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Wilhelm Raabe

Alte Nester

Achtes Kapitel

eingestellt: 12.7.2007



»Wie süß das Mondlicht auf den Hügeln schläft!«

Gegen elf Uhr abends ging er auf, der Mond, und in der längst aufgegangenen Sommersonne am Morgen unter. Um elf Uhr hatte uns der Alte gute Nacht gewünscht und sich von seinem heimgekehrten Sohne in seine Kammer führen lassen. Erst nach einer geraumen Weile hörten wir Ewalds Schritt wieder auf der Treppe. Sehr schweigsam und nachdenklich nahm der Herr von Schloß Werden wieder an unserem Tische Platz und sprach wenig mehr. Auch Eva wurde schweigsamer, rückte aber näher zu dem Bruder und hielt von neuem fortwährend seine Hand zwischen den ihrigen. Es war, als ob für diesen Abend nunmehr jedes Wort zwischen uns vier ausgesprochen worden sei. Nur die Uhr im Winkel redete weiter; als sie aber Mitternacht schlug und der weiße Schein des Mondes plötzlich voll in die Fenster fiel, da erschraken wir alle, und der Vetter Just stand auf und sagte:

»Nun wirds doch wohl Zeit, daß ich reite! Was werden sie auf dem Hofe sagen, wenn ich ihnen fast das Morgenrot heimbringe?«

»Sie liegen wohl alle in einem guten Schlafe und kümmern sich wenig darum, wieweit es an der Zeit ist«, meinte Eva.

»Frau Irene nicht«, sagte der Vetter; Ewald Sixtus aber sah rasch aus seinem trüben Sinnen empor, tat jedoch keine Frage.

»Ich habe alles versucht, sie darin zur Vernunft zu bringen«, fuhr der Bauer vom Steinhofe fort, »aber was hat es mir geholfen? Nichts!... Und wenn ich es um sie verdient hätte, so wäre dies zu gut, zu lieb, zu sorglich und zu dankbar. Was habe ich ihr denn viel helfen können in ihrer schlimmen Lebensnot und Angst? Du, Fritz, bist ja auch dabeigewesen und kannst bezeugen, daß ich nichts als den guten Willen gehabt habe. Und das Kind haben wir ihr ja doch auch begraben müssen, und hätte ich auch mein Herzblut hergegeben, – sage selbst, Fritze, daß keine Hülfe dafür war! Jetzt aber sitzt sie gottlob auf dem Steinhofe in Ruhe und Sicherheit, soweit beides hienieden möglich ist; aber nun ist es fast, als sei ich ein krankes Kind und müsse gepflegt werden und süß behandelt werden wie ein solches. Die alte Jule war darin schon arg genug, nachdem wir von neuem auf dem Hofe beisammen waren; aber Frau Irene gibt ihr nicht das geringste nach. Geraten sich die beiden Guten einmal in die Haare, so könnt ihr sicher sein, daß es über mich geschieht. Sie sehen aus nach mir, sie erwarten mich bei dem schlechtesten Wetter draußen vor der Tür. Sie rücken mir den Stuhl zurecht, und ihr einziger Jammer ist, daß ich keinen Schlafrock trage und sie mir also mit dem nicht entgegenkommen können. Die Alte ist wohl zu alt, um bis nach Mitternacht auf mich warten zu können; aber die beiden anderen lieben Augen wachen, und in Irenes Stube brennt in dieser Nacht die Lampe bis in den Morgen hinein. Ich habe es natürlich versucht, böse darüber zu werden, aber geholfen hat es gar nichts! O, und es geht doch auch nichts über solch ein liebes Licht aus dem Fenster des alten Heimatnestes. Wie wird sich die Frau Irene wundern und von ihrem Buche aufsehen, wenn ich diesmal heimkomme und ihr zur Entschuldigung die Nachricht mitbringe, wer heute hier in der Försterei das alte Nest wiedererreicht hat. Jetzt aber im Galopp und im Mondschein gen Bodenwerder! Nur selten hat mir der Mond so ganz zur rechten Zeit am Himmel gestanden wie in dieser Nacht.«

Ewald Sixtus stützte den Kopf mit der Hand und beschattete die Augen mit der Hand.

»Durch das Dorf führst du doch noch deinen Gaul am Zaum, Just«, sagte ich. »Durch das Dorf Werden begleite ich dich bis auf die Straße nach Bodenwerder. Es ist freilich eine helle Nacht, und ein segensreicher Zauber liegt hoffentlich über uns allen. Ich begleite dich noch ein Stück Weges, Vetter Just. Es ist lange her, seit ich zum letztenmal die Heimat im Mondenschein liegen sah.«

Im Mondenschein sattelte der Vetter auf dem Hofe der Försterei seinen Fuchs. An den hohen Ulmen des Hofes, denen es so viel besser geworden war als den stolzen Bäumen um Schloß Werden, regte sich kein Blatt. Schatten und Licht lagen still auf dem Boden. An dem Hoftor gaben Ewald und Eva noch einmal dem Bauer vom Steinhofe die Hand – die des lieben Mädchens hielt er eine geraume Weile fest und sagte dann nur zögernd:

»Nun, so komm, Fritz Langreuter. Nach einer Reise wie die deinige solltest du freilich schon längst im Bette liegen –«

»Und recht angenehm von euch hier und euren Zuständen träumen! O, du Egoist, und du willst wachend hoch zu Roß währenddem durch die Mondnacht jagen und mit kitzelndem Behagen deinen Spaß über den Berliner Doktor haben?«

»Ganz gewiß nicht, Fritze«, meinte der Vetter ehrlichst. »Solange du willst, führe ich den Gaul am Zügel hier an deiner Seite. Vielleicht wäre es sogar recht gut, du gingest den ganzen Weg mit mir und erzähltest an meiner Statt der Frau Irene, wen du heute nach Schloß Werden begleitet hast. Ach, Fritz, du weißt zu sprechen und deine Worte zu stellen, ich aber nicht! Mir muß alles abgefragt werden, und mir ist dann stets, als wäre alles, was dann herauskommt, als sei es durch Zufall gekommen. Sieh, alter Kerl, das Gegenteil hiervon ists eben, was ihr Gelehrten allezeit vor uns voraushabt, die wir zum Nachdenken kommen so wie ich, heute bei Regen, morgen bei Sonnenschein, heute hinter dem Pfluge und morgen auf dem Stoppelfelde bei den letzten Erntegarben. Es ist gar keine Logik darin, und dann am wenigsten, wenn man sie am nötigsten braucht. Und daß man fast zehn Jahre lang in den Vereinigten Staaten den Schulmeister gespielt hat, hilft gar nichts dazu. Und Fritz, Fritz, lieber Fritz, da wir jetzt wieder zwischen uns beiden allein sind – ich habe das Schwabenalter längst hinter mir und – und Eva Sixtus will meine Frau werden! Du hast es wohl schon lange gemerkt, aber – gottlob – jetzt habe auch ich es dir gesagt!«...

»Und ich wünsche dir von ganzem Herzen Glück dazu«, sagte ich, des Mannes brave, starke Hand nehmend und drückend. Er aber sah mich im Mondlicht noch einmal einen kürzesten Augenblick so an, als ob er ganz und gar das Gegenteil von diesem meinem Wunsche zu hören erwartet habe, und dann tat er einen Seufzer wie aus befreiter Brust und rief:

»Und das ist mir das Liebste, was mir nach ihrem Jawort begegnen konnte, daß auch du mir Glück wünschest. Ich bin nun leider schon so ein zerzauster alter Kerl, und sie ist immer noch jung, und du bist auch noch jung, Fritzchen, – wenigstens – wenigstens recht viel jünger als ich; und wenn ich in meiner jetzigen Ruhe und meinem Glück und Behagen an die alten Tage denke, wo ihr junges Volk zum Besuch nach dem Steinhofe kamt, so – – ach, Fritz, Fritz Langreuter, du mußt es doch wohl dir selber sagen, was ich in diesem Moment dir sagen möchte! Aber die Frau Irene weiß es auch und hat Eva geküßt und – mich auch, wirklich und wahrhaftig! Wenn du sie gleichfalls fragen willst: sie billigt auch unser Vorhaben, unsere alten Tage in Friede und Glück und in der alten Freundschaft mit der ganzen alten Heimat zu verleben. Sie hat nicht gemeint, daß es zu spät sei, – sie, die soviel mehr als wir alle übrigen zusammen in der boshaften, stürmischen Welt erlebt hat und es also auch wohl am besten verstehen muß.«

»Sie hat vollständig recht, Just! Aber von uns allen bist auch du nur der einzige, der nie etwas zur unrichtigen Zeit erleben kann, dem alles recht und richtig gekommen ist im Leben, Segen wie Ungemach. Ja, so gnädig waren dir, und dir von uns allen allein, die Götter, als sie dir deine Wiege auf den Steinhof stellten und dich nachher an den Weg setzten –«

»Mit offenem Munde und um Maulaffen feilzuhalten! Ei ja, es wundert mich freilich heute noch, wieviel Abenteuer der Mensch erleben kann, ohne daß er etwas dazu tut. Manchmal ist das gar mein Kummer und Gewissensbiß sozusagen; dann fühle ich es, wie als ob ich eine Stelle in mir hätte, wo ich im größten Tumult wie ein Stück Holz werde, während die anderen sich weiter abängstigen.«

Das stille Licht des Mondes lag über uns und um uns, und der Vetter Just sprach, ohne es zu wissen, von dem Unterschied zwischen den vornehmen Naturen innerhalb der Menschheit und den gewöhnlichen. Er drückte sich eben nur schlecht aus, wenn er da von einem ton- und klanglosen Stück Holz sprach, wo er von der Stelle in seiner Seele hätte erzählen sollen, wohin keine Welle des vorbeifließenden Tages schlagen konnte.

»Ihr werdet ein schönes Leben haben, und mich laßt ihr – alle dann und wann an eurem Herde als euren Historiographen niedersitzen«, sagte ich leise und tief gerührt. »Für Kinder, wie wir waren, als wir zu dir auf den Steinhof zu Besuche kamen, werdet ihr freilich nicht erzählen und werde ich nicht wiedererzählen

In und an dem Dorfe Werden hatte sich in den Jahren, während ich es nicht sah, nichts verändert. Es dehnte sich genügend weit in die Länge aus, daß wir vollkommen Zeit hatten, während wir es durchwanderten, uns alles das mitzuteilen, was ich eben hier niedergeschrieben habe. Von den Bewohnern störte uns auch niemand dabei; sie lagen sämtlich im tiefen Schlafe. Es saß keiner bei der Lampe wach – selbst der Pastor und der Kantor nicht. Der Mondenschein hatte das Reich für sich allein, und das war gut; für mich sowohl wie auch für den Vetter Just Everstein. Wären wir bei hellem Tage und unter dem Zudrängen alter Bekanntschaft durch das alte Nest im Grünen gewandelt, so würden wir sicherlich mehr Mühe und Plage gehabt haben, mit unseren Gefühlen und Stimmungen ins reine gegeneinander zu kommen. Sonderbarerweise aber dachte ich in dieser hellen, schönen Nacht, auf dieser Wanderung durch das friedliche vergessene Heimatdorf, nicht ohne ein Gefühl stiller Sicherheit an die große Stadt Berlin, meine kleine Stube und meine Tätigkeit, kurz an das Dasein, das mir dort zuteil geworden war. Es lag ein Gefühl von Wehmut darin, aber doch zugleich eine innerlichste Beruhigung: sie, die anderen alle konnten und durften heimkehren in das alte Leben, wann sie wollten, sie waren da zu Hause, ich aber nicht oder doch nie mehr so, wie sie noch zu jeder Zeit sein konnten. Resignation nennt man das mit einem Fremdwort, das wir wohl nicht so leicht aus dem deutschen Sprachgebrauch loswerden. Die deutsche Welt darf manchmal noch so süß in Mondenlicht und in weiche Redensarten gebettet liegen: wir wollen das scharfe, aber gesunde Wort festhalten und es uns durch kein anderes zu ersetzen suchen.

Am Ausgange des Dorfes nahmen der Vetter und ich für diesmal von neuem Abschied voneinander und trennten uns gottlob im besten Einvernehmen. Er schwang sich ein wenig schwerfällig auf seinen Fuchs und ritt gen Bodenwerder; ich wandelte langsamen Schrittes und unter einigem Selbstgespräch nach der Försterei zurück.

Hier saßen Ewald und Eva wieder bei der Lampe am Tische und hatten wohl das Ihrige gesprochen während meiner Abwesenheit. Das gute Mädchen mochte auch wohl wieder einige Tränen vergossen haben, doch schmerzhafte waren es nicht gewesen. Ein wenig befangen lächelnd sah sie aus ihren lieben Augen zu mir auf; doch ich reichte ihr schnell die Hand und sagte:

»Ich habe dem Vetter Just schon Glück gewünscht, Eva, nun laß du es auch dir von mir wünschen. Du weißt es auch schon, Freund Ewald, was für eine neue Freude dem Steinhofe von unserem Geschick zugedacht ist?«

»Ja, sie hat es mir so ruhig gesagt, wie sie uns immer alles ruhig sagte. Darin hat sich an ihr nicht das mindeste geändert. Aber sie passen nur desto besser zueinander, und die Jahre, die sie gebraucht haben, sich zu finden, sind ihnen ja ebenfalls nur etwas ganz Selbstverständliches gewesen. Nicht wahr, mein Herz, mein Herzensmädchen, um ein Glück, das aus den Wolken fiele, würdet ihr eine geraume Zeit herumgehen, ehe ihr es vom Boden aufhöbet. Doch ob ihr nicht darum gerade die Glücklichen seid, gewesen seid und sein werdet, das ist an dem heutigen Abend für mich eine Frage, die einen sein wüstes, wirres Lebenswerk noch einmal wie im Fluge von neuem tun läßt. Och, arrah, arrah, komme ich noch einmal auf die Welt, so tue ich vielleicht auch meine Arbeit, ohne auf das Glück zu zählen, das aus den Wolken fällt! Selbst auf die Gefahr hin, daß man in Bodenwerder und Dorf Werden samt Umgegend selbstverständlich sagen wird: Auf das Glück, das aus den Wolken fällt, hat der Schlingel immer einzig und allein gerechnet – ja, da sieht mans nun!«

»Mir ist das Herz so voll, daß ich gar nichts zu sagen weiß«, flüsterte Eva. »Lieber Friedrich – lieber Bruder Ewald, wir müssen alle, alle glücklich und zufrieden sein. Das Schicksal kann es ja nicht böse mit uns meinen, es hätte uns sonst wohl nicht diesen Abend geschenkt. Wir sind wieder alle zu Hause, und das ist doch die Hauptsache! Morgen wollen wir von dem Schloß Werden und von Irene sprechen – wir haben ja eigentlich noch von nichts vernünftig geredet. Nimm es nur nicht übel, Fritz: im Grunde bist du doch der einzige von uns gewesen, der alle seine fünf Sinne ordentlich beieinanderhalten konnte!«

»Und da kräht wirklich und wahrhaftig der erste Werdener Hahn den Morgen an«, sagte ich, um doch etwas zu erwidern. »Glückauf in der Heimat, Freund Ewald!«

Ich hatte ihn durch einen Schlag auf die Schulter von neuem aus seinem nachdenklichen Hinbrüten zu wecken.

»Was hast du gesagt?« fragte er zerstreut.

»Wir wollen doch noch den Versuch machen, vor Sonnenaufgang unter dem alten Heimatsdache einen glücklichen Traum zu träumen.«

»Ich habe alles oben in Ordnung für euch gebracht; aber geht leise auf der Treppe, daß ihr den Vater nicht stört«, bat Eva Sixtus.

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