigstens, davon bewußt. Nur sprach er so leise wie sonst niemand von allen anderen Menschen in meiner Umgebung.

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