Frei Lesen: Der Hungerpastor

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Wilhelm Raabe

Der Hungerpastor

Erstes Kapitel

eingestellt: 21.7.2007



Vom Hunger will ich in diesem schönen Buche handeln, von dem, was er bedeutet, was er will und was er vermag. Wie er für die Welt im ganzen Schiwa und Wischnu, Zerstörer und Erhalter in einer Person ist, kann ich freilich nicht auseinandersetzen, denn das ist die Sache der Geschichte; aber schildern kann ich, wie er im einzelnen zerstörend und erhaltend wirkt und wirken wird bis an der Welt Ende.

Dem Hunger, der heiligen Macht des echten, wahren Hungers widme ich diese Blätter, und sie gehören ihm auch von Rechts wegen, was am Schluß hoffentlich vollkommen klargeworden sein wird. Mit letzterer Versicherung bin ich in einer weiteren Vorrede, welche zur Gemütlichkeit, Erregung und Aufregung des Lesers doch nur das wenigste beitragen würde, überhoben und beginne meine Geschichte mit unbegrenztem Wohlwollen sowohl gegen die Mitwelt und Nachwelt als auch gegen mich selber und alle mir im Lauf der Erzählung vorübergleitenden Schattenbilder des großen Entstehens, Seins und Vergehens – des unendlichen Werdens, welches man Weltentwicklung nennt, welches freilich ein wenig interessanter und reicher als dieses Buch ist, das aber auch nicht wie dieses Buch in drei Teilen zu einem befriedigenden Abschluß kommen muß.

»Da haben wir den Jungen! Da haben wir ihn endlich – endlich!« rief der Vater meines Helden und tat einen langen, erleichternden Atemzug, wie ein Mann, der langes, vergebliches Sehnen, schwere Arbeit, viele Mühen und Sorgen getragen hat und endlich glücklich zu einem glücklichen Ziel gekommen ist. Mit klugen, glänzenden Augen sah er herab auf das unansehnliche, kümmerliche Stück Menschentum, welches ihm die Wehemutter in die Arme gelegt hatte, grad als die Feierabendglocke erklang. Eine Träne stahl sich über die hagere Backe des Mannes, und die scharfe, spitze, kluge väterliche Nase senkte sich immer tiefer gegen das unbedeutende, kaum erkennbare Näschen des Neugeborenen, bis sie plötzlich mit einem Ruck wieder emporfuhr und sich ängstlich fragend gegen die gute, hilfreiche Frau, die soviel zu seinem Entzücken beigetragen hatte, richtete.

»O Frau Gevatterin – Gevatterin Tiebus, es ist doch wirklich, wirklich einer? Sagts noch einmal, daß Ihr Euch nicht irrt – daß dem wirklich, wirklich so ist!«

Die Wehemutter, welche bis jetzt mit selbstbewußtem, lächelndem Kopfnicken der ersten zärtlichen Begrüßung zwischen Vater und Sohn zugesehen hatte, hob nun ebenfalls ihre Nase sehr ruckartig, verscheuchte mit einer unnachahmlichen Bewegung beider Arme alle Geister und Geisterchen des Wohlwollens und der Zufriedenheit, von welchen sie bis jetzt umflattert wurde, stemmte die Fäuste in die Seite, und mit Hohn, Verachtung und beleidigtem Selbstgefühl sprach sie:

»Meister Unwirrsch, Ihr seid ein Narr! Laßt Euch an die Wand malen! . . . Ob es einer ist? – Hat die Welt je so was gehört von solchem alten, verständigen Menschen und Hausvater? . . . Ob es einer ist!? Meister Unwirrsch, ich glaube, nächstens verlernt Ihr noch, einen Stiefel von einem Schuh zu unterscheiden. Da sieht mans recht, was für ein Leiden es ist, wenn die Gottesgabe so spät kommt. Ist das kein Junge, den Ihr da haltet? Ist das wirklich kein Junge, kein richtiger, echter Junge? Jesus, wenn die alte Kreatur nicht das arme Geschöpf in den Armen hielte, so möchte ich ihr schon eine Tachtel um solch ne nichtsnutzige, fürwitzige Frage stechen! Kein Junge!? Wohl ist es ein Junge, Gevatter Pechdraht – zwar keiner von die schwersten, aber doch n Junge wie was! Und wieso, ists kein Junge? Ist nicht der Buohnohpartch, der Nahpohlion wieder unterwegens übers Wasser, und gibts nicht Krieg und Katzbalgerei zwischen heut und morgen, und braucht man etwan keine Jungen, und werden nicht etwan in jetziger gesegneter und geschlagener Zeit mehr Jungen als Mädchen drum in die Welt gesetzt, und kommen nicht auf ein Mädchen drei Jungen, und kommt Ihr mir so, Gevatter, und wollt einer gewickelten und gewiegten Perschon nichtswürdige Fragen stellen? Laßt Euch an die Wand malen, Gevatter Unwirrsch, und drunter schreiben, wofür ich Euch halte. Gebt her den Jungen, Ihr seid gar nicht wert, daß er sich mit Euch abgibt – marsch, fort mit Euch zu Eurer Frau – am Ende fragt Ihr die auch noch, obs – ein – Junge – ist!«

Unsanft wurde das Wickelkind aus den Armen des verachteten, niedergeschmetterten Vaters gerissen, und nach abermaligem Atemholen humpelte der Meister Anton Unwirrsch in die Kammer zu seiner Frau, und die Glocken des Feierabends läuteten immer noch; wir aber wollen weder die beiden Ehegatten noch die Glocken stören – sie sollen ihre Gefühle ausklingen lassen, und niemand soll dreinreden und -schreien dürfen. –

Arme Leute und reiche Leute leben auf verschiedene Art in dieser Welt; aber wenn die Sonne des Glücks in ihre Hütten, Häuser oder Paläste scheint, so vergoldet sie mit ganz dem nämlichen Schein die hölzerne Bank wie den Samtsessel, die getünchte Wand wie die vergoldete, und mehr als ein philosophischer Schlaukopf will bemerkt haben, daß, was Freude und Leid betrifft, der Unterschied zwischen reichen und armen Leuten gar so groß nicht sei, wie man auf beiden Seiten oft, sehr oft, ungemein oft denkt. Wir wollen das dahingestellt sein lassen; uns genügt es, daß das Lachen nicht Monopol und das Weinen nicht Servitut ist auf diesem rundlichen, an beiden Polen abgeplatteten, feuergefüllten Ball, auf welchem wir uns ohne unsern Willen einfinden und von welchem wir ohne unsern Willen abgehen, nachdem uns der Zwischenraum zwischen Kommen und Gehen sauer genug gemacht wurde.

In armer Leute Haus schien jetzt die Sonne, das Glück beugte sein Haupt unter der niederen Tür und trat lächelnd herein, beide Hände offen zum Gruß darbietend. Es war hohe Freude über die Geburt des Sohnes bei den Eltern, dem Schuster Unwirrsch und seiner Frau, welche so lange darauf gewartet hatten, daß sie nahe daran waren, solche Hoffnung gänzlich aufzugeben.

Und nun war er doch gekommen, gekommen eine Stunde vor dem Feierabend! Die ganze Kröppelstraße wußte bereits um das Ereignis, und selbst zum Meister Nikolaus Grünebaum, dem Bruder der Wöchnerin, welcher ziemlich am anderen Ende der Stadt wohnte, war die frohe Botschaft gedrungen. Ein grinsender Schusterjunge, der seine Pantoffeln, um schneller laufen zu können, unter den Arm genommen hatte, brachte die Nachricht dahin und schrie sie atemlos dem Meister in das weniger taube Ohr, was zur Folge hatte, daß der gute Mann während fünf Minuten viel dümmer aussah, als er war. Jetzt aber war er bereits auf dem Wege zur Kröppelstraße, und da er als Bürger, Hausbesitzer und ansässiger Meister die Pantoffeln nicht unter den Arm nehmen konnte, so war davon die Folge, daß ihn der eine treulos an einer Straßenecke verließ, um das Leben auf eigene Hand oder vielmehr auf eigener Sohle anzufangen.

Als der Oheim Grünebaum in dem Hause seines Schwagers ankam, fand er daselbst so viele gute Nachbarinnen mit Ratschlägen und Meinungsäußerungen vor, daß er sich in seiner jammerhaften Eigenschaft als alter Junggesell und ausgesprochener Weiberhasser höchst überflüssig erscheinen mußte. Er erschien sich auch in solchem Lichte und wäre beinahe umgekehrt, wenn ihn nicht der Gedanke an den in dem »Lärmsal« elendig verlassenen Schwager und Handwerksgenossen doch dazu gebracht hätte, seine Gefühle zu bemeistern. Brummend und grunzend drängte er sich durch das Frauenvolk und fand endlich richtig den Schwager in einer auch nicht sehr beneidenswerten und leuchtenden Lage und Stellung.

Man hatte den Armen vollständig beiseite geschoben. Aus der Kammer der Wöchnerin hatte ihn die Frau Tiebus hinausgemaßregelt; in der Stube unter den Nachbarinnen war er auch vollkommen überflüssig; der Gevatter Grünebaum entdeckte ihn endlich kümmerlich in einem Winkel, wo er zusammengedrückt auf einem Schemel saß und Teilnahme nur an der Hauskatze fand, die sich an seinen Beinen rieb. Aber in seinen Augen war noch immer jener Glanz, der aus einer anderen Welt zu stammen scheint: der Meister Unwirrsch hörte nichts von dem Flüstern und Schnattern der Weiber, er sah nichts von ihrem Durcheinander, er sah auch den Schwager nicht, bis dieser ihn an den Schultern packte und ihn auf nicht sehr sanfte Art ins Bewußtsein zurückschüttelte.

»Gib n Zeichen, daß du noch beis labendige Dasein bist, Anton!« brummte der Meister Grünebaum. »Sei n Mensch und n Mann, wirf die Weibsleute raus, alle, bis auf – bis auf die Base Schlotterbeck dort. Denn obschonst der Deibel die Graden und die Ungraden nimmt, so ist das doch die einzigste drunter, die nen Menschen wenigstens alle Stunde einmal zu Worte kommen läßt. Willst du nicht? Kannst du nicht? Darfst du nicht? Auch gut, so faß hinten meine Jacke, daß ich dich sicher aus dem Tumult bringe; komm die Treppe herauf und laß es gehen, wie es will. Also der Junge ist da? Na, gottlob! Ich dachte schon, wir hätten wieder vergeblich gelauert.«

Durch die Weiber schoben sich seitwärts die beiden Handwerksgenossen, gelangten mit Mühe auf den Hausflur und stiegen die enge, knarrende Treppe hinauf, welche in das obere Stockwerk des Hauses führte, allwo die Base Schlotterbeck ein Stübchen, eine Kammer und eine Küche gemietet hatte und wo also die Familie Unwirrsch nur noch über ein Gemach gebot, welches so mit Gegenständen von allerlei Art vollgepfropft war, daß für die beiden ehrenwerten Gildebrüder kaum noch der nötige Platz zum Niederhocken und Seelenaustausch übrigblieb. Kisten und Kasten, Kräuterbündel, Maiskolben, Lederbündel, Zwiebelbündel, Schinken, Würste, unendliche Rumpeleien waren hier mit wahrhaft genialer Geschicklichkeit neben-, unter-, über-, vor- und zwischeneinandergedrängt, -gehängt, -gestellt, -gestopft und -geworfen, und kein Wunder wars, wenn der Schwager Grünebaum hier seinen zweiten Pantoffel verlor.

Aber die letzten Strahlen der Sonne fielen durch die beiden niedrigen Fenster in den Raum; vor den Nachbarinnen und der Frau Tiebus war man in Sicherheit. Auf zwei Kisten setzten sich die beiden Meister einander gegenüber nieder, reichten sich die Hände und schüttelten sie während wohlgezählter fünf Minuten.

»Gratulabumdum, Anton!« sagte Nikolaus Grünebaum.

»Ich danke dir, Nikolaus!« sagte Anton Unwirrsch.

»Vivat, er ist da! Vivat, er lebe hoch! – nochmals, ab –« schrie aus vollem Halse der Meister Grünebaum, brach aber ab, als ihm der Schwager die Hand auf den Mund drückte.

»Nicht so laut, um Gottes Willen nicht so laut, Niklas! Die Frau liegt hier gerade unter uns und hat so schon ihre liebe Not mit den Weibern.«

Die Faust ließ der neue Onkel auf seine Knie fallen:

»Hast recht, Bruderherz; der Deibel hole die Graden und die Ungraden. Aber nun geh mal los, Alter, wie ist dir denn zumute? Allewege ganz und gar nicht wie sonsten? Hoho! Wie sieht denn die Kröte aus? Alles an die rechte Stelle? Nase, Mund, Arm und Bein? Nichts vermalhört? Alles in Ordnung: Strippen und Schäfte, Oberleder, Spann, Hacken und Sohle? Gut verpicht, vernagelt und adrett gewichst?«

»Alles, wie es sein muß, Bruderherz!« rief der glückliche Vater, die Hände aneinander reibend. »Ein Staatsjunge! Gott segne uns in ihm. O Niklas, tausenderlei wollt ich dir sagen, aber es würgt mich zu sehr in der Kehle; alles geht rund mit mir um –«

»Laß es gehen, wies will; wenn die Katze vom Dach geworfen ist, muß sie sich erst besinnen«, sagte der Schwager Grünebaum, »Die Frau ist doch wohlauf?«

»Gott seis gedankt. Sie hat sich gehalten wie eine Heldin; keine Kaiserin hätts besser gemacht.«

»Sie ist eine Grünebaum«, sagte Nikolaus mit Selbstbewußtsein, »und die Grünebäume können im Notfall die Zähne zusammenbeißen. Auf was für n Namen willst du den Jungen gehen lassen, Anton?«

Mit der hageren Hand fuhr der Vater des Neugeborenen über die hohe, furchenreiche Stirn und starrte einige Augenblicke durch das Fenster ins Weite. Dann sagte er:

»Getauft soll er werden auf drei Handwerksgenossen. Johannes soll er heißen wie der Poete in Nürnberg und Jakob wie der hochgelobte Philosophus von Görlitz, und wie zwei Flügel sollen ihm die beiden Namen sein, daß er damit aufsteige von der Erde zum blauen Himmel und sein Teil Licht nehme. Aber zum dritten will ich ihn Nikolaus nennen, damit er immer wisse, daß er auf der Erde einen treuen Freund und Fürsorger habe, an welchen er sich halten kann, wenn ich nicht mehr vorhanden bin.«

»Das nenn ich nen Satz mit nem Kopf von Sinn und Verstand und nem dicken, unsinnigen Schwanz. Die Namen gib ihm, und es soll für uns alle drei Perschonen ne Ehre sein; aber mit den alten, närrischen Todesschrullen bleib mir vom Leibe. Fett bist du nicht, und nen Ochsen schlägst du auch gerade nicht mit der bloßen Faust nieder; aber den Pechdraht kannst du noch manch hübsches Jährlein ziehen, du alter, spintisierender Bücherhase.«

Der Meister Unwirrsch schüttelte den Kopf und brachte die Rede auf was anderes, und mancherlei sprachen die beiden Schwäger noch miteinander, bis es vollständig dunkel in der Rumpelkammer geworden war.

Es klopfe jemand an die Tür, und der Meister Grünebaum rief:

»Wer ist mich da? Weibervolk wird nicht hereingelassen!«

»Ich bins«, rief eine Stimme draußen.

»Wer?«

»Iche!«

»s ist die Base Schlotterbeck«, sagte Unwirrsch. »Schieb nur den Riegel zurück; wir haben lange genug hier oben gesessen; vielleicht darf ich die Frau noch einmal sehen.«

Brummend gehorchte der Schwager, und die Base leuchtete mit ihrer Lampe in die Kammer.

»Richtig, da sitzen sie. Na, kommt nur, ihr Helden; die Nachbarinnen sind fort. Kriecht hervor! Eure Frau, Meister Unwirrsch? Ja, die ist wohlberaten; sie schläft, und Ihr dürft sie nicht stören; aber ne Neuigkeit sollt Ihr wissen und Gott danken. Drüben über der Gasse beim Juden Freudenstein ists heute auch so gegangen wie in diesem Hause, aber nicht ganz so. Das Kind ist da – auch ein Junge, aber s Blümchen Freudenstein ist tot, und großes Wehklagen ist drüben. Lobet Gott den Herrn, Meister Unwirrsch; Ihr aber, Meister Grünebaum, macht Euch fort nach Haus. Nun, nun, Unwirrsch, steht nicht so betroffen da, der Tod tritt ein oder geht vorbei nach Gottes Befehl. Ich bin wie gerädert und will ins Bett kriechen. Gute Nacht, Gevattern.«

Die Base Schlotterbeck verschwand hinter ihrer Tür, die beiden Meister schlichen auf den Fußspitzen die Treppe hinab, und der Oheim Grünebaum hatte an diesem Abend in seiner Stammkneipe zum Roten Bock viel weniger das große Wort in Politik, Stadtangelegenheiten und anderen Angelegenheiten als sonst. Der Meister Unwirrsch lag die ganze Nacht, ohne ein Auge zuzutun; der Neugeborene schrie mächtig, und es war kein Wunder, daß diese ungewohnten Töne den Vater wach erhielten und ein wirbelndes Heer von hoffenden und sorgenden Gedanken aufstörten und in wilder Jagd durch Herz und Hirn trieben. –

Es ist nicht leicht, eine gute Predigt zu machen; aber leicht ist es auch nicht, einen guten Stiefel zu verfertigen. Zu beiden gehört Geschick, viel Geschick, und Pfuscher und Stümper sollten zum Besten ihrer Mitmenschen lieber ganz davonbleiben. Ich für mein Teil habe eine ungemeine Vorliebe für die Schuster, sowohl in der Gesamtheit bei ihren feierlichen Aufzügen wie auch in ihrer Eigenschaft als Individuen. Es ist, wie das Volk sagt, eine »spintisierende Nation«, und kein anderes Handwerk bringt so treffliche und kuriose Eigentümlichkeiten bei seinen Gildegliedern hervor. Der niedrige Arbeitstisch, der niedrige Schemel, die wassergefüllte Glaskugel, welche das Licht der kleinen Öllampe auffängt und glänzender wieder zurückwirft, der scharfe Duft des Leders und des Pechs müssen notwendigerweise eine nachhaltige Wirkung auf die menschliche Natur ausüben, und sie tun es auch mächtig. Was für originelle Käuze hat dieses vortreffliche Handwerk hervorgebracht! – eine ganze Bibliothek könnte man über »merkwürdige Schuster« zusammenschreiben, ohne den Stoff im mindesten zu erschöpfen! Das Licht, welches durch die schwebende Glaskugel auf den Arbeitstisch fällt, ist das Reich phantastischer Geister; es füllt die Einbildungskraft während der nachdenklichen Arbeit mit wunderlichen Gestalten und Bildern und gibt den Gedanken eine Färbung, wie sie ihnen keine andere Lampe, patentiert oder nicht patentiert, verleihen kann. Auf allerlei Reime, seltsame Märlein, Wundergeschichten und lustige und traurige Weltbegebenheiten verfällt man dabei, worüber die Nachbarn sich verwundern, wenn man sie mit schwerfälliger Hand zu Papier gebracht hat, wobei die Frau lacht oder sich fürchtet, wenn man sie in der Dämmerung mit halblauter Stimme summt. Oder aber man fängt an, noch tiefer zu grübeln, und »Not« wird uns, »zu entsinnen des Lebens Anfang«. Immer tiefer sehen wir in die leuchtende Kugel, und in dem Glase sehen wir das Universum in all seinen Gestalten und Naturen: durch die Pforten aller Himmel treten wir frei und erkennen sie mit all ihren Sternen und Elementen; höchste Ahnungen gehen uns auf und niederschreiben wir, während der Pastor Primarius Richter von der Kanzel den Pöbel gegen uns aufhetzt und der Büttel von Görlitz, der uns ins Gefängnis bringen soll, vor der Tür steht:

»Denn das ist der Ewigkeit Recht und ewig Bestehen, daß sie nur einen Willen hat. Wenn sie deren zweene hätte, so zerbräche einer den andern und wäre Streit. Sie stehet wohl in viel Kraft und Wundern; aber ihr Leben ist nur bloß allein die Liebe, aus welcher Licht und Majestät ausgehet. Alle Kreaturen im Himmel haben einen Willen, und der ist ins Herze Gottes gerichtet und gehet in Gottes Geist, wohl im centro der Vielheit, im Wachsen und Blühen, aber Gottes Geist ist das Leben in allen Dingen, centrum naturae gibt Wesen, Majestät und Kraft, und der Heilige Geist ist Führer.«

Viel sehen wir in der glänzenden Kugel, durch welche die schlechte Lampe so armes Licht wirft, daß wir dabei kaum zu Papier bringen können, was wir sahen; aber nichtsdestoweniger können wir unter das vollendete Manuskriptum schreiben:

»Geschrieben nach göttlicher Erleuchtung durch Jakob Böhme, sonsten auch Teutonicus genannt.«

Wer gegen die Schuster was hat und ihre Trefflichkeit im einzelnen wie im allgemeinen nicht nach Gebühr zu schätzen weiß, der bleibe mir vom Leibe. Wer sie gar ihres oft wunderbaren Äußeren wegen, ihrer krummen Beine, ihrer harten, schwarzen Pfoten, ihrer närrischen Nasen, ihrer ungepflegten Haarwülste halben naserümpfend verachtet, den möge man mir stehlen; ich werde keine Belohnung um seine Wiedererlangung aussetzen. Ich schätze und liebe die Schuster, und vor allen halte ich hoch den wackeren Meister Anton Unwirrsch, den Vater von Hans Jakob Nikolaus Unwirrsch. Obgleich er leider recht bald nach jenem Feierabend, an welchem ihm der längst erwünschte Sohn geboren wurde, selbst für immer Feierabend machte, so hängen doch aus seinem Leben zu viele Fäden in das des Sohnes hinein, als daß wir die Schilderung seines Seins und Wesens umgehen könnten. Der Mann stand, wie wir bereits wissen, körperlich auf nicht sehr festen Füßen; aber geistig stand er fest genug und nahm es mit manchem, der sich hoch über ihn erhaben dünkte, auf. Aus allen Reliquien seines verborgenen Daseins geht hervor, daß er die Mängel einer vernachlässigten Ausbildung nach besten Kräften nachzuholen suchte; es geht daraus hervor, daß er Wissensdrang, viel Wissensdrang hatte. Und wenngleich er niemals vollständig orthographisch schreiben lernte, so hatte er doch ein dichterisches Gemüt, wie sein berühmter Handwerksgenosse aus der »Mausfalle« zu Nürnberg, und las, so viel er nur irgend konnte. Was er las, verstand er meistens auch; und wenn er aus manchem den Sinn nicht herausfand, welchen der Autor hineingelegt hatte, so fand er einen anderen Sinn heraus oder legte ihn hinein, der ihm ganz allein gehörte und mit welchem der Autor sehr oft zufrieden sein konnte. Obgleich er sein Handwerk liebte und es in keiner Weise versäumte, so hatte es doch keinen goldenen Boden für ihn, und er blieb ein armer Mann. Goldene Träume aber hatte seine Beschäftigung für ihn, und alle Beschäftigungen, die dergleichen geben können, sind gut und machen glücklich. Anton Unwirrsch sah die Welt von seinem Schusterstuhle fast geradeso, wie sie einst Hans Sachs gesehen hatte, doch wurde er nicht so berühmt. Er hinterließ ein eng und fein geschriebenes Büchlein, welches zuerst seine Witwe in der Tiefe ihrer Lade neben ihrem Gesangbuch, Brautkranz und einem schwarzen Kästchen, von welchem später noch die Rede sein wird, aufbewahrte gleich einem Heiligtume. Gleich einem Heiligtume überlieferte die Mutter es dem Sohne, und dieser hat ihm den Ehrenplatz in seiner Bibliothek zwischen der Bibel und dem Shakespeare gegeben, obgleich es nach Gehalt und Poesie ein wenig unter diesen beiden Schriftwerken steht.

Die Base Schlotterbeck und der Schwager Grünebaum hatten eine dumpfe Ahnung von dem Vorhandensein dieses Manuskripts, aber wirklichen Bescheid darum wußte nur die Frau des Poeten. Für sie war es das Wunderbarste, was man sich vorstellen konnte; es reimte sich ja »wie s Gesangbuch«, und ihr Mann hatte es gemacht. Das ging über alles, was die Nachbarschaft zutage fördern konnte.

Für den Sohn waren diese zusammengehefteten Blätter ein teures Vermächtnis und ein rührendes Zeichen des ewig aus der Tiefe und Dunkelheit zur Höhe, zum Licht, zur Schönheit emporstrebenden Volksgeistes.

Die harmlosen, formlosen Seelenergüsse des Schusters Unwirrsch feierten naturgemäß die Natur in ihren Erscheinungen, das Haus, das Handwerk und einzelne große Fakta der Weltgeschichte, vorzüglich Taten und Helden des eben vorübergedonnerten Befreiungskrieges. Sie zeugten von einem bald gemütlichen, bald gehobenen Denken nach allen diesen Seiten hin. Ein wenig Humor mischte sich auch darein, doch trat das Pathetische am meisten hervor und mußte auch meistens das bekannte Lächeln erregen. Der wackere Meister Anton hatte so viel Donner und Blitz, Hagelschlag, Feuersbrünste und Wassersnot erlebt, hatte so viel Franzosen, Rheinbündler, Preußen, Österreicher und Russen vor seinem Hause vorüberziehen sehen, daß es kein Wunder war, wenn er dann und wann auch ein wenig versuchte zu donnern, zu blitzen und totzuschlagen. Mit den Nachbarn geriet er deshalb nicht in Feindschaft, denn er blieb, was er war, ein »guter Kerl«, und als er starb, trauerte nicht allein die Frau, der Schwager Grünebaum und die Base Schlotterbeck; nein, die ganze Kröppelstraße wußte und sagte, daß ein guter Mann fortgegangen und daß es schade um ihn sei.

Auf die Geburt eines Sohnes hatte er lange und sehnsüchtig gewartet. Oft malte er sich aus, was er daraus machen könnte und wollte. Sein ganzes, eifriges Streben nach Erkenntnis trug er auf ihn über; der Sohn sollte und mußte erreichen, was der Vater nicht erreichen konnte. Die tausend unübersteiglichen Hindernisse, welche das Leben dem Meister Anton in den Weg geworfen hatte, sollten den Lauf des Unwirrsches der Zukunft nicht aufhalten. Frei sollte er die Bahn finden, und keine Pforte der Weisheit, keine der Bildung sollte ihm der Mangel, die Not des Lebens verschließen.

So träumte Anton, und ein Jahr der Ehe ging nach dem andern hin. Es wurde eine Tochter geboren, aber sie starb bald nach der Geburt; dann kam wieder eine lange Zeit nichts, und dann – dann kam endlich Johannes Jakob Nikolaus Unwirrsch, dessen Eintritt in die Welt uns bereits den Stoff zu mehreren der vorhergehenden Seiten gab und dessen spätere Leiden, Freuden, Abenteuer und Fahrten, kurz, dessen Schicksale den größten Teil dieses Buches ausmachen werden.

Wir sahen den Schwager und Oheim Grünebaum seinen Pantoffel verlieren, wir sahen und hörten den Tumult der Weiber, lernten die Frau Tiebus und die Base Schlotterbeck kennen; – wir sahen endlich die beiden Schwäger Unwirrsch und Grünebaum in der Rumpelkammer sitzen und sahen die Dämmerung in den ereignisvollen Sonnenuntergang hereinschleichen: noch ein Jahr lebte der Meister Anton nach der Geburt seines Sohnes, dann starb er an einer Lungenentzündung. Das Schicksal machte es mit ihm nicht anders als mit so manchem andern; es gab ihm sein Teil Freude in der Hoffnung und versagte ihm die Erfüllung, welche von der Hoffnung doch stets allzu weit überflogen wird.

Johannes schrie tüchtig in der Todesstunde seines Vaters, doch nicht um den Vater. Die Frau Christine aber schrie sehr um den Gatten und wollte sich lange Zeit weder durch die tröstenden Worte der Base Schlotterbeck noch durch die philosophischen Zusprüche des weisen Meisters Nikolaus Grünebaum beruhigen lassen. Dem Sterbenden versprach der Schwager, sein Bestes zu tun für die Hinterlassenen und ihnen in allen Nöten nach besten Kräften beizustehen. Noch einmal rang Anton Unwirrsch nach Luft, aber die Luft war für ihn zu sehr mit Feuerflammen gefüllt; er seufzte und starb. Der Doktor schrieb ihm den Totenschein; es kam die Frau Kiebike, die Totenfrau, und wusch ihn, sein Sarg war zur rechten Zeit fertig, ein gutes Gefolge von Nachbarn und Freunden gab ihm das Geleit zum Kirchhof, und im Winkel neben dem Ofen saß die Frau Christine, hielt ihr Kind auf dem Schoß und sah mit starren, verweinten Augen auf den niederen, schwarzen Arbeitsschemel und den niederen, schwarzen Arbeitstisch und wollte es noch immer nicht glauben, daß ihr Anton niemals mehr drauf und dran sitzen sollte. Die Base Schlotterbeck räumte die leeren Kuchenteller, die Flaschen und Gläser fort, welche voll den Leidtragenden, den Leichenträgern und den kondolierenden Nachbarinnen zur Stärkung im Jammer vorgesetzt worden waren. Hans Jakob Nikolaus Unwirrsch kreischte in kindlicher Lust und streckte verlangend die kleinen Hände nach der blitzenden Glaskugel aus, welche über des Vaters Tisch hing, auf welche jetzt die Sonne schien und welche einen so merkwürdigen Schein über die Gedankenwelt Anton Unwirrschs gegossen hatte. Der Einfluß dieser Kugel sollte noch lange fortdauern. Die Mutter hatte sich an das Licht derselben so gewöhnt, daß sie es auch nach ihres Mannes Tode nicht entbehren konnte; es leuchtete weit in das Jünglingsalter des Sohnes hinein, manche Erzählung von des Vaters Wert und Würdigkeit vernahm Johannes dabei, und unlöslich verknüpfte sich allmählich in des Sohnes Geist das Bild des Vaters mit dem Scheine dieser Kugel.

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