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Wilhelm Raabe

Alte Nester

Sechstes Kapitel

eingestellt: 12.7.2007



Sie hatten vom Walde, dem großen Walde her gerufen; und hinter dem Walde saß der Vetter – der Vetter Just Everstein; und wenn es für Namen kein besser Sieb gibt als ein Konversationslexikon in der Reihenfolge seiner Auflagen, so ist es sehr schade, daß der Vetter durch einen der gewöhnlichen Zufälle nicht hineingekommen ist. Er gehörte von Rechts wegen hinein und von Gottes Gnaden darin zum eisernen Bestande irdischen guten Gerüchtes.

Jenseits unseres Waldes und jenseits des Flusses hatte sich da eine Seiten-Seitenlinie des Geschlechtes derer von Everstein allgemach von Generation zu Generation, von Glückswechsel zu Glückswechsel in den Bauernstand zurückverloren. Schon vor hundertundfünfzig Jahren, gerade als eben dem Bruchteil von Adams Geschlechte auf Schloß Werden das Grafentum als höhere Betitelung von oben zufiel, hatten die Vettern drüben den letzten Ring, der sie an den Adel des deutschen Volkes knüpfte, fallen lassen. Das Wörtlein von war ihnen abhanden gekommen, wie ein Taler in die Stubenritze rollt. Sie wußten selber nicht recht anzugeben, wie es eigentlich zugegangen war.

»Das einzige, was ich gewiß darüber weiß, ist, daß wir damals scheußlich auf dem Hunde waren«, sagte der Vetter Just. »Was will ein Kotsasse, dem der Siebenjährige Krieg die letzte Kuh aus dem Stalle holt, mit einem adeligen Wappen über seiner Stalltür? Sich bei den anderen Bauern und alle Abend im Kruge lächerlich machen? Das kann er! Siehst du, Fritze, das ist eben die Sache beim Kriege, daß er den einen zum Kaiserlichen Feldmarschall-Leutnant macht, wenns beim anderen um die letzte Kuh gilt. Studiere du deine mittelalterlichen Geschichtsquellen ruhig weiter; aber meine laß mir lieber doch unaufgerührt. Ich meine, der alte Brunnen kommt immer doch noch klar genug aus der Tiefe in die Höhe. Nur immer kühl und klar, das ist die Hauptsache; am Ende bleibt alles, was dem Menschen überhaupt auf dieser Erde passieren kann, in der Verwandtschaft, und das ist ein Trost; – nicht etwa?«

»Jawohl, jawohl!« holte ich die Antwort tief aus der Seele herauf. Das war aber alles nicht an dem Morgen, an dem wir wieder einmal von dem Nußbaum zum Vetter Everstein jenseits des Flusses »durchgingen«, sondern lange, beschwerliche Jahre später. – Der Nußbaum oder die Nußbäume waren damals längst ebenso unmotiviert umgehauen worden wie die, welche den Legationssekretär Werther in solche Wut gegen die neue Frau Pfarrern zu St. brachten: – »wie kühn und wie herrlich die Äste waren!... Abgehauen! Ich möchte rasend werden, ich könnte den Hund ermorden, der den ersten Hieb dran tat!... Siehst du, ich komme nicht zu mir!... O, wenn ich Fürst wäre! Ich wollt die Pfarrern, den Schulzen und die Kammer – – –«

Eine neue Chaussee führt über die Stelle weg, wo meine Nußbäume standen, und wer weiß, wie bald auch über diesen Weg sich ein Eisenbahndamm hinlegt und wie bald die Personen- und Güterzüge vom und zum Rhein über die Stätte brausen und keuchen. Es ändern sich stets die äußerlichen Umstände, unter denen die Natur und der Mensch ihren Adel gewinnen oder verlieren!...

»Passierte es nur einmal, so wäre es freilich schlimm«, sagte der Vetter Just. »Aber da es immerdar sich so ereignet hat und sich auch fernerhin nicht anders machen lassen will, so stelle ich mich auch hier auf den Fuß der Philosophie, nachdem ich mich geärgert habe.« – Das sagte er aber von den Nußbäumen.

Selbst auf die Vetternschaft mit dem vornehmen Schloß Werden erhuben die Mannen jenseits des Flusses ihrerseits nicht den geringsten Anspruch mehr. Der »Vetter« war auch eigentlich nur dem gegenwärtigen letzten Sproß der Familie angehängt worden, und zwar von der Gegend. Es war so etwas von der »Vetter-Michelschaft« dabei, aber im besten und vergnüglichsten Sinne.

»Gestern abend war Vetter Just da!« war ein Wort, das einen ungemein behaglichen Klang weit umher in jedem Hause hatte.

»Wenn ich nur wüßte, wie es mit dem Kerl zuletzt einmal zu Ende gehen wird!« war dann freilich ein Nachklang von etwas bedenklicherer Tonfarbe; allein es waren immer nur die Unverständigsten im Lande, die sich also achselzuckend äußerten, und was überall in der Welt auf deren Bedenken und heimtückisch-wohlwollende Sorglichkeit für den lieben Nächsten zu geben ist, das weiß man; – ich wenigstens weiß es. Ist es nicht leider meistens der Verstand der Verständigen, bei dem sich am liebsten die Schadenfreude hinter dem freundschaftlichen, sorgenvollen Nachdenken und teilnehmenden, bedauernden Kopfschütteln versteckt?

Welch ein Glück ist es da, daß wir soeben erst aus unserem Nußbaum in den Sonnenschein auf der morgendlichen, glitzernden, grünenden, blühenden Kindheitswiese hinuntergepurzelt, -geglitten und -gehüpft sind und uns immer noch, unverständig und sorgenlos, mit dem allermöglichst wenigsten Nachdenken über uns selbst und den Vetter Just Everstein auf dem Wege zu diesem Vetter befinden!

Auf dem Wege? O ja, wenn nur nicht die Umwege gewesen wären! Wann sind wir damals unseren Angehörigen je anders als auf Umwegen zu dem Vetter durchgegangen? Gab es aber überhaupt noch eine andere Gegend, die »vier dumme Krabben«, wie der Vater Sixtus sich auszudrücken beliebte, – in gleicher Weise zu Dummheiten und auf Seiten- und Schleichpfade zu verlocken imstande war?

Für uns nicht, wenn mich gleich das Leben gelehrt hat, einem jeden das Recht unverkümmert zu lassen, das theatrum mundi seiner Jugend in gleicher Weise allen anderen Feldern und Wäldern, hier den Fichten und dort den Palmen, wehmütig und freudig vorzuziehen.

Nach rechts und links, im Schatten und Licht, im Trocknen und Feuchten lockte es, und natürlich da immer am verführerischsten, wo das Dickicht am verworrensten war, wo Berg und Fels am steilsten sich erhoben und wo der Bach am mutwilligsten durchs Tal schäumte. Wann hätte zur Zeit der Kibitzeier die Komtesse jemals eine Gelegenheit, bis an die Kniee im Sumpfe zu versinken, verabsäumt? Wann hätte Ewald Sixtus je ein heiles Knie einem zerschundenen, eine ganze Hose einer halben vorgezogen?

Und dann die Jahreszeiten, die wir zählten durch die Schneeglöckchen, die Maiblumen über die Erdbeeren weg bis in die Brombeeren und den Dohnenstieg! Auch ich habe damals mit den anderen gelacht, wenn die liebe Eva ein bitteres Tränchen über die armen erhängten Krammetsvögel vergoß und den Sack nie tragen wollte, der die gefiederte Jagdbeute enthielt.

»Wenn sie sie in der Schüssel auch nicht riechen könnte, so wollte ich gar nichts sagen«, brummte Ewald. »Dich meine ich nicht, Irene; aber so seid ihr Frauenzimmer! Nicht wahr, Fritze, wir genieren uns nicht:

Was ich gebraten sehen kann,
Seh ich nie als ne Mordtat an!

Also ist die Reihe an dir, den Ranzen zu schleppen, Irene. ›Immer galant gegen die Damen!‹ sagt Mamsell Martin; wenn es wieder bergan geht, nimmt ihn Fritzchen dir ab. Aber Riesenkreaturen haben wir diesmal, was?! Es ist wahrhaftig ein Spaß, was für eine Menge unschuldig Blut son paar rote Vogelbeeren an den Galgen bringen! Nicht wahr, Eva?«

»Famos!« ruft die Komtesse hochrot, zerzaust und glühend vor Jagdlust; und der Herbstwind fegt und rasselt durch den Niederwald und treibt ihr die blonden Locken über das Gesicht und – treibt mich zurück in den Sommermorgen, den ich immer von neuem unter der Feder weg verliere, um mich immer wieder zu ihm zurückzufinden.

»So? Haben sich die beiden Puppen noch herangefunden?« fragt Ewald grinsend, als seine Schwester und ich ihn und die Gräfin unter den Bäumen des Waldes wieder einholen. »Das ist schön! Nun haben wir auch die Tugend und die Vorsicht in der Bande, und nun kanns losgehen! Was an mir in Fetzen heute davonfliegt, das flickst du zusammen, Evchen. Für die schändlichen Redensarten, die heute abend über Irene losgelassen werden, bist du vorhanden, Fritzchen. Und nun rasch weiter; – deine Alte merkt wahrscheinlich jetzt schon Unrat, Fritz, und hängt schon an der Sturmglocke –«

»Und Papa kommt die Treppe herunter und schüttelt in dem Gartensaale den Kopf. Und deine Mama ringt die Hände, Fritz, und Papa ist zu allerletzt noch am wenigsten ärgerlich und in Sorgen. Ach, es soll aber heute auch das allerletzte Mal sein, daß wir so böse sind! Ich gehe ganz gewiß nicht wieder mit durch, ohne vorher um Erlaubnis gebeten zu haben.«

»Ich auch nicht«, ruft Eva Sixtus mit Tränen in den Augen.

»Ich auch nicht!« sage ich kleinlaut, und –

»Na, denn ich auch nicht; aber fürs erste stecke ich mir jetzt ne Pfeife an. Hier sind wir auf Staatsforstgrund, und die Grafen von Everstein können mir meinetwegen kommen. Übrigens könnt ihr ja alle noch umkehren; im Notfall laufe ich ganz gern allein, und dem Vetter Just ist es auch recht. Geh du dreist wieder nach Hause, Fritzchen, und nimm alles ruhig mit, was sonst noch von Teesimpeln da ist. Au!... Alle Donner!«

Eine gute Handvoll Haare aus der Lockenfülle des »höhnischen Hanswurstes« streut Irene Everstein in die Morgenlüfte, und fünf Minuten später sind wir allesamt so weit von dem Schlosse Werden fern, daß uns auch der lauteste Klage- oder Warnungsruf von dorther nicht mehr zu erreichen vermöchte. Wir sind gerettet aus aller Kultur in die schönste Wildnis, in die sich der gebildete, älter gewordene Mensch nur in seinen allerhöchsten Feierstunden zurückdenken kann – in den Stunden oder Augenblicken, die wie ein leichter schöner Rausch kommen und schwinden und leider nicht jeden Tag auf der Tagesordnung stehen, was auch die Leute, die es so ausnehmend gut verstehen, »zur Sache!« zu rufen, davon halten mögen.

In an indian file, wie Ewald, der damals mit größestem Eifer seine amerikanischen Abenteurerromane englisch las, sagte, schlüpften wir durch die Büsche; und wenn die beiden Mädchen alle Augenblicke aus der Bahn brachen und ins Blumenpflücken gerieten, so fand sich für uns zwei Jungens wieder mancherlei anderes, was uns auf dem Wege aufhielt. Gut zehn Uhr wird es in Bodenwerder geschlagen haben, wenn wir endlich eine halbe Stunde weiter stromaufwärts das Flußufer, den Vater Klaus und den Kahn desselbigen bei seiner Fischerhütte erreichen.

Es führt eine Schiffbrücke bei Bodenwerder über den Fluß. Das weiß ein jeder, so gut als ein jeder den Freiherrn von Münchhausen aus Bodenwerder kennt. Was wäre aber unsere Fahrt zu dem Vetter Just Everstein ohne den Vater Klaus und seinen Kahn inmitten des Weges? Unbedingt nur das halbe Vergnügen.

Wenn wer mit in die Lust des wolkenlosen Tages hineingehörte, so wars der alte Fischer Klaus, obgleich Ewald jedesmal bemerkte:

»Wären die Mädchen nicht dabei, so sparte ich sicher meinen Groschen dem Alten am Leibe ab. Wer schwimmen kann, braucht auf dem Lumpenwasser noch lange keine Bretter unter sich.«

»O du Renommist!« ruft Irene, die, wenn sie sich ganz allein zwischen den Buchen und Weiden hüben und drüben gewußt hätte, wahrscheinlich gleichfalls keine Bretter und Balken zwischen sich und das sonnenbeglänzte, weich hingleitende Element gelegt haben würde.

Schon zupft mich Eva Sixtus scheu und erschreckt am Rockärmel.

»Sei nur ruhig, Evchen. Sie renommieren beide furchtbar. Das Großmaul da mit seinen Händen in den Hosentaschen und Irene – innerlich! Komm nicht ins Rutschen den Abhang herunter. Da liegt der Vater Klaus bei seinen Reusen, und da steigt sein Rauch auf von seinem Herde. Irene kann ja gar nicht schwimmen!«

Dieser Rauch von dem Feldsteinherde des Alten am Wasser ist wahrscheinlicherweise die Rettung meiner Nase vor zwei Fäusten, die von rechts und links her dicht unter sie gehalten werden.

»Hurra, der Vater Klaus!« schreit Ewald und rutscht bereits auf seines Vaters erst vor einem halben Jahre an den Dorfschneider abgegebenen Hochzeitshosen über das Steingeröll in die Tiefe, als ob er den Stoff gleichfalls für »absolut unverwüstlich« erachte.

Die Komtesse wirft mir noch ein »Ach, son gutes Fritzchen!« zu und folgt dem Kameraden bergunter gleichfalls in sitzender Stellung und nur um ein weniges mehr als er um den äußerlichen Anstand besorgt.

»Na, na, wat kummt mi da? Ach, Herrje, i sehn Sie mal!« meint der Vadder Klaus, und wir sind alle bei ihm angelangt – alle mit heiler Haut, bis auf den Meister Ewald, der sich etwas nachdenklich die Posteriora reibt und mehrfach den vergeblichen Versuch macht, sich dieselben über die Schulter genauer zu betrachten und seinen Schaden zu besehen.

Nach dem Walde das Wasser! Es ist sehr heiß an dem Ufer; aber keiner merkt es. Der Fluß ist breit genug, um alles, was in der jungen Brust noch gebunden lag, frei zu machen. Eilig drängen sich und lautlos die Wirbel vorbei und nehmen uns geheimnisvoll verführerisch in der Phantasie mit sich in das Hellste, Kühlste, Grenzenloseste – immer weiter und weiter durch alle geographischen Schulstubenerinnerungen bis hin auf das große Meer. Juan Fernandez und Salas y Gomez liegen im magischen Blau als einzige feste Punkte, an denen die Erfahrung mit wonnigem Herzpochen haften kann; darüber hinaus in wiederum undenklicher Ferne spült und sprühts nur in die Buchten und Palmenwälder von Traumland hinein, selbst für Ewald Sixtus, der schon ganz genau weiß, daß die Weser einfach bei Bremerhaven in die Nordsee mündet, daß vor Neuyork Long Island liegt und daß Staat und Stadt Neuyork zu den Vereinigten Staaten von Nordamerika gehören. Auch für mich, der ich in der neueren Geographie ziemlich und in der alten recht gut Bescheid weiß, der ich den Weg des Königs Alexander zum Indus und nachher die unvereinigten Staaten von Asia minor ganz genau auf der Karte zeigen kann.

Während nun Vater Klaus seinen langgedienten Kahn zur Überfahrt bereit macht, durchstöbern die zwei Mädchen »zum wer weiß wievielten Male« sein einsiedlerisch halbwildes Hauswesen.

»Eins steht fest«, ruft Irene, den blonden Lockenkopf aus der Pforte der Hütte vorstreckend; »das nächstemal bitten wir zu Hause um die Erlaubnis, und dann bleiben wir eine Nacht hier. Da liegen wir hier am Feuerherde und braten uns unsere Fische selber, und der Mond muß scheinen und wir singen dazu und rufen die Kähne und Flößer an –«

»Und kriegen dumme Redensarten zurück«, grinst Ewald.

»Und dumme Jungen werden draußen mit dem Kopf ins Nasse untergeduckt –«

»Und ich bin dabei!« schreit Ewald mit einem Sprunge und die Mütze schwingend. »Das ist eine ganz rasend heitere Idee! Das nächstemal gehen wir ihnen sicherlich erst bei Sonnenuntergang durch!«

Und der Alte am Wasser, bedenklich seine Kappe von einem Ohr aufs andere schiebend, meint:

»Ich wäre wohl schon dabei, und zu Schaden sollten die jungen Herrschaften bei mir auch wohl nicht kommen; aber – schriftlich muß ich die Erlaubnis doch wohl vor mir haben; denn nachher kenne ich sonst die Herren beim Amte gut genug, wenn ich wieder von wegen meiner Berechtigung allhier vor sie muß. In alten Zeiten, allwo man noch gar keine Papiere nötig hatte, soll das alles viel besser gewesen sein, und da hätte auch ich nichts Schriftliches verlangt, sondern im Gegenteil.«

»Dies ist doch großartig!« meint Irene Everstein, eine der gewohntesten Redensarten ihres Freundes Ewald sich aneignend.

Nun fahren wir über.

»Nicht schaukeln! Bitte, bitte, nicht schaukeln, Irene!« fleht Eva, wie sie vorhin »Nicht schütteln!« ängstlich gerufen hat.

Die Strömung ist ziemlich heftig und das »Schaukeln« in der Tat durchaus nicht notwendig.

»Ja, lassen Sie es lieber, junge Herrschaft«, meint der Vater Klaus. »Erst vor acht Tagen habe ich da ein bißchen weiter unten eine herausgeholt. Die mußte ziemlich weit von oben her zugereist sein; hier herum, und so weit unsere Gerichtsherren hinreichen, hat sie niemand gekannt. In Bodenwerder haben wir sie denn auch unbekannterweise beerdigt, und ich bin auch der einzigste gewesen, der mit ihr gegangen ist; und das ist nicht das erstemal in meinem Leben gewesen. So n alter Fischersmann will doch nicht so ganz als ein Vieh an seinem Wasser sitzen, sondern sie geben sich, mit Respekt zu sagen, gegenseitig alle Ehren. Ja, so nen Wasserlauf soll man nur recht kennen durch die Jahre und Tage und Nächte und alle Witterungen – das ist wohl was Nachdenkliches, junge Herrschaften!«

Wir sahen alle nach dem Weidenbusch hinüber, wo die unbekannte Fremde anlandete nach ihrer langen Reise. Irene schaukelt nicht mehr; aber nun sind wir mitten im Strom, und wo ist der Sonnenschein heller als mitten auf den Wassern? Die Wellen flimmern, silberne Flossen schnellen rundum auf, um blitzschnell wieder in der Tiefe zu verschwinden. Wir lassen alle eine Hand in die laue Flut herniederhängen und sie um die erhitzten Pulse spülen.

»Na aber Fritze, dein zarter Teint!« grinst Ewald. »Nun guckt nur, ob seine liebe Nase bei der Temperatur nicht schon abblättert wie eine Zwiebel. Von euch zwei Backfischen sage ich gar nichts; denn ihr seid ja ganz in eurem Elemente, und übrigens wird es euch auch Fritzchens Mama heute abend schon sagen und morgen früh noch einmal.«

Die beiden Mädchen unter ihren breiten Sommerstrohhüten glühen freilich wie die Pfingstrosen; aber von der unbekannten Leiche, welcher neulich unser alter Fährmann in Bodenwerder allein das letzte Ehrengeleit zu Ehren seines Flusses gab, ist nicht weiter die Rede. Wir landen auf dem anderen Ufer, der Vater Klaus bekommt seinen Fährlohn und ruft uns nach:

»Also auf das schriftliche Attestat verlasse ich mich. Nachher wünsche ich mir nichts Besseres als die junge Herrschaft bei mir zu Gaste, wenn mal der Mond voll im Kalender steht und der Fisch zutunlich gewesen ist. Und mitsingen tu ich auch. In meinen jungen Jahren habe ich immer über der Bratpfanne alle hübschen jungen Mädchens hüben und drüben in den schönsten Liedern vom Jahrmarkt mit besungen.«

Es schlägt eben in der Ferne, in Bodenwerder, elf Uhr, als wir lachend, die Mützen und die Taschentücher schwenkend, unseren Weg auf dem Schifferpfade durch Weiden, Röhricht, über die harten Kiesel und Flußmuscheln fortsetzen stromabwärts.

Unser grauer Charon bleibt noch eine ziemliche Weile auf seine Ruderstange gelehnt stehen und sieht uns nach – lächelnd, kopfschüttelnd und eine Prise nehmend. Er hat zu allen diesen drei Äußerungen seiner Meinung und Ansichten über uns vollkommen die Berechtigung und braucht sich nicht im geringsten auf irgend etwas Schriftliches einzulassen.

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