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Wilhelm Raabe

Alte Nester

Elftes Kapitel

eingestellt: 12.7.2007



Einst hatte sich die Tür lautlos in ihren Angeln gedreht, jetzt gab sie nur mit Widerstreben und mit einem schrillen, ärgerlichen Ton nach. Mit angestemmtem Knie hatte ich nachzuhelfen und dachte dabei daran, wie es gewesen war, wenn sich die Mädchen hier in ihrem geheimsten Neste verriegelt hatten und wir gegen ihren Mutwillen, ihr Lachen und Kichern momentan nichts weiter aufzubieten vermochten als durch das Schlüsselloch das alte tröstliche Wort:

»Na, wartet nur! Morgen ist auch noch ein Tag, ihr Mamsellen, und ihr sollt euch ganz gehörig wundern, wenn das Lachen wieder an uns ist! Wer zuletzt lacht, lacht am besten.«

Nun blickten wir aus dem Vorgemach in die geöffnete Tür –

»Da kommt deine Mutter, Fritz!« rief der jetzige Herr von Schloß Werden nicht mehr, und ich fühlte nicht mehr Mademoiselle Martins knöcherne Sœur-ignorantine-Finger am Ohrläppchen oder am Rockkragen: die heiße, helle Sonne des gegenwärtigen Tages hatte mehr als von irgendeinem anderen Raume des Hauses in dieser Stunde von diesem kleinen Eckzimmer Besitz ergriffen; – fern im Dorfe schlug es zwölf Uhr am Mittage, und Ewald Sixtus sagte:

»Es ist einerlei – ich habe meinen Kauf in Besitz genommen und weiß wenigstens, was ich erhandelt habe. Auch das ist etwas wert!... Hat es wirklich eben zwölf geschlagen? Da kommen wir ja richtig wieder einmal wie sonst zu spät zu Tische – weißt du noch, Doktor?!... Es ist einerlei – die Fenster wollen wir auch hier wenigstens aufsperren und die frische Luft hereinlassen. Wer war es denn, der neulich in Belfast mir vorrenommierte, daß er in einem jungfräulichen Urwalde Ordnung gestiftet und für Ästhetica gesorgt habe? Ich habe ihn damals schon ziemlich kühl ablaufen lassen, den Vetter Just; aber – jetzt soll er mir nur noch mal kommen mit seinem – Neu-Minden!«

Wir traten nun doch auch hier einen Augenblick über die Schwelle und sahen uns um und auch von hier aus noch einmal hinunter in den verwüsteten, ins Unkraut geschossenen Park. Ich war auch hier der Unbeteiligtere, der nur als guter Freund und allenfalls als Ratgeber mitgenommene Privatgelehrte aus Berlin; aber, ich kanns nicht leugnen, es kam in dieser Stunde doch auch mir sehr seltsam vor, daß das Grün draußen noch immer die Oberhand behielt, daß die Vögel lustig nach alter Sommerweise weiterzwitscherten, daß um das wuchernde Gebüsch und die Baumstumpfen dieselben Schmetterlinge wie zu unserer Zeit flatterten, kurz, daß sich alle Hauptlieblichkeiten der Erde weder um Schloß Werden noch um unsere gegenwärtigen Privatgefühle und Stimmungen im mindesten kümmerten. Und in diesem Augenblick trat es mir zum erstenmal ganz klar und ohne einen Schatten auf der lichten Vorstellung vor die Seele, zu was für einem Segen der Vetter Just auf seinem Steinhofe auch für diesen Ewald Sixtus und jene Irene Everstein wieder angekommen war, um daselbst von neuem »auf menschliche Schicksale zu warten«.

Man hatte aus dem einen Fenster dieses Eckstübchens einen Blick nach jener Gegend. Der Freund stand mit untergeschlagenen Armen und zusammengepreßten Lippen und sah dorthin. Der einzige kühlende Hauch in dieser schwülen Mittagsstunde kam über Berge und Wälder, über den Fluß, wieder über die Wälder und Wiesen und über den verwilderten Garten, der zu dem Handel und Kauf des irländischen Ingenieurs gehörte, aus jener Richtung.

»Es wird wohl eine ziemliche Weile dauern, ehe du alle deine Arbeitsleute hier am Werke hast«, meinte ich leise. »Da haben wir dann Zeit, alle möglichen Besuche in der Umgegend zu machen. Meinst du nicht?«

Der irische Glücksbaumeister drehte sich rasch von dem Fenster und der im Mittagssonnenschein flimmernden Ferne weg und mir zu:

»Wir kommen unbedingt zu spät zu Tisch. Das wenigstens ist uns aus der alten vergnügten Zeit geblieben. Deinen Rat habe ich nun auch. Schloß Werden haben wir gesehen; wenn du nicht noch eine Privatgespensterkammer in dem alten Kasten weißt, die ich dir aufschließen kann, so wird es wohl das beste sein, wir gehen so leise, wie wir gekommen sind. Ach, lieber Alter, mein Geschäft hat mich freilich hauptsächlich auf Erdarbeiter, Maurer und Zimmerleute angewiesen. Ich habe mancherlei durch das Volk ausgerichtet, und so ist es nicht ganz meine Schuld, wenn ich in der Ferne mir einbildete, meine Luftschlösser zu Hause mit ihrer Beihülfe wieder aufbauen zu können.«

»Es ist nicht das erstemal, daß du mir dieses sagst, seit du mich aus meiner Dachstube abgeholt hast. Ein jeder bleibt unwillkürlich in seinen Handwerksausdrücken und was sonst zu den Künsten gehört, durch welche er durchs Leben kommt. Sonst aber gibt es eine Redensart: Du sprichst über dein Herz weg; und so ist es außer dem guten Rat, den ich dir gegeben haben soll, meine Meinung, daß wir gegenwärtig Schloß Werden auf sich beruhen lassen, wie es ist, und deinen Vater und – deine Schwester nicht gleich am ersten Tage von neuem über die Zeit mit der Suppe warten lassen. Schloß Werden haben wir gesehen, sehen wir uns also morgen den Steinhof an. Der Mensch, in seinem Gemäuer gefangen, besinnt sich lange nicht oft genug darauf, daß er lebt, Leben ist und es mit dem Lebendigen zu tun hat, solange er lebt.«

»Das solltest du drucken lassen, Fritze; das klingt ja ganz famos!« sagte der Irländer, und dann gingen wir in der Tat endlich nach Hause und kamen wieder einmal nicht ganz zur rechten Zeit. Es ließ sich aber nicht ändern, und was wir diesmal zur Entschuldigung vorzubringen hatten, konnte leider nur zu sehr als rechtsgültig angenommen werden. Wir logen diesmal nicht, wenn wir zu unserer Entschuldigung anführten, daß es uns unmöglich gewesen sei, früher zu kommen. – –

Den langen Sommernachmittag durch saß ich an einer anderen Stätte der Erinnerung, neben dem Stein nämlich, welchen die Kameraden meinem Vater auf der Stelle, wo er von den Schmugglern zu Tode verwundet worden war, errichtet hatten. Wenn die Bäume um das Schloß zum größten Teil verschwunden waren und dem Gestrüpp und Unkraut Platz gemacht hatten, so war hier der Wald beträchtlich emporgeschossen, und ein schöner kühler Schatten lag auf dem bösen Ort. Da der Boden, wie ich geschrieben habe, ein wenig sumpfig war, so war der Stein auch bereits so ziemlich darin versunken und die Inschrift und Widmung darauf des Mooses und der Flechten wegen kaum noch zu entziffern: er predigte mir wirklich auch noch die Vergänglichkeit aller Dinge, die Nichtigkeit aller Sorgen, Wünsche und Hoffnungen, das Vorbeigleiten der Erscheinung, gerade – als ob das noch unbedingt notwendig gewesen wäre. Ich aber hielt ihm im Halbtraum nach der schwülen Wanderung durch Schloß Werden und nach dem Mittagsessen eine Gegenrede, und die Waldfrische tat wohl das meiste dazu, daß wir ruhig voneinander schieden. Es spukt immer viel mehr in altem Gemäuer als im jungen Laubwalde. Als ich nach dem Försterhofe zurückkam, war der Vetter natürlich längst daselbst vom Gaul gestiegen, und ich sah ihm sofort an, daß er im Vorbeigleiten der Erscheinung etwas zu bemerken hatte, was er lieber mir zu sagen wünschte als dem Freunde. Ich sah es jedoch auch der – Freundin – ich sah es Eva Sixtus an, daß er mit der bereits darüber gesprochen hatte. Also begleitete ich ihn zum zweiten Male durch die Mondscheinnacht und das Dorf Werden auf den Weg nach Hause; er aber sagte:

»Es ist auch Evas Meinung, daß du zuerst allein zu uns kommst und nachher erst unseren Freund mitbringst. Ich meinesteils habe doch den Schulmeister nicht lange genug gespielt, um ganz genau und deutlich in Worten ausdrücken zu können, wie ich die Sachlage ansehe. Wie ich dir es voraussagte, so wars; ich fand Irene noch wach, als ich gestern oder vielmehr heute morgen nach Hause kam; – gefragt hat sie nicht, aber gewußt hat sie gleich, daß ich ihr eine Neuigkeit mitbrachte; – ›Fritz und Ewald sind da, Irene!‹ habe ich gesagt, weil ich immer gefunden habe, daß das Einfachste stets das Beste ist; – erwidert hat sie eigentlich nichts, aber sie ist wach geblieben und nicht mehr zu Bette gegangen. Die Magd hat mich gefragt, weshalb die gnädige Frau in dieser Nacht gar nicht zu Bette gegangen sei. – Du sagst, Doktor, daß ihr auf Schloß Werden es heute mittag mit allerhand Gespensterspuk zu tun gehabt habt; aber meine Meinung ist, auf dem Steinhofe sind auch allerlei Geister, und zwar nicht von der besten Sorte, umgegangen! Wieviel ruhiger lebten wir in der Welt, wenn wir uns nicht immer aus unserem Schicksal unsere Reue und unsere Gewissensbisse zurechtschnitten – stets in dem Gefühl, uns selber nie das geringste vergeben zu dürfen. Fritz, du weißt, ich habe von frühesten Jahren an immer zu dir aufgesehen, du bist der einzige von uns, der es zu etwas gebracht hat, – du würdest mir nicht bloß einen Gefallen, sondern eine große Liebe antun, wenn du zuerst mit ihr sprechen wolltest!«

Das hatte ich denn aus meinem Leben in das alte Nest glücklich mitgebracht: sie durften mir alle in der wohlmeinendsten Weise ungestraft Sottisen meiner Brauchbarkeit wegen sagen. Fremden gegenüber würde ich mit Grund die bloße Ironie hinter der sehr ernsthaften Miene vermutet und gesucht haben; die Freunde durfte ich wenigstens für ehrlich und wirklich vertrauensvoll in ihrem Glauben an mein Studium in Wittenberg halten. Jedenfalls hatte ich genug studiert, um mir die Sache zurechtlegen zu können. Es gibt nämlich in gewissen Krisen des Lebens eine Feigheit, die nur ein anderer Name oder besser die Folge einer kurz zuvor bewiesenen Herzhaftigkeit ist. Wofür tapfere Männer alles gewagt und gelitten haben, wagen sie dann zuletzt nicht einen Gang über die Straße, nicht ein Anklopfen an eine Tür, sondern sie schicken einen anderen oder möchten ihn doch am liebsten schicken, und deshalb – hatte ich für Ewald Sixtus mit Schloß Werden sprechen sollen, und darum – erschien es wünschenswert, daß zuerst ich mit Irene Everstein rede. Von meiner Gelehrtheit sprachen sie; aber, ihnen selber unbewußt, meinten sie: das, was uns bewegt, kümmert ihn am wenigsten, also was kümmerts ihn? Wenn einer uns sagen kann, was wir hören wollen oder hören müssen, so ist ers. Er ist objektiv in dieser Sache; Steine und Menschen werden also ihm gegenüber unbefangen sich gehen lassen, und – ihm werden sie nichts tun. Wir aber, die wir Tag für Tag mit ihnen zu tun gehabt haben, wir fürchten uns!

Ich hatte mich aus der Mitte der Gevattern- und Vettern-Besuche in der Försterei von dem Freunde wegholen lassen, um mit ihm Schloß Werden zu besichtigen; ich ging am anderen Morgen dem Freunde vorauf nach dem Steinhofe, um die letzte Herrin von Schloß Werden, um Irene Everstein darüber sprechen zu hören. Es ist in solchen Fällen stets viel leichter ja als nein zu sagen. Man will eben doch nicht umsonst an seiner Ehre gefaßt und für einen erfahrenen Mann gehalten worden sein.

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