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Wilhelm Raabe

Alte Nester

Fünftes Kapitel

eingestellt: 12.7.2007



Von dem gelehrten Herrn Pastor, den der Herr Graf gleich zu Anfang unserer Bekanntschaft meiner Mutter rühmte, habe ich wenig zu sagen. Der Herr Graf verstand es wohl nicht besser, aber die Gelehrtheit des guten Mannes war nicht weit her und sein Einfluß auf uns unbedeutend.

Hierüber aber erhält Ewald am besten das Wort. Er nahm mich seinerzeit beiseite, das heißt, indem er mich am Kragen faßte und, mich auf offener Dorfgasse abschüttelnd, bemerkte:

»Tust du dumme Stadtpflanze noch ein einzig Mal da (dieses war von einer Schulterbewegung dem Pfarrhause zu begleitet), als wüßtest du mehr als ich von all den Dummheiten, so paß auf! Wie die Engel im Himmel singen, das weißt du wohl noch nicht? Hör mal, so!«

Nun ist es durchaus nicht angenehm, seiner Wissenschaften wegen an den Ohren auf- und von den Füßen gehoben zu werden.

»Hörst du sie?! Nicht wahr, sie singen wirklich wie die Engel? Und nun tus nicht wieder und heb den Finger in die Höhe, wenn ich feststecke! Frag nur Irene, ob die alten Ritter das getan haben. In der Dorfschule beim Kantor tun sie es alle, und da tue ich es auch und du kannst es auch tun; aber bei dem dummen Lateinischen und dem Herrn Pastor, da probiere es mir nur noch ein einziges Mal und du sollst sehen, was du erlebst, und wenn du mir auch hundertmal deinen Robinson und deine Campes Eroberung von Mexiko geliehen hast.«

»Was soll ich aber denn tun, wenn ich was weiß?« heulte ich, während Irene lachte und Eva ihren Bruder am Hosenbund nach rückwärts zog.

»Die dumme Schnauze halten! Der Alte sagt es schon ganz von selber her. Ich gehe doch schon lange genug bei ihm in die Privatstunde und muß es wissen, was er alles weiß! O, der weiß für uns beide noch lange genug!«

So war es; aber leider war das, was der gute geistliche Herr wußte, auch wenig genug, und was das schlimmste war, seine Begabung zum Lehrer stand noch tief unter der Wasserhöhe seiner Wissenschaft. In der Hinsicht war es jedenfalls für uns sehr von Nutzen, daß die Jahre hingingen und wir ihm entwuchsen. Und der Herr Graf, der meiner Mutter wegen in der Tat allen Grund hatte, Wort zu halten, hielt es auch. Ich wurde mit Ewald auf das Gymnasium der größeren Provinzialstadt des anderen Staates jenseits des Flusses »getan«; und wir kamen von da an nur in den Ferien nach Hause, das heißt zurück nach Schloß Werden, in das Försterhaus, das Dorf und den Wald und zu den beiden Mädchen.

Die beiden Mädchen! Als wir zum erstenmal abzogen, sagte Irene:

»Ihr habt es gut.«

Worauf Ewald mit einem bedenklichen Griff nach seinem Rücken erwiderte:

»Weißt du das? Erst probieren und nachher weise Redensarten! Na, was mich angeht, so ist die Hauptsache, daß ich endlich einmal aus dem dummen Dachsbau herauskomme. Son langweiliges Volk als euch findet man ja immer, und nachher geht der Weg ja auch weiter, und deshalb haben wir zwei es sicher besser als ihr beiden dummen Frauenzimmer.«

»Und ich verbitte mir endlich diese ewigen dummen Dummheiten«, rief Irene. »Das wird auch auf die Länge dumm und langweilig, du – dummer Junge. Laß sie stehen, Eva, und komm in die französische Stunde; so wie auf morgen, wo wir endlich mal Ruhe vor ihnen haben, habe ich mich noch auf keinen anderen Tag gefreut. Schafskopf!... Herrgott, Fritz, da ist deine Mama! Ach, nun hat sie auch das wieder gehört! Komm rasch, Evchen! Adieu, messieurs, mademoiselle Martin nous attend. Ach Gott, ach Gott, ach Gott!«

Es war freilich meine Mutter, die um das Gartengebüsch trat und in der Tat das Wort »Schafskopf« noch vernommen hatte. Und obgleich sie die richtige Adresse sicherlich ganz genau kannte, wendete sie sich dessenungeachtet an die falsche, nämlich an mich, und sagte nichts weiter als:

»Aber Fritz?!«

»Ich war es, mit dem sie sich gezankt haben«, murmelte Ewald kleinlaut, aber ehrlich.

»Von deiner Schwester ist gar nicht die Rede, Kind«, sagte meine Mutter und ging weiter den sonnigen Kiesweg entlang, um als Frau Aja mit dem Strickstrumpf in einer Fensternische der französischen Stunde beizuwohnen und die Vokabeln leise mit nachzusprechen. Mademoiselle Martin aus Nanzig in Lothringen, die »alte Kammerfrau« der verstorbenen Frau Gräfin, befleißigte sich der besten Aussprache des Idioms.

»Es ist zwar schauderhaft«, seufzte der Herr Graf, »aber ich habe das meinige doch auch nur in Wien gelernt, und sie hat es wenigstens aus Büchern und ist mit der Grammatik in ihrem Geburtsort in die Schule gegangen. In Nizza hat meine selige Frau sie gefunden, und sie hat treu bei uns ausgehalten durch Gut und durch Böse. Durch das letztere meistens mehr als durch das erstere. Ihre Eltern hatten sie zur sœur ignorantine bestimmt; aber sie fand in sich keinen Beruf dazu, und mir ist es lieb, daß wir sie gefunden haben. Sie hat sehr treu bei mir ausgehalten, Madam Langreuter, und, wie gesagt, durch gute und durch böse Zeiten, und durch die letzteren mehr als durch die ersteren.«

Auch mein Französisch stammt in seinen Elementen aus der Schule der Mamsell Martin, und es ist danach geblieben. Irene und Ewald hatten Gelegenheit, das ihrige sehr zu verbessern, und Ewald spricht und schreibt es heute fast ebenso gut wie das Englische, das er mit einer spaßhaften Neigung ins Irische zu seiner zweiten Muttersprache gemacht hat.

Wir gingen ab nach dem Gymnasium und kamen von da an nur in den Ferien nach Schloß Werden zurück. Wenn ich anfangen wollte, davon zu reden und zu schildern, so würde wohl nicht an ein Aufhören zu denken sein. So ist es aber hundert und aber hundert Autobiographen und Biographen ergangen, und sie sollen für mich mit gesprochen und geschrieben haben. Es wiederholt sich und bleibt sich vieles gleich in der Welt, was an und für sich den Eindruck der individuellsten Originalität macht.

Aber die großen italienischen Nußbüsche an der letzten Hecke des äußersten Gemüsegartens derer von Everstein und den Vetter Just hat nicht jedermann erlebt, und so machen wir die beiden zu unserer Spezialität, und den letzteren durch alle Blätter dieser Aufzeichnungen hindurch.

Sie haben eigentlich nichts miteinander zu schaffen; der Vetter hat nie in ihnen gesessen, in den Nußbüschen nämlich; aber doch kann ich nie an den einen ohne die anderen denken. Sie gehören in der grünsten, lichtesten, lachendsten und doch zugleich ernsthaftesten Weise zusammen in meiner Seele. Wie hundertmal in der Wirklichkeit besuche ich heute in der Erinnerung den einen von dem anderen aus, den Vetter Just auf seinem Hofe jenseits des Flusses von dem Gezweige unseres alten Wunderbaums herunter.

Es war eigentlich gar kein einzelner Baum, sondern ein Bündel dick- und hochstämmigen Gebüsches, das der liebe Gott aus einem halben Dutzend Kernen zu unserem Vergnügen auf einer Bodenerhöhung an der Hecke zu außergewöhnlicher Höhe und Pracht hatte aufschießen und sich ineinander weitästig verwirren lassen. In weit entlegene, uns ganz und gar vorgeschichtliche Zeit war das Aufsprießen gefallen, aber der Gipfel der Verwirrung nur allein für uns, wie wir glaubten, in die unserige, und das war das Schöne. Die Vorsehung hatte es auch in diesem Falle gewußt, was alles in dem Keime lag, den sie hier in seiner Hülse auf den Boden fallen ließ, den sie erst mit gelben Blättern, dann mit trefflicher Gartenerde bedeckte und ungestört Wurzeln nach unten in die Dunkelheit und zwei zarte grüne Blättchen nach oben in das Licht, in die Sonne treiben ließ! Der Mensch denkt nie daran, wenn er im großen Walde geht, was alles in zwei solchen grünen Keimblättchen zu seinen Füßen für ihn und seine Art auseinanderklappt. Wo bliebe aber auch das Spazierengehen, wenn dem so wäre? Es würden manche dafür danken und unter diesen ich zuerst. Zu Hause, innerhalb seiner vier Wände, unter alledem, was man sich selber allgemach zusammengetragen hat, würde es bei weitem behaglicher sein als draußen im Freien.

Es war natürlich Ewald Sixtus gewesen, der zuerst herausgefunden hatte, wozu dieses Baumgebüsch gut sei. Er hatte die Leiterstufen gezimmert, die an dem knorrigen Hauptstamm in die Höhe führten bis zu der ersten Gabelung, von wo dann Irenes Ruhe, Evas Höhe, Friedrichs Lust und Ewalds Heim mit mehr oder weniger Beschwerlichkeit und Gefahr des Hals-, Arm- und Beinbrechens zu erreichen waren. Die »Ruhe« und das »Heim« hingen selbstverständlich im schwanksten und luftigsten Gezweig; Evas Höhe saß ebenso selbstverständlich am tiefsten und sichersten, und ich – ich wäre mit und zu meiner Lust am liebsten unten am Baum auf festem Erdboden geblieben; aber hinauf mußte ich wie die anderen, und wenn ich einmal oben saß, so gab es freilich auch für mich keinen besseren Platz im Himmel und auf Erden als diesen zwischen Himmel und Erde.

Da waren es einzig und allein die Vögel, die es noch besser hatten als wir und die wir dann und wann immer noch beneiden durften.

»Wer es wie die könnte!« seufzte Irene im äußersten Gezweig, schon jenseits der Hecke des Schloß-Küchengartens in ihrer gefahrvollen Ruhe, zwanzig Fuß hoch über der Wiese hängend. Und das war wieder einmal an einem Sommermorgen, gerade als die Sonne aufging und alle Frische und aller Tau und alle Erwartungen vom Tage und sämtliche Pläne für die angenehmste Verwendung desselben noch vorhanden waren.

Es ist kaum zu glauben, aber es war doch so: wir, Ewald und ich, wir schmauchten frech hinein in die heilige Frühe, und noch dazu Zigarren, von denen der Herr Pastor nie begreifen konnte (während unserer Ferien), wie sie ihm so rasch zu Ende gingen.

Der Herr Graf rauchte leider nicht; er würde sich sonst gewiß an eine bessere Sorte gehalten haben. Den Knaster, den Vater Sixtus aus seiner kurzen Jägerpfeife verdampfte, hatten sich die beiden Herrinnen von Evenshöhe und Irenensruhe in »ihrem Baum und so früh in der Natur« ganz ernsthaft verbeten. Ich habe es schon gesagt, ich rauche heute auch nicht mehr; aber ich weiß das Blatt aus jener Zeit her noch zu würdigen und zöge es jetzt jedem anderen vor. Ewald hatte gewöhnlich alle Taschen voll davon und meinte: »Das nenne ich gar nicht einem was ausführen, sondern nur gerechte Sühne! Es ist einfach scheußlich, wie billig der Alte den himmlischen Äther (nicht wahr, so heißts, Fritz?) verstänkert. Es ist aber ganz sicher ganz dasselbe Kraut, was sich sein lieber Papst Sixtus der Fünfte hier im Walde verstattet haben würde; nicht wahr, Fritzchen? Du mußt es wissen.«

Weshalb mußte ich das wissen?... Weil ich den »Schlingel aus dem Försterhause« um drei Eselsohrenlängen in der Gymnasialbildung hinter mir zurückgelassen hatte? Es hat sich nachher ausgewiesen, daß das ziemlich wenig zu bedeuten hatte.

Da sitzt Eva im Zweig und sagt vorwurfsvoll: »Aber Ewald, sprich doch nicht so vom Vater!«

»Wozu hat man denn sein Taschengeld von ihm?« klingt es zurück; und – es ist immer noch der Sommer und der Sommermorgen, die Jugend und die Frage: was fangen wir heute mit dem unendlichen Tage bis Sonnenuntergang an? auf der Tagesordnung!

»Heute gehen wir ihnen einmal recht ordentlich durch. Nachher kriegen wir dann alles auf einmal über die Köpfe und sind für ein Vierteljahr hübsch reuig. Übermorgen geht ihr ja doch wieder ab, und wir haben Zeit für alle guten Ermahnungen und Weisheit und Tugend, nicht wahr, Evchen?« ruft die Gräfin von Everstein von ihrem Aste und greift nach dem nächsten über ihr und steht aufrecht, in tollster Lust sich wiegend. Das ganze jetzt von der vollsten, klarsten Morgensonne durchleuchtete grüne Haus schwankt bis in seine Grundfesten, d. h. bis in die äußersten Wurzelfasern.

»Nicht schütteln! O Irene!« ruft Eva ängstlich; aber wohl rüttelt und schüttelt sich alles rundum, der Nußbaum und die weite wonnige Welt. Die blitzenden Tautropfen sprühen im buntesten Glanze um uns hernieder, und jenseits der Hecke von seinem Zweige hängt Ewald bereits wie ein Affe auf die freie, weite Wiese herunter, mit den Füßen in freier Luft, nach dem nächsten Aste unter ihm tastend. Daß er das Experiment nicht mit dem Kopfe nach unten hängend ausführt, ist ein schöner Zug seiner Nachgiebigkeit und Herzensgüte; versucht hat ers selbstverständlich, aber Eva hat es sich für »unseren Baum« verbeten, wie Irene eben dafür den Knaster aus der Schweinsblase seines Vaters.

Er kommt richtig auch diesmal wieder mit ungebrochenen Gliedmaßen im hohen Grase und unter den Sternblumen und Kuckucksblumen der Wiese an und schlägt zur Erholung von der Anstrengung noch ein dutzendmal Rad im Kreise. Schon kriecht die Komtesse durch die Hainbuchenhecke, und mehr als daß sie springt, fliegt sie über die hohen Kletten- und Brennesselbüsche im Graben. Aus dem Wunderbaum erschallt noch ein flehend klägliches Stimmchen:

»Ach Gott, Fritz?!«

Ich reiche beide Arme an der Leiter empor, um das ängstliche Vöglein aus dem Baum im Notfall im Fall auffangen zu können.

»Da rennen sie schon über die Wiese nach dem Walde! Mach rasch, Evchen!«

»Ach Gott, ja! Sie hören ja nun wieder nicht! Und ich ginge doch so gern erst hin und sagte es zu Hause, wo wir geblieben sind.«

»Wir sind ja zu vier, Evchen! Und einer wird doch wohl übrigbleiben und Nachricht bringen, wenn drei von uns zu Schaden kommen.«

»Ja, und ihr wollt dann, daß ich das bin! Mein Vater ängstigt sich wohl nicht; der kommt vielleicht auch erst zum Abendessen heim. Aber deine Mutter!... Und Irenes Vater?!«

»Das ist nun zu spät. Sie rufen schon vom Walde her; hörst du?«

Sie rufen wirklich, und wir kommen. Wir folgen der glücklichen, seligen Spur durch den Tau der Wiese; und nun sind auch wir, Eva Sixtus und ich, in dem kühlen Schatten der Buchen, und – wunderbar! – ein Gewissen hatten wir bis eben, aber nun ist es uns gleichfalls abhanden gekommen. Sie haben alle kein Gewissen in den Gebrüdern Grimm, und wir stecken voll und ganz darin, in dem Märchen, in der Wonne des Abenteuers der Kinderwelt – ganz und gar darin wie die zwei anderen, Ewald Sixtus und Irene Everstein!

Was geht in der Menschheit Behagen über diese ganze volle Gewissenslosigkeit des Märchens oder noch besser der Jugendzeit? – Die »ewige Seligkeit«; denn die wird freilich in einem noch etwas höheren Grade gewissenslos sein.

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