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Wilhelm Raabe

Altershausen

IV.

eingestellt: 10.7.2007



Vor zwei Menschenaltern würde Fritzchen seinem Schwesterchen Linchen unbedingt erwidert haben: »Mein blutiger!« Jetzt nickte er nur lächelnd, jedoch dabei seufzend und die Torheit seines Vorhabens vollkommen einsehend. Geheimrat Feyerabend hatte nämlich seiner treuen Hausvormünderin mit einem Hinweis auf das schöne Wetter, das wunderbare Wetter, seine Absicht ausgesprochen, zu verreisen, und auf ihre Frage: »Wohin denn?« nur zu antworten gewußt:

»Ja, wenn ich das selber wüßte!«

Wenn er ihr mitgeteilt haben würde, daß er diesmal nur seinen Freund Ludchen Bock im Nachbarhause besuchen wolle, so würde sie ihn einfach für verrückt erklärt haben. Sie hatte diese Redensart so an sich, gebrauchte sie nicht selten auch dem Bruder gegenüber und hatte dann und wann nicht ganz unrecht damit.

Wenn er ihr gesagt haben würde, er habe Geschäfte in Paris, London oder Rom, oder man wünsche seine Gegenwart in Madrid, Rio Janeiro oder New-York, so würde sie das für möglich gehalten und nicht als außerhalb der Lebenslaufbahn des Bruders liegend gefunden haben; aber - wo lag das Land, wo wohnten die Menschen, die der alte Mann jetzt, nach seiner »Quieszierung« aus der Länge der Tage und der Schlaflosigkeit der Nächte heraus, aufzusuchen - wieder zu besuchen wünschte?

Da er selber es nicht wußte, wie hätte er es der Guten deutlich machen können, als er sie ersuchte, ihm noch einmal für den Bedarf der nächsten Wochen die nötige Leibwäsche an Wolle, Leinen - Unterhosen, Nachtjacken und -mützen usw. usw. - in den Reisekoffer aus ihren Schränken zu verabfolgen?

Seinerzeit war er viel gereist, aber nicht, aber nie, wie ein Wandersmann aus einem Ludwig Richterschen Bilderbuch, bloß des Frühlings, des Sommers, des Sonnenscheins, des Erdengrüns und der Himmelsbläue wegen. In Sachen seiner Wissenschaft und Kunst, seines Rufes halben, war er berufen worden zu Kongressen der Fachgenossen, zu den Krankenbetten des am besten situierten Teiles der Menschheit. Mit dem uralten angelsächsischen Reisesänger konnte er in dieser Hinsicht gleichfalls von sich berichten:

Ich war mit Hunnen und mit Hrædgoten;
Mit Winlen war ich und mit Wickingen;
Mit Seaxen ich war und mit Schwerdwaren;
Mit Thuringen ich war und mit Throwenden,
Und mit Burgenden; da erhielt ich einen Ring!
Da gab mir Gunthere erfreuendes Geschenk,
Zum Lohne des Sanges; das war kein fauler König!
Mit Griechen war ich und mit dem Kaiser,
Er der Gewalt hatte der Wonneburgen,
Der Walchen und Walchinnen und des Walchenreiches.

Ja, an mancher Saaltür, in mancher berühmten Stadt hatten ihn erlauchte Fachgenossen feierlichst-kollegialisch begrüßt, an der Tür manches Krankenzimmers erlauchtester Patienten in mehreren Weltteilen hatten ihn liebende Verwandte klopfenden Herzens und weinenden Auges erwartet und ihm den Vortritt gelassen!

»Schreitend in den Schicksalen durch der Menschen Länder viele«, war der graue Archiater und Psychiater des neunzehnten Jahrhunderts gewandert; aber gesungen hatte er nicht, wie der weißbärtige Barde des siebenten oder achten. Nein, gesungen hatte er weder in den Versammlungssälen, den Auditorien der Universitäten noch vor den Königen, den Edeln und dem Volke! Und am Herzen, wenn nicht am animalischen, hatte er das alles auch nicht gefaßt und zu sich hingezogen; weder in den Wonneburgen noch in den Spitälern, in den Irrenhäusern, den Dachstuben und Kellerwohnungen der Menschheit. Aber ob er von selber hingegangen war oder ob er befohlen worden war - auf den Beinen und Rädern war er häufig genug in seinem Leben gewesen, und deswegen hätte Schwester Line sich gar nicht gewundert, wenn er noch einmal verreisen wollte, und hätte kein Wort dazu gesagt. Doch nun - wußte er diesmal nicht, wohin er wollte, und blieb fest dabei, daß er es nicht wisse: sollte das wirklich das erste Zeichen beginnender Altersschwäche sein?

Er blieb bei seinen Worten und »dummen Redensarten«, wenn er aber je zu irgendeiner Lebenszeit von sich selber aus irgendwohin gegangen war, so war das jetzt - an dem Tage, an welchem er seine letzte Reise, seine Jubiläumsfahrt nach Altershausen antrat!...

Nach dem Bahnhof brachte sie ihn natürlich wie immer und in dem Gefühl, daß ihre selige Mutter ihr aufgetragen habe, was das Äußerliche betraf, sich seiner so gut und sorglich als möglich anzunehmen und ihn nicht durch seine eigene Unerfahrenheit und anderer Menschen Schlechtigkeit zu Schaden kommen zu lassen. Sie war die erste aus der Droschke heraus, sie war es, die »ihm das Gepäck besorgte«. So häufig er in drei bis vier Weltteilen solches Geschäft selber für sich verrichtet haben mochte, die Fähigkeit dazu traute sie ihm, solange sie ihn unter ihren eigenen Augen hatte, nie zu. Aber das ist nun einmal so und bleibt hoffentlich so: nimmer hat ein neid- und gifterfüllter Konkurrent und Kollege uns so viel Fähigkeiten abgesprochen, als uns Schwester, Gattin und Tochter wegstreichen. Nur Großmütter und Mütter schreiben uns manchmal mehr an Tugenden und Verdiensten zu, als wir von Rechts wegen vor der Welt beanspruchen können. Wie selten hat eine Großmama einen Rüpel zum Enkel, wie selten eine Mama einen Esel zum Sohn! -

»Ich weiß nicht, wie es kommt, Fritz, aber jetzt fällt mir dein Siebenzigstes doch auch auf die Nerven«, sagte Schwester Karoline. »Wenn du wenigstens Schillebold mitnehmen wolltest. Da wüßte ich doch, daß du einen verständigen Menschen bei dir hättest.«

»Achten Sie zu Hause auf mich, das heißt auf das Meinige, Schillebold, und nun geht ruhig nach Hause, alle beide! Dir, Linchen, brauche ich nicht anzuempfehlen, daß du auch diesmal auf das Unserige achtest. Auf Wiedersehen!«...

Die Tür des Bahnwagens war höflich, aber nachdrucksvoll Fräulein Karoline Feyerabend vor der lieben, sorgenvoll gekrausten Nase und dem langjährigen Amanuensis und längst unentbehrlich gewordenen Lebensgenossen vor der etwas angeröteten zugeschlagen worden und - der Jubilar wirklich mit sich allein in seinem »Abteil« auf der Fahrt, nicht nach Bimini, sondern nach Altershausen gewesen.

»Jaja, Fräulein, da ist nun wieder mal nichts weiter zu machen. Der Herr Wirkliche Geheime Obermedizinalrat hat immer so seinen eigenen Sinn und Willen gehabt«, meinte Dr. Schillebold auf dem Heimwege. »Wenn einer Gelegenheit hatte, das öfters in Erfahrung zu bringen, so bin ich gottlob das gewesen. Wir müssen eben abwarten, was für uns nun wieder hierbei herauskommen wird.«

»Lieber Freund, ob für eure Wissenschaft hier was abfällt, ist mir ganz einerlei. Daß er sein ganzes Leben durch immer seinen ganz besondern Schutzengel nötig gehabt hat das ist in diesem Augenblick noch mehr als sonst meine Meinung. Nach Altershausen! Bin ich nicht auch aus Altershausen? Ich bin ja wohl so jung und kindisch draus wegversetzt, daß ich wenig mehr davon weiß; aber hätte er mich nicht doch fragen können, ob ich ihn nicht auch zur Auffrischung meiner alten Erinnerungen begleiten wolle? Ludchen Bock! Ich bitte Sie, Doktor, seinen Freund Ludchen Bock will er besuchen! Gehört das auch zu Ihrer Wissenschaft? Seit Jahren hat keins von uns zwei Geschwistern an unsere alte Heimat gedacht, und nun auf einmal jetzt in seinem Einundsiebenzigsten dieser - ich will mich milde ausdrücken - dieser Einfall! Jawohl, Schillebold, da bin ich Ihrer Meinung, es bleibt uns nichts übrig, als abzuwarten, was bei ihm herauskommt.« - -

Die Sonne schien bei den vielen Windungen der Bahnlinie bald ins eine Fenster, bald ins andere, und so ließen die Damen der Reisegesellschaft auf beiden Seiten die Gardinen herunter und hüllten, da diese Vorhänge blau waren, sich und den Alten in ein blaues Licht, gegen welches er, da es seinem Reisezweck ganz angemessen war, nichts einzuwenden haben konnte. Die Gesellschaft war ihm bekannt - von allen Heerstraßen der Erde her. Sie kommt hier so wenig in Betracht wie der Reise- Landschafts- und Wagenwechsel. Was hatte das mit Geheimrat Feyerabends Besuch bei Ludchen Bock zu tun?


 

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