Frei Lesen: Der Hungerpastor

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Wilhelm Raabe

Der Hungerpastor

Zehntes Kapitel

eingestellt: 21.7.2007



In dem abgelegensten und wohlfeilsten Winkel der hochbelobten Universitätsstadt bezog Hans ein Stübchen, und es war nicht ganz Zufall, daß sein Hausherr ein Schuster war. Das Fenster des beschränkten Raumes gewährte eine treffliche Aussicht auf zwei fensterlose, hohe Brandmauern und das schwarze Dach eines Speichers. Hätte nicht über dieses Dach ein Stück von einem bewaldeten Bergrücken gesehen, so würden die grauen Wände des Zimmers, welche der Antezessor in heiteren und melancholischen Stimmungen mit Fratzen und lasziven, satirischen und philosophischen Streckversen beschmiert hatte, ein viel reicheres Feld sinniger Betrachtungen geboten haben.

Er war ein Loch, nehmt alles nur in allem; aber Hans Unwirrsch verlebte auch hier glückliche Stunden, und das griechische Wort, daß Olymp und Tartarus jedem Erdenflecke gleich fern und gleich nah seien, bewährte sich auch hier wieder. Es waren recht kluge Leute, diese alten Griechen!

Moses Freudenstein, der Mann der »glücklichsituierten Minderheit«, hatte sich einen behaglicheren, poetischeren Aufenthaltsort aufsuchen können, war aber dadurch den unsterblichen Göttern nicht nähergerückt, daß er in dem höher und freier gelegenen Teil der Stadt wohnte und über einen anmutigen, mit Gebüsch und Springbrunnen gezierten Platz auf die alte, prächtige gotische Hauptkirche sah. Dagegen zeigte sich bald, daß in der unansehnlichen Puppe, die in der Kröppelstraße in einem Winkel eingesponnen gehangen hatte, ein recht hübscher, buntfarbiger, munterer, epikureischer Schmetterling verborgen gewesen war. Die Metamorphose ging so schnell vor sich, der ausgekrochene Papillon regte so unbefangen, sicher und gewandt die glänzenden Flügel, daß selbst Hans Unwirrsch ihn nur schwer mit dem verstaubten Neustädter Kokon in Verbindung bringen konnte. Moses Freudenstein entwickelte in den meisten Dingen des äußeren Lebens einen guten Geschmack, zeigte sich den feinen Genüssen des Daseins in keiner Weise abgeneigt, richtete sich in seinem Eckzimmer am Domplatz sehr elegant ein und setzte den guten Hans durch die über Nacht ihm angeflogene Lebenserfahrung nicht wenig in Erstaunen. –

Schon am Tage nach ihrer Ankunft hatten sich beide Jünglinge immatrikulieren lassen und versprochen, data dextra jurisjurandi loco, die Gebote der »Hohen Mutter« halten zu wollen und alles zu vermeiden, was der Mama mißliebig sein möge.

In das Album der theologischen Fakultät wurde natürlich der biedere Name Hans Unwirrsch, juvenis, eingetragen; – Moses Freudenstein, juvenis, dagegen ging zu den Philosophen mit der Absicht, viel mehr als nur Philosophie zu studieren. Daß er das ausführte, daß er vielerlei lernte und daß er es weit brachte in der Welt, werden wir später sehen.

Durch den Rest des Inhalts des schwarzen Kästchens, ein Stipendium und einige Empfehlungsschreiben des Professors Fackler war Hans Unwirrsch vor dem leiblichen Hunger fürs erste geschützt; den geistigen Hunger suchte er nun auch mit Anspannung aller Fähigkeiten zu befriedigen.

Wir können unseren beiden Freunden natürlich nicht Schritt für Schritt auf ihrem Wege durch den großen Wald der Wissenschaften folgen, wir können nur sagen, daß beide im Verlauf ihrer Studienjahre zu den Füßen mancher Lehrer niedersaßen und daß sie, mittelbar und unmittelbar, reiche Erfahrungen sammelten, jeder nach seiner Art.

Rührend war die ehrfurchtsvolle Scheu, welche Hans diesen mehr oder weniger berühmten, bekannten oder berüchtigten Lichtern und Spiegeln der Weisheit entgegentrug; wahrhaft diabolisch aber war die Art und Weise, in welcher Moses bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit diesem Glauben an die Autorität ein Bein zu stellen suchte.

Da war der große Hermeneutiker Professor Doktor Gamaliel Unkemann, ein Schriftausleger, dessen historische, geographische, antiquarische und sprachliche Kenntnisse nichts zu wünschen übrigließen! Moses Freudenstein behauptete, er reinige den Lehrbegriff wie Herkules den Stall des Königs Augias, und benutzte ein Gleichnis, das an und für sich gar nicht so unpassend und unwürdig war, zu einer Reihe von Folgerungen, Nebengleichnissen und Unterstellungen, durch welche die Würde des Mannes keineswegs erhöht werden konnte.

Noch schlimmer sprang der vorurteilsfreie Moses mit dem bekannten Dogmatiker Weihel um. Dieser Herr, der zugleich ein Patristiker ersten Ranges war und welcher schon einem Kirchenvater den Daumen auf das Auge drücken konnte, wurde von allerlei dunkeln, unheimlichen Gerüchten verfolgt, die seine Moralität nicht in das beste Licht stellten, ihn aber dafür zu einem angenehmen Gedüft in der ironischen Nase Moses Freudensteins machten. Der Professor Weihel hatte durch seine milde Erscheinung, seine weiche Bruststimme, seine evangelischen Locken und vor allem durch das, was er vortrug, einen tiefen Eindruck auf Hans gemacht; Moses Freudenstein hielt es natürlich für seine Pflicht, dieses Ideal umzustürzen, und viel Vergnügen zog er aus den schmerzvollen Gefühlen seines Freundes.

Der arme Hans verbarg seine Gefühle zuletzt instinktiv in Moses Gegenwart, da er wußte, daß der Eimer kalten Wassers immer bereit war, um darüber ausgeleert zu werden. Es war fast wie ein Wunder zu nehmen, daß der Verkehr zwischen den beiden Neustädtern dadurch keinen Abbruch erlitt; aber so viel Moses zerstören konnte, so viel hatte er auch zu geben. Nicht leicht war es, ihm zu widerstehen, und manche reiche Kraft, die er sozusagen mit Gewalt erdrückte, weil er sie nicht »gebrauchen« konnte, wäre ein schönes Erbteil für manche kläglicher ausgestattete Natur gewesen.

In seinem behaglich ausgestatteten Zimmer am Domplatz hatte sich der Sohn und Erbe des Trödlers bald mit Haufen von Büchern aus allen Fächern des Wissens umgeben; und ohne sich in dilettantischer Vielleserei zu verlieren, baute er sich ein ziemlich originales System objektiver Logik auf das vollkommenste auf. Aus der Philosophie Friedrich Wilhelm Hegels konnte er »manches gebrauchen« und machte den Freund Hans öfters sehr verwirrt und unbehaglich dadurch, daß er ihn und alles, was er mit sich trug, irgendeiner verruchten Kategorie unterordnete. Mit Eifer besuchte er daneben allerlei juristische Kollegien, und vorzüglich eingehend beschäftigte er sich mit dem Staatsrecht: der Macchiavell und der Reineke Fuchs waren in dieser Epoche zwei Bücher, die selten von seinem Arbeitstisch kamen. Zur Erholung gab er dem theologischen Jugendfreund Unterricht im Hebräischen, von welcher Sprache er mehr wußte als der ordentliche Professor, der darüber »las«.

Auf das Hebräische folgten gewöhnlich die schon erwähnten Disputationen über Gott und die Welt, Physik und Metaphysik, sowie auch über das »deutsche Vaterland«, seine inneren und äußeren Verhältnisse.

Moses Freudenstein stand natürlich dem deutschen Vaterland ebenso objektiv gegenüber wie allem andern, worüber sich reden ließ. Über seine Stellung ließ er sich ungefähr folgendermaßen aus:

»Ich habe das Recht, nur da ein Deutscher zu sein, wo es mir beliebt, und das Recht, diese Ehre in jedem mir beliebigen Augenblick aufzugeben. Wir Juden sind doch die wahren Kosmopoliten, die Weltbürger von Gottes Gnaden oder, wenn du willst, von Gottes Ungnaden. Seit der Erschaffung bis zum Zehnten des Monats Ab im Jahre siebenzig eurer Zeitrechnung haben wir eine Ausnahmestellung innegehabt, und nach der Zerstörung des Tempels ist uns dieselbe geblieben, wenn auch in etwas veränderter Art und Weise. Durch lange Jahrhunderte hatte diese Ausnahmestellung ihre großen Unannehmlichkeiten für uns; jetzt aber fangen die angenehmen Seiten des Verhältnisses an, zutage zu treten. Wir können ruhig stehen, während ihr euch abhetzt, quält und ängstet. Die Erfolge, welche ihr gewinnt, erringt ihr für uns mit, eure Niederlagen brauchen uns nicht zu kümmern. Wenn wir in den Kampf eintreten, so ist es immer nur, sozusagen, die Hand des Pococurante, die wir dazu bieten. Wir sind Passagiere auf eurem Schiff, das nach dem Ideal des besten Staates steuert; aber wenn die Barke scheitert, so ertrinkt nur ihr; – wir haben unsere Schwimmgürtel und schaukeln lustig und wohlbehalten unter den Trümmern. Seit man uns nicht mehr als Brunnenvergifter und Christenkindermörder totschlägt und verbrennt, sind wir viel besser gestellt als ihr alle, wie ihr euch nennen mögt, ihr Arier: Deutsche, Franzosen, Engländer. Einzelne Narren unter uns mögen diese günstige Stellung aufgeben und sich um ein Adoptivland zu Tode grämen à la Löb Baruch, germanice Ludwig Börne; mein Freund Harry Heine in Paris bleibt trotz seines weißen Katechumenengewandes ein echter Jude, dem alles Taufwasser, aller französische Champagner und deutsche Rheinwein das semitische Blut nicht aus den Adern spült. Weshalb sollte er deutsche Schmach und Schande nicht mit einem Anhauch von Wehmut verspotten? Jede Dummheit und Niederträchtigkeit, die man diesseits des Rheins begeht, ist ja ein Gottessegen für ihn!«

Wie Hans Unwirrsch während solcher Auseinandersetzung auf dem Stuhle hin und her rutschte, wie er vergeblich versuchte, den Redner zu unterbrechen, ist kaum zu beschreiben. Und wenn Moses endlich eine Pause machte, um Atem zu schöpfen, zog Hans doch keinen Vorteil daraus; er war ebenso atemlos wie der Redner und brachte kaum einige klägliche Interjektionen und das Wort »Egoismus« heraus.

Egoismus?! Moses Freudenstein hatte das Wort natürlich sogleich aufgefangen und ging mit frischer Kraft ins Zeug:

»Egoismus? Du nennst das so; aber beschau nur die Sache näher. Die Philosophie der Geschichte nicht weniger als die Philosophie des Individuums gibt mir recht. Ich sage übrigens ja gar nicht, daß der Vorteil unserer gegenwärtigen Stellung darin bestehe, daß wir bei euren Haupt- und Staatsaktionen schadenfroh oder achselzuckend mit dem bekannten Spiel des Daumens als Zuschauer im Circus maximus sitzen. Wir können auch für irgendeine schöne, hohe Sache, zum Beispiel Schicksal, Ehre und Glück der deutschen Nation in die Arena hinabsteigen und Elend und Tod dafür auf uns nehmen. Unser Vorteil besteht gerade auch darin, daß wir mit einem freieren, geistigeren animus in solches Elend, in solchen Tod gehen. Ihr kämpft und leidet pro domo; wir opfern uns für einen reinen Gedanken; – was sagst du dazu, mein Sohn Johannes?«

Nun wäre es selbst für einen schnellern Geist schwierig gewesen, auf diese Rede alles das kurz und bündig zu erwidern, was darauf gehörte. Von Hans Unwirrsch war es nicht zu verlangen, und Moses Freudenstein durfte nach Herzenslust mit den Augen zwinkern, Hände und Knie aneinander reiben. Wenn aber Hans den Wortschwall gehörig verdaut hatte, wozu er öfters mehrere Tage, jedenfalls aber eine Stunde nötig hatte, ermangelte er nicht, seine Einwendungen und seine Verwahrungen gegen solche Sophismen gehörig vorzubringen, worauf er durch die talmudistische Spitzfindigkeit natürlich von neuem in eine gelinde Betäubung versetzt wurde.

Das oft so närrische und triviale Treiben unserer deutschen Universitäten ist nur allzuoft mit Begeisterung beschrieben worden; Hans und Moses wurden wenig davon berührt; das, was die Mehrzahl sich unter einem »Studenten« vorstellt, war keiner von beiden. Hans ging ganz unangefochten seinen Weg, und Moses hätte es auch so haben können, wenn er nicht durch zwei Charakterzüge mehrfach in unangenehme Vorfälle verwickelt worden wäre. Wir müssen leider an dieser Stelle eingestehen, daß er nicht nur sehr naseweis, sondern auch im höchsten Grade neugierig war und daß er seiner Neugier oft sogar die gewohnte Klugheit und gepriesene Logik zum Opfer brachte. Die Folge davon war, daß er zum öfteren in Lagen geriet, aus welchen ihn ein schlagfertiger Arm leichter und anständiger erlöst hätte als sein schlagfertiges Maul. Aber viele große Männer haben die Meinung der Welt, insofern sie ihnen keinen Schaden bringen konnte, verachtet, und so trug es auch Moses Freudenstein mit ziemlichem Gleichmut, wenn er dann und wann für einen Duckmäuser und »schofeln Kerl« erklärt wurde. –

Nach dem ersten Semester bereits sah Hans Unwirrsch ein, daß er mehr für die praktische als für die theoretische Theologie bestimmt sei. Mit Eifer suchte er unter der Leitung des Professors Vogelsang die hohen Geheimnisse der Homiletik zu ergründen; und wenn er einst als Kind in seiner Mutter Stube der Base Schlotterbeck erbauliche Predigten gehalten hatte, so erbaute er jetzt sich selber nächtlicherweile, erboste aber dadurch nicht wenig seinen Stubennachbar, einen Mediziner, der meistens sehr spät und sehr betrunken nach Hause kam. Es war für den Redner nicht gerade angenehm, statt durch das Schluchzen einer höchlichst gerührten Zuhörerschaft durch ein ärgerliches Klopfen des Stiefelknechtes an der dünnen Wand akkompagniert zu werden und dumpf dazwischen allerlei böse Wünsche für den »wahnsinnigen Bonzen« zu vernehmen. Am Tage war die Sache noch schlimmer; dann hatte der Mediziner gewöhnlich den Katzenjammer und konnte das Predigen noch weniger vertragen. Die Versunkenheit des Menschen war so groß, daß er selbst in den Momenten kläglichster Auflösung noch imstande war, dem armen Hans sein Mißfallen zu erkennen zu geben.

Am liebsten hielt Hans daher seine Predigten im Freien. Längst hatte er den Weg zu dem Berge, den er von seinem Fenster aus erblickte, gefunden. Dort unter den schattigen Bäumen, und vorzüglich unter einer hohen Eiche auf einer engen Waldwiese richtete er seine Kanzel auf, predigte er den Vögeln; und es war ein ganz ander Ding, wenn der Kuckuck als wenn der Mediziner die Responsen sang.

Unter der großen Eiche war der Prädikante vor noch einem anderen Freudenstörer sicher, vor dem berühmten Professor Vogelsang nämlich.

Dieser ehrwürdige Herr war nicht immer, ja sogar sehr selten mit der Art zufrieden, in welcher Hans die gegebenen Themata behandelte. Er – der Professor – fand in den Reden des Schülers viel zuviel »Poäsie«, viel zuviel Naturschwärmerei; er witterte sogar stellenweise einen Duft von Pantheismus, der seiner orthodoxen Nase im höchsten Grade widerlich war; aber er hatte gut reden, er war nicht der Abkömmling einer so langen Reihe nachdenklicher, grübelnder Schuster, und über seine Wiege hatte wahrlich nicht die wundersame schwebende Kugel, die auch über Jakob Böhmes Tisch hing, ihr Licht ergossen.

Finke und Specht im Walde waren duldsamer als der Professor, das Eichhörnchen sah von seinem Zweig nicht so grimmig herab wie der Professor von seinem Katheder; und wenn der Prediger in der Wildnis an den Rand des Holzes vortrat und die Aussicht über Tal, Stadt, Berg und Ebene bis zur blauesten Ferne sich vor ihm entfaltete, so lag in dem Sonnenschein, der das alles überstrahlte, selber etwas so Pantheistisches, daß es dem Professor nicht zu verargen war, wenn er niemals solch einen Berg bestieg und von der weiten Welt und den Wundern, die außerhalb seiner vier Wände lagen, nur mit Geächz, Geseufz und Gestöhn sprach. –

In den Kollegien, die der Professor Gingler über praktische Pastoralklugheit hielt, träumte Hans viel Angenehmes und Idyllisches von einer künftigen Dorfpfarre unter Blumen, Kornfeldern und frommen Bauern. Der näselnde Vortrag in den Mittagsstunden war ganz geeignet, dabei allerlei Phantasien über Trösten der Kranken, Kindtaufen, Hochzeiten sich hinzugeben; Hans mußte die Enttäuschungen, die er später erfuhr, als er in Grunzenow das Ideal mit der Wirklichkeit verglich, dann auch hinnehmen.

In die dornigen Wüsteneien der Kasuistik führte ihn der Doktor und Professor Mundrecht, und in diesem Kolleg traf er stets mit einem eifrigen Hospitanten, dem Philosophen Moses Freudenstein, zusammen, welcher bereits so viel Fetzen seines besseren Selbstes an den Büschen hatte hängenlassen, daß ihm der Geistesglanz dieses helleuchtenden Kirchenlichtes wenig mehr schaden konnte.

Die Jahreszeiten wechselten nach altgewohnter Weise; vorwärtsstrebten beide jungen Männer, jeder in seiner Art, mit nie erlöschendem Hunger nach dem Wissen. Beim Beginn jeder Ferien schnürte Hans seinen Ranzen mit hoher Freude zur Fahrt nach der Heimat und steuerte derselben manchmal auf einem kleinen Umwege, aber immer mit dem nämlichen Behagen entgegen. Und jedesmal trat er mit lichterm Haupt und mit erweitertem Herzen in den kleinen, engen Kreis der treuen, beschränkten Menschen, die er hinter sich zurückgelassen hatte, die er aber nicht verachtete, wie Moses sie verachtete. Letzterer kehrte während seiner Studienzeit nicht nach Neustadt zurück; das Nest mit all seinen Erinnerungen war ihm sehr zuwider. Fest verriegelte er sich in den Ferien in seinen Zimmern und kam beim Wiederbeginn der Vorlesungen jedesmal skeptischer und sarkastischer in betreff dessen, was Alma mater ihren Kindern zu bieten hatte oder bieten wollte, zum Vorschein.

So kam endlich für Hans und Moses das letzte Halbjahr ihrer Universitätszeit heran. Um Michaelis sollte Hans in der Heimat das Examen als Kandidat der Gottesgelahrtheit machen, und da er das Seinige getan hatte, so sah er diesem kritischen Moment trotz des Professors Vogelsang und anderer schwer zu befriedigender Gemüter mit ziemlicher Gelassenheit entgegen.

Zu Anfang desselben Semesters schrieb Moses eine famose Doktordissertation über die »Materie als Moment des Göttlichen« und verteidigte seine Meinungen darüber, indem er die These ganz allmählich umdrehte und das Göttliche zu einem Moment der Materie machte, vor einer zahlreichen Versammlung in klassischem Latein. Das Schriftstück sowie die Disputation erregten viel Lärm, und viel Staub wurde durch dieselben aufgewirbelt; der israelitische Schlaukopf aber grinste nicht wenig durch den Dunst, der von den Häuptern der Pneumatomachoi (Geisttotschläger), wie der Schurke seine ehrwürdigen Lehrer nannte, aufstieg. Als Doctor philosophiae stieg aber auch Moses Freudenstein aus dem Dunste der Aula empor; sein Ruf war groß in den letzten Tagen seiner studentischen Laufbahn, und soweit er nicht berühmt war, war er berüchtigt; – von Hans Unwirrsch sprach niemand, und durch seinen Abgang fühlte sich niemand bedrückt und niemand erleichtert.

Bis jetzt hatte Moses auf alle Fragen, was er inskünftige mit seinem Leben zu beginnen gedenke, nur durch ausweichende Redensarten geantwortet, oder er hatte auch wohl die fabelhaftesten Pläne mit treuherzigstem Ernst dem guten Hans zur Begutachtung vorgelegt. Nach seiner Promotion erklärte er eines Abends ganz beiläufig:

»Ah, ehe ichs vergesse, Hans; übermorgen gehe ich nach Paris: heute nachmittag hab ich den Paß von der französischen Gesandtschaft in ** erhalten. Fall nicht vom Stuhl, mein Junge! Siehst du irgend etwas außergewöhnlich Interessantes an meiner Nase? Was starrst du mich so an?«

Hans Unwirrsch machte wirklich ein verwunderungsvolles Gesicht; wenn der Professor Vogelsang auf seinem Katheder plötzlich das Lied: Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust, angestimmt hätte, würde ihn Hans auf ungefähr gleiche Weise angeblickt haben. Erst als Moses ihm den Paß unter die Nase hielt, glaubte er, was er vernommen hatte.

»O Moses, Moses, was willst du dort?« rief er endlich, und Moses antwortete:

»Das Schwimmen will ich dort lernen. Wir Deutsche sind seltsame Fische; eine Quabbenart mit ungeheuern Geistesflossen, mit denen sich ein ungeheuerliches Geplätscher machen läßt. Wenn nur nicht die Pfützen, in denen wir unser jämmerliches Dasein hineinbringen, so seicht, so eng wären! Was ist Deutschland anders als ein Strand, von welchem sich die Flut zurückgezogen hat? Hier ein Sumpf, dort ein Sumpf voll elender Geschöpfe, glotzäugig, quabbelig, dumm und zufrieden mit ihrer jämmerlichen Pfuhlexistenz, trotzdem daß sie alle Augenblicke auf dem Trockenen schnappen. Ich danke dafür; ich habe die Ahnung des großen Meeres noch nicht verloren und bin so gottverlassen und unpatriotisch, mich danach zu sehnen. Ich will einmal weiteres Wasser für meine Flossen suchen, Hänschen. Was meinst du, wenn du den Ausflug nach Sodom und Gomorra mitmachtest, frommer Hans?«

»Über Sodom und Gomorra steht das Tote Meer«, sagte Hans, der sich allmählich wieder beruhigt hatte und sehr nachdenklich dasaß, »Moses, wenn deine ersten Vergleiche richtig waren, so hast du das durch dein letztes Wort umgestoßen.«

»Bravo!« lachte Moses. »Sei nur ruhig, du sanftes theologisches Gemüt, ich will dich deinem behaglichen Sumpf nicht entreißen; aber jetzt komm mit mir, wir wollen auf den Schrecken eine Flasche Wein trinken – ich stehe sie.«

Moses Freudenstein »stand« wirklich die Flasche Wein, und dies Faktum wäre vielleicht für mehr als einen von denen, welche die Ehre seiner Bekanntschaft genossen, das sicherste Zeichen davon gewesen, daß er ein außergewöhnliches Vorhaben in seinem Busen bewege.

Am bezeichneten Tage stieg er wirklich in den Postwagen und fuhr ab gen Westen, und sehr bewegt blieb Hans auf den Stufen der Tür des Posthauses zurück. Er konnte es törichterweise noch immer nicht fassen, daß die beiden Wege, welche so lange nebeneinander hergelaufen waren, sich jetzt, vielleicht für alle Zeit, getrennt hatten. Es war ihm wie ein Traum, in welchem selbst das Natürliche, ganz Gewöhnliche in unbegreiflichen, seltsamen, verwirrenden Farben spielt.

Eine große Lücke war in Hans Unwirrschs Leben entstanden, und schwer, schwer vermißte er trotz allen seinen unliebenswürdigen Eigenschaften diesen »Freund«, welcher die Existenz des Jugendgenossen wahrscheinlich noch vor dem ersten Pferdewechsel vergessen hatte. Er zog sich noch mehr als sonst aus dem Leben zurück und verbrachte seine Tage in angestrengter Arbeit; er verfiel in einen trüben, ungesunden Zustand, aus welchem er erst gegen Ende des Semesters durch einen Brief gerissen wurde, der ihm zeigte, daß in seinem Dasein noch größere Lücken entstehen konnten.

Dieser Brief kam vom Oheim Grünebaum, und Hans fand ihn, an einem grauen Abend von einem langen Spaziergang heimkehrend, auf seinem Tisch.

Wenn der Oheim Grünebaum schrieb, so schrieb er wenig anders, als er sprach.

Der Brief lautete folgendermaßen:

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