Frei Lesen: Das Horn von Wanza

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Wilhelm Raabe

Das Horn von Wanza

Sechstes Kapitel

eingestellt: 28.7.2007



»Dieses ist ja aber wirklich mal merkwürdig, Marten!« sagte die Frau Rittmeisterin.

»Nicht wahr?... Jawohl!... Ich habe es mir aber auch gleich gedacht, daß es Sie ein bißchen verinteressieren würde, Frau Rittmeistern«, sprach der Nachtwächter von Wanza, die Mütze zwischen den Händen drehend.

Kopfschüttelnd setzte sich die alte Dame gradeauf in ihrem Lehnstuhl.

»So gegen Mitternacht?«

»Nun, vielleicht auch wohl um einiges später, Frau Rittmeistern. Es wehte wohl schon ein bißchen kühl so um den Morgen herum. Jaja, die Zwölfe hatte ich ihnen schon durch die Spalte im Laden in den Bären neingerufen; aber da saßen die beiden Herren noch feste drinnen am Tisch. Na, wir wollen mal sagen, so gegen ein Uhr hin mochte es sein, als ich ihnen mit meiner Laterne an der Wipperbrücke an Augustins Ecke begegnete und der Herr Burgemeister mich stellte und uns miteinander bekannt machte und ich –«

»Und Sie ihnen nach Hause leuchteten und ihnen wohl gar das Schlüsselloch mit suchen halfen? Den Musjeh Dorsten sehe ich natürlich ganz genau vor Augen, und der andere – mein Herr Neffe, wie Sie behaupten, Marten – ohne allen Zweifel gleichfalls auch so einer, selbst bei diesen kühlen Nächten mit offener Weste und einem heißen Kopf! Und mit einem bunten Bande über der Brust und um die Mütze: einer von unserer Couleur, wie der – Herr Bürgermeister sicherlich gesagt hat. Liesle!«

»Frau Rittmeistern?« fragte ein ganz nettes Dienstmädchen, den Kopf ins Zimmer steckend.

»Also verlassen kann ich mich drauf, daß er mir eine Visite für heute morgen zugedacht hat, Matten?«

»Hm, die Absicht hatte er ganz gewiß noch so gegen ein Uhr; aber –«

»Nun, dann soll er uns in dieser Stimmung wenigstens sofort von der richtigen Seite kennenlernen und seinen Hering bereit finden. Lauf mal rasch nüber um ein paar einmarinierte, Liesle! Nicht wahr, das können wir brauchen, Matten? Noch son Patenkind auf die Arme wie Euern Freund Dorsten, meinen Herrn Bürgermeister von Wanza an der Wipper! Ne, ne, den Posten in meiner Zuneigung und hiesigem Gemeinwesen hatte ich doch nur einmal zu vergeben. Zweimal kommt das nicht vor! Übrigens aber weiter im Texte; also, Marten, also Sie schlossen diesen beiden nächtlichen Menschenkindern die Haustür auf und leuchteten ihnen auf der Treppe?«

»Ei nein«, sprach der Nachtwächter von Wanza, »ich habe den Herrn Burgemeister zwar seit lange nicht so vergnügt gesehen, aber sehr ruhig war er doch dabei; und – denken Sie mal, Frau Rittmeistern – wissen Sie, was ich habe tun müssen?«

Die alte Dame schüttelte mit unbestreitbarer Spannung den Kopf.

»Ich wollte anfangs natürlich nicht recht dran, aber Hülfe war da nicht. Müssen mußte ich; der Herr Burgemeister waren zu eindringlich, und anderthalb Stunden lang habe ich noch dem Herrn Nevöh Wanza bei meiner Laterne zeigen müssen.«

»I du meine Güte!« rief die Frau Rittmeisterin, ihr Strickzeug im Schoße zusammenfassend.

»Jawohl, das könnte nem Menschen wohl als ganz was Neues vorkommen, nicht wahr? Ich, der ich nächster Tage doch nun schon fünfzig Jahre drin herumgehe und die Zeit abrufe, habe wahrhaftig gemeint, daß ich Wanza kenne; aber bis zu voriger Nacht ist das mir wirklich nur so vorgekommen. Jaja, der Mensche lernt nie aus; und, wissen Sie, eines nur wollte ich, nämlich daß Sie dabeigewesen wären, Frau Rittmeistern. Da wäre denn freilich das Vierkleeblatt voll gewesen, um Wanza bei meiner Laterne zu besehen: Sie und der Herr Burgemeister, der Herr Nevöh und ich! Aber Sie schliefen gottlob sanfte, und dasmal war es eigentlich schade darum!«

»Davon bin ich fest überzeugt«, sprach die alte Dame lachend. »Nun gehen Sie aber dem kuriosen Dinge doch mal ein bißchen näher. Was haben Ihnen denn die zwei – na, ich will nichts sagen! – gezeigt in Wanza an der Wipper, was Sie noch nicht kannten, Matten?«

Der Nachtwächter sah seine Gönnerin auf diese Frage hin mit emporgezogenen Augenbrauen an, hustete hinter der vorgehaltenen Hand, trat einen Schritt vor, zog sich wieder einige Schritte rückwärts, rieb sich den ziemlich kahlen Schädel, ließ seine Mütze fallen, hob sie auf, sah von neuem die Frau Rittmeisterin an, aber diesmal von der Seite, und sagte:

»Auf meine Ehre und Gewissen, so wahr ich lebe und selig werden will, ich habe manchem vom Bären aus nach Hause geleuchtet, aber mit solchem Nutzen für meine Erfahrung noch keinem wie diesen beiden Herren in der vergangenen Nacht! Dazu waren der Herr Burgemeister recht gerührt und weich und sprachen an jedweder Ecke noch mehr wie gewöhnlich in Versen aus Dichterbüchern. Ohne den Herrn Nevöh hätte ich zuletzt gar nicht mehr gewußt, welche Stunde am Tage es eigentlich war, was doch viel sagen will. An jedes Haus, wo einer vom Magistrat wohnt, habe ich mit der Laterne hinleuchten müssen; und jedesmal hat der Herr Burgemeister eine Geschichte zum besten gegeben, und wir haben unsere liebe Not gehabt, daß er uns bei dieser nachtschlafenden Zeit nicht zu laut wurde. Ums Spritzenhaus, s Rathaus, die zwei Pastorenhäuser, dann um die Marienkirche und Sankt Cyprian sind wir mit der Laterne herumgewesen, und da wurden der Herr Burgemeister recht gelehrt und sprachen von der Erbauung der Stadt Rom und der Gründung von Wanza, und man konnte viel lernen; und mich betitulierten beide Herren immerfort nur Herr Nachtrat, und der Herr Nevöh, der Gott sei Dank gar nicht melancholisch geworden war, sondern ganz vergnügt und pläsierlich, sagte: ›Recht haben Sie, Herr Nachtrat, eine erbauliche Geschichte ist es, aber – erzählen Sie nur meiner Tante Grünhage nichts davon!‹ Und das habe ich ihm denn natürlich auch fest versprochen; denn, Frau Rittmeistern, was konnte ich unter solchen Umständen anderes tun?«

»Verlassen Sie sich drauf, Matten, es ist mir nun doch schon ganz genau so, als ob ich ganz persönlich dabeigewesen und mit euch gegangen wäre. Jetzt aber sagen Sie mir nur noch ein Wort: wie sah er denn selber aus bei dem Scheine Ihrer Laterne?«

»Ihren Herrn Nevöh meinen Sie? Oh, ein ganz netter, stiller junger Mensch, Frau Rittmeistern! Unsern seligen Herrn, den Herrn Rittmeister, kennen wir beide; so war es mir denn merkwürdig, auch diesem aus der Familie aus dem Bären heimzuleuchten; aber mit Erlaubnis, die richtige Familienähnlichkeit habe ich bei so kurzer Bekanntschaft noch nicht herausgefunden.«

»Hm«, sagte die alte Dame, »meinen verstorbenen Mann konntet Ihr eigentlich in Frieden lassen. Irgendwo muß der Spaß doch einmal aufhören –«

»Und das haben Sie wiedermal viel besser ausgedrückt, als es sonst irgendein Mensch hier in Wanza kann, Frau Rittmeistern!« rief der Nachtwächter von Wanza; »und ich habe ganz und gar dasselbe gesagt, und der Herr Burgemeister wahrscheinlich item, als er mich zum Beschlusse bei Sankt Cyprian durch das Kirchhofsgitter leuchten ließ und den Herrn Nevöh mit dem Kopfe gegen das Staket drückte und lateinisch sprach, was ich natürlich nicht verstand.«

»Lateinisch werde ich nicht mit ihm sprechen; aber sprechen werde ich mit dem jungen Mann, und zwar sobald als möglich, und verstehen soll er mich dann, darauf gebe ich Ihnen mein Wort, Matten!« brummte die alte Dame.

»Nun, machen Sie es nur nicht zu arg, Frau Rittmeistern. Wir sind ja alle mal jung gewesen, und Sie wissen, wie wir es stellenweise trieben hier in Wanza so vor fünfzig Jahren, als wir noch nicht so dicht wie heute vor unserm fünfzigjährigen Jubiläum standen.«

»Hm!« sprach noch einmal die Frau Rittmeisterin Sophie Grünhage und versank in ein tiefes Nachdenken, das heißt sie legte eine ihrer Stricknadeln an die Nase und fing an, angestrengt im Kopfe zu rechnen und Tage und Jahre zusammenzuzählen. Der Meister Marten stand militärisch grade vor ihr aufgerichtet und wartete schweigend das Fazit ab; wir aber benutzen die Gelegenheit, um uns um- und die beiden Leutchen ein wenig genauer anzusehen. Es war ungefähr zehn Uhr morgens; die helle Herbstmorgensonne lag freundlich auf den Fenstern der Tante Sophie; alles stand, hing und lag reinlich und zierlich an seiner Stelle im Zimmer, und das Reinlichste und Zierlichste war die alte Frau in ihrem Lehnstuhl in der Sonne am Fenster. Das einzige, was nicht in den Raum und zu allem übrigen passen wollte, war der selige Herr Rittmeister Grünhage, der fast in Lebensgröße in Öl gemalt von der Wand hinter dem Sofa heruntersah und unbedingt dem Künstler, was die Ähnlichkeit anbetraf, alle Ehre machte. So mußte der Mann vor vierzig Jahren ausgesehen haben, als ihn, wahrscheinlich auch im »Bären«, der nach Brot gehende wandernde Künstler unbegreiflicherweise drangekriegt hatte, »ihm einige Stunden zu schenken«. Und glatt hatte er ihn hingetüpfelt auf die Leinewand in seiner aus dem Schranke geholten Uniform, mit dem Harnisch auf der Brust und dem Roßschweifhelm des Zweiten Westfälischen Kürassierregiments im Arme. »Merkwürdig getroffen«, sagte heute noch seine Witwe, und (wir können uns leider nicht helfen!) »stinkend ähnlich«, sprachen alle jene Wanzaer, die den »Wüterich« noch persönlich gekannt hatten.

Da hing er gut lackiert und gottlob jetzt gänzlich unschädlich an der Wand und stierte gradeaus und weg über den weißen Fußboden, der bei seinen Lebzeiten wahrlich nie so aussehen konnte wie heute. Wir aber werden ihn leider doch wohl noch einige Male von dem Kirchhofe bei Sankt Cyprian herzitieren müssen. Er spielt eben noch mit in der Geschichte, und nicht bloß als schauderhaft ähnliches »Porträt« an der Sofawand; und der weise Seneka und Bürgermeister von Wanza hat seinen jüngern Freund, den Neffen der Frau Rittmeisterin, nicht ganz ohne Grund mit der Stirn an das Gitter der Friedhofspforte bei Sankt Cyprian gedrückt und den Meister Marten, den Nachtwächter von Wanza an der Wipper, dazu leuchten lassen.

»Leuchtet das?« fragen unsere Kinder auf einem vergnüglichen Waldwege und halten uns ein Stück von einer halbvermoderten Baumwurzel hin.

»Nehmt es mit nach Haus. Wir wollens heute abend versuchen«, lautet dann die Antwort. Wo aber würde alle Geschichts- und Geschichtenerzählung auf dieser Erde bleiben, wenn alles Vergangene nur glatt lackiert und chinesisch treu getüpfelt an der Wand hinge und nicht auch von Sankt Cyprian her durch das eiserne Gitter glimmerte?!...

Doch wir haben uns für jetzt schon zu lange bei dem rotgesichtigen, blau und rot uniformierten grauen Söldner an der Wand aufgehalten. Ein zierlichstes Persönchen, silberweiß in ihrem silbergrauen Kleide, sitzt, Gott sei Dank, die Frau Rittmeisterin noch da und sieht nicht von der Wand auf uns herab. In ihrem hohen Alter wie ein jung Mädchen, schüttelt sie den Kopf mit den Schultern zugleich, lächelt und lacht und verhandelt munter mit ihrem besten Freunde in Wanza an der Wipper, mit dem Nachtwächter Meister Marten Marten.

Ein altes, wie unter einer Glasglocke konserviertes Wachspüppchen und ein alter, an jedes Wetter bei Tage und bei Nacht gewöhnter Alraun, und beide doch wie aus einer Wurzel gewachsen, heraus aus diesem wunderlich fruchtbaren Erdboden, – zwei beste Freunde! Zwei Leute, die sich unter dem übrigen vielnamigen, vielgestaltigen Kraut, Raps und Rübsen, Baum- und Buschwerk gefunden hatten und zusammenhielten in ihrem Dasein in Wanza seit fünfzig Jahren! – Es stimmt ausnehmend! lautet die Redensart des heutigen Tages: seit fünfzig Jahren war die alte Frau die »Frau Rittmeistern«, und seit fünfzig Jahren war der alte Mann Nachtwächter in Wanza. Achtzehn Jahre alt war die junge Frau, als sie mit dem Herrn Rittmeister in der Stadt anlangte, und jetzt ist sie achtundsechzig. Vierundzwanzig Jahre zählte Martin Marten, als er zum erstenmal vor dem Hause des damals regierenden Bürgermeisters in das Horn seines Vorgängers stieß und die zehnte Abendstunde abrief, und er ist heute volle vierundsiebenzig alt: unser guter Freund, der pro tempore regierende Bürgermeister, hat das ganz genau in seinen Akten.

»Ich habe es ja selber nicht gewußt, und es ist der Herr Burgemeister gewesen, der mich draufstieß und, als ich gestern nacht zwischen den zwei Herren mitging, sich drüber ausließ. In den Papieren auf dem Rathause muß es ja wirklich wohl zu finden sein; aber was für ein Spaß grade für den Herrn Burgemeister dabei war, das weiß ich doch eigentlich nicht. Es machte ihm aber Vergnügen, als er draufkam, und dem Herrn Nevöh auch. Sie hielten mich beide, jeder an einem Arm, daß ich wirklich bei ihrem Vergnügen darüber Not hatte mit meiner Laterne und jeder meiner Vorgänger auf Sankt Cypriani Friedhofe, wenn er grade jetzt wiederaufgestanden wäre, ganz gewiß nicht gewußt hätte, was er sich eigentlich dabei denken sollte. » Das Jubiläum feiern wir, Matten!« sagte der Herr Burgemeister, und dann sagte er wieder was in fremden Sprachen zu dem Herrn Nevöh, und der lachte auch ganz unbändig, und dabei kamen wir gerade bei Sankt Cyprian an, und, wie ich schon erzählte, die Herrn kamen auf etwas anderes.«

»Aber ich nicht, Matten!« sagte die alte Dame, aus ihrem Sessel aufstehend. »In den Papieren habe ich sie nicht, aber im Gedächtnis, die Nacht vor fünfzig Jahren. Ich feiere sie mit!«

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