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Wilhelm Raabe

Alte Nester

Drittes Kapitel

eingestellt: 12.7.2007



Leise sagte er etwas zu meiner Mutter, und dann bot er ihr den Arm. Wir wurden durch die weite, kühle, mit Hirschkronen, alten Blumen-, Frucht- und Jagdstücken gezierte Halle geführt bis zu einer dunkeln Tür. Der ältere Diener öffnete diese Tür, und wir standen in dem Sterbezimmer meines Vaters. Mich hatten der plötzliche Übergang aus dem heißen Sonnentage in diese Kühle, die ganz veränderte Umgebung, die fremden Gesichter vollständig betäubt. Ich ging, den Rock meiner Mutter haltend, wie zu unserem Platz in der Kirche – es waren ganz die nämlichen Gefühle in Bangen, Frösteln, Unbehagen und – Behagen.

Ich erinnere mich auch hier noch der Äußerlichkeiten: der braunen Täfelung dieses Gartensaales, des Grüns, das aus dem sonnigen Garten in die beiden hohen Bogenfenster hineinsah, der offenen Glastür, die zu den Gebüschen und Blumenbeeten führte, und des Pfaus, der wie neugierig in dieser Tür stand und seinen schönen Schweif gravitätisch langsam im Kreis über den feinen Kies zog. Wir haben nachher diesen Ort zu allen Jahreszeiten als Spielplatz gern gehabt, und es hat mich wenig gekümmert, daß man einst meinen sterbenden Vater dahin als in das nächst und bequemst gelegene Gemach bettete.

An jenem Morgen waren viele Leute darin, und wahrscheinlich darunter auch ein Arzt. Meine Mutter warf sich jammernd über das Lager, und ich stand einen Augenblick wie allein unter den vielen Fremden.

Es war der Herr Graf, der mich an der Hand nahm und mich gleichfalls zu dem Bette hinführte. Die Mutter lag da bewußtlos, und der Vater war tot.

Das letztere Wort wurde im Kreise umhergeflüstert; ich aber weiß nunmehr von jenem Tage nur noch, daß ich in ein anderes Zimmer geführt wurde und daselbst mit Irene, Komtesse Everstein, Milch trank und Weißbrot aß. Alles andere ist dämmerig, unbestimmt, dunkel – ist nichts. Es war mein Recht, durstig, hungrig und schläfrig zu sein von der Fahrt durch den heißen Sommermorgen; nachher sehe ich mich wieder um in meiner Umgebung und – sie ist eine andere geworden, als sie war. Und hier ist die Stelle, ein weniges mehr von meiner Mutter zu reden, und wie sie in eine hohe Verwandtschaft gehörte und das Recht dazu von Gottes Gnaden besaß und aufweisen konnte.

Den gottlob kaum erwähnenswerten Ansatz von Buckel, den mir das Schicksal zwischen die Schultern und, wie einige wissen wollen, in bedeutend höherem Grade auch auf die Seele gelegt hat, habe ich gewißlich nicht von ihr. Schlank, zart, scheu-mutig steht sie mir vor der Erinnerung, und ein Licht geht von ihr aus, das von keiner Dunkelheit und noch viel weniger von einem anderen Licht in der Welt überwältigt werden kann. Sie trägt ihre Freuden wie ihre bittersten, schwersten Schmerzen still und so, dem Schein nach, leicht. Ihr wurde alles zu einem Kranze, und woher sie ihre Bildung hatte, das bleibt ein Rätsel, und sie selber wußte vielleicht am allerwenigsten Rechenschaft darüber abzulegen. In der »Mädchenschule« einer kleinen Provinzialstadt hatte sie im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts Lesen, Schreiben, Rechnen und – Singen gelernt, das war alles; aber wenn wo die ersten neun Worte, mit denen ich diesen meinen Lebensbericht eröffnet habe, zur Geltung kommen, so war das bei ihr der Fall. Sie ist dagewesen wie das große Kunstwerk von Gottes Gnaden; sie ist vorübergegangen. Sie sind alle bei ihr wie bei ihresgleichen gewesen; sie haben keine Ahnung davon gehabt, daß dem nicht so war; ihr ist es nie in den Sinn gekommen, sie zu enttäuschen; denn sie hatte ja eigentlich auch keine Ahnung davon.

Ich bin fest überzeugt, sie hat einen argen Schrecken bekommen, als der Herr Graf sagte:

»Meine verehrte Frau, Sie sind die Dame, die mir für die Erziehung meines armen Kindes in seiner jetzigen Lebensepoche gefehlt hat und die ich seit langem vergeblich gesucht habe. Bleiben Sie bei uns. Betrachten Sie sich als zu diesem Hause gehörig. Sie erziehen meine Tochter, und ich nehme die Erziehung Ihres Sohnes nach besten Kräften über mich. Wir haben einen recht gelehrten Pfarrer im Dorfe, der wird das Seinige dazugeben. Ist der Junge für das Gymnasium herangewachsen, so wird sich ja wohl auch das Weitere finden. Lassen Sie uns einander gegenseitig aushelfen, da uns das Schicksal in dieser Weise zusammengeführt hat. Sie wissen nicht, wie hülflos ich in hundert Beziehungen bin.«

Nun war auch meine Mutter, wie sich das ja eigentlich von selber verstand, fast nach allen Richtungen und in allen Beziehungen hülflos. Außerdem aber, wie es sich baldigst herausstellte, für ihren und meinen Unterhalt nach dem Tode des Vaters auf eine Pension von sechzig Talern angewiesen, sonst aber auf ihrer Hände Arbeit.

»Was soll ich Ihrem Kinde geben können?« fragte sie in heftiger Aufregung; aber der Herr Graf hat gelächelt, wenn auch sehr melancholisch. Er hat es sehr genau gewußt, was die arme Frau aus ihrem Reichtum zu geben hatte.

Wir, das heißt meine Mutter und ich, siedelten im Laufe desselben Sommers nach Schloß Werden über. Der Herr Graf hatte sich aber nicht geirrt: wenn die Leute, die man in der Ferne aufsucht, sich stets in die Leute verwandeln, die man rundum in der nächsten Nachbarschaft wohnen hat, so ist das für seine Tochter und für ihn selber in Hinsicht auf die Witwe des reitenden Steuerkontrolleurs Langreuter nicht der Fall gewesen. Und ich – ich, wenn ich in die Sonne sehen will, so hebe ich nicht das Auge zu dem öden brennenden Stern auf, sondern denke mich in jene Tage und Jahre zurück, die da folgten.


 

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