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Wilhelm Raabe

Altershausen

VIII.

eingestellt: 10.7.2007



Wer von beiden war nun in dieser Nacht das größere Kind? Ludchen Bock, den die bösen Buben von Altershausen in Beckers Garten betrunken gemacht hatten, oder Geheimrat Fritze Feyerabend, der nicht bloß aus den Wonneburgen der Walchen, sondern sogar von den »Höhen der Menschheit« zu ihm niedergestiegen war und sich jetzt zu ihm auf den Brunnentrog vor Mordmanns Hofplanke hinsetzte?

So schönes Wetter, und - sie waren eben beide noch dabei!

 

»Kennst du mich noch, Ludchen?« fragte nach einer Weile der Mann aus der sogenannten Wirklichkeitswelt.

»Sie sind der Herre vom Bahnhof mit dem Taler. Ich bin nur auf den Kopf gefallen und Ludchen Bock. Ich bedanke mich nochmals und wäre auch gleich mit ihm nach Hause gegangen; aber ich habe ihn einem von den großen Jungens gezeigt, und da haben sie gesagt, ich brauchte und sollte mir nicht alles gefallen lassen, auch von Minchen nicht. O Gotte, Gotte, und nun kann ich nicht nach Hause aus Angst, Fritze!«

Der große Seelenarzt auf dem Brunnentrog fuhr zusammen und hatte ein Minuten nötig, ehe er das letzte Wort in seine Erfahrungen aus seinen Wissenschaften eingeordnet hatte.

»Du kannst es bezeugen, daß ich mich vor keinem fürchte, Fritze. Vor dem Rektor nicht, vor dem Superdenten nicht und nicht mal vor deinem Vater. Deine Mutter ist auch schon schlimmer; aber - o Gotte, Gotte, Minchen und ich jetzt wieder!... Nun hat sie wieder aufgesessen um mich und Angst gehabt um mich, und an unsere Ziege habe ich auch nicht gedacht, und sie mußte im Bette sein, eh Ritterbusch zum erstenmal rief, und ich sollte schon viel länger zu Bette sein! Fritze, wenn sie mich nur jedesmal hauen wollte, wie mich mein Vater und meine Mutter und dich dein Vater, aber das tut sie ja nicht und kanns auch nicht, das arme, kleine Wurm von Mädchen! O Gotte, Gotte, wenn ich nur erst wieder schliefe und es ihr versprochen hätte, daß es nun aber auch ganz gewiß das letzte Mal gewesen sein sollte! Wenn sie es mir nur wieder erst geglaubt hätte, daß ich es nicht wieder tun würde, und wenn mir auch son fremder Herre auf dem Bahnhof hundert Taler schenkte!«

»Soll ich mit dir gehen? Soll ich dich nach Hause bringen, Ludchen?« fragte Geheimrat Feyerabend.

Er erhob sich mühsam als alter Mann von dem Troge und zog sanft dem andern Alten die Hände von dem angstvollen jungenhaften Greisengesicht und ihn an der einen in die Höhe und am Handgelenk wie vor sechzig Jahren mit sich.

»Komm, ich bringe dich zu deinem Minchen, und sie vergibt dir noch einmal - was andere an dir gesündigt haben, armer Tropf!«

Die letzten Worte hatte Fritz Feyerabend nur zu sich selber gesprochen.

»Der Herre, dem ich seine Sachen nach dem Keller getragen habe?« murmelte Ludchen Bock.

»Fritze Feyerabend aus Altershausen!«...

Der Traum als Wirklichkeit war jetzt vollständig. Es fehlte für zehn Minuten nichts mehr dem Mann aus der großen Welt, was vordem ihm einmal gewesen war! Er war Kind mit dem Kinde, Idiot mit dem Idioten: Schulen, Universitäten, Lehrsäle, in denen man selber vom Katheder sprach, Land und See, alle Weisheiten, Herrlichkeiten und Königreiche dieser Erde, die großen Herren und die großen Menschen darin, alle trônes, principautés, archanges, séraphins et chérubins Schöpfers Himmels und der Erden, wie das alles im Selbstbewußtsein eines Gebildeten längeren irdischen Daseins Inhalt ausmacht und Formen bedingt - weggewischt! Nichts übrig als zwei Jungen auf dem Wege nach Hause - beide mit dem Gefühl, sich verspätet zu haben!...

Und wie vor alter Zeit so häufig, ging Friedrich Feyerabend wieder unter Ludwig Bocks Führung. Er wollte in die Gasse biegen, die von Mordmanns Hofe aus am nächsten zu den Elternhäusern führte; aber Ludchen bog nicht rechts, sondern links um die Planke, und es war ja richtig: er mußte in dieser hellen Nacht doch am besten Bescheid wissen in Altershausen! Ja, da lief der Gartenweg noch in der Mond- und Zauberdämmerung wie vordem, als ob jeder Busch und Baum, jede Hecke und jeder Zaun an Ort und Stelle geblieben wären und nicht sechzig Jahre hingegangen wären, Weltgeschichte gemacht und »epochemachende Veränderungen« verursacht hätten!

Aber je bekannter dem am Ort Fremdgewordenen die Wege unter den Füßen wurden - immer wieder der Geruch! Wahrhaftig sind es nicht die Sinne des Sehens, Hörens, Schmeckens und Fühlens, was einem den Ortssinn und das Heimatsgefühl schärft: die Nase ist, die da sagt: ja, geh nur mir nach! so roch es hier, und so wirds hier riechen. Heute kommst du mit mir nach zwei Menschenaltern, bringe mich nach zwanzig wieder zur Stelle und hole mich dir voll, wenn das Nest noch steht. Einerlei, ob es Altershausen, Rom oder Berlin heißt! Einerlei, ob du abgelegt wurdest hinter der Hecke unter einem Heuschober oder in Windeln gelegt in den Wonneburgen der Walchen. -

Jetzt bog aus dem Gartenwege der Pfad wieder in eine Gasse ein, die gegen die Stadtmauer zu führte. Deren Bewohner schliefen alle hinter den dunkeln Fenstern in den kleinen Häusern; nur vom äußersten Ende her flimmerte eine Lampe, und Ludchen Bock hielt an und hielt auch den Begleiter am Rockschoß fest und winselte mit weinerlicher Kinderstimme:

»Da hat sie noch Licht! O Gotte, Gotte, wenn ich doch zu Bette wäre und sie auch! Und ich bringe ihr doch immer alles ehrlich, was mir die Leute schenken - einen Nickel, zwanzig Pfennige, fünfzig Pfennige. Was brauchte mir der fremde Herre das viele Geld zu geben? Sie hält mich doch sonst reinlich im Zeuge und läßt mir nichts abgehen morgens, mittags und abends; und den Taler mußte ich ja doch in der Hand in Beckers Garten den anderen Großen zeigen, denn sie haben ihn ja alle sehen wollen und nachher mit mir anstoßen wollen, bis sie sagten: ›Nu, Junge, steht sie aber mit dem Stock hinter der Tür, und Ritterbusch hat schon lange gerufen.‹ Ich hätte ja schon längst zu Bette gemocht; aber daß sie lachten: ›Nu weint er wieder!‹, das konnte ich mir doch nicht bieten lassen von ihnen, da ich grade so viele Kraft habe als einer von ihnen. Und wenn mir Becker nicht zugeredet hätte, so säße ich noch bei ihm - vor der Polizei und dem Herrn Bürgermeister habe ich mich nicht gefürchtet! O Gott, wenn ich nur im Bette wäre und ihr alles gesagt hätte! Da sitzt sie und hat allein noch Licht in ganz Altershausen!... Gute Nacht, Fritze!«

Der Wirkliche Geheime Medizinalrat Professor Dr. Feyerabend wäre nicht auch ein berühmter Seelenarzt gewesen, wenn er nicht den letzten Ausruf in seine Erfahrungen hätte einreihen können. Er lief dem armen, greisen, blöden Freunde nicht nach, dem Lichtschein am Ende des Gäßchens zu.

»Gute Nacht, Ludchen!« sagte er nur gerührt und ging langsam dem Davonlaufenden nach, blieb auch im Schatten der Nacht und Hauswände und suchte nur von ferne zu erfahren, wer für den Freund da wach blieb in Liebe und Sorgen und auf den Greis wartete wie eine Mutter auf ihr Kind. Der Lichtschein fiel jetzt nicht mehr aus dem Fenster, sondern aus der engen, niedern Tür des kleinen Häuschens an der Stadtmauer. Es war ebenfalls eine Greisin, welche die Hand vor die im ersten leisen Morgenwehen flackernde Lampe hielt. Was dort gesprochen wurde, verstand Geheimrat Feyerabend nicht; aber schrill und keifend war die Stimme nicht, die dem armen Sünder, Ludchen Bock, jetzt beim Zu-spät-nach-Hause-Kommen den Text las. Er hörte nur das Kind von Altershausen nur noch mal schluchzen, ehe es ins Haus gezogen wurde und die Tür sich hinter ihm schloß. »Zu unserer Zeit gings bei den Müttern - und schon nach neune! - lauter her als da bei seinem Minchen«, murmelte Fritz Feyerabend auf seinem Rückwege nach dem Ratskeller. »Wer mag sie sein aus unserer Zeit, die hier heute nach sechzig Jahren an dem armen Alten des Weibes Beruf zum Kinderwarten so in Treue und Güte pflegt?«


 

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