Frei Lesen: Alte Nester

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

Erstes Buch, Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Achtes Kapitel | Neuntes Kapitel | Zehntes Kapitel | Elftes Kapitel | Zwölftes Kapitel | Dreizehntes Kapitel | Vierzehntes Kapitel | Fünfzehntes Kapitel | Sechzehntes Kapitel | Siebenzehntes Kapitel | Achtzehntes Kapitel | Zweites Buch, Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Achtes Kapitel | Neuntes Kapitel | Zehntes Kapitel | Elftes Kapitel | Zwölftes Kapitel | Dreizehntes Kapitel | Vierzehntes Kapitel | Fünfzehntes Kapitel | Sechzehntes Kapitel |

Weitere Werke von Wilhelm Raabe

Der Hungerpastor | Gedelöcke | Der Marsch nach Hause | Das Horn von Wanza | Die Leute aus dem Walde |

Alle Werke von Wilhelm Raabe
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Alte Nester) ausdrucken 'Alte Nester' als PDF herunterladen

Wilhelm Raabe

Alte Nester

Neuntes Kapitel

eingestellt: 12.7.2007



Als ich am anderen Morgen erwachte, fand es sich, daß ich länger in den Tag hinein geschlafen hatte als irgendein anderer im Hause; und sie hatten mich ruhig schlafen lassen, und zwar mit vollem Recht, denn auf meine tätige Teilnahme an dem, was jetzt die Zeit in der alten Heimat brachte, kam leider am wenigsten an. Ich durfte ausschlafen und brachte dadurch höchstens die Hausordnung ein wenig in Unordnung; aber dafür war ich ja jetzt der Historiograph von Schloß und Dorf Werden sowie vom Steinhofe und hatte, wie der Vater Sixtus sich ausdrückte, »von allen immer am meisten Dinte an den Fingern gehabt«.

Und seltsam und – wie schon gesagt, es ging darob eine gewisse Umwandlung meiner Stimmungen ins Heitere und Zufriedene in mir vor. Ich merkte es, daß meine einsamen Lehrjahre doch ihre Frucht getragen hatten: es verstand keiner von ihnen es so gut wie ich, sich seine Stimmungen »zurechtzumachen«. Zurechtmachen! Ich finde kein besseres Wort dafür, und sämtliche philosophische Systeme sind gleichfalls darauf erbaut.

So sah ich, hörte und schreibe ich jetzt nieder, und allesamt meinten sie ganz verwundert:

»Nein, dieser Fritz! Nein, dieser Langreuter! Nein, dieser Herr Doktor! Dieser Herr Doktor Langreuter! Wacht er jetzt erst so auf, oder ist er immer so gewesen? Im Grunde ist das ja der Gemütlichste, Heiterste und Gleichmütigste von uns allen! Wie sich doch der Mensch verändern kann!«

Lassen wir auch dieses und vorzüglich das letztere mit Gelassenheit auf sich beruhen. Es hat noch kein Mensch wirklich ausfindig gemacht, wie weit und wie sehr sein Nachbar im Raum und in der Zeit sich verändert habe, während man selbst glaubte, ganz derselbe geblieben zu sein.

»Wo steckt Ewald?« fragte ich, als ich endlich zum Kaffee herniederstieg und nur die Sonne, die Hunde, den Förster und seine Tochter in der Wohnstube fand.

»Er ist zum Vorsteher und holt sich die Schlüssel zu seinem Schloß«, sagte Eva.

»Sage nur dreist: zu seinem bezauberten Schloß, Kind«, meinte der alte Herr, ein wenig schadenfroh lachend. »Nun laß ihn die Nuß knacken, die er sich vom Busch heruntergeholt hat! Mein Junge Herr von Schloß Werden? s ist die Möglichkeit! Kein Mensch begreift, was das heißen soll, und ich am allerwenigsten. ›Sind Sie ganz fest überzeugt, daß er nicht verrückt ist, Herr Förster?‹ hat mich der Doktor Spindler, der Advokat aus Bodenwerder, erst vor acht Tagen noch gefragt.«

»Und was haben Sie dem Doktor geantwortet, Herr Oberförster?«

»Du, was habe ich ihm denn eigentlich geantwortet?« wendete sich der Alte an seine Tochter.

»Darf ich dir noch eine Tasse Kaffee einschenken, lieber Fritz?« fragte Eva. »Ach, es war ja noch vor eurer Heimkehr, daß der Herr Notar Spindler neulich bei uns vorsprach.«

»Wie die Gräfin sich zu der Geschichte stellen wird, soll mich am meisten wundern«, brummte der Alte, eine gewaltige Rauchwolke in die wundervolle Sommermorgenluft hineinblasend und einen Kohlweißling, der sich eben in das Fenster verirrte, halb dadurch erstickend. In demselben Augenblick trat der Sohn des Hauses, hochrot vom raschen Gange und sonstiger Aufregung und sich bereits so früh bei seinem Tagewerk den Schweiß von der Stirn trocknend, wieder ein.

»Sieh, da bist du ja auch, Langreuter! Guten Morgen, old boy. Hoffentlich hast du gut geschlafen und angenehm geträumt in der ersten Nacht zu Hause.«

»Ich habe erst ziemlich gegen Morgen zu den Versuch gemacht, lieber Freund«, erwiderte ich lächelnd. »Zum wenigsten freue ich mich gegenwärtig unendlich, endlich einmal wieder hier zu sein und solche Versuche, wie du sagst, zu Hause anstellen zu können.«

Der Freund setzte sich zu uns; er versuchte es, gleichmütig auszusehen und heiter in das Gespräch mit dreinzureden, doch es gelang ihm schlecht. Man sah wohl, daß der erste schöne Morgen in der Heimat nicht leicht auf ihm lag. Von Zeit zu Zeit schüttelte er leise den Kopf, kaute an dem Schnurrbart und summte eine seiner lustig-melancholischen irischen Weisen vor sich hin. Es arbeitete etwas in ihm, dem er noch auf keine Weise eine rechte Handhabe abzugewinnen vermochte. Jetzt sprang er, von innerlicher Unruhe getrieben, von neuem auf, schritt einige Male durch das Gemach, kam zu uns zurück, stützte beide Hände auf den Tisch, sah uns der Reihe nach an, als wolle er für ein schwer abgehendes Geständnis vor allen Dingen sich unserer gutmütigen Teilnahme versichern, klopfte sodann mit dem Zeigefinger der Rechten scharf auf, um unsere ganze Aufmerksamkeit noch mehr wachzurufen, und ächzte:

»So dumm – so verloren, verraten und verkauft wie in diesem Moment bin ich mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen! Hätte ich in meiner Jugend mehr Prügel bekommen, so wärs mir jetzt vielleicht wohler, Herr Vater. Ob der Katzenjammer vorübergehend oder von Dauer ist, beste Schwester, kann ich gegenwärtig natürlich noch nicht wissen; aber für den Augenblick bin ich fest überzeugt, daß ich mich – gründlich verspekuliert und all meine Trümpfe vergeblich ausgespielt habe. Herrgott, da kommt das Dorf, um uns zu begrüßen zu unserer Heimkehr, Fritze! Evchen, ich bitte dich um alles in der Welt, geh hin und sag ihnen, wir wären schon wieder abgereist und ließen sämtliche gute Nachbarn und liebe Freunde herzlichst grüßen.«

»Was sich wohl schwer tun lassen möchte«, meinte der Vater Sixtus aufstehend und seinem Sohne jetzt ganz zärtlich auf die Schulter klopfend. »Jaja, mein Söhnchen, es ist mancher Papst geworden, dem der heilige Stuhl nachher ziemlich heiß geworden ist. Kommt nur rein, Gevatter Timme! Ja, s ist richtig, hier sind die jungen Leute aus der Fremde zurück, und mein Junge da ist Herr von Schloß Werden... soviel noch davon übrig ist. Und da ist ja auch der Vorsteher! Alle herein, herein! Wir haben eben noch nach allen vier Winden hin nach gutem Rat gewittert. Räume die Kaffeekanne ab und die Tassen, Mädchen; der Doktor ist item fertig. Jetzt nehmen wir einen Jägerschluck auf die vergnügte Gelegenheit, nicht wahr, Kantor Dröneberg. Dem Pastor warten die Insel Irland und die allmächtige gelehrte Stadt Berlin nachher freundlich und persönlich auf. Kannst auch auf die Rauchkammer steigen, Evchen, wenn du aus dem Keller glücklich wieder herauf bist. Wir haben eben allesamt doch eine kleine Stärkung der Seele und des Leibes notwendig; nicht wahr, Ewald, nicht wahr, Fritze Langreuter? Vivat Dorf Werden und das Schloß dazu! Nur schade, daß wir den Vetter Just aus Neu-Minden jetzo nicht bei uns in unserer angenehmen Mitte haben. Setzt euch, Nachbarn und liebe Freunde, wenn ihr mit dem Händeschütteln endlich zu Rande seid und euch die zwei – Herren da genug und andächtig genug beguckt habt. Ei ja freilich, liebe Freunde, so was kommt wahrhaftig nicht alle Tage nach Hause, und es verlohnt sich wohl, daß man darum ausnahmsweise mal seine eigene Arbeit hinlegt, um das bei einem guten Stück Schinken und einem echten alten Korn sich genauer zu betrachten. Verwechselt sie nur nicht! Dies hier ist der Berliner Doktor, und das da – na, das ist denn wirklich mein Junge, der Ewald Sixtus, der sich als ausländischer Baumeister kurioserweise wirklich ein Vermögen gemacht hat und sich nachher doch noch kuriosererweise an seinen alten Vater erinnert hat und gestern abend angekommen ist, um hier bei uns, wie er eben sagt, seinen höchsten Trumpf auszuspielen. So dumm von wegen dessen, was die nächste Zeit hier bei uns passieren wird, bin ich auch noch niemals in meinem Leben gewesen. Da sitzt der Junge, und ich denke immer, ich sehe noch unseren seligen Herrn Grafen da sitzen und nach seiner Gewohnheit seine Schnupftabaksdose auf dem Tische hin und her drehen.«

»No, son alter Spuk!« meinte der Vorsteher, der auch noch ein Junge gewesen war, als den Herrn Grafen der Schlag rührte und mit ihm das alte adelige Haus Everstein so tief zu Falle kam. »Da vermeine ich doch, daß wir jetzo einen neuen Hahn auf den alten Mist gekriegt haben. Zeit ist Zeit, und was paßt, paßt, und was nicht paßt, paßt nicht; wenn das Dorf den alten Kasten hätte brauchen können, so hätte ihn einer von uns längst um ein Butterbrot; aber wir haben dem Herrn – Ewald, dem Herrn Ingenieur Sixtus, am Ende gern die Vorhand gelassen. Was er herausschlägt, soll gerne ihm gehören; es wird keiner in der Gemeinde sein, der es ihm mißgönnt. Als er heute morgen die Schlüssel bei mir abholte, habe ich sie ruhig hergegeben; denn ich weiß ja, daß das Schriftliche darüber ebenso ruhig in Bodenwerder beim Notar Spindler liegt. Da brauchte ich keine weitere Sicherheit. Herrje, nun guck aber einer, jetzt haben wir bald das halbe Dorf, als ob es der Hirte zusammengetutet hätte, hier auf dem Försterhofe zur Gratulation versammelt.«

Dem war in der Tat so. Was in der Stube keinen Platz mehr fand, das drängte sich wenigstens vor der Haustür und versuchte in die Fenster zu sehen. Alte und Ältere erneuerten frühere gute Bekanntschaft. Was wir als hübsche junge Werdener Schulmädchen gekannt hatten, das wurde uns als mehr oder weniger wohlgediehene Hausfrauen zugeschoben.

»Na, ziere dich nur nicht, Hanne; bist ja früher ganz vertraulich mit den Herren gewesen!«

Kinder, die während unserer Abwesenheit das Licht der Welt erblickt hatten, wurden uns zu Dutzenden vorgeführt oder auf den Armen hingehalten. Wir vernahmen von ortseingeborenen Taugenichtsen beiderlei Geschlechts, die gleich wie wir in die Fremde gegangen waren, aber sich »Gott sei Dank bis anjetzt noch nicht wieder im Dorfe hatten blicken lassen«. Zutunlich – verschämt-zutraulich waren sie allesamt; das Reichlichste aber, was wir von ihnen bekamen, das war guter Rat; – freilich, wenn ich hier sage wir, so ist das wohl nicht ganz richtig. Da lief ich nur so beiläufig mit, und die Hauptperson war selbstverständlich Freund Ewald Sixtus, und der hatte bald alle seine Geduld und Liebenswürdigkeit zusammenzusuchen, um nicht mit den Ellenbogen sich Raum zu machen durch die Freundschaft und Bekanntschaft der Mannen von Dorf Werden.

Ich muß ihn aber loben, den Herrn von Schloß Werden. Er hielt all dieser Weisheit, Klugheit und Schlauheit gegenüber so sanft und sanftmütig still, daß er jedweder anderen kochenden Ungeduld als ein wahres Muster von Selbstbeherrschung und Ergebung hingestellt werden durfte. Jedwedem einzelnen, der ihn mehr oder weniger vertraut am Knopf nahm und ihm verblümt auseinandersetzte, wie dumm er gewesen sei und was er eigentlich an Schloß Werden erhandelt habe, versprach er aufs glaubwürdigste, ihn so bald als möglich auf seinem Kothofe in der Abenddämmerung zu besuchen, um das Genauere über die Sache zu vernehmen. Der Vater Sixtus schenkte mit immer unverhohlenerem Wohlbehagen fortwährend im Kreise am Tische ein und sah immer mehr aus, als kitzele ihn jemand. Der Tabaksqualm wurde ungeachtet der offenen Fenster und Tür immer dichter, und Eva Sixtus – zog mich auf einmal in den Winkel dicht an die alte Wanduhr, die der Vetter Just so vortrefflich wieder in Gang gebracht hatte, und flüsterte:

»Fritz, es ist auch aus meinem Bruder – aus Ewald ein guter und vornehmer Mann geworden. O, wie es auch kommen wird, lieber Fritz, wir kommen alle noch zurecht im Dorfe und auf dem Steinhofe und mit dem verzauberten Schloß da drüben. Ich muß gleich wieder die Treppe hinauf, um noch ein paar Würste aus dem Rauche zu holen; aber es ist doch wie ein Märchen, und ich sehe klar wie in einem Spiegel mich und uns alle! O, es ist schön, daß ihr nach Hause gekommen seid, und vor allem, daß mein Bruder seinen Herzenswillen durchgesetzt hat (wenn er sich derweile auch nicht um uns kümmern konnte!) und daß Irenes Heimathaus keinem Fremden mehr gehört. Sie kann nun darüber entscheiden, und ich könnte wohl sagen, wie ich es mir denke, wie es kommen wird; aber du siehst selber, ich habe wirklich in diesem Tumult keine Zeit dazu, und was ich dir da eben gesagt habe, weiß ich selber kaum; aber du kannst dir wohl denken, daß ich den Bruder seit gestern abend keinen Augenblick aus den Gedanken freigegeben habe, und ich bin so sehr glücklich über ihn, und ich bin fest überzeugt, der Vater freut sich auch!«

Nach und nach verlief sich der freundschaftliche Schwarm der Dörfler wieder, und nur ein paar gänzlich beschäftigungslose Leibzüchter blieben fest sitzen, da sie einmal saßen; aber die Unterhaltung zwischen ihnen und dem Förster geriet doch wieder in das gewohnte Geleise. Der Tabaksqualm verzog sich ein wenig, Eva räumte den Tisch ab, und Ewald seufzte, reckte und dehnte sich, packte mich plötzlich stumm am Arme, führte mich vor die Haustür, wo ich auch seufzte und mehr als einen befreienden Atemzug tat und wo er sagte:

»Komm mit, honey! Was haben wir denn heute eigentlich für ein Wetter?«

Ich sah den wunderlichen Freund ziemlich erstaunt ob dieser Frage an; er aber meinte:

»Mir tanzen alle Farben vor den Augen. Rot, grün und gelb schwimmt es mir vor dem Gesichte; und ich habe eine bittere Ahnung, daß ein recht trübseliges Grau aus alle dem bunten Wirrwarr werden wird. O Doktor, wie einfach blau sah ich einmal das alles – nämlich dieses alles hier um uns herum! Ach, Fritz, ich fürchte, ich fürchte, es war eine Täuschung, es war eine Dummheit von mir! Sie wird sich nicht hinsetzen wollen an dem Herde, den ich ihr in ihres Vaters Hause wieder aufbauen wollte! Dammy, Langreuter, wie ganz anders sieht sich so was aus der Ferne an als in nächster Nähe! Komm mit nach dem alten Neste! Den Schlüssel habe ich im Schlosse stecken lassen.«

< Achtes Kapitel
Zehntes Kapitel >



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.