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Wilhelm Raabe

Das Odfeld

Zweiundzwanzigstes Kapitel

eingestellt: 28.6.2007



Die zwei »Kerls«, an welche der Korporal Baars den Auftrag des Herzogs Ferdinand weitergegeben hatte, hatten merkwürdigerweise diesmal nicht Lust, die gute Gelegenheit zum Desertieren auszunutzen.

Der eine sagt nur: »Na, Krischan, wat seggst e denn nu?« und der andere sagte etwas viel, viel - viel Schlimmeres. Sodann aber packten beide zu. Der eine nahm den einen Schutzbefohlenen, den Magister Buchius, an der Schulter; der andere griff nach dem Kamisol des Knechts Heinrich: »Na denn, alert! Marsch aus der Kolonne! Nach Hause mit den Weibsen! Was hat sich das hier in der Front herumzutreiben und die Leute aufzuhalten?«

Das Gedränge wurde grade jetzt auch schlimmer denn je. Es kam schweres Geschütz, ebenso sehr geschoben und gehoben wie gezogen, die Straße unterm Ith her. Artillerie, mit allen Finessen des großen Grafen Wilhelm von Bückeburg versehen, aber an diesem Tage, bei diesem Wetter, auf solchem Wege wahrlich ein Impedimentum, wie der Herr Magister Buchius in der Zelle des Bruders Philemon sich ausgedrückt haben würde: eine schwere Belastung des Heereszuges.

»Bis an die nächste Ecke«, hatte der Herr Hauptmann von Meding gesagt, und die nächste Ecke war auch in diesem Falle wirklich nichts weiter als die nächste Ecke, bis zu welcher der Mensch, der Eile hat, dem Menschen das Geleit gibt - wenn er große Eile hat, so selbst seinem besten Freund und nächsten Verwandten.

Rechtsab, wenn man von Scharfoldendorf kommt, führt dicht vor Eschershausen der Pfad zurück aufs Odfeld unter dem Wemmelsberge her, und nicht einmal bis an den Wemmelsberg geleiteten die beiden Musketiere ihre Schutzbefohlenen. Es sucht auch dort einer von den vielen namenlosen Bächen der Gegend seinen Weg der hochberühmten Lenne zu. Die Elliots hatten ihn aber unter der Führung der Gevettern von Münchhausen durchtrabt und ihn in den Weg hineingestampft, und Menschen und Vieh von beiden Parteien, Roß und Reiter lagen auch hier gefallen und halb im ekeln Schlamm versunken, vom ersten Zusammenstoß der Heere im frühesten Morgengrauen her.

»Zu Hause ists am schönsten, Herr Pastor. Ein Kumpelment an die Frau Pastorsche, Herr Pastor, vom Herrn Herzog Ferdinand und alle uns allerhöchste Alliierte, und künftighin möchte sie doch ein bißchen besser auf Ihm passen und nicht so bei so eiligen Zeiten mit die Jungfern am Arm alleine laufen lassen!«...

Noch einmal verspürte der Magister Buchius in diesem laufenden Siebenjährigen Kriege was wie einen der schweren Flintenkolben des Säkulums unterhalb seines Rückgrats und fand sich mit seinen Begleitern gottlob wieder allein im Sumpf und auf sich selber und den Trost des Knechtes Schelze und die Gefühle Wieschens und Mamsell Selindens angewiesen.

»Wir wissen nun, was vor und wer hinter uns ist«, meinte der treue Heinrich, der eben auch mit der Hand im Rücken die Stelle rieb, welche der deutsche Landsmann und Salvegardist aus der Korporalschaft des Korporals Baars eben freundschaftlich und scherzhaft zum Abschied mit der nägelbeschlagenen Schuhsohle gedrückt hatte. »Herr Magister, linksab in den Katthagen! Auf Gott und Menschen und hohe Herren ist kein Verlaß an einem solchen Tage! So haben wir gesehen! Alles ein Elend! Da vorne kommen wir noch nicht durch; es steigt noch zuviel Dampf und Pulverqualm aus den Büschen zwischen Amelungsborn und uns hier. Linkswärts in den Katthagen; das Unterholz ist dorten so dick, daß bei der Eile, die heute alles hat, keiner da noch seine eigenen letzten Lumpen unsertwegen an den Dornen hängen läßt! Die Franzosen hält uns unser Herr Junker Thedel ja da vorn nach seinem höchsten Wunsch mit vom Leibe, und wir sind hier ja eigentlich jetzo bloß unter den besten Freunden.« Magister Buchius sagte nur:

»Er hat recht, Heinrich; und kein göttlicher Held und mildester Heros kann hieran viel ändern! Lovisia, halte aber doch deinen Knopf fest. Es ist ein köstliches, herrliches Angedenken!«

»Liebster Gott, Herr Magister, meinen Rockknopf hat mir ja der liebe Herr in der Hand behalten, als er in seiner Zerstreuung weiterreisen mußte!«...

Eine Kontroverse darüber, ob man »Katthagen« oder »Quadhagen« zu sprechen und zu schreiben habe, würde jeder Gelehrte auf die nächste bessere Gelegenheit verschoben haben, wenn ihm die Frage unter obwaltenden Umständen vorgelegt sein würde. Im Quad- oder Katthagen kurzweg suchten die Gejagten noch einmal notdürftiges Unterkommen vor Freund und Feind:

»Ein Mensch ist wie der andere an so nem Bataillentage, und kein Unterschied ist zwischen unserm Herrn Klosteramtmann und unserm Herrn Herzog Ferdinand Durchlaucht, Herr Magister«, meinte Knecht Schelze, immer noch ein bißchen schwummerig im Sinn sich weiterschleppend. »Jeder hat mit sich selber zu tun und keine Zeit für Höflichkeit und gute Freundschaft und alte Bekanntschaft. Es ist auch ganz einerlei, ob mans mit den Franzosen oder den Engländern zu tun kriegt, und unsere Braunschweigschen und die ausm Hannöverschen und die Bückeburger und die Hessen, na, es ist, als würde ein Sack voll Flegel ausgeschüttelt, soviel hat jedermann an seinen eigenen Molesten zu schleppen. Mamsell Fegebanck, was ist Ihre Meinung, Mamsell, wenn ich mit Höflichkeit fragen mag?«

»Es ist mir alles einerlei, ob ich lebe oder tot bin. Und der Junge war noch mein einziger Trost. Nun ist auch unser Thedel hin, Magister Buchius. Mein Lebtage vergesse ich ihm diesen Tag nicht. Aber es ist einerlei und ein Morast. Ich wehre mich gegen gar nichts mehr und strecke nicht mal mehr eine Hand aus dem Dreck zu unserm Herrgott auf wie der da!«

Sie wies auf eine krampfhaft zerkrümmte Menschenhand, die aus dem Sumpf zur Seite aufragte und der man es nicht einmal mehr am Ärmelaufschlag abmerken konnte, daß hier wieder ein früherer Bekannter und feiner Kavalier von den Dragonern Seiner Allerchristlichsten Majestät durch die Reiterei der hohen Alliierten in den deutschen Grund und Boden mit hineingestampft worden war.

»O Heinrich, wenn wir nur mit dem Leben davonkommen. Alles andere ist ja einerlei!« schluchzte oder, wie man dort in der Gegend sich ausdrückt, schnuckte Wieschen, und die war die einzige von ihnen allen, die damit ein verständiges Wort in das Elend hineingab. »Ach, wenn doch unser Herrgott endlich ein Einsehen haben wollte und du und der Herr Klosteramtmann auch! Ich will mir ja auf dem Hofe und von euch alles gefallen lassen!«

Was den Herrgott anbetraf, so hatte der wirklich »ein Einsehen«. Er hielt wenigstens an dieser Stelle zwischen der Weser und der Hube seine gütige Hand über die gejagte Kreatur. Der Katthagen oder der böse Hagen war besser als sein Ruf in der Gegend. Sein Gestrüpp wenigstens dicht genug und genugsam voll Dornen, um jetzo, wo die Bataille doch schon entschieden war, die eiligen »Völker« vom zu scharfen Durchstöbern des Waldes abzuhalten.

Im dichtesten Dickicht des Katthagens warteten, auf einem gefällten Baumstamm aneinandergedrückt kauernd wie die Krähen auf dem Dachfirst, die schöne Mamsell Selinde Fegebanck, der Magister Buchius, das Wieschen und Knecht Heinrich Schelze es ab, bis sich das Gewitter über Wickensen und Vorwohle nach Einbeck zu und gegen den Solling hin, bis sich der Kriegssturm mehr und mehr verzog und bis es, wie Knecht Heinrich meinte, »jetzt nur noch hinter dem Holzberge her leise grummelte«.

Es gab in der aufgereiheten Gesellschaft auf dem Eichenstamm im Katthagen keinen, der nicht die Ellbogen auf die Kniee gestemmt und den Kopf in beiden Händen liegen hatte, keinen, dem noch ein überflüssig Wort für den Nachbar oder die Nachbarin übriggeblieben war.

Nur Knecht Heinrich meinte noch:

»Hat er nur halbwegs das über den Kopf und den Buckel gekriegt, was mein Teil heute gewesen ist, so will ich von nun an wohl in Frieden mit ihm auskommen, Wieschen.«

Es war der Herr Klosteramtmann oder Drost von Amelungsborn, den sein treuer Dienstmann bei dem Seufzer im Sinn hatte und mit welchem er in Gedanken ein Abkommen traf für ein besseres Verhältnis zwischen ihnen beiden, wenn sie in ihrem Leben noch einmal zusammenkommen sollten.

Der alte Herr, der alte Magister Buchius aus Kloster Amelungsborn, ja, dem sank der Kopf zwischen den hagern Fäusten tiefer und tiefer. Er saß im Halbschlaf und fiel nach und nach in einen wirklichen tiefen Schlaf, aus dem er anfangs auch noch von Zeit zu Zeit erschreckt auffuhr und verwundert um sich sah, bis ihn die Ermattung gänzlich überwältigte. Da fing er an, im Traum zu reden, und zwar von seinem Schlimmsten und Liebsten und Jüngsten im Drangsal dieses fünften Novembers Anno siebenzehnhunderteinundsechszig, von dem Junker Thedel von Münchhausen.

»Um Gottes willen, ihr Herren!... Lieber Thedel, mit Vorsicht! Will Er denn mit aller Gewalt Arm und Beine brechen?... Den Hals stürzt Er sich noch ab an der Klostermauer -«

Nun murmelte der Alte mehr aus dem gegenwärtigen Tage heraus:

»Alariae cohortes - ala equitum - ganz recht, die Reuterei der Alliierten auf die Flügel. Münchhausen, ist Er denn wieder von Gott verlassen? Zu Pferde unterm engländischen Hülfsvolk? Herr Vetter, Herr Vetter, Herr Leutnant von Münchhausen, der junge Mensch kennt zwar die Gegend; aber - Mamsell Selinde, Sie wissen ja, was für ein Kind er noch ist. Nicht in den Qualm, nicht in den Brand, Thedel! Der ganze Wald um die Homburg geht im Feuer auf. Durchlaucht, da sind sie aneinander vor Stadtoldendorf - England, Frankreich und die Große Schule von Amelungsborn! Sie kommen nur in Fetzen nach Dassel, die Welschen, die Franschen, die landfremden Landschädiger. Vivat Fridericus! Vivat Ferdinandus! Dulce et decorum est pro patria mori! Ach Gott, Durchlaucht, Herr Herzog - Herr Herzog Ferdinand, ich bin nur der Magister Buchius aus Amelungsborn und weiß, daß der Herr Herzog keine Zeit heute für uns haben können; und dies ist der Junker von Münchhausen aus Bevern, und er kennt die Gegend. Münchhausen! Thedel, ist Er denn ganz verrückt geworden?... Herr Gott, die Raben! Herr Gott, die Raben über dem Campus Odini! Herr Gott, Herr Gott, die Raben über dem Odfelde!«...

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