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Wilhelm Raabe

Das Odfeld

Fünftes Kapitel

eingestellt: 28.6.2007



Sie blickten alle auch dem Magister nach, wie er seiner Tür zustapfte, die nicht in das Amts- und Wirtschaftsgebäude führte, sondern in den Flügel des Klosters, der einst hauptsächlich der berühmten Schule und ihren Lehrern Unterkunft gegeben hatte. Bemerkungen machten sie nicht hinter ihm drein, sie schüttelten höchstens die Köpfe. Nur der geschlagene Knecht schien einen Augenblick lang die Absicht zu haben, den alten Herrn am Rockschoß zurückzuhalten; doch auch er ließ das, wandte sich zu seiner Arbeit und verschwand im Pferdestall. Es wurde noch einmal still wie im Frieden in Amelungsborn, trotzdem daß der Krieg von neuem über den Solling heranzog und die Wetterwolken drüben am andern Ufer der Weser gleichfalls Miene machten, sich von Ohr her in Bewegung zu setzen. Wie der Rabenzug es verkündigt und das Gerücht es über das Land hier geheult, dort geächzt hatte.

Es war ganz dunkel, doch wer dreißig Jahre lang denselben Weg gegangen ist, findet ihn im Dunkeln. Der Magister brauchte kein Licht auf den ausgetretenen Treppen, in den Gängen, die an den jetzt so stillen Schulzimmern vorbeiführten; selbst der trübe Schein, der hie und da durch ein Fenster fiel, war ihm nicht vonnöten. Einen Augenblick hielt er an vor einer Tür, der Tür seiner Quinta. Er legte die Hand auf den Griff, als ob er öffnen wollte; aber mit einem Seufzer ging er weiter.

Er brauchte auch keine Lampe auf der engern Treppe, die zu seiner Wohnung mit wenigen Stufen empor leitete, zu der Zelle, die sein letzter mönchischer Vorgänger, der Bruder Philemon, grade vor hundertunddreißig Jahren auf der Flucht vor dem Feinde oder, wie die Sage geht, mit der Faust Herrn Theodor Berkelmanns an der Kapuze hatte räumen müssen und die leer gestanden hatte, bis sie ihm, dem Magister Noah Buchius, zu seinem endlichen Unterkommen im Leben angewiesen wurde. Dreißig Jahre hatte er sein Feuerzeug im Dunkeln zu finden gewußt und fand es auch jetzt, Stahl, Stein und Schwefel sowie den Kasten mit den zu Zunder gebrannten Lumpen. Die Funken spritzten von dem Stein, und einer fing in den schwarzen Lumpen. Der Schwefelsticken leuchtete auf, und fünf Minuten nach seinem ersten Schlag mit dem Stahl hatte der Magister Buchius Licht. Er hatte seine kleine Blechlampe auf dem gewohnten Fleck gefunden, und bis jetzt wenigstens schlug sie keiner ihm aus der Hand. Nichtsdestoweniger ging er noch einmal zur Tür, um sich zu vergewissern, daß er sie fest hinter sich zugezogen habe, und dann - dann saß er auf seinem Stuhl, das Tuch mit dem Invaliden aus der Rabenschlacht auf dem Gipsboden zwischen seinen Schnallenschuhen, und seufzte wie einer, der schwerer Bedrängung mit Mühe entgangen ist:

»In solitudine!« - - -

Während der fünf Minuten, daß er so hockt und seine Gebeine und seine Gedanken zusammensucht, sehen wir uns wohl ein wenig in seinem Wohnraume um. Es verlohnt sich der Mühe.

Es waren eigentlich zwei Räume, die im Kloster Amelungsborn das letzte Asyl des Alten ausmachten. Man hatte eine Tür in die Wand gebrochen und die nebenanliegende Zelle dem Magister zum Schlafzimmer angewiesen. Sein Bett stand da auch, und er hatte seit dreißig Jahren gottlob gut da geschlafen, aber auch seine schlaflosen Nächte, die ihm wahrlich gleichfalls nicht erspart worden waren, in Geduld durchwacht. Darüber wäre vielleicht ebenfalls etwas mehreres zu bemerken, doch wir verschieben das oder ersparen es uns ganz; es kommt nicht viel drauf an.

Die Hauptsache ist uns augenblicklich die Zelle des im allerbesten Schlaf ruhenden Bruders Philemon, des alten Zisterziensers vom Jahre 1631, in welcher der alte Exkollaborator, der Magister Noah Buchius, im Jahre 1761 eingenistet sitzt und zusammengetragen hat, was ihm im Laufe der Zeiten das Schicksal an Eigentum oder als Kuriosität hat zukommen lassen wollen.

Aber das ist nicht das einzige. Seltsamerweise fragen sie alle im Kloster ihn abends oder gar in der tiefen Nacht um Rat, wenn sie sich am Tage lustig über ihn gemacht haben. Die seit hundert Jahren nicht getünchte Mönchszelle ist hinter dem Rücken von Abt und Amtmann ein Zufluchtsort für mehr als einen geworden, dem das Leben durch eigene oder fremde Schuld sauer aufstieß. Mehr als einer und eine in Amelungsborn erinnern sich dankbarlich bis an ihren Tod des Stuhls neben dem Kachelofen, des Tisches von rotgefärbtem Tannenholz, der im Winter an diesen Ofen und im Sommer an das Fenster gezogen stand. Auch des Bücherfaches mit der mäßigen Bibliothek des sonderlichen Gelehrten und Predigers in der Wüste mag sich mehr als einer entsinnen. Je nachdem der Mann oder das Weib, der Alte oder Junge ist, pflegt Magister Buchius nach dem Schaff in die Höhe zu greifen und anderer Gelehrten Weisheit und Trost herabzulangen nach dem Bedürfnis der Stunde. Wer nach dem Hakenbrett mit den Kleidungsstücken des jetzigen Bewohners der Zelle gucken will, mags tun. Viel zu finden ist da nicht. Item so in dem Kasten, der seine Hemden, Krausen, Nachtkamisöler und Zipfelmützen in sich schließt. Serenissimus, Herr Herzog Karl der Erste, haben Ihrem emeritierten gelehrten Diener am Schulamt auch freie Wäsche für den Rest seines Lebens ausgemacht; aber er hat wenig Weißes in die Seife zu geben.

Dafür hat er manches andere; und manch ein anderer gelehrter Mann und Kollege von heute würde gern für ein paar Griffe zwischen seine Eigentümer nicht nur seine eigene sämtliche Leibwäsche hingeben, sondern auch die seiner Frau, vorzüglich wenn sie sich mit oder nach ihm Frau Professorin, Frau Archivarin, Frau Museumsdirektorin betitulieren läßt.

Das ist die Sache! Man ist nicht umsonst der Magister Noah Buchius und lebt als solcher im nüchtern-altklugen achtzehnten Jahrhundert in der hohen Wald- und Wildnisschule von Amelungsborn im Tilithigau, ohne das Seinige, das, was einem allein gehört, zusammenzutragen. Im Sacktuch auch, wie eben noch den schwarzen Kämpfer aus der Rabenschlacht auf dem Odfelde, dem Campus Odini des Magisters!

Es kleben und hängen an allem Zettul. Von des gelehrten und kuriosen Mannes Hand geschrieben. Wir schreiben nur einige derselben nach, wie unser Auge an der Wand zwischen dem Fenster und dem Ofen bei der trüben Beleuchtung durch die schlechte Öllampe hinschweift, und wir bedauern, daß wir nicht alle nachschreiben können.

Auf Börten, jene Wand entlang, sind die Merkwürdigkeiten geordnet und haben Generationen von Schulbuben, sowie dem gesamten Lehrerkonvent, sowie auch dem gestrengen Herrn Klosteramtmann reichlichsten Grund zur Verwunderung, zum Kopfschütteln und zum Gespött gegeben, und zwar nicht der Erklärungen wegen, sondern wegen des närrischen Menschen, der sich mit dergleichen risibeln Allotriis abgab.

»Nro. 5. Ein römischer Rittersporn, so wahrscheinlich in den kayserlichen Armaden Divi Augusti oder Tiberii verloren. Im Sumpf am Molter-Bach gefunden. Arg verrostet.«

»Nro. 7. Eines cheruskischen Edelings Arm- und Schmuckring. In einem Topfe gefunden ohnweit Warbsen.«

»Nro. 7a. Derselbige Topf, der bessern Erhaltung wegen mit Draht umbunden.«

»Nro. 7b. Etliche Aschen und Kohlen aus dem nämlichen Topfe. Zum Andenken an unsere Vorfahren in einem Papier conserviret in der Tobacksdose des hochseligen Herrn Abtes Doctoris Johann Peter Häseler, weiland hiesiger Hohen Schule weitberühmten Vorstehers. Ein feiner weltbekannter Historicus!«

»Nro. 16. Ein Fausthammer auf der Mäusebreite, Stadtoldendorfer Feldmark, aufgegraben. Wie mir däucht, eines teutschen Offiziers Kaisers Caroli Magni Gewaffen. Doch lasse ich dieses bessern Gelehrten anheimgestellt sein.«

»Nro. 20. Ein versteinerter Knochen hominis diluvii testis. Eine große Rarität! Hat mir aber im Kloster mannigfachen Verdruß zugezogen, derer hierüber anders laufenden Meinungen wegen. In den Steinbrüchen im Sundern gefunden.«

»Nro. 23. Ein barbarisch Horn vom Urochsen, Bos primigenius, auch Wisent genannt. Ehedem von den Barden beim Gottesdienst und in der Bataille zum Tuten gebracht. Dieses hiervorhandene Exemplar soll sich im Kuhhirtenhause zu Lenne hinter dem Till vorgefunden haben. NB. mir von denen Herren Primanern zu meinem Geburtstage zugetragen und dediciret.«

»Nro. 30. Ein bemalter hölzerner Arm von einem Weibsbild, einer Statua der Jungfrau Maria. Hat zu päbstlicher Zeit hier bei uns in unserer Kirche viele Wunder getan und großen Zudrang des Volkes von weither zu Wege gebracht. Auch eine große Curiosität und wohl zu bewahren, doch mit Vorsicht vorzuweisen des lieben Aberglaubens wegen, der heute noch wie damals an jedwedes alte Weibermärlein glauben muß.« -

Nicht wahr, wenn man doch in dem Kataloge so fortfahren wollte, zum Scherz der Herren Primaner und bessern Gelehrten heutiger Zeit? Wir tuns aber nicht. Um keinen Spaß in der Welt! Wir werfen höchstens noch einen Blick auf den »Büchervorrat« unseres lieben alten Freundes.

Natürlich die Klassiker in abgegriffenen Schulausgaben, meistens aus den eigenen Schuljahren des Magisters. Wenige neuere und neueste Schriften, und auch die meistens nur, wie sie der Zufall in der Zelle des Bruders Philemon zusammengeschichtet hat: Gundlings Otia neben Petitus De Amazonibus dissertatio; Jöchers kompendiöses Gelehrtenlexikon neben des Weltberühmten Engelländers Robinson Crusoe Leben und gantz ungemeinen Begebenheiten insonderheit da er 28 Jahre lang auf einer unbewohnten Insul auf der Amerikanischen Küste gelebet hat. 1728; Professor Gottscheds Kritische Dichtkunst und Bearbeitung von Addisons Cato und daneben, und daneben - vielleicht pio furto seit Emigrierung der Schule von Amelungsborn nach Holzminden im Besitz des Magisters Buchius - ein geschrieben Breviarium mit sauber ausgemalten Kupfern (sic) Johannis Masconis, vordem, Anno Dom. 1363 bis 1366 am hiesigen Orte Abbas.

»Soll ein celebrirter Maler und feiner Amateur in denen schönen Künsten zu seiner Zeit gewesen sein«, meint der Magister auf einem in der Handschrift liegenden Zettel. »Wird von denen heutigen Kunstkennern weniger ästimiret.«

Es kamen, selbst als noch die Schule zu Amelungsborn in Blüte stand, die neuesten Erzeugnisse der Literatur weder vollständig noch rasch in die gelehrte Weser-Waldwildnis. Jetzt wartet der Magister ganz vergeblich selbst auf zufällige Nachrichten aus der Gelehrtenrepublik da draußen. Es ist eben Krieg, und selbst Dinte und Gänsefedern sind rar geworden in Amelungsborn.

Gänsefedern? Jawohl, jawohl! Diese jedem Pädagogen, Doktor, Präzeptor und Ludimagister unentbehrlichen Instrumente flatterten wohl ungeschnitten auf den Feldern und Wegen, um die Kochstellen; aber aus den Ställen und von den Höfen waren sie weniger zu holen. Dafür hatten sowohl der Vicomte von Belsunce wie der Herr General von Luckner und ihre Völker zu Fuß und zu Pferde schon seit dem Sommer des Jahres gesorgt. Wems Papier nicht ausgegangen war an solch einer entlegenen Kulturstätte, mochte item von Glück sagen. Weder Charta pura, rein sauber Papier, noch Charta emporetica, Kramerpapier, gab es viel zu Amelungsborn; von Charta Claudiana, Regalpapier, und Charta augusta, feinem, gelindem Schreibpapier, ganz zu schweigen. Die wenigen Bogen des letztern, die der Magister Buchius übrig hat, die hütet er wie seinen Augapfel und bedient sich ihrer nur verstohlen zu seinen im Trubel der Zeiten fortlaufenden Kollektaneen.

Das jüngste Buch in der Zelle des Zisterziensermönchs Philemon und des letzten am Ort nachgelassenen Kollaborators der Gründung des heiligen Bernhard von Clairvaux stammt aus dem Jahre 1756 und ist eine vierte Auflage und zu haben zu Lemgo in der Meyerischen Buchhandlung. Es liegt an diesem bösen, unruhevollen Herbstabend auf dem Tische des heutigen alten Bewohners der Zelle, und sein Titel lautet:

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