Frei Lesen: Altershausen

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

Einführung | I. | II. | III. | IV. | V. | VI. | VII. | VIII. | IX. | X. | XI. | XII. | XIII. | XIV. | XV. | XVI. |

Weitere Werke von Wilhelm Raabe

Deutscher Adel | Der Marsch nach Hause | Alte Nester | Die Leute aus dem Walde | Gedelöcke |

Alle Werke von Wilhelm Raabe
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Altershausen) ausdrucken 'Altershausen' als PDF herunterladen

Wilhelm Raabe

Altershausen

X.

eingestellt: 10.7.2007



Der »Herr« George seines Vaters war gegangen - fortgeschlichen mit einem letzten scheuen Blick über die Schulter ins beste Zimmer des Ratskellers - und Fritzchen Feyerabend wieder mit sich allein seinem Geburtsort gegenüber, wie mit der Hand auf dem Deckel einer eben zugeklappten, bis auf den gegenwärtigen Tag fortgeführten Chronik. Er wußte alles, was er für sich brauchte aus dem Zeitenverlauf der letzten zwei Altershausener Menschenalter, und was er Schwester Linen nach der Nachhausekunft zu erzählen hatte, wußte er auch. Er kam in den Rock und zur Halsbinde auch ohne die Gute, obgleich er bei Umlegung der letzteren doch mehremale ärgerlich nach Hülfe hätte rufen mögen.

Dabei hörte er es denn zehn schlagen und von dem nahen Schulhofe den Kinderlärm der Gegenwart, und Geheimrat Feyerabend horchte heute nur in das Geschrill hinein, bei dem er vor zwei Menschenaltern so sehr selber beteiligt gewesen war unterm Rektor Schuster. Er blieb am Fenster, solange die »Pause« dauerte, und war heute mehr dabei als vor den zwei Menschenaltern. Mit seinem Freund Ludchen natürlich. Ganz gewiß nicht ohne Ludchen Bock! -

Er horchte immer noch in den fröhlichen Lärm, als er schon mit dem jetzigen Ratskellerwirt unter dem Vorbau der Haustürtreppe stand. »Der Herr wollen bei dem angenehmen Morgen einen Spaziergang machen?« hatte der Hospes gefragt, ohne eine Ahnung davon zu haben, auf welchem Spazierwege sein gegenwärtiger, besonders Aufmerksamkeit erregender Gast sich bereits befand.

»Ein Pfauenauge!« rief, ohne auf die Frage achten zu können, Wirklicher Geheimrat Feyerabend. Der schöne Schmetterling kam über den Markt von Altershausen auf einen verstaubten Oleanderstrauch, der unter dem Vordach des Ratskellers den Winter erwartete, zugeflattert, ließ sich auf ihm nieder, seine Flügel zusammenfaltend und wieder auseinanderschlagend, und Geheimrat Feyerabend hatte sich wahrlich erst ihm zu widmen, ehe er die freundliche Frage Nothnagels dahin beantworten konnte, daß der Morgen in der Tat recht angenehm sei und daß er natürlich einen Spaziergang in ihn hinein zu machen beabsichtige.

»Ein feiner Buttervogel!« sagte der Wirt. »Ja, in der freien Natur werden sie nun bald selten; aber diese Sorte hält sich kurioserweise durch den Winter durch. Sie kommen auch mir ins Haus und kleben sich in dunkle Ecken und bleiben am Leben auch beim strengsten Frost. Da geht er wieder ab, um das Letzte von seiner Lebenszeit lieber draußen noch mitzunehmen.«

»Er gehört eigentlich zu den Dämmerungsfaltern«, murmelte Geheimrat Feyerabend. »Was hat er noch in der Morgensonne zu suchen? Ja, da geht er hin zu den Bergen, Herr Wirt, dort über Düselbergs Hausdach, grade als ob er ein Recht an die Mittagssonne hätte wie Parnassius Apollo, sein lichterer Geschlechtsbruder. Freilich, es ist noch einmal ein angenehmer Morgen, Herr Nothnagel, und ich werde dem guten Beispiel folgen und ihn ebenfalls heute noch einmal benutzen.«...

»So schönes Wetter und das Kind noch dabei!« sagte der Alte, kopfschüttelnd, aber lächelnd über den Markt von Altershausen dem Burgtor zuwandelnd, während ihm Nothnagel von seiner Haustürtreppe nur kopfschüttelnd nachblickte und dann, zu seinem Oberkellner gewendet, sagte und fragte:

»Er scheint hier bekannt zu sein!... Hat er nichts von der Table dhote gesagt?« - -

Da war nun das Tor, durch welches, an dem Elternhause vorbei, der Weg führte, den er sich aus dem Monddämmer heraus für das helle Tageslicht aufgespart hatte: der Weg hinein - zurück in das Beste und - Längste von den langen und doch so kurzen siebenzig Lebensjahren! Wem dehnen sich nicht in der Erinnerung glückliche Kindheitstage zu Äonen, während erfolgreichste Arbeitsjahre zu Augenblicken einschrumpfen?

Der Landstraße bergan schloß sich immer noch zur Rechten der Heckenweg an, auf dem man zwischen den Gärten, den Gärten der Optimaten der Stadt, am ersten den Wald erreichte. Und hatte nicht Fritze Feyerabends Vater zu den Optimaten gehört und sein Grundstück da gehabt? Gehörte dieser Weg, der dorthin führte, nicht noch zu den sichersten Erdenbesitztümern des Wirklichen Geheimen Medizinalrats Professor Dr. Feyerabend, nur einen anderen ausgenommen?

Der Weg lief noch so wie vor sechzig Jahren; aber seinen Garten, wo seine Mutter »gärtnerte« und sein Vater in der Fliederlaube oder an regnichten Tagen in dem blau angestrichenen »Pavillon« seine Pfeife rauchte, seine Zeitung las und seine junge Alte durch boshafte Kritik ihrer agrarischen Bemühungen ärgerte und seine Freude an ihr und ihnen hatte, mußte er doch erst suchen, was auf einem anderen Wege zu einem anderen Besitztum nicht nötig war.

Er fand ihn. Kannte ihn wieder. Zuerst an den zwei Torpfosten, zu denen über den Grasgraben noch immer die schiefliegende Steinplatte führte, die mal eine Grabplatte gewesen war, und der »Pavillon«, freilich sehr vermorscht, doch seines blauen Anstrichs noch immer nicht gänzlich verlustig, hob sich auch noch über die lebendige Hecke: sie hätten beide, Vater und Mutter, noch immer von ihm aus herunterrufen können: »Junge, Waldteufel, wie siehst du wieder aus? Kommst du aus der Schule oder Nachbar Bocks Mistgrube?«

Wo kam er heute her, Fritz Feyerabend, um da so stehen und zum Traumgebild des Lebens von heute dieses aus dem Brunnen, aus dem Abgrund heraufholen zu können? Nicht bloß dieses, sondern - alles: den Stein über dem Graben, die alten Türpfosten, und - da, da - da den Apfelbaum dort an der Nachbarhecke - dort, dort, den, den Apfelbaum, dessen Früchte wieder mal eben reif geworden waren wie vor zwei Menschenaltern zu dieser Jahreszeit!

Er, in dem Heckenwege, stand auf einen Stock gelehnt, und ihm, dem Alten jenseits der lebendigen Hecke, hatten sie eine Stütze unterschieben müssen, ihm auch einen eisernen Ring um den klaffenden Spalt im Stamm gelegt; denn er saß seiner Gaben auch jetzt noch voll, und es lohnte sich noch nicht besser, ihn als Brennholz zu verwerten. Geheimrat Feyerabend hatte plötzlich den Schmack dieser Gaben wieder auf der Zunge, wie er alle seine Zähne wieder hatte, wie damals, als er vor dem Katheder Rektor Schusters unterm Schultisch verstohlen in die Äpfel von diesem Baum biß. Und er hing wieder mit Ludchen Bock im Gezweig dieses Baums und hörte aus der Tiefe Schwester Linchens Stimmchen: »Wartet, ich sage es zu Hause! Ihr sollt das noch nicht - sie sind noch nicht reif!« - »Untersteh es dich, dumme Trine, - da halt die Schürze auf und friß selber mit!« Es ist Ludchen Bock, der das von seinem Zweig herunterruft, und - - Geheimrat Fritze Feyerabend stand auf dem alten Grabsteine und legte die Hand auf den alten Türgriff und rüttelte an der alten Pforte. Die Tür war zu, und Geheimrat Feyerabend würde mit Vergnügen seinen Medschidieh-Orden, seinen russischen Wladimir oder Stanislaus, seinen Orden der wendischen Krone oder seinen japanischen Orden der aufgehenden Sonne für den Apfel von - seinem Baum dort im Wege an der Buchsbaum-Beeteinfassung gegeben haben! Was waren ihm, als er seufzend durch Licht und Schatten des gegenwärtigen Tages seinen Weg weiter verfolgte, die nächtlichen historischen Träume? Daran, daß man vor sechzig Jahren auch neben der Tür durch ein Loch in der Hecke zu den verbotenen Äpfeln des Paradieses gelangen konnte, dachte er: was waren ihm im augenblicklichsten Wiedererleben des Vergangenen Ptolemais, die Könige Ernst August, Louis Philippe, Friedrich Wilhelm der Vierte? was der Reichsverweser Johann, der Düppelsturm, Königgrätz und die Schlacht bei Sedan? Was Wissenschaft und Kunst und Künste der letztvergangenen siebenzig Jahre? Mit seinem Traumapfel vom Baum der Erkenntnis, Sauersüß auf der Zunge, stieg er weiter, der Wirkliche Geheime Medizinalrat Professor Doktor Feyerabend, leise bergan, dem Brunnquell von Altershausen, dem Maienborn, dem größten Wohltäter seiner Heimatstadt, zu... So schönes Wetter und er noch dabei!...

Der Weg machte eine Biegung um den Berg herum. Aus dem Schatten in die Sonne, die einem Greis immer wohltut, und hinter den letzten Stadtgärten wieder in den Schatten, der einem Greis auf dem Spaziergange doch auch wieder ganz willkommen sein kann.

Was sich in der Stadt da im Tal in dem letzten Jahrhundert geändert haben mochte, der Wald war geblieben, wie er gewesen war, - unter staatlicher Autorität und Forstverwaltung natürlich, nicht bloß aus eigener Kraft und Machtvollkommenheit. Der Weg zu ihm hin führte wieder über eine sonnige Blöße, wo Ackerfelder und Wiesen die Gärten und ihren Schatten abgelöst hatten: es war dem alten Herrn und Revenant durchaus nicht unangenehm, als er, zuletzt sogar etwas steil aufwärts, endlich die ersten Bäume der »Wildnis« erreichte. Es war zwar neuer Anwuchs hier am Rande des Kulturforstes, aber er hatte Zeit gehabt, wieder mal nachzuwachsen, um die alte Grenze festzuhalten.

Die Gegend war quellenarm; sie hatten wohl Grund, hier den Wald zu schonen: er half mit, ihnen zu Luft, Licht und Ackerfrucht das Beste, nach dem griechischen Wort, zu geben. Eine Viertelstunde weiter in ihn hinein, in einem dunkeln Seitentälchen, entsprang der Born, welcher den Altershausenern nicht nur das Trinkwasser lieferte, sondern aus dem der Storch auch ihnen und ihren Frauen ihre Kinder heraufholte: das eine in unerschöpflicher Fülle, die anderen in genügender Menge gegen ein- und andringendes Semiten-, Welschen- und Slawentum.

In den Fels der Berglehne war da das Brunnenhaus gegraben und gehauen und durch eine schwere Tür verschlossen; draußen hörte man das schöne Wasser nur rauschen in der Tiefe. In Röhren lief es talwärts, und wie stark es auch dem Erdenschoß entsprudelte, in heißen Sommern - Chronikensommern - redete man doch in Altershausen von ihm wie vom Eulenspiegel, der ja auch dann und wann ausbleiben konnte »wie das Röhrwasser«.

An manchem köstlichen Spring der Wonneburgen des Walchenreiches hatte der Alte gestanden im Mittag seines arbeitsvollen Lebens und bei sinkender Sonne. Er hatte die Wasser steigen sehen in sonnigstes, tiefstes Himmelblau und in tropische Sternennächte: nun hörte er sie wieder aus dem Brunnen seiner Kindheit unter seinen müden Füßen rauschen, nur den Mittagsschatten seiner heimatlichen Buchen und Eichen über sich, die deutsche Waldkühle um sich, und - da er aus der Sonne kam, stand er einige Augenblicke geblendet, ehe er bemerken konnte, daß er den Brunnen, aus dem auch ihn der Storch seiner Mutter heraufgeholt und gebracht hatte, daß er den Maienborn von Altershausen nicht für sich allein hatte, aber auch an keinem Orte in den Reichen der Walchen größeres Wunder hätte erleben und erfahren können. -

Es war auch zu beiden Seiten des Brunnenhauses im Halbrund eine Bank in den Felsen gemeißelt, und ein alt Mütterchen saß da und sah von seinem Strickzeug empor und erwiderte scheu mit der Verlegenheit des »niederen Volkes« den Gruß des unbekannten alten Herrn und rückte, trotzdem des Raumes genug war, ein wenig weiter weg, als er sich auch mal wieder nach zwei Menschenaltern auf dieser Bank am Maienborn niederließ.

»Ein recht angenehmer Morgen!« sagte Geheimer Medizinalrat Feyerabend. »Nicht die Witterung, sondern die Unterhaltung darüber bringt die Menschen zusammen!« sagte ja wohl Aristoteles? Wie sollten auch diese beiden am Maienborn von Altershausen anders wieder zusammengekommen sein?

< IX.
XI. >



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.